Büsum, Sturmflutenwelt “Blanker Hans”
da madame gerade wieder beschäftigt ist, nutze ich die chance, schleiche mich rein und berichte von einem fast-museum.
* nee
im detail:
**einführung: obwohl die braune autobahntafel grad erst im bau ist, ist der blanke hans zumindest in büsum nicht zu übersehen. das prestigeprojekt des tourismusservice wird an allen möglichen und einigen unmöglichen stellen angepriesen. die zeitung hingegen berichtet zuverlässig regelmäßig über verluste und mangelnde besucherzahlen. da auch der werbefilm auf der website in bester shopping-tv-qualität uns nicht wirklich aufklärte was es ist, beschlossen wir die 10 euro für den besuch der sturmflutwelt aufzuwenden.
**benutzerführung: das museum ist als rundgang konzipiert, bei dem man auch keine andere wahl hat als ihm zu folgen. es beginnt im nachbau einer dorfkneipe von 1962, bei der ein unterhaltsamer schauspieler den wirt mimt und zusammen mit einigen effekten wie flackernden lichtern und radioeinspielungen recht überzeugend sturmflutfeeling rüberbringt.
dann geht es in die “rettungskapseln”, eine schienenbahn mehrmals quer durch das gebäude. während wir anhand der werbung und gestaltung eher eine art zuckelnde märchenlandbahn erwartet hatten, sind die rettungskapseln recht zügig unterwegs und schwingen sich zwischendurch sehr überraschend sogar zu drei vier achterbahnesken kurven in folge auf.
darauf folgt ein großer raum, das sogenannte “offshore lab”, das im wesentlichen eine großleinwand zur filmprojektion enthält, während eine treppe in das “archiv”, den mit abstand absurdesten teil der veranstaltung, führt. hat man selbst das überstanden folgt noch ein extra-raum, der vom nationalparkamt wattenmeer gestaltet ist.
positiv ist anzumerken, dass man sich nicht verlaufen kann, ebenso wie die tatsache, dass alle räume und abschnitte klar eine eigene identität haben, negativ hingegen, dass man nichts abkürzen kann und die räume eigentlich komplett alle nicht zueinander passen, so dass man faktisch eher durch sechs kleine ausstellungen läuft als durch eine große.
**aufstellung/hängung: sehr unterschiedlich. die kneipe ist eingerichtet wie eine kneipe 1962 und als solche sehr athmosphärisch und gut gelungen. noch besser fände ich es wohl, würde ich nicht das dithmarscher landesmuseum in meldorf kennen, dass ca. 20 solcher räume in ebensoguter qualität bietet.
die bahnfahrt wird von sturmgeräuschen und videobildern begleitet, was an sich okay war.
das lab (blau) wiederum glänzt vor allem mit einer großleinwand und einigen computerterminals, sowie einem windkanal und noch zwei drei spielereien mit knüpfe drücken.
das archiv (hellgrün) hat ehrlich gesagt die absurdeste gestaltung, die mir je in einem museum untergekommen ist. geschätzt werden in einem recht großen raum vielleicht 15 exponate gezeigt, die pro exponat vielleicht 15-20 quadratmeter platz bekommen und zudem den nachteil haben, dass man sie eigentlich alle auch bei strandspaziergängen findet. daneben finden sich noch diverse angekettete bücher zum thema, aber selbst wenn an die im gewusel drumherum lesen will, fehlt es an der sitzmöglichkeit. um das auszugleichen liegen noch mehrere sandsäcke rum, auf die die namen bekannter sturmfluten geschrieben sind und als wäre das nicht unverständlich genug, sind große teile des archivs mit büchern gefüllt – warum dort allerdings dutzendweise leseclubausgaben von goethe stehen oder alte paris-reiseführer und ähnliches blieb uns ein sehr sehr großes rätsel.
der nationalparkteil (dunkelgrün) war schließlich vom nationlparkamt gestaltet und geht problemlos als solide ausstellung durch.
**umfang: vollkommen unverständlich ist mir. warum man in den inhaltlichen bereichen auf den historischen-mythischen teil zu sturmfluten eigentlich bis auf ein paar hier und da eingeworfene jahreszahlen komplett verzichtet und sich rein mit einer oberflächlich-physikalischen abhandlung abgibt.
**inhalte: spärlich. anfangs noch eher effektvoll und als solcher wohl zurecht auf das nötigste beschränkt, geht es dann hinten massiv bergab. da hören die effekte auch noch auf, die infos werden aber nicht zahlreicher. die computerterminals sind jeweils nur zwei drei spärliche schautafeln auf einen monitor gebraucht zwischen denen man sich hin- und herclicken kann, das archiv des wissens funktioniert als solches nur, wenn man sich die unbequeme buchlektüre antut. die filmvorführungen sehen zwar imposanter aus, sind aber eher weniger umfangreich als das was ich schon weit entfernt von der küste in den grundschullehrfilmen gesehen habe.
**hintergründe: soweit ich weiss ist der einzige grund, warum die sturmflutenwelt existiert die tourismuswerbung. so hat sie eigentlich alles was den touristen von heute so anzieht, event, multimedia, drama, nur hat sich wohl niemand des touristen frage gestellt, “was soll ich hier”. folgerichtig lahmt der laden dann auch, das minus dass er in die kassen bringt gefährdet soweit ich das aus der zeitung verstehe gerade massiv das knapp 200 meter entfernte museum am meer.
**architektur: die ausstellung befindet sich in einem neubau, der gar nicht mal so ungeschickt eine wellenform aufnimmt und doch recht elegant verbirgt wie groß er ist. die ausstellungsfläche für eine informative ausstellung ist zumindest da. die angepriesene lage “im herzen büsums” entpuppt sich allerdings als zweischneidig. zwar ist der hafen tatsächlich drei gehminuten weit weg, die innenstadt vielleicht eine viertelstunde, allerdings liegt der blanke hans im gewerbeviertel des hafens und wird von freiflächen, einem wohnmobilstellplatz und reichlich angerosteten lagerhallen gesäumt, so dass der eindruck von büsum-sibirien nicht ganz fernliegt.
**extras: das restaurant sieht ganz nett aus, allerdings ist da halt die gesamte büsumer innenstadtrestauration in bequemer laufweite. über den shop decken wir lieber den mantel des schweigens, da habe ich selbst am büsumer hafen tourifallen gesehen, die mehr niveau hatten.
**homepage:www.blanker-hans.de
**fazit: die ausstellung mit der identitätskrise. als museum zu uninformativ, als event zu langweilig und als spannend-absurder zeitvertreib für einen regennachmittag zu teuer. wirklich überzeugen konnte nur der schauspieler, der den wirt der dorfkneipe mimte. die achterbahnfahrt wäre zumindest für einheimische den erwerb einer überraschend preiswerten jahreskarte wert.
southpark
Itzehoe, Wenzel-Hablik-Museum – Dauerausstellung
* einen besuch wert

im detail:
**einführung: aufgefallen war uns schon vor längerem die braune hinweistafel an der autobahn, die auf ein museum in itzehoe hinwies, dessen namen wir beim fünften vorbeifahren schließlich entziffert hatten: wenzel hablik, ein name der mir so unbekannt war, wie die strichzeichnung auf der hinweistafel undechiffrierbar – was ist das für ein museum?? mittelalterlicher heiliger, dessen gebeine in itzehoe verwahrt werden? wikipedia hätte uns weiterhelfen können, wir entschieden uns, einfach mal hinzufahren. das navi kannte das wenzel-hablik-museum nicht, also ließen wir uns zum kreismuseum lotsen, in der hoffnung, dort werde man uns schon weiterhelfen können. ein kleiner stadtrundgang räumte mit unseren klischees vom 60er jahre betonklotz auf: itzehoe ist ganz nett. auch wenn man unbegreiflicherweise in den 70er jahren die störschleife, die die innenstadt umgab, mit vielen tonnen sand zugeschüttet hat. allerdings fand sich nirgends ein hinweis auf das museum. ein hilfsbereiter buchhändler riet uns, zum alten rathaus zu gehen, da sei das museum gegenüber. allerdings konnten wir auch das rathaus nicht finden. schließlich gaben wir klein bei und fragten in der städtischen touristeninformation nach. die freundliche dame wusste auf anhieb, dass es das museum gibt, mit nachschlagen in einer broschüre konnte sie uns dann auch sagen, wo es sich befindet (immerhin handelt es sich ja um eines von zwei museen in itzehoe).
*benutzerführung: die freundliche mitarbeiterin an der kasse entschuldigte sich zunächst, dass das erdgeschoss wegen der hängung einer sonderausstellung gerade nicht zu besichtigen sei, schickte uns dann eine treppe hinauf und merkte an, die dvd werde gleich noch neu gestartet. im obergeschoss konnten wir dann in aller ruhe unbewacht und als einzige besucher durch die räume stromern, eine festgelegte reihenfolge gibt es nicht.
**aufstellung/hängung: die ausstellung umfasst interieurs, gemälde und vitrinen. die anordnung vermittelt eine intime, fast wohnzimmerhafte atmosphäre. beeindruckend sind die nach alten mustern angefertigten teppichböden.
**umfang: die ausstellung selbst ist in 45 minuten leicht zu besichtigen, die sehr lohnende dvd dauert noch einmal etwa 25 minuten.
**inhalte: gezeigt werden kleinformatige zeichnungen futuristischer architektur, großformatige ölgemälde kosmischer konstellationen, die an 80er-jahre airbrush-technik erinnern, aber tatsächlich in grellem gelb und blau mit dem pinsel auf die leinwand gebracht wurden. kristalle, steine, schmetterlinge und käfer, die hablik sich für seine arbeit sammelte stehen auf und in dem stark von werkbund und spätem jugenstil beeinflussten mobiliar. vieles ist aussergewöhlich, aber zugleich schlicht und würde sich auch heute noch gut im eigenen wohnzimmer machen. portraitgemälde, silberschmuck, wandbehänge, fotos von den starkfarbigen an kandinsky erinnernden innenraumausmalungen, eigens entworfene kleidungssstücke zeigen die vielseitigkeit habliks. die von hablik entworfenen notgeldscheine zeugen von humor auch im angesicht einer ernsten lage. (und zeigen in abstrahierter form die wunderschöne, leider verlorene lage der stadt an der stör).
**hintergründe: wenzel hablik (1881-1934) war vordenker einer expressionistischen architektur. als handwerker und künstler war er bestrebt, seinem gesamten umfeld eine von kunst durchdrungene prägung zu geben, wie dies auch der deutsche werkbund seit 1907 propagierte. für hablik, der vor seiner ausbildung als künstler eine tischlerlehre absolviert hatte, stand neben der künstlerischen form gerade die handwerkliche qualität im vordergrund. er arbeitete eng mit seiner ehefrau elisabeth lindemann zusammen, die in ihrer handweberei viele seiner entwürfe umsetzte. die eigene künstlerische leistung von elisabeth lindemann, die mit der weberei wohl auch die familie ernährte, tritt dabei leider etwas in den hintergrund – auch sie war auf den ausstellungen des werkbundes mit ihrer weberei präsent.
**architektur: das wenzel-hablik-museum residiert in einem zurückhaltend sanierten alten bürgerhaus.
**extras: es gibt ein kleines museumscafe – für uns gab es dort aber (um 16 uhr nachmittags) leider keinen kaffee mehr – die maschine war schon gereinigt worden und sollte nicht mehr gestartet werden. schade. hier könnten sich die sonst sehr zuvorkommenden mitarbeiter noch besser absprechen: die kaffeemaschine bleibt an, solange noch besucher durch das obergeschoss wandeln!!
**homepage: www.wenzel-hablik.de
**fazit:es ist beeindruckend zu sehen, wie in einer kleinen provinzstadt das talent eines derart eigenständigen künstlers von aufgeschlossenen und mutigen bürgern erkannt und gefördert wurde. derselben haltung ist es zu verdanken, dass heute das museum existiert, das den nachlass habliks verwahrt, der von seinen töchtern in eine stiftung eingebracht worden war. die stadt itzehoe erscheint zwar auf der liste der sponsoren des museums – es gäbe jedoch noch die eine oder andere möglichkeit, wie stadt und museum von diesem kleinen juwel profitieren könnten. das braune schild an der autobahn kann nur ein anfang sein.
Frankfurt, Museum für Moderne Kunst (MMK) – An American Index of the Hidden and Unfamiliar
* grandios
im detail:
**einführung:sehr nobel. einführende worte von salman rushdie. wandfüllend und weiß auf schwarz im ersten raum der ausstellung.
**benutzerführung:elaboriert. nicht nur saalzettel, sondern eine ganze zeitung für jeden besucher. darin sind auf vier großformatigen doppelseiten die erklärungstexte zu den gezeigten photographien abgedruckt. cleverer weise wurden die bilder dazu durchnummeriert – eine reihenfolge, an die sich die hängung allerdings nicht hält. der offensichtlich gewünschte effekt: vor das bild treten – sehen – denken – dann den sehr klein gedruckten text an der wand daneben lesen, funktioniert also auch mit der zeitung in der hand: bild sehen – rätseln – katalognummer entziffern – in der zeitung nach dem text suchen. die ästhetik und oft fast abstrakte inszenierung der photos wird damit nicht vom erstaunen über das sujet, von vorgeprägtem, angelesenem, überlagert.
**aufstellung/hängung:überlegt. offensichtlich fein austarierte und der raumfolge angepasste mischung. dass einige motive dadurch in den bilderkisten bleiben mussten ist schade aber nachvollziehbar (und wird durch den feinen katalog ausgeglichen)
**umfang:2 bis 3 stunden kann man gut verbringen, wenn man sich die mühe macht, die texte gründlich zu lesen, was aber keine mühe macht, denn die texte sind spannend, erhellend und gut formuliert.
**inhalte:von der kunstsammlung der CIA, über schwarzbären im winterschlaf bis zur zentrale des ku-klux-klan. photos von orten, menschen und situationen, die man normalerweise nicht oder nicht so sieht. wobei das versteckte manchmal auch das übersehene ist.
**hintergründe: die photographin taryn simon photographierte über vier jahre an orten des modernen amerika, die der gesellschaft zwar hintergründig bewusst, aber normalerweise unzugänglich sind. großformatige abzüge zeigen die sorgfältig aber minimalistisch in szene gesetzten motive. jede photographie wird von einem von der künsterlin verfassten, in sprödem ton gehaltenen text begleitet.
**architektur: die sehr präsente architektur des MMK beherrschte die ausstellung auf angenehme weise gar nicht. weiße wände.
**extras: saalzettel (”zeitung”), sorgfältig gestalteter, leinengebundener katalog.
**homepage: www.mmk-frankfurt.de
**fazit: must see. wiederkommen nicht ausgeschlossen.
Hamburg, Kunsthalle. Mahjong.
* grandios
im detail:
**einführung:inclusiver adioguide vergriffen, minikatalog (kleines rotes maobible-artiges büchlein) sagt nur was zu den einzelnen sälen, leicht verstörende installation in der eingangshalle und video im lift dienen aber als passende einführung
**benutzerführung: exzellent. der benutzer wird kompetent in den dritten stock verfrachtet, von wo man, im uhrzeigersinn gehend, die ausstellung über drei stockerke in einer planvollen abfolge erlebt. die mahjong-bibel erweist sich dabei als sehr nützlich – ohne den audioguide (wie so oft *seufz*) keine weiteren erklärungen in den sälen.
**aufstellung/hängung: sehr sehr gut. am anfang die üblichen roten wände, die in einer china ausstellung endlich mal wirklich eine berechtigung haben, später abgewandelt zu lila und orange, später, je moderner desto white cube. geschickte platzierung von skulpturen und videokunst. sogwirkung.
**umfang: 2,5 bis 3 stunden
**inhalte: von mao bis heute. differenzierte darstellung der chinesichen kunstrichtungen seit den 1970ern bis heute. zu fremd um kompetente worte darüber verlieren zu können. beeindruckend, verstörend, schön.
**hintergründe:sammlung chinesischer gegenwartskunst des ringier-vizes uli sigg.
**architektur: n.a.
**extras: mahjong-bibel.
**homepage: www.hamburger-kunsthalle.de
**fazit: oh wow.
Frankfurt, Deutsches Architekturmuseum. Resopal.
* wenn man sowieso in der nähe ist
im detail:
**einführung:
schwer zu finden, wenn man das falsche treppenhaus benutzt hat und am anderen ende der ausstellung den saal betritt. wenn mans gefunden hat, bringt es einem aber auch nur so mittelviel.
**benutzerführung: eher keine
**aufstellung/hängung: ambitioniert, aber etwas überladen, viele eher funktionslose resopalschnipsel, dafür die texttafeln schlecht zu finden und nicht besonders gut zu lesen
**umfang: 45 min maximal
**inhalte: resopal als werkstoff, in verschiedenen funktionen, oberflächlichkeit versus authentizität. fragen der trans-sensualität.
**hintergründe:firmengeschichte der resopalproduzenten
**architektur: n.a.
**extras: n. a.
**homepage: www.dam-online.de
**fazit: interessanter als gar keine resopal-ausstellung. aber man hätte für den gewöhnlichen besucher so viel mehr daraus machen können.