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Nächtliche Martinikirche

Das neue Haver Denkmal

Neben dem Grabkreuz von Pastor Karl Haver, dass ein Denkmal im rechtlichen Sinne ist, gibt es noch ein Denkmal für Pastor Haver, das ein Denkmal im Sinne von “Andenken” ist.

Das ganze befindet sich mitten auf dem Friedhof der Martinigemeinde, auf dem Haver bestattet wurde, noch bevor das Grundstück von den Behörden als Friedhof genehmigt wurde.

Kurz nachdem das erste Foto 2005 gemacht wurde, wurde das Denkmal zum 200. Geburtstag von Haver umgestaltet.

Denkmal auf dem Martini-Friedhof

Haver-Grab, neusete Fassung

Ich mochte die alte Fassung lieber.

Kaiserstraße 61 – armer Tor, so schlau, wie zuvor.

Ich war im Stadtarchiv, um herauszufinden, wie das denn nun mit der Nutzung der Kaiserstraße 61 als Gemeinderaum der altlutherischen Gemeinde war.

Leider ist die Quellenlage zu den Häusern im Stadtkern ehr schlecht. Da hat man wohl einfach gebaut. Im Stadtarchiv stammt das erste Dokument von 1909 – 57 Jahre nach den Vorfällen um den Tod Havers. Es war der Bauantrag für eine Werkstatt hinter dem Haus.

Also nicht so ganz was ich gesucht habe. Was ich aber zumindest lernen konnte: das Grundstück geht sehr weit nach hinten weiter und die Baupläne sahen damals sehr viel schicker aus, als heute.

Wenn man sich Unterlagen von 1853 um den Mordprozess herum anschaut, dann war das anwesen wohl großzügig und mit erheblicher Landwirtschaft verbunden. Kann ich mir alles an der Stelle gar nicht gut vorstellen.

Der Tod Karl Havers

Die Festschrift der lutherischen Landeskirche von 1907 hat auch einen recht ausführlichen Bericht über den Tod Havers (S. 70ff). Was klar sein muss: dieser Text ist ein Zeitdokument und keine objektive Wahrheit. Viele der berichteten Details widersprechen anderen Quellen.

Scheinbar waren alle Beteiligten höchster Sorge, dass es sich bei dem Mord um einen religiös motivierten Terroranschlag gehandelt haben könnte. Wie erleichtert war man …

[...] als das unheimliche Dunkel des Mordes gelichtet wurde. Dies geschah am Begräbnistage Pastor Havers.

Es war bereits vorher bekannt geworden, daß auf dem Hofe Hermannshagen, den Haver an dem Nachmittage des Mordes passiert hatte, ein Mann mit einer großen Jagdtasche hinter ihm hergegangen war. Früh am Begräbnistage erschien nun in einem Wirtshause an der Grenze der Gemeinde ein Mann mit einer großen Jagdtasche um die Schulter, der sich durch seine Reden verdächtig machte. Auf seiner Wanderung durch die Wirtshäuser kam er auch in Kreise, die von der Jagdtasche gehört hatten. Sogleich wurde dem Bürgermeister Anzeige gemacht. Dieser ordnete sofort die Verfolgung und Verhaftung des Mannes, an – und es gelang, Ihn in seiner Heimatgemeinde, etwa zwei Meilen von Rade, zu verhaften. Noch an demselben Abend wurde er eingebracht und vor den Staatsanwalt geführt. Nach anf änglichem leugnen gestand er am folgenden Morgen den Mord ein. Er war mit geladener Pistole in der Jagdtasche eine Stunde lang hint er seinem Opfer hergeschlichen und hatte Pastor Haver an der einsamen Stelle – wo noch heute die sogenannte “Haverbuche” steht – aus nächster Nähe von hinten erschossen. Bei der Ortsbesichtigung führte er die Gerichtskommission zu einem nicht fernen Hülsenbusch, unter welchem er die Mordwaffe versteckt hatte; dort fand man sie unter einer leichten Schneedecke, die seitdem Sich darüber gelegt hatte. Wie war der Mensch zu seiner ruchlosen Tat gekommen? Er war der Neffe eines gewissen Konrad Schäfer in Radevormwal d und von diesem zu dem Mord angestiftet worden.

Schäfer bewohnte seit einigen Jahren das Haus (wo heute der Fa­brikant Herr Otto Rocholl wohnt), das ihm von einem Elberfelder Herrn dem Rentier H. zu mietfreier Bewohnung über lassen war.

Als nun Herr Pastor Haver die Separation vorbereitete, wurde ihm ein Teil dieses Hauses von H. überlassen. Die Schäferschen Eheleute, die nur noch eine Parterre-Wohnung behielten, meinten sich dadurch aus sicher Existenz verdrängt. Es entstand nun in dem rohen, gewalttätigen Menschen der satanische Gedanke, den Pastor Haver aus dem Wege zu räumen, um dadurch wieder in den ungestörten Genuß seines früheren Besitzes zu kommen. Da er wußte, daß sein Feind den 21. Januar einen Gang in die Gemeinde und zwar allein machen wollte, so wählte er diesen Tag für die Ausführung des Verbrechens. In der sicheren Berechnung, daß der allgemeine Verdacht sich gleich auf ihn lenken würde, wenn er selbst die Tat ausführen würde, ließ er seinen Neffen Karl Keßler kommen, um diesen als Werkzeug zu benutzen. Durch allerlei Mittel – er versprach ihm zum Beispiel eine Kuh, traktierte ihn mit Branntwein – machte er ihn zu der Mordtat willig, die er dann auch, wie erwähnt, am folgenden Nachmittag ausführte.

Am 9. Juli d. J. wurde dann von den Assisen zu Elberfeld Karl Keßler der vorsätzlichen doch ohne Uberlegung begangene Tötung des Pastor Haver, und Konrad Schäfer der Teilnahme an diesem Verbrechen schuldig erklärt und beide zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurteilt.

Viele Interessante Details, aber auch Gelegenheit zur Quellenkritik: Wer redet hier und was sind seine Ziele? Es ist nicht der Objektive Berichterstatter, sondern Pastor Natrop, der etwa 40 Jahre nachdem Haver aus der Landeskirche ausgeschieden ist, das Pastorenamt, das vorher Haver innehatte, bekleidet. Er schreibt als Chronist des Teils der Gemeinde, die nicht dien Austritt aus der Landeskirche mitgemacht haben. Und er hat ganz zweifelsohne ein Interesse daran, dass dieser Teil nicht als mitverantwortlich für Havers Tot dasteht.

Wenn man das gesamte Kapitel der Festschrift liest, dann fallen einem auf Anhieb allerlei Ungereimtheiten auf. Zum Beispiel wird immer wieder so formuliert, als sei Pastor Haver ein einzelner Eifer, der versucht habe “die ganze Gemeinde mit sich fortzureißen” (S. 68). Das lässt die Gemeindemitglieder natürlich recht unselbständig dastehen. Als jemand, der den Radevormwalder Menschenschlag kennt, kann ich mit nur schwer vorstellen, dass beispielsweise die 11 Presbyter, die den austritt erklären, dies weniger überlegt getan hätten, als der eine, der blieb.

Auch die Begeisterung, mit der von Bürokratischen Schikanen beim Austritt berichtet wird, empfindet man heute ehr als abstoßend.

Mitten in dem Trubel kamen übrigens meine Vorfahren, die Dornseif Brüder aus der Kasseler Umgebung in die Boom-Town Radevormwald, um sich hier Lohn, Brot und Braut zu suchen. Ob sie direkt bei den “Altlutheranern” landeten, ist noch zu klären.

Kaiserstraße 61

Auszug aus der Preußischen Uraufnahme 1925In der Angelegenheit Spaltung der lutherischen gemeinde Radevormwald war die Rede davon, dass Pastor Karl Haver nach seinem Austritt aus der Landeskirche in das kurzfristig gepachtete Kirchbergsche Haus (Kaiserstraße 61) gezogen sei. Dieser Umzug steht letztendlich mit dem Tod Havers in Zusammenhang, denn sein Hausgenosse wurde letztendlich als Anstifter zum Todschlag an Hafer Verurteilt.

Unter Kaiserstraße 61 konnte ich mir aber gar nichts vorstellen. Irgenwie schwebte mit dabei in Gebäude auf der Höhe des Hotels zum Löwen vor. Ein Internet Stadtplandienst macht klar: Die Kaiserstraße 61 muss weiter westlich liegen. Vielleicht das ehemalige Radio Scheuerl Ladenlokal?

Ein Besuch vor Ort zeigte: falsche Seite! Kaiserstraße 61 ist die rechte Seite des ehemaligen Sport Reinbott Ladenlokals, dass sich auch in die Kaiserstraße 59 ausdehnte. Heute ist im Erdgeschoß Peter Schmidt, die Deutsche Bank oder eine Kombination aus beiden – ich verstehe die aktuellen Geschäftsmodelle der Deutschen Bank nicht.

Eins ist klar: Das Haus ist nicht groß. Wenn dort zwei Familien lebten und dazu noch Gottesdienste, Biebelstunden und der gleichen abgehalten wurden, dann war es dort sicher sehr eng.

Das Haus (blau in der Karte oben) lag auch mindestens so nahe an der lutherischen Kirche (gelb in der Karte), wie das alte Pfarrhaus “Burgstraße 8″. War sicher praktisch aber vielleicht auch ein bisschen eskalierend. Aber die Wahrnehmung von Nah und Fern, Nebenan und abgeschieden war vor 150 Jahren sicher deutlich anders, als heute.

Zur Spaltung der Radevormwalder Gemeinde: die landeskirchliche Sicht.

Die evangelisch-lutherische Landeskirche gibt alle 50 Jahre eine Festschrift heraus – zumindest sind mir Festschriften von 1907, 1957 und 2007 bekannt. In der Festschrift von 1957 (die von 1907 habe ich nicht zur Hand) ist ein ist ein Artikel von Andreas Natrop abgedruckt, der 1907 “Pastor Karl Haver und die altlutherisdte Seperation” beschreibt. Nach 100 Jahren ist der Text wohl frei von Urheberrechten, deswegen habe ich ihn eingescannt: Natrop: Haver und die altlutherisdte Seperation.

Ein besonders bemerkenswerter Abschnitt ist der über die Gescheiterte Kirchenbesetzung:

Im Gottesdienst predigte Pastor Haver ganz kurz und erklärte dann von der Kanzel feierlich den Willen, aus der Landeskirche zu scheiden. Er schritt aus der Kirche. Presbyterium und Gemeinde folgten. Es wurde ein Umgang um die nunmehr herrenlose Kirche gemacht. Dann wollte man sie für die neue Martini – Gemeinde in Besitz nehmen. Aber ein Presbyter blieb sitzen. Das war Peter Sessinghaus [Hammerschmied von der Dörpe]. Als nach dem Umgang die neue Gemeinde wieder in die Kirche einziehen wollte, trat ihr Peter im Portal entgegen, hob die und sagte: “Ich stehe hier als gewählter Vertreter der Landeskirche, nehme diese Kirche in meinen Besitz und verwehreden Eintritt jedem, der nicht mehr zur Landeskirche gehört!” Das war sicherlich die längste Rede seines arbeitsreichen Lebens. Unwille er hob sich in der Versammlung. Aber Pastor Haver beugte sich dem Zustand des Rechtes und erkannte ihn an, so wurde die neue Gemeinde im Freien gegründet. (Natrop, S 63)

Ein tolles Stück Geschichte! Neben den archaischen Rieten (Kirchumgang und Besetzung) zeigt es doch auch, was ein einzelner, bewirken kann. Peter Sessinghaus tat, wozu ihn sein Gewissen zwang. Ohne Ihn wäre unsere Stadtgeschichte sicher anders verlaufen (und ich hätte vieleicht einen weiteren Weg zur Kirche – bis zur Burgstraße).

Bracht: Geschichte der Martini Gemeinde (Teil 3)

Hier der dritte und letzte Teil meiner Zusammenfassung von Michael Brachts Aufsatz die Entstehung der Martinigemeinde in Radevormwald.

Aus der Festschrift zum 250 jährigen Bestehen der lutherischen Gemeinde Radevormwald.Der ersten Teil behandelte die Entfremdung zwischen unabhaengig-altlutherisch und staatskirchlich-uniert-lutherisch denkenden in der Rader Gemeinde. Der zweite Teil erzählte von den harten Bandagen, mit denen diese Auseinandersetzung geführt wurde.

Im dritten Teil kommt das “dicke Ende”. Ich habe Probleme, es ein “tragisches Ende” zu nennen, weil aus heutiger Sicht, alle oder zumindest viele der Beteigten zielstrebig auf dieses Ende hingearbeitet haben.

Um mit Bracht wieder Zimer zu zitieren:

am 18. Januar [1853] .. bestätigte [...] Pastor [Haver] die Wahrheit des Gerüchtes, daß bereits zwei Mordanschläge auf ihn gemacht wurden. [So hatten] zwei fanatische Männer [versucht], ihn in einem Teiche (Anm.: Dornseifs Teich in der Uelfestraße) zu ersäufen, ließen ab und flohen, als Haver für seine Mörder zu beten begann [...] Wenn man die fanatischen Feinde des Pastors fortwährend reden hörte: wie es ein preiswürdiges Werk sei den Mann fortzuschaf!en, der die Gemeinde ruiniere und die Veranlassung dess vielen Unheils sei, so [war, was schließlich geschah unausbleiblich.] Am Nachmittage des 21. Januar 1853 fand man ihn [Pastor Haver] auf dem Wege von Rade nach Beck einige Schritte unterhalb der Stelle, wo der steigende Fußweg die Kunststraße kreuzt, in seinem Blute liegen, von einem Kugelschusse durch den Rücken getötet.

Der Tod Havers scheint die Radevormwalder Religionsfanatiker zur Besinnung gebracht zu haben. Auch wenn zum Teil die Rede davon war, dass Haver von der Hand eines “gedungenen Mörder” starb, hatte die Tat direkt nichts mit den Rader Religionskriegen des 19. Jahrhunderts zu tun. Sicher hat Ziemer aber auch recht, wenn er anführt, dass die aufgeheizte Atmosphäre 1852-53 in Radevormwald die Mordtat begünstigte.

Die Feinde waren nun still geworden, und der offne Kampf gegen die Martinigemeinde hörte auf. Aber viele haben damals mit Sicherheit darauf gerechnet, jetzt, wo der Hirte fehlte, würde auch die Herde sich sehr bald wieder zerstreuen. (Ziemer)

Immerhin. Die nächsten 10 Jahre sind mir keine Religionsquerelen in Radevormwald bekannt.

Aber es ist schon schwierig, sich vorzustellen, dass vor gut 150 Jahren hier nicht nur das Zeitalter der Eisenbahn und des Telegraphen begannen, sonder dass hier auch religiöse Konflikte mit einer Verbissenheit bis zum Tode geführt wurden.

Bracht: Geschichte der Martini Gemeinde (Teil 2)

Nach dem ersten Teil der Geschichte der Gründung der Martini-Gemeinde von Michael Bracht geht es hier weiter.

Anstatt seinen Aufsatz zusammenzufassen, sei das Wort Bracht überlassen:

Pastor Karl Haver, Bild aus der 250-Jahr Festschrift der Lutherischen Gemeinde entnommen

Am 1852-04-25 erklärt die Gemeinde, [...] ihren Austritt aus der Union und stellt den Antrag an das Oberkirchenkollegium der Evangelisch-Lutherischen (altlutherischen) Kirche in Breslau mit der Bitte um Aufnahme. [...] Am 1852-05-03 findet die offizielle Übergabe der Gemeindeurkunden und Räumlichkeiten statt. Pastor Haver zieht – zum unmittelbaren Auszug aus dem Pfarrhaus gezwungen am 1852-05-06 in das rasch gepachtete Kirchbergsche Haus (Kaiserstraße 61), wo zunächst auch die Gottesdienste stattfinden. Alle Gottesdienste und Versammlungen mußten aber vorher beim Bürgermeister angemeldet werden.

Da der Gottesdienstraum sich für die sich sammelnde Gemeinde rasch als zu klein erwies, beschloß man, provisorisch ein Bretterzelt, wie es auch bei Volksfesten üblich war, aufzubauen. Dieses und den Kirchhof (das heutige Friedhofsgelände, damals genannt “Bastians Baumhof”, und ein Stück von “Kormannshaus Feld”) zahlte man bereits in bar, sammelte für das Pfarrgehalt, richtete ein Armenpflege ein und spendete für einen geplanten Kirchbau.

Am 1852-05-31, dem zweiten Pfingsttag, beschließt die Gemeinde schließlich, eine Kirche bzw. Bethaus (als Kirchen durften die Gotteshä user der “Altlutheraner” damals ja nicht bezeichnet werden) in umittlebarer Nachbarschaft des vor kurzem erworbenen Grundstückes zu bauen, und kauft hierzu ein Grundstück von Theodor Harnischmacher, wie es heißt vom “Lohmühler Felde von dem der Stadt zunächst gelegenen Teile unmittelbar am Hermannshagener Weg ein regelmäßiges Quadrat von vier Sechzig”

Am 1852-06-29 wird der Grundstein zur neuen “Kirche” gelegt, und noch nicht einmal vier Monate danach, am 1852-10-17 erfolgt die Kirchweihe dieses aus massivem Bruchstein erbauten Gotteshauses.

Ziemer schreibt: “Ja, die Mauen waren fertig, und das Dach war fertig; aber im Innem sah es doch sehr böse aus. Als Fußboden diente die nackte Erde, die nur mit den beim Decken des Daches abgefallenen Schieferscherben belegt war. Bänke allereinfachster Form: Pfosten in die Erde geschlagen und Bretter darüber genagelt. Die gußeisernen Fensterrahmen hatten noch nicht geliefert werden können. So konnte Luft und Sonne ungehindert durch die großen Fensteröffnungen in den weiten Kirchraum hinein. Das war zu Anfang vielleicht gut. Aber die Gemeinde wird doch froh gewesen sein, als endlich um Mitte November auch die Fensteröffnungen geschlossen werden konnten [...] Der Fußboden wurde Anfang 1855 gelegt, und gleichzeitig wurden richtige Bänke aufgestellt. Die Orgel schaffte man 1861 an; die ersten Glocken, die in dem kleinen Dachreiter hingen [der Glokkenturm wurde erst zum 50-jährigen Gemeindejubillium 1902 errichtet], wurden
am 1. Advent 1864 geweiht.”

Dazu Montanus, zitiert nach Ziemer, zitiert nach Bracht:

Da die neue Gemeinde noch keinen eigenen Kirchhof hatte, mußten die Beerdigungen der “Altlutheraner” nämlich auf dem landeskirchlichen Friedhof stattfinden. Dazu gab das zuständige Presbyterium zwar seine Einwilligung, aber es verlangre, daß die vollen Gebühren für die Bestattung, also auch fiir die Dienste des Pastors, an die landeskirchliche Gemeindekosse gezahlt wurden. Wollten nun die Gemeindeglieder der Martini-Gemeinde ihren Pastor Haver nicht leer ausgehen lassen, so mußten sie die Gebühren für das Amtieren des Pastors doppelt bezahlen. Damit nicht genug – man verbot der neuen Gemeinde, die Särge unter Leichengesang zum Kirchhofe zu geleiten. Stille Beerdigungen, d.h. Leichenbegängnisse, bei denen nicht ein Sängerchor voranschritt, fanden aber im Allgemeinen nur bei ganz kleinen Kindern statt. Für Erwachsene hatten sie etwas Entehrendes. Da ist es gut zu begreifen, daß man den Entschlafenen, die kein anderes Unrecht getan hatten, als daß sie Ihrem Bekenntnis die Treue gehalten hatten, die letzte übliche Ehrung nicht nehmen lassen wollte [...] In der
altkirchlichen Sitte war es begründet, daß man trotz des Verbotes den Leichengesang nicht unterließ. Die Leidtragenden und die Sänger ließen es sich aber gefallen, daß sie bestraft wurden. Unbegreiflich ist daß frei ausgingen, die den Leichenzug Überfielen und die Sänger verprügelten. [...] Ganz Verboten war es aber Pastor Haver, im Amtskleid den Sarg durch die Stadt und auf den Kirchhofe zu begleiten und auf dem Kirchhofe sich irgendwie amt/ich zu betätigen. Alle Leichenreden wurden erst im Haus von Pastar Haver und später im Kirchzelt gehalten.

Ziemer zitiert auch eine am 1853-01-30 von Julius Nagel in Breslau gehaltene Preditgt, die wiederum einen Zeitungsartikel unbekannter Herkunft wiedergibt (und das alles zitiert nach Bracht):

Es wurde diese Gemeinde seit ihrem Entstehen auf die unchristlichste Weise angefeindet. Einzelnen Gliedern wurden Katzenmusiken gebracht, es wurde sogar in ihre Wohnungen geschossen und zwei Knaben durch Schuusse verletzt, von denen einer einen bleibenden Schaden am Auge behalten wird. Sogar Leichenzüge wurden überfallen und mißhandelt, phne daß die Frevler zur Strafe gezogen wurden, wohingegen auf anderer Seite die geringste, durch das Uebermaaß der Mißhandlungen herbeigeführte Uebertretung bestraft wurde. Am vorherigen Mittwoch wurde ein Leichenzug durch etwa 200 Personen, Männer und Weiber, unter dem Commando eines ehemaligen Apothekers überfallen. Die Leichensänger wurden mit Schüppen, Hacken und Holzstangen niedergeschlagen, ja sogar mit Messern verwundet und überdies noch in Arrest gebracht, wo man ihre Bitte um einen Arzt, der ihre Wunden verbinden sollte, noch mit neuen Mißhandlungen beantwortete. Mehrere der Mißhandelten scheinen lebensgefährliche Schäden davongetragen zu haben. Einer hatte sich fast verblutet. – Sollen die anscheinend für vogelfrei erkläten Altlutheraner nicht zur blutigen Nothwehr und Selbsthülfe gezwungen werden, so ist es höchste Zeit, daß hier die Gerichte mit äußerster Strenge einschreiten und daß die Sache duch unbeteiligte Personen untersucht werde.

Dass unsere altlutherischen Vorfahren vielleicht doch nicht so ganz lammfromm waren, deutet sich hier im letzten Satz an.

Bracht: Geschichte der Martini Gemeinde (Teil 1)

Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen; wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. (Inschrift des Kirchensiegels der Martinigemeinde: 2 Korinther 4,9)

Pastor Michael Bracht hat 1992 einen Aufsatz mit dem recht sperrigen Titel “Die Entstehung der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (hier: Altlutherischen Kirche) im Allgemeinen und ihrer Martini-Gemeinde Radevormwald im Besonderen” in den Monatsheften für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes veröffentlicht.

Er war nicht nur so freundlich, mir den Gang in die Bibliothek zu ersparen, indem er mir eine Kopie geschickt hat, sondern er hat mir auch erlaubt, den Aufsatz im Internet zu veröffentlichen. Das ganze gibt es hier als PDF.

Danke! Der Aufsatz ist deutlich ausführlicher, als der Abschnitt über Radevormwald von Lochmann und Lochmann.

Bracht berichtet, dass seit 1613 versucht wird, Lutherisch und Reformiert irgendwie unter einen unierten Hut zu bringen. Der Preußische König Friedrich Wilhelm III meinte irgendwas gegen den übermächtig werdenden Rationalismus tun zu müssen, indem er die christliche Kräfte einigte. 1817 ordnet er an, “dass die beiden getrennten protestantischen Kirchen, die reformierte und lutherische, [sich] zu einer evangelisch christlichen in Ihrem Lande zu vereinige[n].”

Es sollte eine neue Kirche/Konfession (genannt “Uniert”), die aus einer Vermischung von lutherisch und reformiert entsteht, gebildet werden. Lutherische und reformierte Gemeinden sollten dann freiwillig der neuen unierten Kirche beitreten. Weil das nicht so läuft, wie gedacht, wird 1830 von Staatsseite angefangen, ein bisschen Druck Richtung “uniert Euch doch mal” auszuüben. So wurden Geldstrafen gegen Gemeinden verhängt, die nach lutherischem Ritus Gottesdienst hielten und lutherisch getaufte Kinder wurden uniert zwangswiedergetauft.

1840 entspannte sich der Konflikt etwas. Es gibt eine “Generalkonzession für die von der Gemeinschaft der ev. Landeskirche sich getrennt haltenden Lutheraner”. Sie dürfen sich zwar nicht “Kirche” nennen, aber immerhin.

In unserer Ecke treten bis 1948 in Essen, Düsseldorf, Moers,
Krefeld und Köln Lutheraner aus der unierten Landeskirche aus und bilden eigene Gemeinschaften. Dabei scheint ein Pastor Wermelskirch (what a name!) aus Erfurt scheinbar eine zentrale Figur.

1849 wird eine neue Kirchenordnung vorgelegt. Das Presbyterium (sowas wie das Gemeindeparlament) der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Radevormwalds kommt zum Ergebnis, dass diese Ordnung dem Bekenntnis der Evangelisch-Lutherischen Kirche widerspricht. 1950 gibt es Verbesserungsvorschläge, Ablehnungen und dergleichen. Die Theologischen Details bringt Bracht Auf den Punkt, doch sind sie ohne theologische Vorbildung vermutlich nicht leicht nachzuvollziehen. (Tip: CA steht für Confessio Augustana)

Am 16. November 1851 bittet die lutherische Gemeinde in Radevormwald den König, ihr den Anschluß an die Evangelisch-Lutherische Kirche in Preußen (Altlutherische Kirche) zu gestatten.


Das Grab von Haver auf dem Friedhof der Martinigemeinde

Danach scheint die Stimmung in Radevormwald ernsthaft schlecht zu sein. Insbesondere der Gemeindepfarrer Karl Haver wird wohl intensiv angefeindet – ich (md) bin aber sicher, die Anfeindungen in beide Richtungen gingen, habe bisher aber nur Dokumentation aus altlutherischer (Opfer-) Perspektive gefunden.

Bracht zitiert Otto Ziemer “Pastor Haver und die Gründung der Martinigemeinde zu Radevormwald” von 1927:

Man stachelte den Fanatismus [auf], und alle fielen über die Altlutheraner her, mit Worten anfangs, aber auch mit Stockschlägen, Steinwürfen und abgefeimten Feindseligkeiten [...] Einem Altlutheraner hatte man den Garten voll Grassamen gesäht; einem Spezereihiändler war man bei Nacht in den Keller gestiegen und hatte alle Hahnen an den Fässern aufgedrehet, so daß Öl und Essig, Wein und Tran untereinander schwammen und eins das Andere verdarb. – Ähnlicherweise wie in der Stadt ging es auf allen Hofstellen, wo die Anhängerschaft verteilt war. Sogar in die Familien fiel Zank, Prügelei und mancherlei Beschädigung vor, so daß Wundärzte und Handwerker manches herzustellen hatten.

Geschichte der Martinigemeinde in Radevormwald

Das Buch “aus der Evangelisch-Lutherischen Kirche am Niederrhein” von Hans und Peter Lochmann hat auch einige Seiten zu der Geschichte der Radevormwalder Martinigemeinde (S. 76ff):

Es geht um die Überarbeitung der Kirchenordung (von 1835), welche Macht der Staat über die Gemeinden bekommt und um die Zwangsvereinigung von lutherischen und reformierten Gemeinden. Die Rader lutherische Gemeinde sendet im Sommer 1850 Kritik und Verbesserungsvorschläge zur Gemeindeordnung an die Provinzial-Synode. Im Februar 1951 schreiben sie “dass nicht der sogenannten evangelischen, aus lutherischen, reformierten und unirten Gemeinden bestehenden Kirche angehören”. Deswegen sollte die neue Kirchenordnung fallen gelassen werden.

Die Synode in Elberfeld nimmt die neue Kirchenordnung an. Einer der drei lutherischen Radevormwalder Pastoren (Pastor Karl Haver) erklärt daraufhin zusammen mit elf der zwölf Presbyter am Konfirmationstag (1851-04-25) den Austritt aus der Kirche.

Archaischen Rieten folgend, zogen Haver, die Presbyter und die Gemeinde aus der Kirche aus, zogen einmal um das Gebäude um es so für die neu gegründete “freie” Martini-Gemeinde in Besitz tu nehmen.

Aber ein Presbyter – Peter Sessinghaus – blieb sitzen, und als die Gemeinde wieder in die Kirche einziehen wollte versperrte er den Weg und sagte “Ich stehe hier als gewählter Vertreter der Landeskirche , nehme die Kirche in meinen Besitz und verwehre den Eingang jedem, der nicht mehr zur Landeskirche gehört.”

Die neu gegründete Gemeinde hält so die ersten Gottesdienste in einem Zelt auf “Bastina’s Baumhof” (Wo ist das? Im Bereich der Sparkasse?)

Am 1852-10-17 wird die neue Martinikirche an der Ülfestrasse nach dreimonatiger Bauzeit geweiht.

Die Anfeindungen zwischen “Altlutheranern” und “Lutherischen” sind beträchtlich: Mindestens ein Garten wird mit Unkraut eingesät. Einem Gewürzhändler wird das Lager verwüstet.

Am 1853-01-21 stirbt Haver durch Mörderhand.

Auf Seite 134 gibt es noch eine Chronologie der Gemeinde:
 

  • 1835 Einfḧrung der unierten Kirchenordnung
  • 1852 Gründung der Martinigemeinde, Weihe der Martinikirche am 17. Oktober. Pastor Hafer (1852-1853)
  • 1853 Ermordung Havers, Korporationsrechte, Pastor Crome (1853-1862)
  • 1856 Cromesches Gesangbuch
  • 1861 Orgelweihe
  • 1862 Gemeindespaltung Marinigemeinde (Pastor Nagel, 1862-1869) & Michaelisgemeinde (Crome, 1862-1874)
  • 1864 1. Glockenweihe Martini
  • 1880 Posaunenchor Martini
  • 1902 Einweihung des Kirchturms Martini
  • 1904 Wiedervereinigung Martini- und Michaelisgemeinde
  • 1925 2. Glockenweihe
  • nach 1933 Schließung der Schule
  • 1944 (?) Michaeliskirche in Trümmern
  • 1956 3. Glockenweike
  • 1958 Remscheid wird zur selbständigen Gemeinde
  • 1960 2. Pfarrstelle