Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen; wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. (Inschrift des Kirchensiegels der Martinigemeinde: 2 Korinther 4,9)
Pastor Michael Bracht hat 1992 einen Aufsatz mit dem recht sperrigen Titel “Die Entstehung der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (hier: Altlutherischen Kirche) im Allgemeinen und ihrer Martini-Gemeinde Radevormwald im Besonderen” in den Monatsheften für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes veröffentlicht.
Er war nicht nur so freundlich, mir den Gang in die Bibliothek zu ersparen, indem er mir eine Kopie geschickt hat, sondern er hat mir auch erlaubt, den Aufsatz im Internet zu veröffentlichen. Das ganze gibt es hier als PDF.
Danke! Der Aufsatz ist deutlich ausführlicher, als der Abschnitt über Radevormwald von Lochmann und Lochmann.
Bracht berichtet, dass seit 1613 versucht wird, Lutherisch und Reformiert irgendwie unter einen unierten Hut zu bringen. Der Preußische König Friedrich Wilhelm III meinte irgendwas gegen den übermächtig werdenden Rationalismus tun zu müssen, indem er die christliche Kräfte einigte. 1817 ordnet er an, “dass die beiden getrennten protestantischen Kirchen, die reformierte und lutherische, [sich] zu einer evangelisch christlichen in Ihrem Lande zu vereinige[n].”
Es sollte eine neue Kirche/Konfession (genannt “Uniert”), die aus einer Vermischung von lutherisch und reformiert entsteht, gebildet werden. Lutherische und reformierte Gemeinden sollten dann freiwillig der neuen unierten Kirche beitreten. Weil das nicht so läuft, wie gedacht, wird 1830 von Staatsseite angefangen, ein bisschen Druck Richtung “uniert Euch doch mal” auszuüben. So wurden Geldstrafen gegen Gemeinden verhängt, die nach lutherischem Ritus Gottesdienst hielten und lutherisch getaufte Kinder wurden uniert zwangswiedergetauft.
1840 entspannte sich der Konflikt etwas. Es gibt eine “Generalkonzession für die von der Gemeinschaft der ev. Landeskirche sich getrennt haltenden Lutheraner”. Sie dürfen sich zwar nicht “Kirche” nennen, aber immerhin.
In unserer Ecke treten bis 1948 in Essen, Düsseldorf, Moers,
Krefeld und Köln Lutheraner aus der unierten Landeskirche aus und bilden eigene Gemeinschaften. Dabei scheint ein Pastor Wermelskirch (what a name!) aus Erfurt scheinbar eine zentrale Figur.
1849 wird eine neue Kirchenordnung vorgelegt. Das Presbyterium (sowas wie das Gemeindeparlament) der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Radevormwalds kommt zum Ergebnis, dass diese Ordnung dem Bekenntnis der Evangelisch-Lutherischen Kirche widerspricht. 1950 gibt es Verbesserungsvorschläge, Ablehnungen und dergleichen. Die Theologischen Details bringt Bracht Auf den Punkt, doch sind sie ohne theologische Vorbildung vermutlich nicht leicht nachzuvollziehen. (Tip: CA steht für Confessio Augustana)
Am 16. November 1851 bittet die lutherische Gemeinde in Radevormwald den König, ihr den Anschluß an die Evangelisch-Lutherische Kirche in Preußen (Altlutherische Kirche) zu gestatten.

Das Grab von Haver auf dem Friedhof der Martinigemeinde
Danach scheint die Stimmung in Radevormwald ernsthaft schlecht zu sein. Insbesondere der Gemeindepfarrer Karl Haver wird wohl intensiv angefeindet – ich (md) bin aber sicher, die Anfeindungen in beide Richtungen gingen, habe bisher aber nur Dokumentation aus altlutherischer (Opfer-) Perspektive gefunden.
Bracht zitiert Otto Ziemer “Pastor Haver und die Gründung der Martinigemeinde zu Radevormwald” von 1927:
Man stachelte den Fanatismus [auf], und alle fielen über die Altlutheraner her, mit Worten anfangs, aber auch mit Stockschlägen, Steinwürfen und abgefeimten Feindseligkeiten [...] Einem Altlutheraner hatte man den Garten voll Grassamen gesäht; einem Spezereihiändler war man bei Nacht in den Keller gestiegen und hatte alle Hahnen an den Fässern aufgedrehet, so daß Öl und Essig, Wein und Tran untereinander schwammen und eins das Andere verdarb. – Ähnlicherweise wie in der Stadt ging es auf allen Hofstellen, wo die Anhängerschaft verteilt war. Sogar in die Familien fiel Zank, Prügelei und mancherlei Beschädigung vor, so daß Wundärzte und Handwerker manches herzustellen hatten.