Kurz reingeschaut: “Der Kirschgarten” im Schauspielhaus Köln
Mal wieder ein Klassiker in Köln, Tschechows “Kirschgarten”, und die dritte Inszenierung von Karin Henkel, die ich in Köln sah. Der Kirschgarten vervollständigt das Spektrum meiner Eindrücke: unterwältigt vom “Menschenfeind“, begeistert von “Iphigenie“, und jetzt mal solide unterhalten, ohne jedoch wirklich bleibende Eindrücke mitgenommen zu haben.
Die Bühne ist in dieser Inszenierung nackt, völlig undekoriert, nur ein rundes Podest dreht sich in der Mitte, das von den Figuren immer wieder mal zum Karussel bevölkert wird.
Die Geschichte ist bekannt und wird von Karin Henkel nicht verändert, auch wenn sie das Stück etwas einkürzt und auf das Wesentliche fokussiert. So sind es also die Schauspieler, die ihren Figuren Leben einhauchen müssen, und das gelingt ihnen durchweg sehr gut: Charly Hübner spielt einen etwas grobschlächtigen und doch grundehrlichen Lopachin, der seine Botschaft, dass der Garten zur wirtschaftlichen Rettung verkauft werden muss, geradezu verzweifelt penetrant in die Köpfe von dessen Besitzern hämmern möchte. Lena Schwarz spielt die Gutsbesitzerin Ranjewskaja glaubhaft schmallippig, trotzdem ihr (Jahrgang ‘76) die Rolle der Mutter nicht auf den Leib geschneidert zu sein scheint. Matthias Bundschuh ist ein toller Gajew, der die erschütternde Erkenntnis seines Scheiterns mit desperater Lebemann-Attitüde zu überspielen versucht: Eine alberne Gestalt, die doch nie ihre Würde verliert.
Die herausragende Darstellerin des Abends ist aber Lina Beckmann, die endlich zeigen darf, dass sie mehr kann als nur komisch sein. Wie sie manchmal am Rande des Klamauks balanciert, dann aber wieder die tiefe innere Traurigkeit der von Lopachin verschmähten Warja glaubhaft werden lässt, das ist wirklich hohe Schauspielkunst. Verdient bekommt sie den größten Applaus.
So macht es am Ende Spaß, dem Treiben auf der Bühne zwei Stunden lang zuzusehen. Und doch verlässt man das Theater zwar unterhalten, aber wenig geläutert. Denn in all dem gut abgestimmten, schnell getakteten Trubel geht eine Aussage unter, die etwa über die Biographien und Emotionen der Figuren hinausgehen könnte.
Kurz reingeschaut: “Das Werk / Im Bus / Ein Sturz” im Schauspielhaus Köln
Ich war gewarnt worden: vor Elfriede Jelinek. Ich war andererseits gelockt worden: von begeisterten Rezensionen, die dieser Inszenierung von drei Texten Elfriede Jelineks große Kraft und politische Wichtigkeit attestierten. Beides stimmte.
Die drei Texte von Elfriede Jelinek beschäftigen sich mit dem Verlust von Menschenleben, die von der Errichtung von Bauwerken verursacht wurden: Mit dem Tod von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen während des Dritten Reichs bei der Fertigstellung des Tauernkraftwerks bei Kaprun in Österreich; mit dem Sturz eines Linienbusses in einen Krater, der sich aufgrund des Baus einer U-Bahnlinie 1994 in München auftat; und mit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs.
Das könnte spannender Stoff sein, doch Jelinek gelingt es, jede Tragik wegzutexten, jede Emotion zu verquasen. Ihre Texte sind einfach nicht spannend. Genau genommen kann man ihnen nicht einmal folgen, wenn man sich anstrengt. Aber es entsteht auch kein Geist, der über den Worten schweben könnte, wenn Jelineks Texte ausreichend lyrische Qualität hätten. Das ist alles einerseits zu verkopft und andererseits zu platt, immer wieder mit feministischen Anspielungen durchsetzt, die aber aufgesetzt und verkrampft wirken.
Ganz anders die Inszenierung von Karin Beier: Die holt aus aus dem Text das meiste noch dann heraus, wenn sie ihn einfach ignoriert, zur bloßen Soundkulisse degradiert, wenn sie auf die guten, sehr präzisen Darsteller setzt oder einfach nur ein Spektakel auf die Bühne bringt.
Die Höhepunkte sind zweifellos die Tanzeinlage mit anschließendem Auftritt eines großen Männerchores zum Ende des ersten Aktes. Es ist zwar unklar, was das alles sagen soll, aber es ist einfach gut dargeboten und eine willkommene Ablenkung nach über einer Stunde schweren Sprechtextes.
Im letzten Akt, wenn es um den Einsturz des Stadtarchivs in einem Text geht, den Jelinek als Auftragsarbeit für diese Aufführung schrieb, setzt Karin Beier die Bühne nach und nach unter Wasser, bis es knöcheltief steht und zwei Tänzer als Mutter Erde und als Geist des Wassers darin einen gewaltsam-erotischen Kopulationstanz platschen.
Doch gerade dieser letzte Akt führt vor, warum solch ein Unglück, mit all seiner Entstehungsgeschichte, kaum irgendwohin besser als nach Köln passt: Das Publikum johlt bei jeder Textpassage, die mal verständlich ist. Dass es sich dabei immer um die allerplattesten Gesinnungs-Aussagen handelt, stört nicht. Man hat den Eindruck, dass sich der Kölner daran ergötzt, sich selbst auf der Bühne zu sehen, und wenn es anlässlich des Verlusts von unschätzbarem Kulturgut ist. Hauptsache, man kann sich noch mal darin versichern, dass wir kleinen Bildungsbürger ja schon immer die da oben doof fanden. Dass wir sie gewählt haben, dass wir Teil des Systems sind? So viel Einsicht muss jetzt auch nicht sein. Also wird auch in die stillen Passagen hörbar hineingekichert, um jeden Ansatz von Schmerz und Einsicht im ewigen Karneval aufgehen zu lassen. Wie schön, dass man im Nachhinein wohlfeil klatschen kann und sich nicht im Vorhinein aktiv einmischen muss.
Und so bedient dann auch diese Inszenierung, so toll sie ist, letztlich den Willen des Kölner Bürgertums, sich buchstäblich zu Tode zu amüsieren, sich dabei aber für ach so überlegen und selbstironisch und selbstdistanziert zu halten. Und was für ein wichtiges Theater wir auch noch haben, guck mal, wir kommen sogar selbst drin vor, im Theater des Jahres.
Wenn das zu zeigen die Absicht der Regisseurin war, dann ist es genial. Wenn nicht, dann weiß sie jetzt, dass sie in Köln an der falschen Adresse ist, wenn sie Selbstreflexion erreichen möchte. Wir finden doch immer was, um uns einzureden, dass wir uns amüsieren, nicht wahr? Ja ja, wir sind Zauberer.
Kurz reingeschaut: “Das Leben ein Traum (was sonst)” im Kölner Schauspielhaus
Es war eine mittelmäßige Saison im Kölner Schauspielhaus, vielleicht die schlechteste unter der Ägide von Karin Beier, wenn auch mit ein paar Höhepunkten. Zwei Abo-Aufführungen musste ich leider verpassen (”Wozuwozuwozu” und das Nathan-Gastspiel), ein paar hätte ich mir lieber gespart (”König Lear“, “Kasimir und Karoline“), dafür gab es zwei außergewöhnliche Inszenierungen als Highlights: die Chétouane-Inszenierung von “Dantons Tod” und die Kafka-Inszenierung. Diese beiden Aufführungen spielten mit der Sprache, waren weit entfernt davon, traditionelles Sprechtheater zu sein, schafften es aber doch, mich zu begeistern und emotional tief zu packen.
Insofern hätte man vermuten können, dass auch “Das Leben ein Traum” zu meinen Favoriten gehören könnte, doch es zeigte sich, dass wenn zwei das gleiche tun, es noch lange nicht das selbe ist. Wenn Laurent Chétouane nämlich seine Darsteller die Worte des Stücks gegen den Strich sprechen lässt und auf der Bühne ein Gewimmel erzeugt, das den Zuschauer verwirren soll, dann hat das einen erkennbaren Zweck: nämlich die Momente der Ruhe und Klarheit umso stärker hervorzuheben. Die Anstrengung lohnt sich dann.
Auch Jürgen Kruse, der Regisseur von “Das Leben ein Traum” lässt die Schauspieler Worte falsch betonen, streut sprachliche Verfremdungseffekte und sogar alberne Kalauer ein. Auch Kruse lässt ein paar Statisten die Bühne bevölkern, die hauptsächlich Bewegung und Hintergrundgeräusch erzeugen sollen. Aber ihm misslingen die Momente, wenn der Krach erstirbt. Da ist dann keine Klarheit, keine Schärfe, keine Präzision. Da ist dann einfach nur mal ein paar Sekunden Ruhe und akustische Erholung, bevor das Gebrabbel weitergeht.
Dabei bietet sich das spanische Stück aus dem 17. Jahrhundert für so eine Form der Inszenierung tatsächlich an: Der polnische Thronfolger Zygmunt wird von seinem Vater direkt nach der Geburt in einem einsamen Turm isoliert, weil die Sterne behaupten, er würde ein schlechter König werden. Um die Vorhersage zu testen, wird Zygmunt eines Tages doch als König auf Probe eingesetzt. Er besteht die Prüfung nicht, tötet sofort willkürlich einen Untertan, wird wieder betäubt, in seinen Turm verbracht, und man versucht ihm weiszumachen, dass er die Tage als Herrscher nur geträumt habe.
Das Bühnenbild zu diesem Tagtraum ist tatsächlich traum-, märchen- und fabelhaft gelungen: Ein schiefes Turmgestell, in dem Zygmunt halbnackt herumturnt, ein vergeistigter König in einer Bibliothek neben einem großen, sich drehenden, leuchtenden Globus, alles in ein seltsam deutliches Halbdunkel getaucht, das von scharfen Lichtstrahlen durchdrungen wird wie ein klarer Nachhimmel von Sternen. Toll!
Doch die Dauerverwirrung, in die die Inszenierung den Zuschauer des Zuschauer stürzt, indem irgendwo auf der Bühne ständig leise gesprochen, mit Schlüsseln geklappert, gesungen oder anderweitig Lärm gemacht wird, wenn Monologe mit Monotonie verwechselt werden, nervt aber einer gewissen Zeit nur – und diese Zeit zieht sich: Geschlagene vier Stunden mit nur einer Pause mutet Kruse den Zuschauern zu.
Vor der Pause bekommt man wenigstens noch in Grundzügen die Story mit. Nach der Pause aber geht alles unter, wohl auch wegen starker Textkürzungen. Das schöne Schlussbild, als Zygmunt, schließlich doch ein guter König geworden, an der Tafel sitzt, um ihn drei Frauen und eine (echte) Boa, nur von einer Kerze erleuchtet und Zygmunt diese Kerze auspustet, entschädigt nicht für die 75 Minuten purer Langeweile davor. Man bekommt einfach nicht mehr mit, was passiert.
Und wo nach der Pause zu stark gekürzt wurde, da vor der Pause zu wenig: Die Nebenhandlung mit zwei verworrenen Beziehungsgeschichten trägt kein bisschen zur eigentlich spannenden Haupthandlung bei. Hier hätte man locker ein bis zwei Stunde sparen können, ohne Kraft zu verlieren – im Gegenteil!
Am Ende ist diese Aufführung einfach nur selbstverliebt, sie mutet dem Zuschauer viel zu, nimmt ihm viel Energie, aber ohne ihm gleichviel oder gar mehr zurückzugeben. Das herausragende Bühnenbild wird mir im Gedächtnis bleiben, aber wenigstens zwei von vier an diesem Abend im Theater verbrachten Stunden waren einfach nur verlorene Lebenszeit.
Ich bleibe dem Schauspielhaus aber natürlich dennoch treu und habe mein Abo auch für die nächste Saison wieder verlängert. Ihr findet mich zu den Dienstags-Abo-Terminen in Reihe 15.
Kurz reingeschaut: “Das Fest” im Kölner Schauspielhaus
Ich meine: Irgendwas muss man sich doch denken, wenn man den Dogma-Film fürs Theater adaptiert? Sowas wie: “Auf der Bühne kann ich die Emotionen viel unmittelbarer zeigen.” Oder: “Ich lasse auf der Bühne zeitgleich geschehende Szenen parallel ablaufen und verstärke so noch das Dogma-Gebot des ‘hier und jetzt’”. Oder: “Ich nehme die den Zuschauern bekannte Filmhandlung als Rahmen, in dem ich die Charaktere noch stärker herausarbeite.” Jedenfalls muss ich ja glauben, dass ich mit dem Medium Bühne diesem unfassbaren Meisterwerk von Film eine weitere Dimension, eine neue Erkenntnis, eine klarere Sichtweise abgewinnen kann.
Ein paar dieser Gedanken sind Jan Hein (Dramaturgie) und Dieter Giesing (Regie) für die Kölner Inszenierung von “Das Fest” vielleicht schon durch den Kopf gegangen: Da gibt es parallel montierte Szene, da gibt es Szenen von großer emotionaler Kraft, da gibt es eine Polonäse der Darsteller außen rund um den Publikumssaal, und da gibt es vor allem ein tolles Ensemble.
Aber die Regie schafft es über weite Teile, diesen herausragenden Stoff mit einer zutiefst konventionellen Sprechtheaterinszenierung viel weiter vom Zuschauer wegzurücken, als es der Film vormachte. Denn wenn Dogma 95 sich gegen die Wirklichkeitsentfremdung des modernen Kinos richtete und der Film “Das Fest” es genau durch den Einsatz dieser Mittel und durch eine erstklassige Regie vorbildhaft schaffte, den Zuschauer in ein erschütterndes Familiendrama mitten hineinzuziehen, so erlaubt es Dieter Giesing den Kölner Zuschauern, sich vom Geschehen zu distanzieren, wenigstens ermöglicht er es ihnen. So schaffen es einige Zuschauer tatsächlich, an den traurigsten Stellen zu lachen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass beim Sehen des Films auch nur ein Zuschauer weltweit in einem unpassenden Moment die Mundwinkel nach oben gezogen hat.
Dass die Regie diese Aufführung verhunzt, ist vor allem schade für die Schauspieler. Denn was die leisten, merkt man erst nach dem Ende der Aufführung: Dann fällt es wirklich schwer, Felix Vörtler, der den Vater Helge gibt, seinen hochverdienten Applaus zu spenden, weil man ihn noch so sehr mit seiner Rolle identifiziert. Das ist bei Carlo Ljubek leichter, weil natürlich Christian der Held des Stücks ist. Ljubek zeigt ihn als tief erschütterten, zerrissenen, verzweifelt trotzigen Mann. Da ist durch all die männliche Entschlossenheit noch viel von dem Kind zu spüren, das so verbrecherisch verletzt wurde. Große Schauspielkunst! Und Lina Beckmann zeigt, als Christians Schwägerin Mette mal wieder in einer Nebenrolle, eine andere Seite als die von ihr gewohnte: Wenn sie sonst oft, schon wegen ihres zischelnden Sprachfehlers, eher die ulkigen Rollen bekommt, so zeigt sie hier mit großer Kraft und Stimme, wie die Unterdrückung durch ihren Mann Mette gleichzeitig verletzt und wütend macht. Die plötzlichen Ausbrüche von Mettes Zorn könnenw irklich erschrecken.
Diese und auch die übrigen Schauspieler hätten eine bessere Regie verdient.
Umso unverständlicher ist mir, wie diese Aufführung von der Kritik so durchgängig in den Himmel gehoben wird. Ich weiß nicht, ob ich von einem 76 Jahre alten Regisseur gerade mehr oder weniger erwarten darf als von einem jungen: Auf der einen Seite weniger, weil er in den Konventionen der Vergangenheit verhaftet sein darf, auf der anderen Seite aber gerade mehr, weil er sich nicht mehr beweisen muss und freier inszenieren könnte.
Wovon ich aber mehr erwarte, das ist von der Theaterkritik, die zurzeit alle Kölner Inszenierung in Grund und Boden jubelt. Ja: Karin Beier ist es gelungen, das Kölner Theater wiederzubeleben, und das ist mir sehr, sehr recht. Aber nur manches dieser Wiederbelebung hat mit gelungenen Aufführungen zu tun. Vieles hat auch mit williger Kritiklosigkeit zu tun.
Diese Aufführung jedenfalls muss man, entgegen allen Besprechungen, nicht gesehen haben. Besser leiht man sich noch einmal eine DVD mit dem Film.
Kurz reingeschaut: Kasimir und Karoline im Schauspielhaus Köln
Ich weiß nicht. Wenn das die Aufführungen sind, die dem Kölner Publikum gefallen, was die Kommentare auf der Webseite des Stücks nahe legen, dann bin ich anscheinend Randgruppe.
Schlecht war die Inszenierung nun auch nicht, vielleicht sogar leicht überm Schnitt. Aber sie war für mich unverständlich verlärmt, wollte zu viel und erreichte so weniger. Und wenn ich das noch verzeihen könnte, dann kann ich doch nicht nachsehen, dass die Darsteller der Titelfiguren, Angelika Richter und Markus John, unter das Niveau gedrückt wurden, dass ich von ihnen kenne. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder, beide hatten am Donnerstag einen schlechten Abend, oder die Regie zwängte sie in ein Korsett, das ihnen nicht passte.
Jedenfalls blieb vor allem Markus John das schuldig, was ihn sonst zu meinem liebsten Kölner Ensemblemitglied macht: die Natürlichkeit. Wenn man John sonst jedes Wort abnimmt, als falle es ihm gerade beim Sprechen ein, dann hört man ihn als Kasimir den Text nicht gerade lieblos, aber doch etwas pflichtschuldig deklamieren. Spürt John die Figur des entlassenen Chauffeurs Kasimir nicht, die ihm doch wie auf den Leib geschneidert zu sein scheint?
Angelika Richter tippelt als Karoline zwar leichtfüßig durch die Kulissen, wirkt aber immer eine Spur zu exaltiert, zu naiv, so dass sie nur in einer Szene kurz vor Schluss echte Tiefe zeigen kann.
Überhaupt schien mir, dass die Regie die Tragik, die Horváth nicht so sehr der Handlung als vielmehr den Charakteren mitgegeben hat, leichtfertig veschenkt – nicht zuletzt durch die alles zuklimpernde Band, die auf der Bühne steht und den Figuren keine Atempause lässt. Zu wenige Momente der Ruhe, der Besinnung, der Verzweiflung spürt man so, immer treibt das Fahrstuhlgedudel der Musiker die Handlung weiter. Das kann so gewollt sein, gefiel mir aber nicht.
So bleiben die wahren Höhepunkte drei Nebenfiguren vorbehalten: Lina Beckmann spielt Erna, die Freundin des Kleinkriminellen “Merkl Franz” mit einer trotzigen, fast wütenden Naivität und Schicksalergebenheit. Den Merkl Franz selbst zeigt Carlo Ljubek bedrohlich lauernd als einen, aus dem jederzeit die rohe Gewalt ausbrechen kann. Und schlussendlich gibt es da noch den Landgerichtsdirektor Speer, aus dem Felix Vörtler den so liebenswerten wie bemitleidenswerten Clown der Aufführung macht.
Am Ende mäßiger Beifall. Warum für so eine durchschnittliche Inszenierung eine Koproduktion (mit dem NT Gent UND De Veenefabriek) angestrengt werden musste, erschloss sich mir zu keinem Zeitpunkt.
Kurz reingeschaut: “Dantons Tod” im Schauspielhaus Köln
Wenn das so weitergeht, werde ich werde noch ein echter Chétouane-Fan werden. Schon vorletzte Saison war ich von der formalen, asketischen Strenge seiner Kölner Inszenierung von “Empedokles // Fatzer” fasziniert, weil dieser Regisseur seinen Zuschauern viel zumutet, aber dafür auch viel zurückgibt. Eine Warnung dennoch gleich vorneweg: Das muss nicht bei jedem Zuschauer funktionieren. Meine Mitabonnentin, die wirklich nicht auf seichtes Theater aus ist, war von diesem “Dantons Tod” schlicht gelangweilt. Ich dagegen merke, wie die Inszenierung mit jeder Stunde, die seit ihrem Ende verstreicht, stärker nachzuwirken beginnt.
Die Idee, “Dantons Tod” zu inszenieren, Büchners dramatische Bearbeitung der Nachwehen der französischen Revolution, wurde vom Kölner Schauspielhaus an Laurent Chétouane herangetragen. Und wenn Chétouane zwei Lieblingstheaterautoren haben müsste, dann sollten das Brecht und Büchner sein, die sich beide vom einfach darstellenden Theater distanzierten, das den Zuschauer mitfühlen lässt.
Auch Chétouane will es dem Zuschauer nicht leicht machen, er will allzu schlichte Identifikation mit den Figuren verhindern. Also lässt er in der Kölner Aufführung die Schauspieler wieder willkürliche Bewegungen vollführen, die nicht zu den Worten passen, mit denen er den Text von den Körpern trennen möchte. Dazu trägt auch bei, dass der Text nicht immer von der Figur gesprochen wird, der Büchner ihn in den Mund gelegt hatte. Manchmal springen die Worte sogar in einem Satz, in einer Passage von Mund zu Mund. Und schließlich noch sprechen die Darsteller den Text bewusst leise, wenn auch deutlich, und zwingen den Zuschauer zu höchster Konzentration.
Am Ende entsteht ein manchmal fast wirbeliges, jedenfalls ständig in willkürlicher Bewegung befindliches Bühnenbild, vor dem Büchners Text in einer Intensität und einer fast ätherischen Abstraktion schwebt, körperlos, wie es selbst mit einer Lesung kaum zu erreichen wäre.
Die Frauenfiguren des stark zusammengestrichenen Stücks, dem sogar der Robespierre ganz abhanden gekommen ist, lässt der Regisseur von britischen Tänzerinnen spielen. Sie haben wenig Text, und wenn sie ihn sprechen, dann eben mit ihrem deutlich zu hörenden Akzent. Chétouane erklärte im Publikumsgespräch nach der Aufführung, dass ihm die Texte von Büchners Frauenfiguren viel schwächer zu sein schienen als die der Männer, und dass er diesem Mangel einen deutlichen Ausdruck geben wollte. Wenn sie aber meistens nicht sprechen, dann bewegen sich die drei Frauen in zurückhaltendem Ausdruckstanz über die Bühne.
Und wie schon bei “Empedokles // Fatzer” gelingt Chétouane sein Techno-Effekt: Die anhaltende Monotonie, die formale Strenge und als Drohung im Raum stehende Langeweile sorgen dafür, dass die Augenblicke, in denen diese Monotonie bricht, plötzlich viel klarer, sogar erleuchtender erlebt werden können.
Von diesen Momenten gibt es ein paar. Die zwei vielleicht schönsten sind diese: Wenn Julie, Dantons Frau, sich am Ende umbringt, dann wird sie von der Tänzerin mit dem stärksten britischen Akzent gespielt. Sie war schon bei ihren kurzen Textpassagen vorher auf einer Leinwand übertitelt worden. Doch nun steht sie einfach nur am Bühnenrand, spricht nicht, und über ihr leuchten die Worte “Das Volk lief in den Gassen, jetzt ist alles still”. Auch ihr folgender, kurzer Monolog, an dessen Ende sie sich umbringt, wird in völligem Schweigen gezeigt. Einen eindringlicheren Moment habe ich im Theater selten erlebt.
Und der Kerkermonolog Dantons, wenn er nun doch voller Angst dem Tod entgegensieht, den er sich vorher gewünscht hat, sticht heraus. Denn bis dahin wurden die Texte durchaus klar und keineswegs so gegen den Strich gesprochen, wie noch bei “Empedokles // Fatzer”. Doch nun beginnt Devid Striesow plötzlich heftig zu stottern, er spuckt die Worte und Sätze quälend langsam aber doch mit großer Wucht. Eine beeindruckende Szene, die obendrein toll gespielt ist, wie überhaupt der ganze Abend.
Der Applaus des Publikums war sehr zurückhaltend. Ein einzelner Buh-Rufer wurde aber immerhin sofort von einem Bravo gekontert. Ich selbst war begeistert, stand die zwei pausenlosen Stunden der Aufführung innerlich quasi auf Zehenspitzen, lauschte gespannt der tollen Sprache und sah ein Theaterstück, das keiner der Besucher vergessen wird, egal ob er es gut oder schlecht fand.
Von solchem Mut braucht es mehr im Theater. Hier regiert nicht die Beliebigkeit, sondern hier wagt ein Regisseur den Tanz auf dem schmalen Grat, und ihm ist wohl bewusst, dass jede einzelne Aufführung abrutschen kann. Das will ich sehen! Weiter so, Laurent!
Kurz reingeschaut: The Black Rider im Düsseldorfer Schauspielhaus
Was war das für eine Freude, zu lesen, dass der “Black Rider” endlich wieder aufgeführt werden darf – und er dann auch noch direkt um die Ecke in Düsseldorf auf die Bühne kommt! Nachdem ich Karten für die Aufführung am 07.12. gekauft hatte, fand ich zudem noch heraus, dass ebendies der 60. Geburtstag von Tom Waits ist. Was sollte also schiefgehen? Nun, fast wäre es doch gescheitert, vielleicht waren meine Erwartungen zu hoch, aber ein paar Schwächen muss sich die unterm Strich solide Inszenierung doch nachsagen lassen. Der Reihe nach.
The Black Rider ist die Musical-Adaption des Freischütz von William S. Burroughs (Text) und Tom Waits (Musik): Der Schreiberling Wilhelm liebt Käthchen, die Tochter des Försters Bertram. Der Vater will Käthchen aber nur einem Jäger geben, der sein Geschick mit einem Probeschuss beweisen muss. Da Wilhelm ein denkbar unbegabter Schütze ist, nimmt er gerne das Angebot des Teufels an, ihn mit Freikugeln zu versorgen. Beim entscheidenden Schuss schießt er auf sein Ziel jedoch genau mit der verfluchten siebten Kugel, die der Teufel steuern kann – und der alte Hinkefuß lenkt diese Kugel ins Herz von Kätchen. Tod, Ende, alles zum Teufel.
In der Düsseldorfer Inszenierung zeigt Hermann Schmidt-Rahmer die Szenen vor dem Gießen der Kugeln als ein grotesk überzeichnetes Bauerntheater, das ihm allerdings immer wieder ins Alberne abgleitet. Das hat oft die Subtilität von Annette Friers Darstellung eines Bayern in der “Wochenshow”, falls sich daran jemand erinnert. Die Dörfler sind tumbe Tannenficker, kaum eine Evolutionsstufe weiter als die Tiere des Waldes, die sie passenderweise in Doppelrollen gleich auch noch spielen. Das ist zu Beginn befremdlich, kurz auch mal lustig, aber meist eine Umdrehung zu weit aufgezogen.
Ebenso ambivalent ist das Bühnenbild. Thomas Goerge hat einen Kasten gebaut und mit bekritzelter Leinwand ausgekleidet. In normaler Bühnenbleuchtung sieht diese Bühne trist und öde und einfach unpassend aus. Wenn allerdings der komplette Bühnenkasten tatsächlich zur Leinwand wird, auf die verschiedene Filme mit mehr oder weniger abstrakten, verzerrten Motiven projiziert werden, dann gewinnt das ganze eine unheimliche Qualität.
Der positive Bruch in der Aufführung kommt in der letzten Szene vor der Pause, wenn Pegleg (Hinkefuß, der Teufel) aus dem Wald vor den fallenden Eisenvorhang tritt und den “Flash Pan Hunter” singt. Überhaupt ragt Winfried Küppers aus dem Ensemble heraus, aber besonders in dieser Szene, wenn er mit weit aufgerissenem Mund davon singt, wie Wilhelm nicht darauf warten kann, sein Büttel zu werden, und wie der Dornbusch die Rose (also Käthchen) doch niederringt, dann ahnt man, was nach der Pause kommt: Verderben, Tod und Wahnsinn nämlich!
Der Bruch ist gewollt und offensichtlich und er relativiert einiges zum Positiven, was vor der Pause zu klamaukig geriet. Besonders, wie Wilhelm zu “Oily Night” in Unterhose und mit Hirschgeweih einen wahren Veitstanz aufführt und Darsteller Gunther Eckes bis an die Grenzen geht, das ist schon beeindruckend. Auch der tödliche Probeschuss, den Pegleg wie einen Düsenjäger akustisch durch das Schauspielhaus kreisen lässt, bevor er endlich Käthchen trifft, ist gut und düster dargestellt. Und wenn Wilhelm dann, vom Schicksal in den Wahnsinn geschockt, erst mit einem Kinderklavier atonal zerklimpert, und dann immer wehmütiger, melodischer, am Ende auch emphatischer vom “Lucky Day” singt, dann rührt einen das ehrlich an.
Eins muss man aber auch sagen: Für das Abopublikum, das am Montag Abend den Großteil des Publikums stellte, ist das Stück nichts. Nicht einmal nach den schönsten und am besten gesungenen Stücken, wenn beispielsweise die stimmlich herausragende Katrin Röver als Käthchen “I’ll Shoot The Moon” makellos zum Besten gibt, können sich die Parkettsitzer zu einem mehr als pflichtschuldigen Szenenapplaus aufraffen.
Unterm Strich ein zwiespältiger Abend: Zu viel Klamauk vor der Pause, eine angemessen dramatische Inszenierung nach der Pause, eine tolle Band, unterschiedlich gute Sänger, ein während der Vorstellung seine Qualität wechselndes Bühnenbild. Für Waits-Fanboys gibt es wohl keine Wahl, als sich die Aufführung anzusehen, und wenn man auf die Albernheiten vorbereitet ist, treffen sie einen hoffentlich nicht ganz so hart.
Kurz reingeschaut: “Die Verwandlung und andere Erzählungen” im Schauspielhaus Köln
Endlich mal wieder ein anstrengender, fordernder, aber auch lohnender Theaterabend jenseits der eingefahrenen Inszenierungsschemata. In der Kölner Uraufführung von “Die Verwandlung und andere Erzählungen” verspinnen Antonio Latella (Regie), Federico Bellini und Sybille Meier (Dramaturgie) rund um den Kern von Kafkas Verwandlungserzählung mehrere seiner Texte mit stark choreografierten Bühnenbildern zu einem ausdrucksstarken Gesamtkunstwerk.
An vielen Stellen ist diese “Verwandlung” mehr Tanztheater oder Lesung als ein Theaterstück. Die fünf Darsteller des Abends rezitieren zu Beginn “In der Strafkolonie”. Parallel dazu werden einige dicke und dünne Holzplatten vor einem Schauspieler so kunstvoll aufgeschichtet, dass der im Anschluss wie hinter einem insektenartig strukturierten Panzer verborgen ist und die Verwandlung so unmerklich stattgefunden hat, wie sie auch für Gregor Samsa gewesen sein muss. Die anschließende Szene, in der Samsa sein Käferwesen gleichzeitig dekonstruiert, nämlich den Plattenstapel wieder abbaut und auf der Bühne ausbreitet, und in seinem Habitus immer mehr zum Insekt wird, ist repetitiv, anstregend und buchstäblich laut, aber auch sehr beeindruckend gespielt und lässt den Zuschauer das wütende Erschrecken Samsas nachempfinden.
Die folgende, fast alberne Szene, in der derselbe Zeitpunkt noch einmal aus der Perspektive von Samsas Eltern außerhalb seines Zimmers erzählt wird, löst die Strenge mit streng choreographierter Albernheit fast wieder auf, zeigt aber auch schon den Weg, den die Inszenierung nach der Pause nimmt: Dann nämlich werden die Menschgebliebenen die eigentlichen Monster, vom Kostüm (Annelisa Zaccheria) in widerliche Ganzkörper-(Fat)-Suits gepackt. Samsas Welt besteht nur noch aus den Platten, die zu Beginn seinen Panzer bildeten und die jetzt nur durch ihre Beschriftungen als die Gegenstände seines Zimmers identifizierbar sind.
Diese Fixierung auf die Schrift konnte ich ehrlich gesagt nicht ganz entschlüsseln. Von der ersten Szene an spielt die Inszenierung immer wieder mit Schrift und Buchstaben. Ob das Kafkas distanzierten, fast entfremdeten Blick auf die Welt darstellen soll, den er nur durch seine Prosa hatte?
Spätestens nach der (unnötigen) zweiten Pause leert sich der Zuschauersaal des Schauspielhauses merklich, was eine Schande ist. Denn in dieser Aufführung kann man noch etwas lernen, wird man noch gefordert, aber auch höchstens mal ein paar Minuten gelangweilt. Einige Szenen sind wenige Minuten zu lang geraten, aber insgesamt entschädigt die Aufführung dafür durch ein abwechslungsreiches Bühnenbild, durch sehr gute, sich verausgabende Schauspieler und den bleibenden Eindruck beim Zuschauer, einen diffusen aber mächtigen Einblick in die Welt Franz Kafkas gewonnen zu haben.
Nichts für Musicalbesucher!
Kurz reingeschaut: König Lear im Schauspielhaus Köln
Vor der Aufführung, der ersten der neuen Abosaison, hatte ich noch mit meiner neuen Mitabonnentin darüber geplauscht, ob es sinnvoll oder gar notwendig wäre, ein Stück zu lesen, bevor man sich die Inszenierung ansieht. Meine Antwort war: Vielleicht verpasst man ein paar Stellen, die einem Kenner des Stücks als verändert, ironisiert oder modernisiert auffallen. Aber mein Anspruch ist es, ins Theater zu gehen, und eine Geschichte erzählt zu bekommen, die ich auf Anhieb verstehe.
Nicht jedoch mit Karin Beier. Ich muss feststellen, dass die letzten Inszenierungen der Kölner Intendantin immer weiter ins klassische, ins beliebige Regietheater abdriften, für das ihr Vorgänger Marc Günther noch vom Hof gejagt wurde. Mit Peer Gynt begann es, aber eine Aufführung wie dieser König Lear wäre unter Günther vor leeren Rängen gespielt worden.
Ich habe nichts gegen anstrengendes Theater, nicht einmal etwas gegen Zumutungen. Aber ich will mich ins Theater setzen und, wenn ich den nötigen Willen und die Konzentration mitbringen, hinterher etwas gelernt oder mindestens erfahren/erlebt haben. Dieser König Lear aber wird zugekleistert mit akustisch und inhaltlich unverständlicher Schreierei, mit völlig willkürlicher Nacktheit, mit irritierenden, erzählerisch kaum nachvollziehbaren Rollenwechseln und mit zu beliebigen Modernisierungs-Einsprengseln.
Klar sind da Mittel des klassischen V-Effekts zu erkennen. Doch auch um Distanz zum Geschehen auf der Bühne zu gewinnen, müsste ich es erst einmal verstehen. Und wenn man mich bäte, nach dieser Aufführung die Handlung vonKönig Lear wiederzugeben? Ich müsste passen.
Ein paar gute Motive gelingen Karin Beier und Johannes Schütz (Bühnenbild) dennoch. Die schlichte Bühne gefällt mit der einfachen, niedrigen Lehmziegelmauer, die im Verlaufe des Stücks immer mehr (und unter viel Krafteinsatz) zerstört wird, so wie das Reich von Lear. Als Lear sich einem Regensturm aussetzt, der von zwei Darstellerinnen mit Wasserschläuchen dargestellt wird, da sind wütende Elemente und Lust am Schauspiel gleichzeitig zu sehen. Und wenn die die beiden Darstellerinnen dann anschließend die Schläuche nehmen, den Strahl auf Zerstäubung stellen, den Sprühregen nach oben richten und durch die glitzernden Tropfen tanzen, dann ist das eines der stärksten Bilder, die ich je auf einer Bühne gesehen habe.
Leider schöpft die Sprache aber keine Kraft aus diesen Bildern, sondern sie verschwindet im Gegenteil nur um so stärker unter ihnen. Und ein bisschen dürfte es bei Shakespeare dann ja doch auch um die Sprache gehen.
Unterm Strich: Ein begeistertes Bravo für die Schauspielerinnen, die während zweieinhalb Stunden pausenloser Aufführungsdauer eine unglaubliche Leistung hinlegen. Aber ein sattes Buh für die Regisseurin, die erfolgreich verhindert hat, dass mich dieser König Lear irgendetwas hätte lernen können.
Kurz reingeschaut: “Iphigenie” im Schauspielhaus Köln
Das vielleicht erstaunlichste an diesem Abend ist, dass er das Publikum schon für sich gewonnen hat, bevor er es gleichsam mit Zauberstaub bestreut. Es beginnt nämlich auf einer Bühne, die wie ein großer, viereckiger Schlauch gebaut ist. Vom anderen Ende werden die Zuschauer von einer Wand aus grellen Scheinwerfern geblendet. Ganz hinten weht Wind ein paar Sägespäne über den Boden. Dann kommt ein großes, weißes Papierzelt auf die Bühne, es bewegt sich gegen den Wind, wird dann scheinbar fast weggeblasen, irrt über die Bühne. Ein buchstäblich traumhaftes, ganz leises, aber doch sehr stimmungsvolles Bild. Und dann schlägt hinten eine riesige Wand zu, sie schließt den Schlauch zu einem unentrinnbaren Raum ab, und der Windhauch der Bewegung pustet über das Parkett kleinste Sägespänchen, die im Scheinwerferlicht mattgolden glitzern, bevor sie auf die Zuschauer rieseln.
Und das ist nur der Beginn des Zaubers.
Denn Iphigenie ist in dieser Kölner Aufführung von der ersten bis zur letzten Minute Theater, wie nur Theater sein kann: Konzentriert, emotional, lustig, übertragisch, körperlich – eben einfach nur dramatisch.
In der Inszenierung von Karin Henkel zeigt sich wieder einmal eine der größten Stärken der inzwischen zweijährigen Intendanz von Karin Beier: Schlichte, aber umso effektvollere Inszenierungen großer Klassiker. Iphigenie ist natürlich griechischer Mythenstoff: Dem Feldherrn Agamemnon wird weisgesagt, dass sein Krieg gegen Troja nur erfolgreich sein wird, wenn er seine eigene Tochter opfert: Iphigenie. Unter dem Vorwand, sie mit Achill verheiraten zu wollen, lockt er Iphigenie mir ihrer Mutter ins Heereslager. Agamemnons Bruder hat Skrupel und verrät der Mutter den Plan, die ihren Mann flehentlich von der Schandtat abzubringen versucht – als Iphigenie beschließt, sich freiwillig für ihr Land zu opfern.
Das ist natürlich starker Tobak, und es bietet sich die Versuchung an, den Stoff zu “modernisieren”. Karin Henkel widersteht der Versuch und weiß, dass ein dramatischer Stoff nur eines braucht: gute Schauspieler. Und die hat sie. Julia Wieninger ist eine wütend-emotionale Mutter Klytaimnestra. Felix Goeser zeigt Agamemnon so verzweifelt wie zum Tochtermord entschlossen. Lina Beckmann gibt als “Alter Mann” und als Chormitglied einen Pausenclown so gerade noch auf der hysterisch witzigen Seite des Chargierens. Und Angelika Richter lässt all die kindliche Naivität spüren, mit der sich eine verwirrte und ergebene Iphigenie schließlich opfert.
Die Inszenierung ist ganz nah bei den Figuren und drängt sich selbst nie in den Vordergrund, obwohl das herausragende Bühnenbild von Kathrin Frosch allen Anlass dazu geben würde.
Nur einen kleinen Hänger gibt es vor dem Epilog, in dem sich herausstellt, dass Iphigenies Tod nur vorgetäuscht war. Da sinkt die Spannungskurve so tief ab, da sind die Schmerzen der Charaktere so groß, dass es den Zuschauer echte Mühe kostet, sich auf eine weitere Wendung einzulassen. Aber auch diese Mühe soll sich lohnen, denn die Konfrontation mit der überlebenden Iphigenie, die, obwohl die Handlung Jahre später spielt, wie eine Untote noch mit ihrem Blut verschmiert ist und ihre Glieder kaum beherrscht, ist noch einmal erschütternd. Und wenn Iphigenie dann ganz am Ende unvermittelt ins Parkett flüchtet, wenn sie all der klaustrophobischen Unentrinnbarkeit der Bühne und ihrer Situation nur durch die Vierte Wand entkommen kann, dann bringt die Regisseurin das Stück ganz am Ende noch einmal auf den Punkt.
Zweieinviertel Stunden lang hält diese Aufführung die Zuschauer in ihrem Bann, schafft starke Bilder und wahrhaft emotionale Momente, und all das mit einer jahrtausendealten Geschichte um Tod, Verrat, Schicksal und Liebe. Mehr kann Theater nicht wollen.
