Unitymedia im Wildwest-Stil: Erst abrechnen, dann fragen
Ich habe bei Unitymedia das kleine Digital-TV-Paket abonniert, außerdem läuft Sky ebenfalls über die Unitymedia-Smartcard und -Box. Der Kabelanschluss, auf dessen Basis diese Zusatzpakete erst funktionieren, lief in meiner letzten Wohnung über den Vermieter und wurde über die Nebenkosten berechnet. In meiner neuen Wohnung läuft der Kabelanschluss über meine Freundin.
Nach meinem Umzug informierte ich Unitymedia über meine neue Adresse. Ich bekam zur Antwort, dass die Änderung vermerkt sei, dass man mir die Unitymedia-Leistungen auch unter der neuen Adresse anbieten werde und dass ich “bitte beachten” solle, dass “der Kabelanschluss im Einzelnutzervertrag für 17,90 €/Monat als Grundversorgung erforderlich” sei. Danke für den Hinweis, dachte ich mir, habe ich berücksichtigt, der Kabelanschluss existiert schon.
Wie ich ein paar Tage später im Telefonat mit einer patzigen Hotlinemitarbeiterin feststellte, wollte Unitymedia diesen Satz allerdings nicht als freundlichen Tipp verstanden wissen – sondern als Ankündigung, dass man mir in Zukunft 17,90 €/Monat zusätzlich berechnen werde. (Das ist schon sprachlich zu bemängeln, was einer Hotlinemitarbeiterin aber kaum zu vermitteln ist.) Ich hatte in der Zwischenzeit nämlich eine Rechnung erhalten, in der mir Unitymedia einen Kabelanschluss in Rechnung stellt – wohlgemerkt ohne dass Unitymedia wissen konnte, ob ich diese Leistung noch benötige bzw. ob sie überhaupt erbracht wird.
Auf diese Weise verschiebt Unitymedia das Risiko elegant auf Kundenseite: Falls man die Leistung nicht benötigt, muss man sich erst mal melden, soll dann nachweisen (!), dass ein Kabelanschluss schon existiert und bekommt dann sein Geld zurückerstattet.
Schlussendlich ist noch interessant, dass Unitymedia zum Nachweis die Nennung einer Kundennummer im gleichen Mehrparteien-Haus genügt. Ob ich aber tatsächlich in der Wohnung wohne, zu der die Kundennummer gehört, kann ohne Privatdetektiv kaum überprüft werden. Ob es hingegen unter meiner neue Adresse überhaupt bereits Kabelkunden gibt, das hätte man bei Unitymedia wohl auch ohne mich feststellen können.
Unterm Strich bleibt die Erkenntnis, dass Unitymedia mir pauschal unterstellt, Kabelschwarzgucker zu sein, mir deshalb erst mal eine Rechnung stellt und sich nur nach Beweis des Gegenteils dazu erbarmen will, mir den zu Unrecht vom Konto eingezogenen Betrag zu erstatten. (Und ich vermute mal: Ohne die für Sofortkredite üblichen Zinsen.)
Als Einzelkunde ist man in so einer Angelegenheit ja erst mal recht hilflos, kann bestenfalls drüber bloggen. Aber ich werde mal austesten, ob sich die Verbraucherzentrale NRW nicht für solches Geschäftsgebaren interessiert.
Stammelige Gedanken
Zu Sarrazin muss man ja eigentlich nichts mehr kommentieren. Ich habe die ganze Debatte eher nebenbei verfolgt, weil das Thema, über das Sarrazin polemisiert, ja wirklich seit 40 bis 50 Jahren rauf und runter diskutiert wird. Die Diskussion ist wichtig, aber provokative Beiträge interessieren mich einfach nicht.
Gestern abend wollte ich mir dann aber doch mal einen Eindruck machen, wie der Mann so persönlich wirkt und sah mir online die Aufzeichnung von “Hart aber fair” an. Nach rund 15 Minuten musste ich ausschalten. Zum einen, weil die ganze unsachliche Erregungsdebatte mir fürchterlich auf den Zeiger ging, auch von Seiten der Sarrazin-Gegner. Und zum anderen, weil mir klar geworden war, dass Thilo Sarrazin dem Anschein nach niemand ist, der einen klaren Gedanken fassen kann.
Sarrazin war Berliner Finanzsenator und dann Vorstandsmitglieder der Bundesbank. Jobs, die sich über öffentliche Kommunikation wohl fast definieren. Und so ein Mann sitzt dann in einer Fernsehsendung und kriegt keinen gerade Satz formuliert, stammelt sich durch wirre Faktenfolgen, die Zusammenhänge nur andeuten statt klären. Wenigstens sein geradezu manisch reflexhaftes Einstreuen eines “also” alle fünf Wörter hätte man ihm doch mal in einer Redeschulung abgewöhnen können, oder?
Vor so jemandem muss ich keine Angst haben. Der Mann ist kein Demagoge, er wird niemanden verführen, sondern erreicht nur diejenigen, die sowieso seiner Meinung sind.
Langweilig, nächstes Thema bitte.
Sonnenstudiotussis dieser Stadt, gebt mir meine Öffentlichkeit zurück!
Ich muss definitiv wieder mehr bloggen, und wenn es nur ist, um die ganzen guten Stories nicht den anderen zu überlassen, die sich wie ich darum bemühen, einer bekannten Geschichte einen bedenkenswerten Aspekt abzuringen.
Das war mir gestern oder vorgestern schon bewusst geworden, als ich darüber stolperte, dass Mario Sixtus schon lesenswert darüber geschrieben hat, warum StreetView gut ist: Weil es nämlich dafür sorgt, dass die Öffentlichkeit weiterhin Öffentlichkeit bleiben, vielleicht sogar erst sein kann.
Ein interessanter Effekt des Netzes ist es, theoretische Rechte in praktische zu verwandeln. Das allgemeine Grundrecht auf freie Meinungsäußerung machte sich beispielsweise in der Pre-Netz-Ära sehr hübsch im Grundgesetz und in Sonntagsreden. Abgesehen von Flugblättern, Leserbriefen und Stammtischansprachen hatte der gemeine Bürger allerdings kaum eine Möglichkeit, von diesem Recht Gebrauch zu machen. Das Netz hat nun dieses theoretische Recht in ein praktisches verwandelt. …
Mit dem öffentlichen Raum verhält es sich ähnlich. Sich frei durch Straßen und über Plätze zu bewegen ist unser aller gutes Recht und dazu gehört auch, die darumstehenden Gebäude anzuschauen. Wem das nicht passt, der kann sein Haus mit einem hohen Zaun oder einer Mauer umgeben. … Das Netz gibt uns nun in Form von Diensten wie Flickr-Maps, Panoramio, Sightwalk oder eben Street View die Möglichkeit, wenigstens virtuell auf Wanderschaft zu gehen, also endlich ausgiebig von unserem Recht Gebrauch zu machen.
Erst Street View und Konsorten machen den öffentlichen Raum wirklich öffentlich.
Ich möchte noch einen weiteren Aspekt hinzufügen. Denn es gilt nicht nur, die Öffentlichkeit des öffentlichen Raums zu verstärken, sie auf ein Niveau zu heben, das sie vielelicht shcon lange haben sollte. Nein, es gilt vielmehr noch, allen Bemühungen entgegen zu wirken, die dem öffentlichen Raum seine Öffentlichkeit nehmen wollen.
Vorhin führte ich den Hund meiner Freundin vor die Tür. Das Tier ist a) alt und b) Dackel, was in der Kombinaion dazu führt, dass hier mehr der Hund mit dem Frauchenvertreter spazieren geht als umgekehrt. Er schnüffelt ausgiebig hier und dort, guckt immer wieder, ob es wirklich weitergeht, wenn ja, in welche Richtung und dackelt dann gemütlich hinterher. Jedenfalls ist er langsam. Gar kein Problem für mich, ich bin ja kein hektischer Typ.
Doch dann kam der Moment, als ich vor dem Sonnenstudio zwei Türen weiter stand. Davor saß die Sonnenstudiowärterin auf einem Stuhl auf der Straße und telefonierte. Es ging um Privates, wer mit wem, und warum sie denn ihm nicht einfach gesagt habe, dass er dieses oder jenes bitte tun oder lassen könne. Ich stand auf der Straße, direkt vor ihr, wartete auf den Dackel und hatte das Gefühl, in die Privatsphäre der Sonnenstudiotussi einzudringen – bis mir schlagartig bewusst wurde, dass es natürlich genau umgekehrt ist: Wie kommt diese Frau dazu, mein Recht einzuschränken, mit dem Hund meiner Freundin langsam über die Straße zu gehen? Wie unverschämt muss man eigentlich sein, meine schöne Öffentlichkeit mit seinem unwichtigen Privatgedöns einzuschränken?
Es gab einen kurzen Moment, da hätte ich mir gewünscht, der Hund wäre vor ihr stehen geblieben und hätte ihr ans Bein gepinkelt. Wenn du dich so benimmst, als sei die Straße deine Wohnung, dann benehme ich mich eben so, als seist du eine Laterne.
P.S.: Das schon mehrfach erwähnte Buch zum Thema: How To Be Alone.
Die Tabakindustrie tritt nach
Ich halte mich für einen weitgehend toleranten Nichtraucher – auch wenn ich bereits die Tatsache, dass man als Nichtraucher seine Toleranz betonen muss, bevor man in Sachen Nichtraucherschutz argumentiert, für eine Verkehrung der gesellschaftlichen Verantwortlichkeiten halte. Nun ist der Volksentscheid in Bayern aber eindeutig zugunsten des Nichtraucherschutzes ausgegangen, man könnte sich zurücklehnen und die Luft genießen, wenn sie nicht von wirrer Propaganda der Tabakindustrie weiter verpestet werden würde: “Bayern sagt NEIN! Aktionsbündnis für Freiheit und Toleranz beklagt Ergebnis des Volksentscheids und Ungleichbehandlung im Wahlkampf” (kein direkter Link auf den Artikel möglich).
Gehen wir’s mal an.
„Es ist uns nicht gelungen, die Aufklärungsarbeit, die eigentlich Aufgabe der bayerischen Staatsregierung, allen voran des bayerischen Ministerpräsidenten gewesen wäre, umzusetzen in eine ausreichende Mobilisierung der Wählerinnen und Wähler.“ kommentiert Franz Bergmüller, Sprecher von Bayern sagt NEIN! Aktionsbündnis für Freiheit und Toleranz das Ergebnis des Volksentscheides vom 4. Juli.
Das sind für den ersten Satz einer Pressemitteilung sowieso schon mal erstaunlich viele Wörter. Immerhin gesteht man ein, etwas falsch gemacht zu haben – und wenn schon nicht, für die falsche Sache gekämpft zu haben, dann aber doch immerhin, seine Unterstützter nicht mobilisiert zu haben. Doch was soll der Schlenker mit der Aufklärungsarbeit? Welche Aufklärungsarbeit ist wohl gemeint? Vielleicht die jahrzehntelange Historie der Tabakindustrie im Leugnen der Tatsache, dass Rauchen abhängig macht und Krebs verursacht? Auch auf der Website der Initiative findet man keinen Link, der etwa “Fakten zu den Risiken des Passivrauchens” betitelt wäre.
Tun wir das aber mal noch als das üblich wirre Blabla von Leuten ab, die nie eine Pressemeldung zu schreiben gelernt haben. In der Folge geht es jedoch ernsthaft absurd weiter:
Gleichzeitig deutet die erschreckend niedrige Wahlbeteiligung daraufhin, dass viele Leute nicht verstanden haben, automatisch für den Volksentscheid zu stimmen, wenn sie nicht zur Wahl gehen.
Das ist nun nicht nur falsch, sondern irreführend. Tatsächlich muss nämlich die Mehrheit der Abstimmenden einem Volksbegehren in Bayern zustimmen, damit es durchkommt. Es ist also keineswegs so, dass Enthaltungen für den Antrag gezählt werden. Wer nicht zur Wahl geht, stimmt in diesem Fall nicht stillschweigend dafür, sondern er unterwirft sich der Mehrheit derjenigen, die ihre Stimme abgeben.
Weiter im Text:
„Guten Morgen, damit sind wir nun im Verbotsstaat angekommen“ erklärt Franz Bergmüller.
Es ist schon ein rechter Nazi-Staat, der es seinen Bürgern verbietet, ihre eigenen Kinder zu schlagen, in der Kneipe in die Ecke zu pinkeln oder der sie in Straßenverkehrsordnung zu gegenseitiger Rücksicht verpflichtet. Ich meine, man muss sich das mal vorstellen: Zur Rücksicht! Verpflichtet! Wo bleibt da die Freiheit?
Herrn Bergmüllers Leider gehen weiter:
„Zudem beklagen wir die massive Ungleichbehandlung, der wir durch das Volksentscheid-Gesetz ausgesetzt waren: das Gesetz hat uns als außerparlamentarischem Bündnis diverse Werbemöglichkeiten im Rundfunk und im TV sowie im Bereich der Großflächenwerbung nicht eingeräumt. Die Tatsache, dass nur im bayerischen Landtag vertretene Parteien dieses Recht haben, führte zu einer klaren Unverhältnismäßigkeit.“ stellt Bergmüller weiter klar.
Ehrlich gesagt, verstehe ich den Hintergrund dieser Klage nicht. Auch die Initiative Pro Rauchverbot wurde nicht von einer Landtagsfraktion getragen, sondern von der ÖDP angestoßen. Und selbst wenn: Falls es einer Initiative glingt, Unterstützung durch eine Landtagspartei zu bekommen, den Vertretern der anderen Seite aber nicht, dann könnte das bereits ein Hinweis darauf sein, dass die einen eine breitere gesellschaftliche Unterstützung haben als die anderen.
Am Ende wird eine schreiende Ungerechtigkeit beklagt:
Letztendlich führe dieses Ergebnis dazu, dass lediglich ca. 20% aller Wahlberechtigten in Bayern über nur 15% der als Raucherkneipen deklarierten Gaststätten bestimmen.
Zum einen ist es eine alte Taktik derjenigen, die in einer Wahl unterliegen, die Stimmen der Gegenseite über die Wahlbeteiligung auf die Gesamtbevölkerung umzulegen und so als sehr klein darzustellen. Doch tatsächlich ist eine geringe Wahlbeteiligung gerade für die unterlegene Partei eine Chance, die herrschenden Meinungsverhältnisse durch eine hohe Mobilisierung ihrer Anhänger für den Moment der Abstimmung umzukehren. Nicht mal das ist den Rauchverbotsgegnern aber gelungen, und man muss den 20% (60% von 30%) entgegenstellen, dass gerade mal 10% der Bayern sich haben aufraffen können, gegen eine Verschärfung des Rauchverbots zu stimmen.
Doch zum anderen kommt es mir, selbst wenn ich der etwas kruden Äpfel-Birnen-Logik des Textes folge, nicht so ungerecht vor, dass 20% bestimmen dürfen, was mit 15% geschieht.
Manchmal bin ich so müde. Nicht mal mit til verlieren können die. Aber immerhin der eine Kampf ist jetzt mal gewonnen.
Mittelmäßig überdurchschnittlich
Bis ich ein Blog hatte, war ich Leserbriefschreiber. Nicht wahnsinnig oft, aber so rund zweimal im Jahr schrieb ich, immer zum leicht mokierten Amüsemang meiner Freunde und Bekannten, an Zeitungen und Zeitschriften, um meine Meinung zu einem Artikel abzugeben.
In dieser Karriere konnte ich es als größten Erfolg verzeichnen, dass einmal der Spiegel eine meiner Zuschriften abdruckte. Dort hatte man nämlich in einem Artikel über die Unterschiede in den Geistesleistungen von Männern und Frauen geschrieben, dass bei einer bestimmten Geistesleistung nur die Hälfte aller Frauen den Mittelwert der Männer erreiche. Ich stellte in meinem Leserbrief klar, dass das wohl auch für die Männer gelte, schließlich handele es sich eben um den Mittelwert. (Die feine Unterscheidung von arithmetischem Mittel und Median schenke ich uns jetzt mal.)
Leider wurde mein Leserbrief wohl nicht von jedem Spox-Redakteur, jedenfalls aber auch nicht von Otmar Hitzfeld gelesen. Letzterer sollte das eigentlich nicht mal nötig haben, ist er doch schließlich Lehramtsmathematiker. Dennoch äußert er sich im Gespräch mit spox.com über die Reifung des Bastian Schweini Schweinsteigers wie folgt:
“83 Prozent seiner Pässe kommen an, der Durchschnitt der Bundesliga liegt bei 75 Prozent. Er hat die richtige Dosierung zwischen Defensivaufgaben und dem Spiel nach vorne gefunden”, sagt Ottmar Hitzfeld im Gespräch mit SPOX.
Der Fehler, den Hitzfeld macht, ist zugegeben nicht so grob wie der damalige der Spiegel-Redakteure, eigentlich ist es mehr eine Impräzision. Aber eins gilt auch hier: Der Vergleich mit dem Durchschnitt ist interessant, aber wenig aussagekräftig. Denn selbstverständlich gibt es bei jedem Durchschnittswert Spieler, die besser sind als der Durchschnitt. Dass Schweinsteigers Passquote besser ist als der Durchschnittswert, sagt also erst mal nur aus, dass er zu den besseren 50% der Bundesligaspieler in dieser Disziplin gehört. ich sag mal: Besser als wie nix, aber zu einem Sonderlob reicht das noch nicht.
Eine viel aussagekräftigere Zahl wäre es etwa, zu erfahren, im wievielten Perzentil Schweini mit seinem Wert gehört. Sind also 1%, 10%, 30% oder wie viele Prozent der Bundesligaspieler besser als er? Außerdem wäre interessant zu wissen, ob er in der generell sehr passicheren Bayernmannschaft oben oder unten liegt? Wenn ich mich recht entsinne, hat Bayern in der Champions League eine Passquote von 82%. Damit läge Schweini, falls dieser Wert auch für die Bundesliga gilt, mit seiner Quote gerade mal im Mittelfeld seiner Mannschaftskameraden, die ja sein Maßstab sein sollten – auch wenn andererseits keiner mehr Pässe spielt als er.
Was lehrt uns das jedenfalls mal wieder? Mit Statistik kann man alles beweisen.
Wie nachlässig Apple iTunes-Kundendaten schützt
Im ersten Moment hatte ich ja gehofft, eine gigantische Sicherheitslücke bei einem der größen E-Commerce-Anbieter aufgedeckt zu haben – und meinem Blog mit der Veröffentlichung Millionen und Abermillionen von Besuchern zu bescheren. Kurz darauf schien mir, dass in diesem Fall das größere Leck wohl eher vor einem Meppener Bildschirm gesessen hatte. Dennoch denke ich, dass ein Shop-Anbieter wie Apple den hier begangenen Kunden-Fehler mit einfachen Mitteln ausschließen kann – und sollte.
Was ist geschehen?
Ich trage einen berühmten Namen. Naja, eigentlich nicht wirklich, aber mein Vorname war in den 60ern mal halbwegs beliebt, ich selbst bekam ihn von meinen Eltern verpasst, als seine Popularität schon auf dem absteigenden Ast war. Dennoch gibt es zahlreiche Träger dieses Namens.
Außerdem habe ich aus der Zeit bei meinem ersten Arbeitgeber eine Emailadresse, die mir schon die ein oder andere Irrläufer-Mail bescherte; die Struktur ist vorname@grosserprovider.de. Sagen wir, ich hieße Hans, dann habe ich eine Emailadresse analog zu hans@t-online.de. Immer wieder glauben nun Menschen, dass sie diese Emailadresse besitzen und senden zur Prüfung Testmails. Manche melden sich aber auch gleich bei irgendwelchen Newslettern an (*nerv).
Und wieder andere melden sich mit meiner Emailadresse, von der sie glauben, dass sie ihnen gehört, bei iTunes an – so geschehen am vergangenen Montag. Konnte ich mich darüber zunächst nur aufregen, wurde ich gestern, am Dienstag, dann aufmerksam, hatte ich doch in der Nacht eine Bestellbestätigung erhalten.
iTunes-Bestellung
Zwar nur kostenlose Artikel, aber natürlich: Der Nutzer hatte meine Email-Adresse angegeben, also bekam ich seine Bestellbestätigungen.
Und dann flüsterte mir das kleine Teufelchen auf der Schulter: Probier doch mal, ob du den Kram nicht beenden kannst, indem du sein Passwort änderst. Gesagt, getan: Ich folgte dem Link, den Apple in der Bestell-Mail zu den Account-Daten anbot, wurde nach dem Passwort gefragt, das ich natürlich nicht kannte, wählte stattdessen die Alternative “Passwort zurücksetzen”, bekam eine Mail mit einem Link, folgte diesem Link – und konnte ohne weitere Rückfrage das Passwort des Nutzers zurücksetzen und ein neues, von mir gewähltes angeben.
Email: iTunes-Passwort zurückgesetzt
Es kam keine Sicherheitsabfrage etwa nach den letzten Ziffern seiner Kreditkartennummer oder nach dem Namen seines Hundes, den er in seinen Accountdaten für solch einen oder ähnliche Zwecke ebenso angegeben hatte wie sein Geburtsdatum. Der Hund heißt übrigens Aika.

iTunes-Sicherheitsabfrage
Unterm Strich ist das Ergebnis meiner mir in den Schoß gefallenen Hack-Attacke, dass ich nach Änderung des Passworts und der Antworten auf die Sicherheitsabfragen (der Hund heißt jetzt nicht mehr Aika) nun den iTunes-Account eines anderen Menschen besitze, wenigstens über ihn verfügen kann.
Und natürlich hat der Nutzer auch seine Kreditkartendaten angegeben, die ich zwar nicht auslesen kann, weil sie von iTunes bis auf die letzten 4 Ziffern korrekt verdeckt werden. Aber ich könnte dennoch buchstäblich auf Kosten eines Namensvetters aus Meppen bei iTunes einkaufen bis der Arzt kommt – oder die Polizei, denn mir ist schon klar, dass das illegal wäre und ich über meine IP-Adresse im Zweifel identifiziert werden könnte. Außerdem bin ich ja ein guter Mensch und will niemandem Schaden zufügen.

iTunes-Accountdaten meines Namensvetters
Ich möchte die Sache nicht größer machen als sie ist. Letztlich hat den ersten und größten Fehler ein Mensch aus Meppen gemacht, der bei der Anmeldung zum iTunes-Shop eine falsche, aber existierende Email-Adresse angegeben hatte, nämlich meine.
Aber dennoch ziehe ich folgendes Fazit: Apple ließ zu, dass ich alleine mit Kenntnis dieser Email-Adresse und mit Zugriff auf das Postfach den iTunes-Account eines anderen Nutzers übernehmen konnte und nun auf dessen Kosten Produkte downloaden könnte. Es wird für das Zurücksetzen des Passworts keine Sicherheitsabfrage präsentiert, obwohl diese Daten im Account durchaus angegeben waren. Ich halte das für fahrlässig.
Ich werde als nächste Schritte Apple und den Nutzer von dem Vorgang informieren. Wenn etwas zurück kommt, werdet ihr es hier lesen können.
Apfelzecken
Diese ach so tolle und freundliche Firma Apple ist ja wohl echt ein kompletter Zeckenverein. Nicht nur, dass die einem Safari-Updates aufdrängen, nur weil man mal iTunes abonniert hat. Nein, die verzichten auch auf ein Double-Opt-In für den iTunes-Store, weswegen ich jetzt einen Account dort habe, den irgendjemand heute (mal wieder) irrtümlich mit meiner alten Emailadresse vorname@grosserprovider.de eingerichtet hat.
In der Anmeldemail gibt’s keinen Passus “Wenn Sie diese Anmeldung nicht vorgenommen haben….” oder “Bitte klicken Sie hier, um Ihre Anmeldung zu aktiveren…” oder überhaupt nur ein Link “Falls Sie keine Mails mehr von uns erhalten wollen, dann…”. Nichts. Ich bin da jetzt drin und werde die wohl verklagen müssen, um rauskommen. Wahrscheinlich muss ich froh sein, wenn ich jetzt nicht von Remote das neue MacOS auf’s System gepusht bekomme, oder sowas. Aber wenn die sich da mal nicht in mir täuschen, dafür geh ich bis nach Karlsruhe!
Und das soll jetzt die Firma sein, die dem großen bösen Monopolisten aus dem Nordwesten entgegentritt? Selber Elche!
</rant>
P.S.: Die Geschichte ging weiter: Wie nachlässig Apple iTunes Kundendaten schützt.
Das weitere Verschwinden der Kindheit
Via fefe ihm sein Blog erreicht uns der Hinweis auf die folgende heise-Meldung: “Verbraucherschützer gehen gegen Kinder-Websites vor“. Daraus folgendes Zitat:
Der Sprecher des Zentralverbandes der Deutschen Werbewirtschaft und des Deutschen Werberates, Volker Nickel, hält die Aufregung um Kinderwerbung für übertrieben. [...] Wer Kinderwerbung dämonisiere, stelle die Jüngsten als naiv dar.
Na, dann schlagen wir doch mal nach: Stichwort Naivität.
Naivität bzw. Blauäugigkeit (zugehöriges Adjektiv naiv, von Französisch „naïf“, kindlich, ursprünglich, einfältig, harmlos, töricht)
Nee, also echt, Kinder als naiv darstellen, wo da Wort sogar “kindlich” bedeutet? Gemein!
Mal im Ernst: Selbst wenn der Klops nicht schon wegen der offensichtlichen Inkompetenz Volker Nickels im Gebrauch gängigster Fremdworte erkennbar wäre, so wäre es doch nicht minder pervers, wie Nickel den Kindern ihr Wesen nehmen möchte, um bessere Geschäfte zu machen. Wer Kindern eine ihrer markantesten Eigenschaften absprechen will, nämlich naiv im Sinne von “ursprünglich” zu sein, wer sie also zu kleinen Erwachsenen machen möchte, der versündigt sich an der Gesellschaft. Nicht mehr, nicht weniger.
Nennt mich nicht Ismael
Lange nichts mehr von Professor Pfeiffer gehört, wahrscheinlich ist einfach zu lange niemand mehr Amok gelaufen. Jetzt aber gibt’s gute Nachrichten für den selbsternannten Behüter unserer Kinder: Jugendschutz wird einfacher, denn es ist eine neue Korrelation entdeckt worden.
Ungelogen, es ist nämlich so:
Der durchschnittliche PNI für die jugendlichen Kriminellen in unserem Datenbestand war erheblich niedriger als der für die allgemeine Bevölkerung.
Der PNI ist ein Index, der die Häufigkeit eines Namens innerhalb einer Bevölkerung angibt. Man kann also sagen: Kinder mit seltenen Namen werden öfter kriminell als solche mit gängigen Namen.
Ist doch logisch, oder? “Having an unusual name . . . leads to unfavorable reactions in others, which then lead to unfavorable evaluations of the self” (in der Originalstudie von Twenge and Manis zitiert).
Es ist also ganz einfach: Außer, dass man natürlich die Blagen in Horts und Erziehungsheimen wegsperrt und ihnen dort die Computerspielerei aus dem Leib verbietet, muss man nun bloß noch den Eltern des Packs klar machen, dass sie ihre Kinder nicht mehr Shakira, Michelle oder Lewin nennen. Stattdessen müssen wir Generationen von Michaels, Stefans (ist Stephan vielleicht schon zu exotisch?) und Maries ausbrüten lassen – und alle Probleme sind gelöst. Vielleicht hatte die Unterschicht das schon geahnt und sich deswegen darauf geeinigt, “Kevin” zu einem Massentrend zu machen? Selbstreinigung durch Uniformität, quasi?
Schade nur, dass andere Forscher nicht so schlicht denken wie Professor Pfeiffer. Dr. Daniel Lee, der an der Universität Shippensburg in Pennsylvania die Untersuchung (First Names and Crime: Does Unpopularity Spell Trouble?) verantwortete, erklärt den gefundenen Zusammenhang nämlich mit dem Erzfeind von Prof. Pfeiffer, einer gemeinsamen Ursache für die korrelierten Größen:
Jugendliche mit unpopulären Namen kamen meist aus nicht-traditionellen Familien, wie Haushalten von Alleinerziehenden, und aus Gegenden mit geringerem sozioökonomischem Status. Wenig verbreitete Namen sind deshalb wahrscheinlich nicht die Ursache für Kriminalität, sondern korrelieren mit Faktoren, die die Tendenz zu Jugendkriminalität verstärken.
Aber vielleicht lässt sich ja finden, dass Kinder mit seltenen Namen auch mehr Medien konsumieren als andere. Dann haben wir sie endlich wieder wieder, und es heißt: Ab ins Heim, Ismael!
Die zweifelhaften Methoden des Professor Pfeiffer
Der Herr Professor mal wieder. Dieses Mal muss ich ihn nicht mal selbst zerlegen, das übernehmen SZ und NZZ:
Dem methodischen Murks zum Trotz hat Pfeiffer den Rechtstrend der deutschen Jugendlichen richtig erkannt. Leider weiß er damit wenig anzufangen. In Berlin warb er für Ganztagsschulen – damit Jugendliche nachmittags nicht auf dumme Gedanken kommen.
Das ist übrigens die Standardforderung Pfeiffers: Kinder ihren Eltern wegnehmen.
Wofür sich weder Pfeiffer noch Schäuble ernsthaft interessieren, ist ihr Forschungsgegenstand. Sie fragen nicht, warum vor allem junge Männer nach rechts außen tendieren. Sie sitzen nur vor ihrer Studie und sagen: Geh weg!
Warum auch sollte man sich für Dinge interessieren, die einem selbst ohne dieses Interesse helfen, sich zu profilieren?
Das Internet macht es möglich, die Medienberichterstattung direkt mit dem Text der Studie zu vergleichen, die im Volltext im Netz steht (www.kfn.de/versions/kfn/assets/fb107.pdf). Wer das tut, wird Anlass zum Erschrecken finden, weil das Medienecho nicht nur den Schwerpunkt der Studie grob verzerrt wiedergibt, sondern auch eine völlige Kritiklosigkeit gegenüber den methodischen Fragwürdigkeiten des Unternehmens erkennen lässt. Schief sind fast alle Schlagzeilen über die Ergebnisse, misst man sie am Schwerpunkt der Untersuchung.
…
Kernbotschaft des Hauptteils ist die Aussage, dass die Jugendgewalt entgegen der öffentlichen Wahrnehmung weiter zurückgeht. Aber da bekanntlich «good news» keine ordentlichen Nachrichten abgeben, stürzt man sich auf den Schlussteil, der auf 15 Seiten von «Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechtsextremismus» handelt .
…
Liest man die Details, so gibt es gute Gründe für Zweifel an den volltönenden Behauptungen.
Tja, das ist eben der Unterschied zwischen Wissenschaftlern und Politikern (inkl. Ex-Politikern): Mit Zweifeln kommt man nicht auf ein Podium.
