Mittelmäßig überdurchschnittlich

Bis ich ein Blog hatte, war ich Leserbriefschreiber. Nicht wahnsinnig oft, aber so rund zweimal im Jahr schrieb ich, immer zum leicht mokierten Amüsemang meiner Freunde und Bekannten, an Zeitungen und Zeitschriften, um meine Meinung zu einem Artikel abzugeben.

In dieser Karriere konnte ich es als größten Erfolg verzeichnen, dass einmal der Spiegel eine meiner Zuschriften abdruckte. Dort hatte man nämlich in einem Artikel über die Unterschiede in den Geistesleistungen von Männern und Frauen geschrieben, dass bei einer bestimmten Geistesleistung nur die Hälfte aller Frauen den Mittelwert der Männer erreiche. Ich stellte in meinem Leserbrief klar, dass das wohl auch für die Männer gelte, schließlich handele es sich eben um den Mittelwert. (Die feine Unterscheidung von arithmetischem Mittel und Median schenke ich uns jetzt mal.)

Leider wurde mein Leserbrief wohl nicht von jedem Spox-Redakteur, jedenfalls aber auch nicht von Otmar Hitzfeld gelesen. Letzterer sollte das eigentlich nicht mal nötig haben, ist er doch schließlich Lehramtsmathematiker. Dennoch äußert er sich im Gespräch mit spox.com über die Reifung des Bastian  Schweini Schweinsteigers wie folgt:

“83 Prozent seiner Pässe kommen an, der Durchschnitt der Bundesliga liegt bei 75 Prozent. Er hat die richtige Dosierung zwischen Defensivaufgaben und dem Spiel nach vorne gefunden”, sagt Ottmar Hitzfeld im Gespräch mit SPOX.

Der Fehler, den Hitzfeld macht, ist zugegeben nicht so grob wie der damalige  der Spiegel-Redakteure, eigentlich ist es mehr eine Impräzision. Aber eins gilt auch hier: Der Vergleich mit dem Durchschnitt ist interessant, aber wenig aussagekräftig. Denn selbstverständlich gibt es bei jedem Durchschnittswert Spieler, die besser sind als der Durchschnitt. Dass Schweinsteigers Passquote besser ist als der Durchschnittswert, sagt also erst mal nur aus, dass er zu den besseren 50% der Bundesligaspieler in dieser Disziplin gehört. ich sag mal: Besser als wie nix, aber zu einem Sonderlob reicht das noch nicht.

Eine viel aussagekräftigere Zahl wäre es etwa, zu erfahren, im wievielten Perzentil Schweini mit seinem Wert gehört. Sind also 1%, 10%, 30% oder wie viele Prozent der Bundesligaspieler besser als er? Außerdem wäre interessant zu wissen, ob er in der generell sehr passicheren Bayernmannschaft oben oder unten liegt? Wenn ich mich recht entsinne, hat Bayern in der Champions League eine Passquote von 82%. Damit läge Schweini, falls dieser Wert auch für die Bundesliga gilt, mit seiner Quote gerade mal im Mittelfeld seiner Mannschaftskameraden, die ja sein Maßstab sein sollten – auch wenn andererseits keiner mehr Pässe spielt als er.

Was lehrt uns das jedenfalls mal wieder? Mit Statistik kann man alles beweisen.

Auswärtsfans pfeifen auf Kalles Almosen

Es ist immer wieder traurig zu lesen, wie der große FC Bayern mit seinen und gegnerischen Fans umgeht. Ich muss die Schikane ja nicht persönlich erleiden, bin ohnehin ein Tribünensitzer, aber es deprimiert mich trotzdem, wie die Vereinsführung die Stimmung in der Arena verschenkt, indem sie eigene und generische Fangruppen vergrätzt.

Jetzt berichtet das Mingablog vom vielleicht deutlichsten Zeichen, wie weit sich der Vorstand des FCB von den Fans entfernt hat. Denn einige Auswärtsfans (!) haben sich zusammengeschlossen und einen Brief an Killerkalle geschrieben, in dem sie ihm zu verstehen geben, dass sie auf seine Almosen pfeifen, die er auch noch als großartiges Zeichen für Fantoleranz verstanden wissen will. Auswärtsmannschaften dürfen jetzt vor Spielen in München nämlich  ihre Fahne auf dem Rasen schwenken. Ein Zusammenschluss von Fans verschiedener Erst- und Zweitligaclubs dazu:

Sie offenbaren, keinerlei Ahnung zu haben, was Fans eigentlich wollen.Auswärtige Fans wollen nicht pauschal von der Münchner Polizei und dem dazugehörigen USK wie Schwerverbrecher behandelt werden. Sie wollen ihre Fahnen in uneingeschränkter Größe IN ihrem Block schwenken und nicht auf dem Spielfeld. Sie wollen Choreographien mit Materialien ihrer Wahl durchführen, ihr Bier und ihre Stadionwurst mit Bargeld kaufen und diese IM Block anstatt davor verzehren, um auch etwas vom Spiel mit zu bekommen. Sie wollen ein Megaphon zur Koordination ihrer Unterstützung erlaubt bekommen anstatt sich von der Münchner Polizei anhören zu müssen, dass der Einsatz eines Megaphons sicherheitsgefährdend sei.

Anders ausgedrückt: auswärtige Fans möchten die Mindeststandards, die in fast allen Bundesligastadien herrschen, auch in München, dem selbst ernannten Vorreiter in Sachen Respekt und Toleranz, vorfinden.

Es ist doch offensichtlich: Fans wollen kreativ sein und eben gerade nicht in einen offiziellen Ablauf eingebunden werden.

Dabei wäre es so einfach. Wenn der Vorstand des FCB Respekt vor dem Gegner zeigen wollte, dann sollte er einfach bei sich selbst anfangen. Ich empfehle das spanische Beispiel, das mir wirklich gelungen vorkommt, ob es jetzt perfekt nach Deutschland passt oder nicht: Bei spanischen Ligaspielen sitzen die Präsidenten der beider Clubs nebeneinander auf der Tribüne, sie jubeln nicht demonstrativ über die Tore ihrer Mannschaft und geben sich nach dem Spiel die Hand. Der Mannschaft hat man das schon verordnet, die verabschieden sich jetzt mit Handschlag vom Gegner, was ich sehr positiv finde. Doch warum fasst sich der Vorstand nicht an die eigene Nase?

Es wäre ein klares Zeichen – für das man nicht die Kreativität der Fans beschneiden muss.

Scholli for President

Wenn es von irgendeinem Ex-Fußballprofi immer Spaß macht, etwas zu hören, dann von Mehmet Scholl. Am heutigen Samstag druckt die Süddeutsche ein Interview mit ihm über seinen neuen Job beim Fernsehen. Das Interview ist unspektakulär und doch interessant, denn Scholl gibt sich mal wieder so unprätenziös, wie er wohl auch wirklich ist, gepaart mit großer Flapsigkeit. Das ist einfach immer unterhaltsam zu lesen.

Ein paar Auszüge:

Über seinen Job als Jugendtrainer beim FCB:
Die sind fast 13. Da macht’s noch ein bisschen Spaß. Die kann man wegdrücken vom Ball. Nach Fußball mit Gleichwertigen habe ich kein Verlangen mehr.

Auf die Frage, ob er sich nicht wundere, dass mit Kahn und ihm ausgerechnet die beiden ehemaliger Karlsruher beim FC Bayern den Deutschen die Fußballspiele erklären sollen:
Wenn wir beim Karslruher SC geblieben wären, dann würde ich mich wundern.

Über Günther Netzer als Fernsehkommentator:
Mein Respekt vor ihm ist gewachsen. Ich habe das Gefühl, das Allermeiste, was er sagt, trifft zu. Ich könnte ihm nicht widersprechen. Ich denke immer: So einer müsste doch eigentlich beim FC Bayern gespielt haben, so viel, wie der weiß.

Über einen möglichen Job beim FC Bayern:
Jetzt bin ich dabei, den Sprung ins zweite Leben zu schaffen und habe kein Problem damit, einem Profi ins Gesicht zu sagen, warum es bei ihm nicht läuft. Eines verträgt jeder Profi: die Wahrheit.

Interview mit Mehmet Scholl

SZ-Interview mit Mehmet Scholl

Mehr Kritik an Klinsi

Vielleicht bin ich paranoid, aber zurzeit sehe ich in allen Interviews versteckte Kritik an Jürgen Klinsmann.

Mark van Bommel noch mal:

Wir spielen wieder so, wie wir letztes Jahr gespielt haben. Jeder weiß, was er zu tun hat. Wir fühlen uns gut damit

Warum war Klinsmann noch gleich geholt worden? Ach ja: Um alles anders zu machen. Weil man mal einen Radikalen wollte. Aber die Mannschaft demonstrierte schon fast provokativ ihre Unverletztlichkeit im 4-4-2.

Und was sagt Uli Hoeneß zum CL-Sieg?

Man hat gesehen, dass die Mannschaft jetzt zusammenwächst. Langsam beginnen die Automatismen zu greifen, deshalb sind wir auch sehr zufrieden

Die Mannschaft wächst zusammen? Die Mannschaft, in der außer Massimo Oddo nur noch ein anderer Neuzugang spielte, 30 Minuten lang? Was soll da bitte zusammenwachsen müssen?

Klinsi ausgecoacht?

Wenn ich das richtig verstehe, dann sagt Mark van Bommel im Spox-Interview, dass Jürgen Klinsmann gestern fast ausgecoacht worden wäre:

Florenz hat mit zwei offensiven und einem defensiven Mittelfeldspieler gespielt. Wir spielen mit zwei defensiven Spielern im Mittelfeld. So hatte Florenz in Ballbesitz einen Mann mehr. Die Nummer 88 (Felipe, Anm. d. Red.) war immer frei. Drei, vier Mal hatte er genug Zeit, um die Bälle zu verteilen oder selbst aufs Tor zu schießen. Wir müssen das taktisch besser lösen. Entweder muss ein Stürmer aushelfen oder der linke oder rechte Mittelfeldspieler. Unser taktisches Verhalten war nicht gut.

Es ist sehr elegant von van Bommel, das Wort “Verhalten” einfließen zu lassen, weil es den Fokus der Kritik auf die Mannschaft lenkt und so angemessen selbstkritisch wirkt. Intern ist aber wahrscheinlich ziemlich klar, ob Klinsmann das taktische Problem erkannt und die Gegenmaßnahme (Einrücken eines Stürmers) angesprochen hatte – oder eben nicht.

Ansonsten darf ich bei der Gelegenheit mal spox.com loben: Für Fußball sind die inzwischen meine erste Anlafstelle. Sie heben sich schon grafisch erkennbar aus dem Einerlei der anderen Sportsites heraus und bringen immer wieder interessante, besonders auch taktische Analysen, die man sonst nicht findet.

You give Project Management a bad name

Immer wieder liest man davon, dass Jürgen Klinsmann nicht einfach nur Trainer bei Bayern sei – sondern Projektleiter. Zuletzt ging die Süddeutsche heute auf das Thema ein. Die Behauptung, Klinsi sei Projektleiter, ist gleich doppelt interessant: Zum einen könnte sie das bisherige Versagen Klinsmanns als Trainer erklären. Und zum anderen kränkt sie mich in meiner Berufsehre.

Denn jetzt stelle mer uns eez enß ma janz dumm: Wat iss ene Projekt? Hallo, Wikipedia: “Als Projekt bezeichnet man ein einmaliges Vorhaben auf Zeit.” Richtig, danke. Ebenfalls in der Wikipedia zitiert wird die Definition der International Project Management Association (IPMA):

[Ein Projekt ist] ein zeit- und kostenbeschränktes Vorhaben zur Realisierung einer Menge definierter Ergebnisse entsprechend vereinbarter Qualitätsstandards und Anforderungen.

Gut. War die Aufgabe Klinsmanns als deutscher Nationaltrainer also ein Projekt? Natürlich war sie das, weil es ein klares Ziel gab, das innerhalb beschränkter Zeit erreicht werden sollte: Ein gutes Abschneiden bei der WM 2006.

Was aber ist das Ziel Klinsmanns als Bayern-Trainer, und inwieweit ist die Zeit zu Erreichung dieses Ziels begrenzt? Da fällt es tatsächlich schwer, auch nur eine der beiden Fragen zu beantworten. “Jeden Spieler jeden Tag besser machen” war mal so eine Aussage von Klinsmann. Ist das wirklich ein Ziel? Ist das denn tatsächlich ernst gemeint: JEDEN Spieler JEDEN Tag? Wie sollte das auch nur gemessen werden? Ein solches Ziel ist Wischiwaschi: Eine löbliche Absicht, ein Mittel zum Zweck, aber kein Ziel. Ist schließlich Podolski in den 5 Monaten (geschweige denn an jedem einzelnen Tag) von Klinsmanns Amtzeit besser geworden? Kroos? Toni? Van Bommel? Lell?

Co-Trainer Vasquez sagte an anderer Stelle einmal: “Jürgen Klinsmann hat eine Vision. Er will den Fußballern ermöglichen, sich als Menschen weiter zu entwickeln.” Schon das Wort “Vision” macht deutlich, dass es sich nicht um ein Ziel handelt – abgesehen davon, dass man sich Fragen kann, ob es das Ziel eines Fußballvereins sein sollte, Sozialarbeit zu betreiben? Eine Zeitbeschränkung würde ohnehin fehlen.

Konkreten Zielen, wie z.B. “innerhalb von zwei (oder drei, vier) Jahren die Champions League gewinnen”, “bis zur WM 2010 die Mehrzahl der deutschen Nationalmannschafts-Stammspieler an den Verein binden” oder auch nur “deutscher Meister 2009 werden” hat sich Klinsmann expressis verbis verweigert.

Halten wir also fest: Jürgen Klinsmann hat für seine Arbeit beim FC Bayern keine Ziele ausgegeben, die er innerhalb einer begrenzten Zeit erreichen will.

Ist das jetzt alles nur eine akademische Betrachtung? Selbstverständlich nicht. Denn mit der Vereinbarung eines Ziels zwischen Auftraggeber (Club) und Auftragnehmer (Trainer) kommt für den Trainer während der für die Zielerreichung vereinbarten Zeit auch eine gewisse Handlungsfreiheit zustande. Das war bei der Nationalmannschaft noch so: Es gab bis zur WM nur Freundschaftsspiele. Die konnte Klinsmann ruhig verlieren, denn sie waren nur Maßstäbe für den Fortschritt des Projekts. Als solche durchaus wichtig udn diskussionswürdig, aber letztlich entscheidend war nur, dass bei der WM ein gutes Ergebnis herauskam.

Genauso wäre es, wenn Klinsmann als Ziel vereinbart hätte, in zwei Jahren die Champions League zu gewinnen. Er könnte in aller Ruhe darauf hinweisen, dass die Meisterschaft 2008/09 und damit die letzten Niederlagen nebensächlich seien, wenn er 2010 sein Ziel erreicht.

Jürgen Klinsmann hat bis jetzt als Bayern-Trainer so gehandelt, als hätte er die Zeit, die man zu Beginn eines langfristigen Projekts tatsächlich hat, um ein paar Dinge auszuprobieren. Dabei darf ruhig etwas schief gehen, weil man die Weichen für den Rest des Projekts stellt. Wenn man aber die deutsche Meisterschaft 2009 gewinnen möchte (was als Ziel noch nicht mal ausgegeben ist), dann kann man nicht nach 20% der Projektlaufzeit (7 von 34 Spieltagen) schon den gesamten Puffer (7 Punkte Rückstand auf die Tabellenspitze) wegexperimentiert haben, den man in so einem Projekt überhaupt zur Verfügung hätte.

Schlussendlich weist die Süddeutsche heute in ihrem Artikel darauf hin, dass ein Trainer nicht nur die Mannschaft aufstellen und der Herrn über Spielen und Nichtspielen sein darf. Sondern dass er auch konkrete Kompetenzen zum Erfolg des Teams beisteuern muss: “Dass er ein wiefer Wettkampfcoach ist, der in Stresssituationen mit Instinkt das Richtige tut und seinem Team auch grundlegende Tugenden beibringt, aggressives Verteidigen etwa und eine kluge Raumaufteilung.” Ein Projektleiter ist nicht ein diktatorischer Chef, sondern einTeamplayer, der ganz genau definierte Qualitäten ins Team einbringen muss. Wenn er diese Qualitäten nicht zeigt, verliert er auch seine Autorität, die Mannschaft aufzustellen. Memento Sir Erich!

Ich bitte also herzlich darum, Jürgen Klinsmann nicht mehr als “Projektleiter” zu bezeichnen. Er hat kein Projekt definiert, und es wäre demzufolge besser, wenn er sich auch nicht so verhalten würde – weil er den FC Bayern München und den guten Ruf aller Projektleiter beschädigt. Und wahrscheinlich auch den der Gilde der Fußballlehrer.