Fortuna Köln – VfB Hüls 3-0
Ein Sturmtief über Köln, drei Tore, zwei (gelb-)rote Karten, zwei Auswechslungen zur Pause – und trotzdem könnte dies irgendwie auch der kürzeste Fortuna-Spielbericht der bubbleboy-Geschichte werden. Denn alle Ereignisse schienen irgendwie en passant, eingebettet in ein fast belangloses, wenn auch erfolgreiches, vor allem aber von den Wetterumständen verwehtes Spiel. (Zwei Wind-Videos vom Spiel finden sich hier: http://blogs.23.nu/bubbleboy/2010/03/clouds-across-the-sky-gegenwind-im-sudstadion/)
War nämlich der Morgen noch mäßig bewölkt und fröhlich sonnig gewesen, so zog ab dem Mittag das Sturmtief “Xynthia” über Köln auf und brachte Windstärken, die zwar noch unter Katstrophenniveau lagen, aber doch den Müll durch die Straßen der Stadt trieben und auch die Verhältnisse im Südstadion so gestalteten, dass der Schiedsrichter anbot, gar nicht erst anzupfeifen. Nur auf Wunsch beider Teams fand die erste Partie nach der Winterpause doch statt.
Trainer Mink hatte zwei Überraschungen in seine Aufstellung gemischt: Christian Beckers spielte als rechter Außenverteidiger, eine unübliche Position, die vor der Winterpause noch Tevfik Furucu mit Bravour gegeben hatte; heute saß er nur auf der Bank (Trainingsrückstand? Formschwäche? [Update: Laut Fortuna-Forum: Formschwäche). Außerdem trat die Fortuna auch als Favorit wieder nur mit einer Spitze an [Update, auch laut Fortuna-Forum: Rückenprobleme bei Can]: Kevin Kruth vor und Cengiz Can nach der Pause, so dass Mario Schwarz wieder als linker Flügelstürmer auflief, um das 4-2-3-1 zu komplettieren. Die Startaufstellung: Möllering – Beckers, Schroden, Marten, Venekamp – Ende, Dahmani – Glaser, Maouel, Schwarz – Kruth.
Es entwickelte sich bei hohen Windstärken ein Spiel, in das beide Mannschaften keinen Spielfluss bringen konnten: Der Fortuna, in der ersten Hälfte mit dem Wind, gerieten alle gut gedachten Steilpässe zu lang. Der Hülser Keeper, gegen den Wind, brachte kaum einen Abschlag auch nur in die Nähe der Mittellinie. Zwar war schnell zu erahnen, dass die Fortuna das Spiel dominierte und die bessere Spielanlage zeigte. Wirklich zu erkennen war das aber nicht, weil kaum eine Kombination zu Ende gespielt werden konnte. So entstand ein Hin und Her, das durch den Wind auch schon mal zu einem Hin und Hin entarte. (Wortspiel-Credits für “hin und hin” an levrheinland. (So macht man das, Helene!))
Der erste Höhepunkt des Spiels ereignete sich so nicht auf, sondern am Rande des Spielfelds – als der sehr inkonsistent leitende Schiedsrichter in der 20. Minute Fortuna- Trainer Mink auf die Tribüne verwies. Der schmunzelte sich dort, beobachtet von Teammanager, Ex- und Vertretungsfotograf Sebastian Flügel (Gute Besserung, palim!) zwar einen, konnte aber natürlich nicht mehr ganz so viel Einfluss auf das Spiel nehmen, wie er das üblicherweise tut.
Das Spiel plänkelte weiter vor sich hin, und es war zumindestens auch anteilig der Wind, der Wind, der in der 39. Minute der Fortuna den Führungstreffer bescherte: Ecke von der rechten Seite, eine Bö weht den Ball gefährlich Richtung Tor, hektisches und nachhaltiges Gestocher von beiden Seiten, Lars Marten ist als letzter Fortune am Spielgerät – und der gut stehende Schiedsrichter entscheidet, dass der Ball hinter der Linie gewesen sein soll.
Bis zur Pause passierte nichts mehr, dafür in derselben: Matthias Mink wechselte gleich zwei Mal aus. Cengiz Can kam für Kevin Kruth, Winterpausenneuzugang Nico Schmied für den in Halbzeit eins tatsächlich glücklosen Abdelkader Maouel. Schmied besetzte die zweite Sechserposition neben Ende, dafür rückte Hamdi Dahmani eins nach vorne.
Frisurentechnisch legte die Fortuna mit diesen beiden Einwechslungen zwar auf der Fashion-Skala zu, am Spiel selbst änderte sich aber eigentlich nicht viel. Fortuna beherrschte das Geschehen relativ deutlich, wenn auch der Zufall (i.e. Wind) immer wieder lustige Situationen produzierte: Abschläge stiegen steil auf, wechselten in der Luft tatsächlich die Richtung und wehten zum abschlagenden Möllering zurück.
Und so war es wiederum dem Schiedsrichter vorbehalten, für das erste Entertainment zu sorgen: In der 83. und 84. Minute stellte er gleich zwei Hülsen vom Platz. Der erste Sportsfreund erhielt seine zweite gelbe Karte (ich hatte kurz nicht aufgepasst, weiß nicht ob zurecht). Der zweite Platzverweis grenzte aber ans Lächerliche: Tobis Urban war an der Mittellinie etwas unnötig hart mit der Hüfte gegen einen Fortunen eingestiegen, checkte den auch erfolgreich weg, aber eine gelbe Karte wäre das obere Rand des Strafmaßes gewesen. Der Schiedsrichter zeigte dagegen glatt Rot: völlig überzogen.
Den frisch gewonnenen Platz nutzte dann Cengiz Can für die zwei abschließenden und natürlich auch endgültig entscheidenden Tore: In der 86. Minute setzte er sich in einer schönen Einzelaktion gegen die ausgedünnte Hülser Abwehr durch und schob den Ball auch noch am herausstürzenden Keeper souverän vorbei neben dem linken Pfosten ins Netz. Nach dem Tor rannte Cengiz zur Tribüne und warf sein Trikot, das er über einem weiteren getragen hatte, in den Block der Mülltonnen, die von den aufgrund des Sturms gesperrten Stehplätzen dorthin ausgewichen waren und während des Spiels die meiste Stimmung im ansonsten erstaunlich ruhigen Fanblock gemacht hatten. (”Ohne Mülltonns wär hier gar nichts los”, schallte es kurz vor Schluss die Tribüne entlang.)
In der 90. legte Cengiz dann sogar noch das 3-0 nach, woraufhin der Schiedsrichter die Partie gar nicht erst neu anpfiff.
Am Ende war es ein unbedingt verdienter Erfolg der Fortuna, der gegen harmlose Hülsen auch in der Höhe berechtigt war, trotzdem diese seltsame Partie auf mich nie den Eindruck machte, überhaupt entschieden werden zu wollen. Eine spielerische Bewertung verbietet sich angesichts der meteorologischen Umstände, kämpferisch warf aber jeder Spieler in die Waagschale, was er hatte. Auch der Einstand von Nico Schmied muss unter bemüht und einsatzfreudig abgeheftet werden. Demnächst wird er möglicherweise mehr Gelegenheit bekommen, zu zeigen, ob er der Fortuna auch spielerisch weiterhelfen kann.
In der (allerdings zu ihren Gunsten verzerrten) Tabelle rückt die Fortuna erst einmal auf den 4. Platz vor. Es folgen nun jedoch Wochen der Wahrheit mit vier Auswärtsspielen in Folge, unter anderem in Siegen und bei Alemannia II. In der Folge wissen wir mehr über das Aufstiegs-Potenzial, das diese Mannschaft in der Rückrunde möglicherweise noch anzapfen kann.
Alle meine Fotos vom Spiel auf Flickr.
Fotos von Sebastian Flügel auf Flickr.
Kurz reingeblättert: Das neue uMag
Disclosure: Der folgende Artikel entstand auf Anfrage des Hamburger bunkverlags, der das uMag veröffentlicht. Ich wurde angeschrieben, ob ich in diesem Blog eine Heftkritik veröffentlichen wollte und habe die Anfrage angenommen. Ich erhalte für diesen Artikel kein Geld oder andere Leistungen; mir wurden lediglich eine alte und die erste neue Ausgabe des Magazins kostenlos zugeschickt. Außerdem wurde mir die Möglichkeit angeboten, hier im Blog drei Probeabos zu verlosen, worauf ich aber verzichte.
Ob es dieses eine Jahr ist, das ich älter bin als die uMag-Zielgruppe? So ganz warm werde ich mit dem Relaunch des ehemaligen “Magazins für Popkultur und Gegenwart” nämlich nicht, obwohl es keineswegs nur Schatten gibt, sondern auch ein paar echte Highlights.
Alt
Ich kannte das alte U_mag, so die Schreibweise bisher, nicht, kann mich auch nicht erinnern, es jemals in der Hand gehabt zu haben. Der Eindruck, den die November-Ausgabe macht, ist die eines zeitgemäßen Popkultur-Magazins mit klarem Schwerpunkt auf Interviews. Das Layout wirkt wie das eines sehr guten Studentenmagazins: Zeitgemäß, wenn auch nicht cutting edge, aber vor allem sehr klar, mit hohem Weißanteil, auch die Fotos eher auf der High-Key-Seite, insgesamt ein gut und freundlich lesbares Heft.
Beispiele (Post-it-Lesezeichen nicht im Original…):
Aus alt wird neu
Warum eigentlich ein Relaunch? In der letzten Instanz klärt darüber weder das neue Heft selbst auf, noch das die Pressematerial. Im Editorial schreibt Chefredakteurin Jutta Rossellit, dass wir “über unsere Augen leben”, dass Musik wichtig ist und dass Popkultur hoffentlich nie aufhören werde, uns zu verändern. Ob das eine Anspielung auf das neue Heft ist? Veränderung, weil das im Pop eben so sein muss?
Die Zielgruppe des neuen uMags soll jedenfalls sein: “Großstädter, lässig, gebildet, szenig und meinungsstark”, “Early Adopters in den Bereichen Style, Kommunikation, Musik und Kultur” zwischen 20 und 39 Jahren alt. Etwas Sorge machte vorab schon diese Kategorisierung: “Diese Zielgruppe des neuen uMag liest jedoch kaum Tageszeitungen [...] dafür hat [sie] das Netz und Community-Seiten wie facebook stark in ihren Alltag integriert.”
Okay, die Generation Facebook will man also ansprechen, und die lege angeblich mehr Wert auf “kurze, konzentrierte Texte”. Ich halte diese Einschätzung genauso für ein Fehl- oder bestenfalls Vorurteil wie Felix Schwenzel, der zu dem Thema neulich schon ausführlich rumdifferenzierte. Interessant ist, wo die Redaktion ihre Rolle in dem Spiel sieht: “Aus der Fülle der Informationen filtert die Redaktion in Ruhe heraus, was wichtig ist, bereitet Texte und Layouts mit Sorgfalt auf. Dabei spielt die Kompetenz eine Rolle, mit der sich der Verlag seit Jahren in der Kultur- und Entertainmentszene bewegt.” Na, das beruhigt ungemein, wenn Kompetenz eine Rolle spielt. Wie viele Redaktion nehmen sich schließlich vor, endlich mal mit inkompetenter Stümperei den großen Publikumserfolg zu erzielen und gucken dann sparsam, wenn die Leser für 3,30 € Journalismus erwarten?
Im Ernst: Was da beschrieben wird, sollte eine nicht erwähnenswerte Selbstverständlichkeit für jedes Magazin sein, das nicht kostenlos in Franchise-Restaurants verteilt wird. Es entsteht ein bisschen der Eindruck, dass die Redaktion ihren eigenen Anspruch runtergeschraubt hat, um bei den jungen und mittelalten Leuten (neu) zu landen.
Eine schöne Entscheidung ist allerdings die, den Charakter eines Printmagazins zu stärken, indem man das Medium Papier fühlbarer macht: Das neue uMag ist auf gröberem, weniger gebleichtem Papier gedruckt. Ich mag es, wenn man das Papier anfassen kann und seine Struktur fühlt, wenn es sogar etwas mehr nach Papier riecht als eine typische Illustrierte.
Vergleich von vorher und nachher:
Neu
Das entsprechend diesem Konzept komplett neu gestaltete uMag macht einen gemischten Eindruck. Die angeblich so konzentrierten Texte wirken nur kurz – insbesondere dann, wenn man schon dem Layout ansieht, dass aus wenig Inhalt viele Seiten gemacht werden sollen.
Generell wirkt das neue Magazin deutlich unstrukturierter, schlechter lesbar. Die gestalterische und inhaltliche Klarheit ist einem farblich blassen Durcheinander von Informationshäppchen gewichen. Das fängt beim Inhaltsverzeichnis an, manifestiert sich am stärksten auf den Seiten mit vermischten Inhalten und zeigt sich auch auf einer eigentlich schönen und immerhin einfallsreich gedachten Doppelseite, auf der Alice im Wunderland mit Bildern gehuldigt werden soll. Diese Bilder sind dann aber Konsumgüter, die mit Hersteller und Preis erwähnt werden, was dem ganzen flott den Charme nimmt.
Zwei Lichtblicke gibt es aber auch. Zum einen eine wunderschöne Strecke mit Fotos von Todd Hido, der gewissermaßen Desperate Housewives und ihre Häuser fotografiert hat. Bei ihm kommen seine Kunst, die Papierqualität und die inhaltliche Ausrichtung des uMags endlich zu einem stimmigen Ganzen zusammen.
Überhaupt: Wenn schon das Papier matt ist, dann müssen die Fotos strahlen. Und das tun sie, wenn auch düster, im Fall von Todd Hidos Bildern mal. Ansonsten aber dominieren im neuen uMag blasse Farben, ganze Seiten sind in stumpfminz gefärbt, was aber einfach nur unspannend ist. Die “11 Freunde” macht Monat für Monat vor, wie’s geht: Stumpfes Papier, klare Fotos.
Das gelingt dem uMag auch bei der Titelstrecke über die Blood Red Shoes. Um das etwas in das eigene Shooting verliebte Interview will ich in diesem Fall lieber den Mantel des Schweigens hüllen, aber die Fotos passen auch hier gut zum physikalischen Format des neuen Magazins.
Schlussendlich gibt es noch einen ordentlichen Artikel über den vorgeblichen Backlash gegen soziale Netzwerke. Auch hier ist das Layout gut gelungen, und selbst wenn der Artikeltext letztlich nur die kulturpessimistischen Thesen eines aktuellen Buchs etwas unkritisch widergibt, werden diesem Text doch drei Interviews mit aktiven Web-2.0-Nutzern gegenübergestellt, was als journalistisch sauberes Konzept schon durchgehen kann.
Fazit
Unter dem großen Strich kann ich im Relaunch des uMags zwar Veränderung erkennen, aber keine Verbesserung. Das Papier ist schöner geworden, das Format übrigens auch minimal handlicher. Aber die Chancen, die das Papier bietet, werden aus meiner Sicht zu oft vergeben. Häppchenjournalismus war angekündigt, und Häppchenjournalismus ist das neue uMag geworden. Das liest sich letztlich so verwirrend wie die KinoNews bei McDonald’s.
Auf den oben erwähnten Lichtblicken im Heft kann man aufbauen, aber die letzte Notwendigkeit des Relaunchs, wenn er nicht wirtschaftlich notwendig war, erschließt sich mir im Rückblick und als Neuleser nicht. Dennoch werde ich in den nächsten Monaten sicher immer mal wieder reinschauen und verfolgen, wie sich das Heft entwickelt.
P.S.: Hier gibt’s eine Sammlung der anderen Blattkritiken aus den vom uMag angeschriebenen Blogs.
P.P.S.: Verleger Uwe Bunk verteidigt das neue uMag im Interview mit DWDL.
Kurz reingeschaut: Spoon im Luxor, Köln
Ich weiß auch echt nicht, was ich will: Nach den Good Shoes meckerte ich noch, dass die mir auf der Bühne zu wenig machten. Am Freitag im Luxor machten Spoon noch weniger – und machten vielleicht gerade deswegen einen anhaltenden Eindruck auf mich.
Im Vorprogramm hatten sie die White Rabbits mitgebracht. Auf Platte klingen die zwar auch schon groovig, aber doch noch recht poppig. Live wischen sie den Pop weg, und zum Schein kam ein fast schon tribaler Auftritt: Mit Paukenschlegeln auf den Drums den Rhythmus gedroschen, dazu reduzierte, repetitive Instrumente und ein emotionaler, nachdrücklicher Gesang – fertig ist der halbstündige, überzeugende Auftritt. Ein perfekter Auftakt für Spoon!
Dann also Spoon. Ich mag’s ja sehr gerne, wenn man aus der Musik, die vor dem Auftritt läuft, etwas über die Band erfährt, sowieso natürlich aus der konkreten Einlaufmusik der Band, wenn sie denn eine ausgewählt hat. So verstand ich etwa schon, was Art Brut mit AC/DC zu tun haben, und warum die so organisch klingenden Air doch nicht weit von Kraftwerk entfernt sind.
Spoon ließen zwischen den White Rabbits und ihrem Auftritt einen repräsentativen Querschnitt von Beatles-Songs spielen, aber gerade nicht die ganz großen Hits. Der anwesende Kollege, der schon mal auf einem (oder mehreren?) Spoon-Konzerten war, war leicht irritiert: Nicht etwa, weil er die Beatles nicht so verehrte, wie das jeder aufrechte Musikfreund tut. Sondern weil er vor Spoon-Auftritten bisher Dub-Musik kannte. Das schien mir weit hergeholt, bis ich es dann doch hörte, als der letzte Beatles-Song vor dem Auftritt ganz leicht verdubbt wurde, und schließlich zum Betreten der Bühne kurz ein 100%iger Dub-Track laut eingespielt wurde. Auch während ihres Auftritts ließen Spoon den Mixer immer wieder mal ganz kurz den Echoregler ganz nach oben ziehen (im zweiten Video unten etwa kurz nach 0:30, etwas ubtiler im ersten ab ca. 0:15) . Und tatsächlich erklärt Dub viel der Methode Spoon: Da ist die Rhythmusorientierung, da ist auch der meist in Viertel- oder Achtelnoten vor sich hin pluckernde, markante Bass, der aber mit kleinen Variationen doch viel Groove macht. Und da ist natürlich überhaupt das Prinzip der Reduktion jedes Songs auf seine Knochen.
Das alles bringen Spoon auf der Bühne vergleichsweise unspektakulär dar: Da ist wenig Bewegung, aber viel Ernsthaftigkeit und Tiefe. Aber ein bisschen ging es mir wie in der Ausstellung von Boris Becker (nicht der Tennis-Spieler): Auch da war die Kunst sehr reduziert und die Präsentation zwar (buchstäblich) breitwandig, aber vordergründig unspektakulär. Und doch ermöglicht es gerade dieser Verzicht auf Effekte, dass der Eindruck viel nachhaltiger ist, den die Bilder von Becker und den die Musik von Spoon macht. Es war eines der ganz wenigen Konzerte, bei denen ich es mich nicht störte, die Band nicht gut zu sehen, weil die Musik so eindringlich war (und übrigens auch sehr ordentlich abgemischt und mit gesunder Lautstärke).
Auch ich halte es jetzt für denkbar, dass Spoon die beste Band der vergangenen 10 Jahre sein könnten. Die können was.
Veranstaltungstipp: Formation Doppelherz 2000 im Tsunami Club
Ich werde wohl leider nicht hin können, weil ich am nächsten Freitag konzentriert werde arbeiten und mich bei einem Konzert der Formation Doppelherz 2000 wohl nicht nüchtern halten würde können. Allen anderen möchte ich aber den folgenden Veranstaltungshinweis weiterreichen. Die Formation Doppelherz 2000 macht einfach Spaß: Gigantische Elektro-Poser mit dem Willen unbedingten Willen zur Unterhaltung.
Liebe Freundinnen und Freunde der gepflegten Unterhaltungsmusik,
einige wissen es bereits, andere erfahren es jetzt: Es kommt ein Konzert auf euch zu! Es wird das einzige im deutschsprachigen Raum sein, zudem ein Abschiedskonzert.
DIE FORMATION DOPPELHERZ 2010
(formerly known as DIE FORMATION DOPPELHERZ 2000)
ist komplett zerstritten!
Das Management hat die beiden Streithähne wieder an einen Tisch bekommen und konnte mutterf und Tim B. zu einer LETZTEN SHOW überreden.
“Ein Ereignis der Superlative.”
“So etwas habe ich noch nie erlebt.”
“Schade, dass es vorbei ist.”
“Die können doch gar nicht spielen.”
…Nur ein paar Stimmen der virtuellen Vorpremiere…
Also:
Das Konzert findet am Donnerstag, den 25.2., 21 Uhr, im TSUNAMI CLUB statt (Südstadt/ Nähe Chlodwigplatz/ Im Ferkulum 9)!!!!
Also kommt alle vorbei…
… zum Tanzen, Lachen, Weinen, Lästern.
mutterf vs. Tim B.
Kurz reingeschaut: The Delta Fiasco im Luxor, Köln (im Vorprogramm der Good Shoes)
Manchmal geht’s halt so: Da suchst du dir eine Vorband aus, die einfach unendlich viel besser ist als du. Komischerweise dachten gestern im Luxor nicht alle Besucher so, denn bei The Delta Fiasco, die im Vorprogramm auftraten, war doch einiges weniger vor der Bühne des schlecht gefüllten Luxors los als anschließend beim Hauptact, den Good Shoes. Und dabei waren The Delta Fiasco den Good Shoes doch in ausnahmslos allen Aspekten überlegen, was sich meiner kleinen Konzertgängertruppe jedenfalls sofort erschloss.
Alleine der Style, den die Liverpooler in jeder Faser ihres Seins zu haben scheinen: Der Sänger in cooler Lederjacke und mit pechschwarzem 80er-Wave-Seitenscheitel, der Drummer mit volltätowiertem Arm, der Keyboarder mit durchweg vorgebeugt groovendem Oberkörper. Und überhaupt: Da kommen die auf die Bühne, lassen ein paar Sounds in den Raum schallen, um Leute vor die Bühne zu holen, und spielen dann erst mal 20 Minuten lang einen Megamix von fünf oder sechs Tracks ohne Pause – und zwar in höchster Lautstärke. Nach 10 Sekunden wippte mein Kopf mit, nach 30 Sekunden meine Knie, nach 60 Sekunden mein ganzer Körper. Und wenn ich nicht das Image eines souverän-zurückhaltenden Typen zu wahren hätte, dann hätte ich mich spätestens ab Minute 2 auch in Zuckungen vor der Bühne wälzen können, ohne es musikalisch unangemessen zu finden. (Bitte beim folgenden Video unanständig hohen Bassdruck dazu denken.)
Noch mehr Stylebeweis gefällig? Wie cool ist bitte diese Promo-Sonderauflage der noch nicht im Handel erhältlichen Debüt-CD? Alleine den Titel auf deutsch zu übersetzen ist so unfassbar nerdig, und ihn dann noch mit einer Schreibmaschine (angeblich Jahrgang 1940) auf’s Papp-Cover zu tippen und jeder CD ein individuelles Foto einzustecken… Ohne Worte!
Viel geiler geht’s ja wohl schon mal nicht.
Ach ja, und die Musik: Das ist eine erstaunlich passende Mischung aus Synthie-Grooves, wie sie Underworld in den 80ern gemacht hätten, vergleichsweise melodischem Gesang und einem nervösen Drumming, bei dem der Beat kaum mal fünf Sekunden lang auf dem gleichen Schlaginstrument gespielt wird, immer wieder durchsetzt von original billigen 80er-Handclap-Sounds und Cowbells. Live kommt im Gegensatz zur Platte noch eine einhändig gespielte Gitarrenwand von Jesus-and-Mary-Chain-Qualitäten dazu, die man auf der Platte kaum hört.
Und das alles fährt einem sofort aber sowas von komplett in alle Glieder, wenn man irgendwie auf harte Grooves steht: Unfassbar, Sofortbegeisterung, Coolness galore! (Kann sein, dass ich mich morgen schon wieder abgeregt habe, aber es hat nicht viele Bands gegeben, die mich aus dem Stand mit kaltem Motor so überzeugt haben.)
Im Gegensatz dazu muss man über die Good Shoes dann wirklich nicht mehr viele Worte verlieren. Schluffige Studenten, die selbst die eigentlich kompetenten Songs ihrer ersten Platte völlig unter Wert verkaufen: Pflichtschuldig runtergespielt, Schlussakkord, knappe, lahme Ansage, nächstes Stück. Der Gitarrist hebt den ganzen Abend über kaum mal den Blick vom Griffbrett, treibt sich gerne in der hintersten Ecke der Bühne rum, auch schon mal mit dem Rücken zum Publikum. Der Drummer trommelt so sein Programm runter. Immerhin der Bassist geht erkennbar mit. Und der Sänger steigt zweimal sogar ins Publikum hinab, doch wenn man gerade den Eindruck hat, jetzt könnte sowas wie ein spontaner Moment kommen, dann hüpft er schon wieder auf die sichere Bühne zurück. Tut mir leid, das ist zu beliebig, zu wenig engagiert, einfach zu wenig Show. Dafür geh ich nicht auf ein Konzert. Nach kaum 60 Minuten ist schon Schluss.
Aber ich habe The Delta Fiasco kennengelernt, und dafür muss ich selbst diesen Good Shoes danke sagen!
Sfortuna per la Fortuna
Nur, falls irgendwer glaubt, ich hätte die Fortuna vergessen: Neinnein, natürlich nicht. Wegen des anhaltenden Winterwetters wird zurzeit nur Spiel um Spiel abgesagt, soeben auch das Auswärtsspiel bei Bergisch-Gladbach am kommenden Sonntag.
Ob am 28.02. die Heimpartie gegen Hüls wird stattfinden können, ist in meinen Augen auch sehr fraglich. Heute und die nächsten Tage soll es regnen, dann zwar trocken werden, allerdings bei bedecktem Himmel und weiterhin Nachtfrost. Das hört sich für mich nicht so an, als stünde in 10 Tagen ein bespielbarer Rasen bereit. Lassen wir uns überraschen. Auch letztes Jahr konnte erst Mitte März wieder gespielt werden, damals mussten sieben Partien nachgeholt werden.
Kurz reingeschaut: DePedro im Yard Club, Köln
DePedro ist die Band von Jairo Zavala, einem spanischen Sänger und Gitarristen, der auch mal zum Umkreis von Calexico gehört(e?). Über just diese Verbindung war auch meine reizende Begleiterin aus der anderen Kurve auf DePedro gekommen, als die nämlich mal im Vorprogramm einer Calexico-Show aufgetreten waren. DePedro machen letztlich sehr gute, spanische Popmusik mit leichtem, quasi calexicalischem Wüsteneinschlag.
Gestern traten sie live im Yard Club auf, weder Band noch Club kannte ich vorher, aber beide begeisterten. Der Yard Club ist quasi ein Nebenraum der bekannten Kantine. Wenn der Laden nicht am Ende der Kölner Welt wäre, gefühlt schon fast in Leverkusen, dann könnte das mein neuer Lieblingsclub werden: Angenehme Größe, schätzungsweise 200 Zuschauer Fassungsvermögen, große Bar am Ende des Saals, ein paar Stehtische und Barhocker im Raum verteilt und längs einer Seite des Raums ein paar hohe, breite und feste Polsterbänke. Sehr sympathisches Setting!
DePedro spielten ein schönes Set mit wechselnden Stimmungen, an dem sie sichtlich Spaß hatten. Besonders beeindruckend ist die Musikalität, mit der die Band performt: Da swingt, was swingen soll, da ist echte Tiefe, da ist aber auch genug Emphase, wenn es mal auf die 12 geht. Der Drummer wechselt in jedem Song mindestens einmal die Sticks, gearbeitet die Trommeln mit Holzstöcken, Paukenklöppeln, Besen oder auch den bloßen den Händen. Und dann natürlich immer wieder die lang gezogenen Trompeten! Jairo Zavala gibt all dem einen souveränen Maestro, bestimmt den Lauf der Dinge und singt so makellos wie emotional.
Natürlich ist das am Ende schon klassischer Folklore-Pop, das aber von allerbester Qualität. Ich werde sehr gerne wieder kommen. (Coole T-Shirts übrigens auch!)
Jugendsünde Plagiat?
Ich bin ja, wie regelmäßige Leser wissen, tendenziell dafür, Copyright und Patentrecht stark zu lockern. Ich bin aber im übrigen auch für Fairness. Ich finde, wenn man abschreibt, sollte man das grundsätzlich dürfen, man sollte aber auch sagen, dass und von wem man abgeschrieben hat.
Helene Hegemann, der schwer geyhpten Autorin von “Axolotl Roadkill”, wird jetzt vorgeworfen, ganze Textpassagen ihres Buchs fast wortwörtlich kopiert zu haben. Sehr interessiert lese ich nun , dass die FAZ meint, das sei ja jetzt nicht soooo schlimm, jedenfalls solle man das Thema “auch mit Blick auf die Jugend dieses aufstrebenden Talents” diskutieren. (Gregor fragt auf “Begleitschreiben” zu Recht, ob der Vorgang nicht gerade die Bezeichnung als “Talent” in Frage stellt?)
Ich bin mir sicher, diese Worte wird man beim Perlentaucher mit großem Interesse vernehmen. Hätte man damals einfach nur mehr Teenager in der Redaktion beschäftigen müssen, um der Unterlassungsklage der FAZ zu entgehen?
(alles via umblaetterer)
Kurz reingeschaut: “A Serious Man”
Ich würd mal sagen: Bogen überspannt, liebe Coens. Einfach nur skurill und unwahrscheinlich reicht eben auch nicht, etwas Story darf schon sein. “A Serious Man” beginnt, nach einem etwas unzusammenhängenden Vorspann, indem Larry Gopnik in gefühlter Zeitlupe irgendeine große Scheiße passiert, so geht es dann in einer Tour weiter, und am Ende ist es immer noch so, nach einem minimalen Zwischenhoch. Währenddessen lassen die Coens skurrille Rabbis auftreten, skurrille Nachbarn und -innen, skurille Dentalpatienten, und der Sohn von Gopnik darf wegen der Fehljustierung der häuslichen TV-Antenne nerven.
Wirklich bewegen aber tut sich in “A Serious Man” nichts. Fragen werden nicht gestellt, Antworten nicht gegeben. Das scheint Absicht zu sein, wie die unterhaltsamste, weil zur Abwechslung immerhin mal schnell erzählte Geschichte in der Mitte des Films illustriert, in der es um geheime Botschaften auf der Innenseite eines Gebisses geht und die ebenso pointenlos endet wie der ganze Film. Und nicht mal die Qualität eines Roadmovies hat A Serious Man, aus dem Held und Zuschauer durch zahlreiche Erlebnisse gestärkt irgendwie als bessere oder wenigstens klügere Menschen hervorgehen würden. Nichts davon.
Dass die Coens ihr Handwerk wie immer meisterlich beherrschen, hebt diesen Film aus dem Mittelmaß natürlich doch noch heraus. Die Skurrillität und die rein filmische Brillanz ringen einem immer wieder mal ein Schmunzeln ab. Aber am Ende wartet man doch darauf, dass die ganze Sache ans Fliegen käme.
Mehr als eine stilistische Fingerübung, offenbar verbunden mit der Verarbeitung von Jugendeindrücken, ist A Serious Man leider nicht geworden. Doch zum Glück sind die Brüder produktiv genug, so dass man wahrscheinlich nicht lange auf ein neues Meisterwerk warten muss.
Ich bin SurfGuard! (Zur Verteidigung der Anonymität gegen Jaron Lanier)
Netzpessimismus scheint gerade einen Aufschwung zu erleben: Schirrmacher, Gaschke, Lanier. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass sich der Aufschrei in den Blogs in Grenzen hielt. Auf Susanne Gaschkes Buch schrieb Felix eine schöne, fundierte Kritik, auf Jaron Laniers FAZ-Artikel antwortete Marcel Weiss auf netzwertig.com. Darin legte Marcel schon völlig richtig dar, dass der zentrale Anwurf Laniers, die „Digitalisten“ (Gaschke) hätten eine Agenda, unbegründet ist, jedenfalls von Lanier mehr als rhetorischer Trick verwendet wird, als dass er zur Klärung der Sache beitrüge.
Auf ein nachfolgendes Interview, das Lanier dem Spiegel gab, gibt es bislang erst eine Antwort – dabei finde ich dieses Interview viel interessanter als Laniers FAZ-Essay. Denn hier offenbart sich, wer in dem Streit zwischen Internetoptimisten und –pessimisten denn derjenige mit der Agenda ist.
Wer schließlich die schon seit vielen Jahren erkennbare Richtung positiv bewertet, in die sich das Web und ein paar angeschlossene Branchen entwickeln, der braucht nicht wirklich eine Agenda: Er kann sich stattdessen einfach zurücklehnen und den Dingen ihren Lauf lassen. Natürlich gibt es Menschen, die sich trotzdem bemühen, einen theoretischen Überbau zu schaffen, und zu denen würde ich mich auch zählen. Aber man darf hier Ursache und Wirkung nicht verwechseln: Die Ursache ist eine tatsächlich stattfindende Entwicklung, die Wirkung sind die nachträglichen Versuche ihrer Rechtfertigung. Diejenigen hingegen, die Gefahren oder auch nur Probleme beispielsweise im Social Web und in P2P-Technologien sehen, müssen eine gut begründete Agenda haben, weil sie den absehbaren Lauf der Welt ändern wollen.
Daran ist erst mal nichts Schlechtes, aber es gehört zur Redlichkeit dazu, zu dieser Wahrheit auch zu stehen. In dem Interview mit Jaron Lanier, der mir zuvor übrigens kein Begriff war, werden die Punkte seiner eigenen Agenda nun aber deutlich klarer als in seinem Essay, der sich noch zu sehr damit beschäftigt, die vermeintlichen Ziele seiner Gegner erst zu konstruieren und dann zu zerlegen.
Es beginnt mit einem Punkt, zu dem zu äußern mich schon lange drängte. Denn der Vorwurf ist immer derselbe, und er wird mit großer moralischer Pose vorgetragen, dabei ist er doch so einfach zu entkräften. Es geht um „Anonymität“. Man beachte die Anführungszeichen, denn tatsächlich ist das, was von Webpessimisten als „Anonymität“ bezeichnet wird, gar keine. Es gibt im Web echte Anonymität, beispielsweise auf 4chan, über deren Berechtigung man noch tatsächlich streiten kann. Diese Form von echter Anonymität ist aber in der Regel gar nicht gemeint, wenn Lanier sagt:
Die Anonymität spielt eine große Rolle. Wer anonym ist, muss keine Konsequenzen fürchten und erhält dennoch unmittelbare Genugtuung. Da wird ein biologischer Schalter umgelegt, und es entsteht eine richtige Meute. Das lässt sich auch in anderen Lebensbereichen beobachten. Wann immer sich Menschen mit einem starken gemeinsamen Glaubenssystem zusammenschließen, tritt meistens das Schlechteste zutage.
Mal abgesehen davon, dass hier mal wieder auf so perfide wie unbelegte Art und Weise eine phänomenologische Beobachtung (Menschen wollen im Internet „anonym“ sein) als Wirkung einer Absicht, sogar eines „Glaubens“ diskreditiert werden soll, vernachlässigt Lanier völlig die hinter der Anonymität stehende gesellschaftliche Notwendigkeit und das persönliche Bedürfnis.
Warum schreibe zum Beispiel ich in diesem Blog als SurfGuard und nicht unter meinem bürgerlichen Namen? Ganz einfach: Weil dieses Blog meine Ansichten als Privatperson wiedergibt. Das Pseudonym ermöglicht es mir, mit einer persönlichen Meinung öffentlich aufzutreten, diese Meinung aber von der anderen wichtigen Sphäre meines Lebens getrennt zu halten: dem Arbeitsleben.
Wenn ich zu einem Kunden fahre und mit ihm vor einem Termin noch etwas Smalltalk mache, dann werde ich ihm nicht meine Ansichten über Privacy oder die Piratenpartei oder die Auswirkungen von Testosteron auf das Sozialverhalten von Menschen ausbreiten. Überhaupt werde ich mich mit Kunden oder auch anderen Menschen, zu denen ich keine persönliche Beziehung habe oder aufbauen will, nicht über politische, religiöse oder gesellschaftliche Themen unterhalten. Das lehrt schon der kleine Knigge. Mit meinen Freunden dagegen tue ich das natürlich sehr wohl.
Das Pseudonym „SurfGuard“ ermöglicht es mir, meine private und meine berufliche Sphäre auch im Web getrennt zu halten. Ich halte es für eine gesellschaftliche Notwendigkeit, dieses Bedürfnis, das Menschen immer schon hatten, auch im Web abzubilden. Wenn es zukünftig ein besseres Konzept geben sollte als die Wahl eines Pseudonyms, dann bin ich möglicherweise dabei. Um das aber vorwegzunehmen: Auch eine strukturell offene, technologische Etablierung des „Freundschafts“-Konzepts, wie man es aus sozialen Netzwerken kennt, kann nur dann eine Lösung dieses Problems sein, wenn sie beispielsweise dem Bloggen oder Mikrobloggen nicht eine wichtige Qualität nimmt: nämlich die Offenheit, neue „Freunde“ zu finden, die einfach das lesen wollen, was dieser SurfGuard schreibt. Geschlossene Freundschaftsgruppen a la Facebook haben eine andere Qualität als offene Systeme wie Twitter. (Nicht besser, nicht schlechter, aber anders.)
Für einen Menschen wie Jaron Lanier ist das Problem wahrscheinlich gar nicht existent: Wer damit sein Geld verdient, über das Web zu schreiben und Beratungsleistungen anzubieten, für den sind die beiden Sphären so weit überschnitten, dass sie zu trennen weniger notwendig erscheint.
Erst die Wahl eines Pseudonyms ermöglicht es aber potenziell allen Menschen, zur Wunderwelt des Internets beizutragen. Nur, wenn ich mir sicher sein kann, dass der nächste Kunde, den ich zum Beispiel am Bankschalter berate, mich nicht für einen durchgeknallten Nerd hält, kann ich es mir leisten, etwa zur Katalogisierung der Ü-Ei-Welt beizutragen, zur Eignung verschiedener Teleobjektive beim Trainspotting-Einsatz oder von mir aus zur Publikation von Forschungsergebnissen der Ehrenfelder Ortsgruppe der Deutschen Chichliden-Züchter.
Solange also Jaron Lanier statt Lösungen zum Problem der Trennung von Lebens-, Privatheits- und Intimitätssphären im Web nur Diffamierungen anzubieten hat, empfehle ich: Fresse halten.
Und ganz schlussendlich wird von den „Anonymitäts“-Gegnern ja auch ein wesentlicher Punkt vernachlässigt: „SurfGuard“ ist keine wertlose Ansammlung von Buchstaben, „SurfGuard“ ist eben nicht ein 4chan-„Anonymous“. SurfGuard enthält sehr viele, wenn auch nicht alle Aspekte meiner Persönlichkeit, die sich mit geschriebenen Texten überhaupt vermitteln lassen. SurfGuard ist eine seit inzwischen 14 Jahren existierende Marke, die ich nicht leichten Herzens aufgeben würde. SurfGuard hat eine Reputation. SurfGuard ist nicht anonym. Übrigens ist die Übersetzung von anonym: namenlos.
Wie Lanier sich die Kommunikation im Internet jedenfalls nicht vorstellt, kann man kurz später lesen:
Soziale Netzwerke wie Facebook versuchen, diesen Erfolg nachzuahmen [den Google mit Werbung hat]. Das Problem ist nur, dass sie dabei soziale Strukturen im Netz zerstören, die anfangs ziemlich gut funktionierten. Die Leute haben ja auch schon vor Facebook über das Internet miteinander kommuniziert.
An dieser Stelle kann ich, wenn auch vielleicht aus anderen Gründen, mit Lanier sogar noch übereinstimmen. Etwas verwunderlich wirkt dieser Absatz allerdings dann, wenn man etwas später von ihm lesen muss, dass „die Regeln des Netzes von Technikfreaks geschrieben [wurden], die nicht viel mit menschlicher Ausdrucksweise am Hut hatten.“ Ja was denn jetzt? Gab es anfangs gut funktionierende Kommunikationsstrukturen im Netz, die jetzt von Facebook zerstört werden, oder waren das anfangs nur autistische Freaks vor ihren Akustikkopplern? Oder kann ich mir das aussuchen, je nachdem, welchen Punkt ich gerade machen möchte, den gegen Werbung oder den gegen Crowd Wisdom?
Doch als wenn es nicht schon albern genug wäre, sich selbst so offen zu widersprechen, belegt das weitere Gerede von Lanier, dass er sich im Internet einfach nicht auskennt.
Ältere Leute nutzen Facebook tatsächlich, um wieder Kontakt zu alten Freunden aufzunehmen. Diese Beziehungen sind zuvor in der realen Welt entstanden. Ihnen ist bewusst, was echt ist und was nicht. Das Problem haben eher die Jungen. Auf sie kann das Facebook-Modell, was ein Freund ist und worum es im Leben geht, einen großen Einfluss haben.
Ja, es ist so, dass Facebook einen Einfluss auf die Freundschaften Jugendlicher hat – allerdings, wie die neuere psychologisch-soziologische Forschung meint, einen positiven.
Vollends inkompetent wird es, wenn Lanier meint:
Das Netz lässt nur Konformismus zu. Es belohnt Leute, die in soziale Normen passen.
Das ist einfach grob falsch. Oder kennt irgendwer auch nur ein populäres Blog, dessen Autor/in konformistisch ist? Abweichende, interessante, sogar polarisierende Meinungen und Personen werden im Web belohnt, nicht bestraft. Problematisch wird es nur dort, wo die wirkliche Welt sich mit der virtuellen überschneidet. Denn hier werden alle Vorurteile ausgelebt, die Menschen im echten Leben gegen Homosexuelle, gegen Frauen, gegen BWLer oder gegen wen auch immer haben. Es ist aber nicht so, dass das Netz hier Konformismus fördert. Im Gegenteil ermöglicht einem das Netz, auch Aspekte seiner Persönlichkeit auszuleben, die man im wahren Leben eben nicht zeigen darf, weil das Risiko entdeckt und diskriminiert zu werden viel zu hoch ist.
Perverse Randnote: Gerade Laniers Versuch, Menschen im Web aus der „Anonymität“ zu treiben, würde im Erfolgsfall den von ihm selbst beklagten Konformismus fördern. Denn wie Lanier sagt:
Hinzu kommt, dass es das Netz nicht erlaubt, sich selbst neu zu erfinden. Es vergisst nichts.
Doch, das Netz erlaubt es sehr wohl, sich neu zu erfinden (oder unbekannte Aspekte seiner selbst zu zeigen). Man muss nur ein Pseudonym benutzen.
Es geht konfus weiter, wenn es um geistiges Eigentum geht:
Wenn man aber eine dynamische Welt will, in der jeder noch selbst erfinden, denken und seinen eigenen Weg suchen darf, brauchen wir Kapitalismus – gerade auch für den Geist. Intellektuelle Leistung muss wieder belohnt werden, und zwar individuell.
Aha. Es geht also darum, den das Individuum betonenden Kapitalismus hochzuhalten. Könnte man ja noch okay finden. Aber was Lanier unter Kapitalismus versteht, sagt er einige Sätze später sehr explizit:
Die erste Idee war die beste, wurde aber leider nicht umgesetzt. Ted Nelson […] schlug vor, ein universelles Mikrobezahlsystem zu schaffen und gleichzeitig jede Datei nur einmal im Netz bereitzustellen. Das hätte viele Vorteile. Der Markt würde Angebot und Nachfrage regeln, und Musik, Bücher oder Zeitungsartikel würden sehr schnell einen vernünftigen, angemessenen Preis bekommen.
Was für ein „Markt“ wäre das bitte, in dem es ausschließlich Monopole gäbe? Wie würde dieser Markt „Angebot und Nachfrage regeln“, wenn jedes Angebot nach den Regeln dieses Marktes nur einmal existieren darf? Was solche „Märkte“ schaffen, kann man bei jeder Fußball-Weltmeisterschaft beobachten: einen blühenden Schwarzmarkt mit völlig überhöhten Preisen.
Es ist das Konzept Kunstauktion gegen das Konzept Lumas. Während die monopolisierten, zertifizierten, selten vervielfältigten Kunstwerke, die in Auktionshäusern verkauft werden, hohe Preise erzielen und normalverdienenden Menschen eher unzugänglich sind, sorgt eine Firma wie Lumas dafür, dass normale Menschen sich Kunst ins Wohnzimmer hängen, auch wenn man darüber streiten kann, ob die eine Kunst besser als die andere ist. Das Lanier-Konzept führt zu reichen Künstlern, deren Kunst aber wenig verbreitet ist. Das Lumas-Konzept dagegen verlangt implizit von Künstlern eine gewisse, zeitlich andauernde Produktivität, führt aber tendenziell zu einer höheren kulturellen Bildung aller Menschen, weil sie überhaupt die Möglichkeit bekommen, sich mit Kunst auseinanderzusetzen.
Jaron Lanier würde Lumas schließen.
Witzigerweise würde er im Gegenzug aber Google sozialisieren. Lanier sagt:
Vielleicht müssen wir Monopole zerschlagen, so dass wir beispielsweise nicht mehr nur ein Google haben, sondern mehrere. […] Wenn wir Internetsuche und Werbung entkoppeln würden, bekämen wir eine ehrlichere und wahrhaftigere Welt.
Aha? Privatisierte und gleichzeitig monopolisierte Kunst führt zu einer besseren Welt, eine marktwirtschaftlich entstandene Suchmaschine aber zu einer schlechteren? Ich verkenne keineswegs die Gefahren, die gewachsene Monopole wie die von Google oder Microsoft für die Welt haben. Aber mir will und will nicht klar werden, warum Lanier seine Freunde, die schaffenden Künstler, nach anderen Prinzipien behandeln möchte als seine Gegner, Facebook und Google.
Was Lanier so vor sich hin redet, wirkt einfach nicht durchdacht. Es entspringt keinem in sich schlüssigen Konstrukt der Welt, sondern es sind Sound Bites, die von seinen Mitapologeten verwendet werden sollen, um einfache Punkte zu machen. Aber gerade wegen dieser mangelnden Schlüssigkeit in Kombination mit Laniers großem, missionarischem Mitteilungsbedürfnis erwacht in mir der Verdacht, dass es gerade Lanier ist, der eine Agenda hat, während die von ihm angefeindeten Internetnutzer einfach fröhlich Musik verbreiten. (An dieser Stelle bitte ein paar Blümchen werfen.)










































