Testosteron ist das AntiZick™

Gemeinhin gilt Testosteron ja als agressivitätssteigerndes Hormon. Eine wirklich interessante Untersuchung (kostenlos downloadbarer Artikel im Spektrum der Wissenschaft, Original-Artikel in der Nature) lässt jetzt vermuten, dass das eine zu oberflächliche Betrachtung ist.

Das Experiment: 121 Frauen bekamen Tabletten, von denen ihnen gesagt wurde, dass sie Testosteron enthielten. In der Hälfte der Tabletten war auch tatsächlich Testosteron, die andere Hälfte waren Placebos. Anschließend nahmen die Frauen an einem ökonomischen Spiel teil: Sie mussten von einem Geldbetrag an eine andere Person einen beliebigen Betrag abgeben. Nur wenn die andere Person das Geld annahm, behielten beide das Geld.

Jetzt die Frage: Welche der beiden Gruppen, die Testosteron- oder die Placebo-Nehmerinnen, bot dem Versuchspartner im Schnitt mehr Geld an? Nein, falsch! Es waren nämlich diejenigen, die das Testosteron bekommen hatten!

Noch mal langsam: Die Frauen, die glaubten, Testosteron bekommen zu haben, wirklich aber nur Zucker geschluckt hatten, verhielten sich egoistischer als diejenigen, die glaubten, Testosteron bekommen zu haben, und bei denen das auch tatsächlich so war! Testosteron mindert in diesem Experiment also den Egoismus der Frauen! (Leider gibt es keine Zahlen über die Stärke oder gar statistische Signifikanz des Ergebnisses. Werde ich mir anhand des frisch eingegangenen Original-Artikels mal zu Gemüte führen.)

Dieses Experiment, wenn es sich tatsächlich bestätigt, könnte vielleicht tausende täglicher Zickenkriege erklären. Die (allerdings nicht komplett wasserdicht belegte) Schlussfolgerung der Experimentatoren ist nämlich die, dass Frauen sich agressiv und egoistisch gegenüber anderen verhalten, wenn sie glauben, dass es von ihnen erwartet wird – im Experiment, indem sie die Vorurteile gegenüber der Wirkung von Testosteron nur dann ausleben, wenn sie die Substanz gar nicht bekommen hatten. Männer hingegen (und die mit Testosteron temporär “vermännlichten” Frauen), verhalten sich nicht von vornherein agressiv, sondern sie verhalten sich so, dass ihr sozialer Status gesteigert wird. Wenn das durch Agressivität geht, dann sind sie eben agressiv. Wenn allerdings, wie im Experiment, Großzügigkeit einen höheren Status verspricht als Agressivität, dann verhalten sie sich eben großzügig.

Wenn die Ergebnisse nicht in einer unseligen Tradition von Experimenten stünden, mit denen geschlechter- oder auch rassenbezogene Vorurteile biologisch-medizinisch gerechtfertigt werden sollten, könnte man einfach schicksalsergeben nickend zur Tagesordnung übergehen.

P.S.: Tatsächlich bestätigt eine andere Beobachtung, die ich neulich machte, diese Ergebnisse: Ich weiß leider nicht mehr, wo ich’s gelesen habe, aber es gibt (mindestens in der New-Media-Branche) ungefähr gleich viele Frauen wie Männer als Projektmanager/innen. Das überrascht zunächst, weil Projektmanager mit Betriebsmanagern (Geschäftsführern, Abteilungsleitern, Vorständen) gerne in einen Topf geworfen werden und Frauen dort deutlich unterrepräsentiert sind. Tatsächlich aber predige nicht nur ich schon länger, dass sich Projektmanager im Gegensatz zu Vorgesetzten als gleichrangige Mitglieder ihrer Projektteams verstehen sollten. Sie sind nicht mehr oder weniger wichtig als ein Art Director oder IT-Developer, sie haben einfach nur andere Aufgaben im Team. Wenn dieses Credo falsch wäre und Projektmanager doch einen höheren Status haben müssten als die übrigen Teammitglieder, dann würde man Frauen (auch unabhängig von der oben dargestellten Untersuchung, sondern einfach phänomenologisch betrachtet) in PM-Jobs genauso selten erwarten wie in Geschäftsführungs- oder anderen Managementpositionen. Tatsächlich sind sie aber ungefähr gleich oft vertreten. Projektmanagement ist nämlich eine Kompetenz, kein Status.

[Update: Danke an molly für den Link zum Originalartikel, oben eingefügt!]

Warum Bloggen glücklich macht

Die Lied ist bekannt aus uralten Zeiten, und es wurde schon immer von Leuten gesungen, die sich mit dem Internet nicht auskennen: Surfen macht einsam, heißt es darin vereinfacht. Wer sich vor die Kiste hänge, könne nicht am echten Leben teilnehmen, also ab auf den Spielplatz, in die Großraumdisko oder zu Speed-Dating-Events! Jedenfalls raus in die wahre Welt!

Das war zum einen immer schon falsch, ich bin ein lebendes Gegenbeispiel: Ich bin Patenonkel eines Kindes, dessen Eltern ich ohne das Internet nicht kennen würde. Die Silvesterfeste der letzten Jahre habe ich mit Freunden aus Ostdeutschland verbracht, die ich ohne Amazon (!) nicht hätte.  Und ich habe schon von Menschen mit Gläsern nach mir werfen lassen, die besser Buchstaben in einem Chatraum geblieben wären.

Gestern nun stolperte ich in meiner Gelegenheitslektüre “Psychologie Heute” über einen Artikel, der konstatiert, dass inzwischen auch die psychologische (oder ist es soziologische?) Forschung anerkennt, dass das Internet keine negativen Auswirkungen auf die Sozialbeziehungen von Jugendlichen hat – sondern positive! (Der Originalartikel von Patti Valkenburg und Jochen Peter: “Social Consequences of the Internet for Adolescents” (PDF))

Konkret postuliert der Artikel diese Kausalkette: Online Communication –> Online Self-Disclosure –> Quality Relationships –> Well-being. Man könnte verkürzt auch sagen: Bloggen (oder facebooken) macht glücklich, weil es nämlich dafür sorgt, dass andere mehr von einem erfahren.

Eine Kritik muss ich an dem Text aber trotzdem üben, denn ich vermute einen gerne genommenen Anfängerfehler. Zitat:

However, these positive results are only found for adolescents who use the Internet predominantly to maintain existing friendships. When they use it primarily to form new contacts and talk with strangers, the positive effects do not hold.

Letztlich steht da: Nur, wer schon Freunde hat, wenn er das Internet betritt, wird vom Internet in der Pflege dieser Freundschaften unterstützt. Wer dagegen arm an Freundschaften ist und sich im Internet plötzlich auf Kontaktjagd begibt, der wird auch dort nicht erfolgreich sein.

Für mich ist offensichtlich, dass die Untersuchungen, früher wie heute, die herausfinden wollten, ob das Internet einsam macht oder nicht, nie eine Kausalität beobachtet haben – sondern nur eine Korrelation. Nicht das Internet hat früher dafür gesorgt, dass Menschen vor dem Bildschirm vereinsamen, wenn man diese Pauschalisierung überhaupt als gegeben akzeptiert. Nein, vielmehr hat das früher weniger als heute soziale Internet Menschen angezogen, die an Sozialkontakten nicht so interessiert waren wie andere. Jetzt dagegen, wo das Internet auch sozial hoch aktiven Menschen konkrete Plattformen bietet, ihr Wesen auszuleben, strömen auch sie ins Internet.

Jetzt ist eigentlich nur noch die Frage offen, wer den Herren Schünemann und Pfeiffer diese Studie zumailt?

Kurz reingeschaut: “Der große Ausverkauf”

Der große Ausverkauf” ist ein zurückhaltender und doch eindringlicher Dokumentarfilm über die Folgen der neoliberalen Globalisierung. Konkret zeigt der Film vier Menschen, die aktiv versuchen, mit den Auswirkungen unkontrollierter Privatisierungen auf ihr Leben umzugehen: Da ist ein englischer Lokomotivführer, der in der Gewerkschaft engagiert ist. Da ist ein Mann in Soweto, der Häuser im Ghetto illegal wieder an den Strom anschließt. Eine Frau auf den Philippinen muss jeden Tag das Geld für die nächste Dialyse ihres Sohns beschaffen, die sie privat tragen muss. Und der Film schildert die Historie und den Verlauf der “Wasserkriege” in einer bolivianischen Stadt, als die Einwohner gegen den Staat und einen amerikanischen Investor freien Zugang zu Trinkwasser erzwangen.

Der Film enthält sich jedes expliziten Kommentars, aber natürlich hat ein Filmemacher nicht nur das gesprochene Wort zur Verfügung: Durch die Montage, die Auswahl der Szenen und die generell spürbare Empathie mit seinen vier Hauptfiguren bezieht “Der große Ausverkauf” sehr deutlich Stellung gegen den Neoliberalismus. Er zeigt eigentlich nur das Offensichtliche: Dass Privatisierungen dann negative Auswirkungen haben, wenn der neue, private Betreiber ein Monopol übernimmt, sich jedenfalls nicht in einem Markt behaupten muss. Und wirklich tragisch und menschenunwürdig werden die Folgen dann, wenn ein solcher, mit einem Monopol ausgestatteter Privatbetrieb über lebenswichtige Ressourcen von Menschen verfügt, die nicht einmal auf die Unterstützung des Staates zählen können.

Letztlich ist es das Offensichtliche, das selbst einem ökonomischen Laien wie mir der gesunde Menschenverstand rät, das der neoliberale Staat aber immer wieder mal vergisst: Marktwirtschaft braucht Markt. Memento Bahnprivatisierung! Memento die Bremsen monopol-privatisierter BVG-Züge!

Neben seiner gesellschaftlichen Aussage ist der Film aber auch einfach gut gemacht, er langweilt nie, belehrt nur selten. Hier wird nicht der Moore’sche, wenn auch oft witzige Holzhammer geschwungen, sondern hier wird eindringlich suggeriert und mitfühlend gezeigt. Lohnend!

Kurz reingeschaut: OK Go in der Werkstatt, Köln

Die wollen doch nur spielen! OK Go kennt jeder aufrechte Internetznutzer: Das sind die mit dem Laufbandvideo. Wer so ein Video macht, der hat mit Sicherheit keine Hemmungen, seine Kunden unterhalten zu wollen, dachte ich mir, als ich die Tickets für die Kölner Show besorgte. Nett anzuhörenden Powerpop machen die vier auch noch, kann also nicht viel schief gehen. Ging auch nicht. Und wenn das Konzert auch kein besonderes Highlight meines Lebens war, so war es doch guter, sauberer Spaß.

Viele Besucher hatten sich in der Werkstatt nicht eingefunden, der Laden war rund zu einem Drittel, maximal zur Hälfte gefüllt. Die, die gekommen waren, gehörten zu unterschiedlichen Stämmen: Da waren zum einen (für mich) überraschend viele Teenie-Mädchen mit ihren Slacker-Begleitern, und zum anderen standen ältere Rockgucker wie ich im Saal rum, allerdings deutlich in der Minderzahl. Der schwache Besuch mag auch daran gelegen haben, dass die neue Platte von OK Go in Deutschland noch gar nicht erschienen ist. Alleine das kann’s aber auch nicht erklären. Sind ja auch einfach nicht solche Giganten.

Die vier aus Chicago eröffneten jedenfalls mit “White Knuckles”, einem Song von der neuen Platte (Bittorrent-Nutzer wissen mehr), danach ging es in einem kleinen Galopp durch verschiedene Stücke bis hin zu “Here it goes”, dem großen Laufbandhit. Anschließend begann die Show aber erst so richtig, sie drohte auch gerade etwas langweilig, wenigstens sehr nullachtfuffzehn zu werden. Doch dann legten die Kameraden alle Instrumente ab, trugen einen Tisch mit Handglocken auf die Bühne und spielten das ohnehin sehr schöne “What To Do” tatsächlich in einer akustischen Handglocken-Version. Die Nummer haben sie zwar wohl schon länger drauf, aber sie war deswegen kein bisschen mindergeil. (Video von einem anderen Konzert)

Direkt anschließend ließ Frontmann Damian Kulash die Hauslichter anschalten, checkte die Lage im Saal und freute sich, dass nur wenige Besucher da waren – denn das gab ihm den Raum, mit Mikro und Gitarre in den Saal hinabzusteigen, die Zuschauer in einem großen Kreis um sich zu versammeln und akustisch (wenn auch verstärkt) “Last Leaf” zum besten zu geben. Ein schönes Bild, ein schöner Moment!

Anschließend gab’s noch ein paar Songs, die Band verließ die Bühne und kam zurück, um sich (nach der Zurschaustellung ihrer recht coolen LED-Jacketts) für die Zugabe mit weißemm langhaarigem Plüsch bemäntelte Gitarren umzuhängen, an deren Hälsen noch je drei Laserpointer montiert waren, die durch den sanft vernebelten Saal leuchteten.

Die allergrößte Band der Welt sind OK Go nicht. Aber sie wissen, dass ein Livekonzert keine CD-Reproduktion ist. Und das ist mehr, als manch andere Band von sich sagen kann. Ein unterhaltsamer Abend!

OK Go

Kurz reingeschaut: Das Kabinett des Dr. Parnassus

Man weiß, auf was man sich einlässt, wenn man einen Terry-Gilliam-Film sieht: Absurditäten, Bildgewalt, überbordende Fantasie. Was man mit dem Kabinett des Dr. Parnassus aber auch kauft, ist eine zwar irre, aber letztlich zu dünne Story.

Dr. Parnassus hat vom Teufel vor tausenden von Jahren in einer Wette gegen den Teufel das ewige Leben gewonnen. Viele Jahre später macht er noch einmal einen Deal mit dem Gefallenen: Er gewinnt seine Jugend zurück, um die Liebe seines Lebens zu erobern, verspricht dem Teufel im Gegenzug aber die Seelen seiner Kinder, sobald die 16 Jahre alt werden. Nun erreicht seine Tochter Valentina diese Grenze, und der Teufel will sein Recht. Als alter Zocker bietet er Parnassus aber einen letzten Deal an: Wer als erster fünf Seelen verführt, dem soll die Tochter gehören.

Und um diesen Seelen-Wettstreit geht es im Kern des Films. Die Verführung geschieht im “Imaginarium” des Doktors, der nämlich die Gedanken anderer Menschen lenken kann. Das klingt erst mal gut, aber letztlich läuft es darauf hinaus, dass Gilliam in der Gedankenwelt des Dr. Parnassus eine seiner bunten Fantasiewelten nach der anderen ausbreiten kann. Das erschöpft sowieso bald, tut es aber noch mal extra, weil die Welten viel zu glatt computeranimiert sind: Da fehlt jeglicher Charme, den Gilliams Papier-Animation zu seligen Python-Zeiten hatten, da fehlt jeder staubige Schmutz, den die Brazil-Szenarien hatten.

Am Ende ist der Film zwar schnell genug erzählt und geschnitten, um nicht zu langweilen. Aber echte Begeisterung wollte sich bei mir nicht einstellen. Zu viel Eye Candy, zu wenig Herz.

Auswärtsfans pfeifen auf Kalles Almosen

Es ist immer wieder traurig zu lesen, wie der große FC Bayern mit seinen und gegnerischen Fans umgeht. Ich muss die Schikane ja nicht persönlich erleiden, bin ohnehin ein Tribünensitzer, aber es deprimiert mich trotzdem, wie die Vereinsführung die Stimmung in der Arena verschenkt, indem sie eigene und generische Fangruppen vergrätzt.

Jetzt berichtet das Mingablog vom vielleicht deutlichsten Zeichen, wie weit sich der Vorstand des FCB von den Fans entfernt hat. Denn einige Auswärtsfans (!) haben sich zusammengeschlossen und einen Brief an Killerkalle geschrieben, in dem sie ihm zu verstehen geben, dass sie auf seine Almosen pfeifen, die er auch noch als großartiges Zeichen für Fantoleranz verstanden wissen will. Auswärtsmannschaften dürfen jetzt vor Spielen in München nämlich  ihre Fahne auf dem Rasen schwenken. Ein Zusammenschluss von Fans verschiedener Erst- und Zweitligaclubs dazu:

Sie offenbaren, keinerlei Ahnung zu haben, was Fans eigentlich wollen.Auswärtige Fans wollen nicht pauschal von der Münchner Polizei und dem dazugehörigen USK wie Schwerverbrecher behandelt werden. Sie wollen ihre Fahnen in uneingeschränkter Größe IN ihrem Block schwenken und nicht auf dem Spielfeld. Sie wollen Choreographien mit Materialien ihrer Wahl durchführen, ihr Bier und ihre Stadionwurst mit Bargeld kaufen und diese IM Block anstatt davor verzehren, um auch etwas vom Spiel mit zu bekommen. Sie wollen ein Megaphon zur Koordination ihrer Unterstützung erlaubt bekommen anstatt sich von der Münchner Polizei anhören zu müssen, dass der Einsatz eines Megaphons sicherheitsgefährdend sei.

Anders ausgedrückt: auswärtige Fans möchten die Mindeststandards, die in fast allen Bundesligastadien herrschen, auch in München, dem selbst ernannten Vorreiter in Sachen Respekt und Toleranz, vorfinden.

Es ist doch offensichtlich: Fans wollen kreativ sein und eben gerade nicht in einen offiziellen Ablauf eingebunden werden.

Dabei wäre es so einfach. Wenn der Vorstand des FCB Respekt vor dem Gegner zeigen wollte, dann sollte er einfach bei sich selbst anfangen. Ich empfehle das spanische Beispiel, das mir wirklich gelungen vorkommt, ob es jetzt perfekt nach Deutschland passt oder nicht: Bei spanischen Ligaspielen sitzen die Präsidenten der beider Clubs nebeneinander auf der Tribüne, sie jubeln nicht demonstrativ über die Tore ihrer Mannschaft und geben sich nach dem Spiel die Hand. Der Mannschaft hat man das schon verordnet, die verabschieden sich jetzt mit Handschlag vom Gegner, was ich sehr positiv finde. Doch warum fasst sich der Vorstand nicht an die eigene Nase?

Es wäre ein klares Zeichen – für das man nicht die Kreativität der Fans beschneiden muss.

Kurz reingeschaut: “Dantons Tod” im Schauspielhaus Köln

Wenn das so weitergeht, werde ich werde noch ein echter Chétouane-Fan werden. Schon vorletzte Saison war ich von der formalen, asketischen Strenge seiner Kölner Inszenierung von “Empedokles // Fatzer” fasziniert, weil dieser Regisseur seinen Zuschauern viel zumutet, aber dafür auch viel zurückgibt. Eine Warnung dennoch gleich vorneweg: Das muss nicht bei jedem Zuschauer funktionieren. Meine Mitabonnentin, die wirklich nicht auf seichtes Theater aus ist, war von diesem “Dantons Tod” schlicht gelangweilt. Ich dagegen merke, wie die Inszenierung mit jeder Stunde, die seit ihrem Ende verstreicht, stärker nachzuwirken beginnt.

Die Idee, “Dantons Tod” zu inszenieren, Büchners dramatische Bearbeitung der Nachwehen der französischen Revolution,  wurde vom Kölner Schauspielhaus an Laurent Chétouane herangetragen. Und wenn Chétouane zwei Lieblingstheaterautoren haben müsste, dann sollten das Brecht und Büchner sein, die sich beide vom einfach darstellenden Theater distanzierten, das den Zuschauer mitfühlen lässt.

Auch Chétouane will es dem Zuschauer nicht leicht machen, er will allzu schlichte Identifikation mit den Figuren verhindern. Also lässt er in der Kölner Aufführung die Schauspieler wieder willkürliche Bewegungen vollführen, die nicht zu den Worten passen, mit denen er den Text von den Körpern trennen möchte. Dazu trägt auch bei, dass der Text nicht immer von der Figur gesprochen wird, der Büchner ihn in den Mund gelegt hatte. Manchmal springen die Worte sogar in einem Satz, in einer Passage von Mund zu Mund. Und schließlich noch sprechen die Darsteller den Text bewusst leise, wenn auch deutlich, und zwingen den Zuschauer zu höchster Konzentration.

Am Ende entsteht ein manchmal fast wirbeliges, jedenfalls ständig in willkürlicher Bewegung befindliches Bühnenbild, vor dem Büchners Text in einer Intensität und einer fast ätherischen Abstraktion schwebt, körperlos, wie es selbst mit einer Lesung kaum zu erreichen wäre.

Die Frauenfiguren des stark zusammengestrichenen Stücks, dem sogar der Robespierre ganz abhanden gekommen ist, lässt der Regisseur von britischen Tänzerinnen spielen. Sie haben wenig Text, und wenn sie ihn sprechen, dann eben mit ihrem deutlich zu hörenden Akzent. Chétouane erklärte im Publikumsgespräch nach der Aufführung, dass ihm die Texte von Büchners Frauenfiguren viel schwächer zu sein schienen als die der Männer, und dass er diesem Mangel einen deutlichen Ausdruck geben wollte. Wenn sie aber meistens nicht sprechen, dann bewegen sich die drei Frauen in zurückhaltendem Ausdruckstanz über die Bühne.

Und wie schon bei “Empedokles // Fatzer” gelingt Chétouane sein Techno-Effekt: Die anhaltende Monotonie, die formale Strenge und als Drohung im Raum stehende Langeweile sorgen dafür, dass die Augenblicke, in denen diese Monotonie bricht, plötzlich viel klarer, sogar erleuchtender erlebt werden können.

Von diesen Momenten gibt es ein paar. Die zwei vielleicht schönsten sind diese: Wenn Julie, Dantons Frau, sich am Ende umbringt, dann wird sie von der Tänzerin mit dem stärksten britischen Akzent gespielt. Sie war schon bei ihren kurzen Textpassagen vorher auf einer Leinwand übertitelt worden. Doch nun steht sie einfach nur am Bühnenrand, spricht nicht, und über ihr leuchten die Worte “Das Volk lief in den Gassen, jetzt ist alles still”. Auch ihr folgender, kurzer Monolog, an dessen Ende sie sich umbringt, wird in völligem Schweigen gezeigt. Einen eindringlicheren Moment habe ich im Theater selten erlebt.

Und der Kerkermonolog Dantons, wenn er nun doch voller Angst dem Tod entgegensieht, den er sich vorher gewünscht hat, sticht heraus. Denn bis dahin wurden die Texte durchaus klar und keineswegs so gegen den Strich gesprochen, wie noch bei “Empedokles // Fatzer”. Doch nun beginnt Devid Striesow plötzlich heftig zu stottern, er spuckt die Worte und Sätze quälend langsam aber doch mit großer Wucht. Eine beeindruckende Szene, die obendrein toll gespielt ist, wie überhaupt der ganze Abend.

Der Applaus des Publikums war sehr zurückhaltend. Ein einzelner Buh-Rufer wurde aber immerhin sofort von einem Bravo gekontert. Ich selbst war begeistert, stand die zwei pausenlosen Stunden der Aufführung innerlich quasi auf Zehenspitzen, lauschte gespannt der tollen Sprache und sah ein Theaterstück, das keiner der Besucher vergessen wird, egal ob er es gut oder schlecht fand.

Von solchem Mut braucht es mehr im Theater. Hier regiert nicht die Beliebigkeit, sondern hier wagt ein Regisseur den Tanz auf dem schmalen Grat, und ihm ist wohl bewusst, dass jede einzelne Aufführung abrutschen kann. Das will ich sehen! Weiter so, Laurent!

Kurz reingeschaut: Archive in der Zeche, Bochum

Ursprünglich ging es gar nicht um die Musik. Ursprünglich war der Ausflug nach Bochum nur geplant worden, weil ich die Zeche als schönen Veranstaltungsort genannt bekommen und mich hatte überzeugen lassen, dass sie eine Reise wert sei. Bei einem Blick auf das Konzertprogramm wurde mein Gesicht dann jedoch erst mal länger: Mir schienen hier nur Bands aufzutreten, die entweder tot sind (Ultravox, Saga) oder tot sein sollten (Jennifer Rostock). Dazwischen noch ein paar Metalknüppler gemischt, irgendwie alles nicht mein Fall – bis die empfehlende und mitreisende Freundin sich in die Musik von Archive reinhörte und auch ich mir dachte, dass bei deren Konzert eigentlich so viel nicht schief gehen kann.

Ging dann auch nicht, aber vorher begutachteten wir erst mal die Zeche als Veranstaltungsort. Ich war spontan begeistert und habe diese Begeisterung hier aufgeschrieben: http://www.qype.com/place/3034-Zeche-Prinz-Regent-Unterhaltungs-und-Freizeit-GmbH-Bochum. Genau so wie die Zeche muss eine Konzerthalle sein! Nur die Beleuchtung der Bars könnten die Betreiber während der Konzerte vielleicht noch ein kleines bisschen runterdimmen.

Zur Musik: Archive wurde Mitte der Neunziger als Trip-Hop-Combo gegründet, und einigen Songs hört man die Einflüsse von Massive Attack, Tricky aber auch Underworld deutlich an. Inzwischen hat sich Archive einen eigenständigen, wenn auch nicht sonderlich originellen Sound erarbeitet, in dem jetzt mehr Spuren von Elektronik und Kuttenmucke zu finden sind. Letztlich beruht die Musik von Archive auf dem simplen Prinzip, wenige Akkorde mit einer halbwegs monotonen, aber griffigen Gesangslinie über einem Midtempo-Beat zu mischen und die Emphase über einen Track hinweg immer mehr zu steigern, bis sich ein kleiner Sog entwickelt.

Archive

Auf Platte klang das okay, wenn auch etwas beliebig. Live werden die Songs nicht einfallsreicher, aber der Sound entwickelt seine volle Wirkung und schafft es, den Zuhörer auch über zwei Stunden Konzertdauer mitzunehmen. Ausnehmen muss ich lediglich eine viertelstündige Strecke mit schwächerem Songmaterial und die gerappten Stücke, bei denen aber vielleicht auch nur mir der Stil des Rappers (Typ: später Axl Rose) wenig gefiel.

Auf die Bühne bringen Archive ihre Songs mit bis zu 10 Musikern, alle schwarz gekleidet, die sehr präzise und cool zusammenspielen. Das wirkt unangestrengt, aber keinswegs leidenschaftschaftslos. Die Projektionen auf der Bühnenrückwand sind manchmal in den Neunzigern hängen geblieben (glattdesignte Schmutzästhetik), manchmal aber auch grandios und sehr gut zu den Songs passend.

Archive

Am Ende war es ein lohnendes und übrigens auch sehr gut gefülltes Konzert, zu dem ich es selbst nicht bereute, angereist zu sein, als ich mich in der Nacht durch frisch gefallene Schneematsche über die A1 zurück nach Köln kämpfen musste.

Archive

Schwamm drüber

So, die Sache von gestern ist erledigt. Die kleine (ich glaube: Ein-Mann-) Agentur ist mächtig erschrocken, hat sich sofort entschuldigt und die Bilder offline genommen, womit die Sache für mich erledigt ist.

Dennoch erstaunlich ist, dass jemand, der sich doch einen relativ professionellen Anstrich gibt, CC-Lizenzen nicht kennt. Der Kollege schreibt mir, er sei davon ausgegangen, dass man Flickr-Fotos immer verwenden dürfe, solange man den Namen des Autors nennt. Das ist deswegen erstaunlich, weil er die anders lautenden Lizenzbedingungen kopiert und verlinkt hat – aber offensichtlich nicht gelesen. Ein weiteres Foto, das inzwischen auch von der Site verschwunden ist, war nicht mal mit einer CC-Lizenz versehen, sondern der Autor hatte sich alle Rechte vorbehalten.

Nach der sehr schnellen Reaktion und der schon ursprünglichen Nennung meiner Autorenschaft bin ich mir sicher, dass da echte Naivität dahintersteckte.

Etwas gespannter bin ich aber in einem anderen Fall. Auch auf xtranews.de ist ein Foto von mir kommerziell verwendet worden. Das Foto ist auf meine Nachricht hin inzwischen entfernt, aber es gab noch keine Antwort, in der auch nur “Sorry” gestanden hätte…

Pharisäer im Tempel des Copyrights

Ich bin ja grundsätzlich für die weitgehende Freigabe von Verwertungsrechten. Eine Welt ohne Patente, Urheber- und Verwertungsrechte könnte ich mir gut vorstellen. Ich veröffentliche meine Artikel hier und meine Fotos bei Flickr deshalb unter einer CC-Lizenz “Attribution-Noncommercial-Share Alike 2.0″.  Für nicht-kommerzielle Zwecke kann man meine Fotos also frei verwenden, ich möchte nur gerne meinen Ruhm gemehrt sehen. Für kommerzielle Zwecke möchte ich mir die Verwendung meiner Fotos jedoch vorbehalten und im Einzelfall freigeben. Das hat zum einen inhaltliche Gründe: Vielleicht möchte ich nicht zu jedem kommerziellen Zweck beitragen. Aber insbesondere hat das den Grund, dass ich in der existierenden, von Patent- und Verwendungsrechten geprägten Welt, einen Anreiz setzen möchte, selbst auf solche Rechte zu verzichten. Das ist zwar etwas sehr indirekt und von hinten ins Auge, aber im Moment ist es mein kleiner Hebel.

Meine Flickr-Fotos, die nun wirklich nicht die Krone der Schöpfung sind, aber wohl doch ein gewisses Grundniveau aufweisen, werden immer wieder mal nichtkommerziell verwendet oder zur kommerziellen Verwendung angefragt. Eines konnte ich mal für eine vergleichsweise ordentliche Menge Kohle verkaufen.

Heute aber bin ich auf einen witzige Variante gestoßen. Bei einer Google-Suche nach “surfguard flickr” stieß ich auf diese Website, auf der eines meiner Fotos sehr prominent verwendet wird: http://www.dasbauunternehmen.de/. Es handelt sich um das Hauptfoto mit den Bauarbeitern. Im Impressum werde ich sogar als Fotograf angegeben, außerdem wird die Lizenz korrekt angeführt – nur wird der “non-commercial”-Teil gepflegt ignoriert. Denn natürlich und ganz offensichtlich handelt es sich um eine kommerzielle Verwendung, wenn es je eine gab.

Auch das hätte ich eventuell einfach noch ignoriert, schließlich handelt es sich beim Betreiber der Website nicht gerade um einen Weltkonzern. Dann aber stöberte ich auf der Website der erstellenden Agentur und fand einen kurzen Traktat unter dem Titel “Plagiate und der Qualitätsanspruch”. Zitat:

Plagiate trifft man überall. Ganz gleich, ob man auf der Suche nach Equipment im technischen Sektor oder nach Markenware im allgemeinen sucht. Immer dort, wo durch raffinierte Patente oder gute Ideen eine enorme Gewinnspanne erzeugt wird, sind Kopieristen nicht weit. Der ferne Osten ist sicher das Paradebeispiel. Geringe Auflagen, billige Arbeitskraft und das eigenverschuldete Verlagern der Technologie und des Wissens des »Abendlandes« in die Ferne lassen diese Schattenwirtschaft florieren.

Was das mit meiner Leistung zu tun hat? Nun, ganz einfach. Qualitätsanspruch, die Sorge um Nachhaltigkeit und Treue — sowohl auf Kunden- als auch auf Dienstleisterseite hebt meine tägliche Arbeit von der eines »designenlassen.de« ab.

Und da muss bei mir irgendwas ausgehakt haben. Denn ein Designer, der sich auf dem Rücken der Zweiten Welt rühmt, bessere Qualität als ein Crowdsourcing-Angebot zu produzieren, der könnte dann in seinen eigenen Werken wenigstens CC-Lizenzbedingungen beachten. Oder sie vielleicht überhaupt erst mal lesen, statt sie nur auf die Website seines Kunden zu kopieren.

Um die größere Wirkung zu erzielen, schrieb ich deshalb soeben an den Websitebetreiber:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich veröffentliche unter dem Namen “surfguard” Fotos bei Flickr. Ich bin nun darauf gestoßen, dass Sie auf Ihrer Unternehmens-Website ein Foto von mir verwenden. Es handelt sich um dieses Foto: http://www.flickr.com/photos/surfguard/2436986614/ Sie verwenden das Foto auf der Startseite und auf anderen Seiten Ihrer Website. Ihrem Impressum entnehme ich, dass Sie früher anscheinend auch ein weiteres Foto von mir verwendet haben, das ich derzeit aber nicht mehr in Ihrem Auftritt sehen kann.

Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass Ihre Verwendung des Fotos nicht den von mir festgelegten Lizenzbedingungen entspricht. Die Lizenz ist eine Creative-Commons-Lizenz “Attribution-Noncommercial-Share Alike 2.0″, wie Sie in Ihrem Impressum auch korrekt angeben. Nun ist aber die Bedingung “non-commercial”, die ich für die freie Verwendung des Fotos aufgestellt habe, auf Ihrer Website ganz offensichtlich nicht erfüllt. Schließlich verwenden Sie das Foto, um für Ihr kommerziell ausgerichtetes Unternehmen zu werben.

Ich bitte Sie deshalb, mir Folgendes mitzuteilen:
_ Wie lange verwenden Sie das Foto bereits?
_ Wie lange haben Sie das andere, inzwischen nicht mehr verwendete Foto benutzt?
_ Welches Honorar bieten Sie mir für die bisherige Verwendung der Fotos an?
_ Welches Honorar bieten Sie mir für die weitere Verwendung des Fotos an, sofern Sie daran Interesse haben?

Ich danke Ihnen bereits im voraus für Ihre Antwort.

Mit freundlichen Grüßen aus Köln,

[mein richtiger Name]
Zur Kenntnis habe ich die Mail auch an die Agentur gesendet. Ich bin gespannt, was passiert.
[Update] Wow, das ging schnell. Mein Foto ist schon wieder runter von der Site. Heute abend mehr zu dem Thema.
[Update 2] Die Sache ist erledigt.