Für einen steuerfinanzierten Nahverkehr
Jetzt bin ich doch weich geworden. Nach über 13 Jahren, in denen ich in Köln im Schnitt täglich mit der Bahn gefahren bin, davon 11 Jahre schwarz und nur einmal kontrolliert, besitze ich jetzt eine ab MIttwoch gültige Monatskarte, ein sogenantes Formel-9-Ticket (gilt von 9 Uhr bis Betriebsschluss, wochenends rund um die Uhr, ab 19 Uhr kann man eine Person mitnehmen) für 44,70 € pro Monat. Irgendwie finde ich, in meinem Alter kann man sich auch mit Schwarzfahren nicht mehr zum Rocker stilisieren.
Dennoch bin ich weiterhin empört, dass ich für öffentlichen Personennahverkehr bezahlen muss. Argumente:
- In Zeiten der Klimakatastrophe sollte der Staat Autos verteuern und umweltschonenden Personenverkehr kostenlos anbieten, also durch Steuern finanziert, um ihn so maximal attraktiv zu machen.
- Für die Benutzung von Straßen muss ich nichts in die Gemeinschaftskasse aller Bürger bezahlen, wenn ich mal von lächerlichen rund 100 € KfZ-Steuer pro Jahr absehe. (Ja, und von der Anschaffung und Wartung eines Autos, das aber auch in meinen persönlicher Besitz übergeht.) [Update: rene hat Recht, da fallen auch noch viele Hundert Euro Steuern über Sprit an.] Die tägliche Benutzung des ÖPNV kostet in Köln dagegen mindestens 500 € pro Jahr Gemeinschaftsbeitrag. Wo ist da jetzt genau die Gerechtigkeit?
- Der ÖPNV ist das einzige Verkehrsmittel der Armen. Deswegen wäre es zusätzlich zum Umweltschutz auch noch ein Gebot sozialer Gerechtigkeit, ihn kostenlos anzubieten.
- Die freie Verfügbarkeit von ÖPNV durch eine hundertprozentige Steuerfinanzierung würde es der Stadt ermöglichen, große Innenstadtflächen als autofreie Zonen auszuweisen, in der Folge die Attraktivität durch bessere Stadtgestaltung zu steigern, so die Stadt anziehender für Kölner und Touristen zu machen und über höhere Steuereinnahmen Teile der Kosten sogar auszugleichen.
- Die Kosten für Fahrkarten, Fahrkartenautomaten, für deren Wartung und für Fahrkartenkontrolleure könnten bei Steuerfinanzierung eingespart werden. Allerdings müsste man wahrscheinlich auch mehr Geld für Bahnen und Fahrpersonal ausgeben, wenn die Fahrgastzahlen erwartungsgemäß steigen sollten und evtl. mehr Züge/Busse eingesetzt werden müssten.
- Der Betrieb des ÖPNV in Köln kostet zur Zeit ca. 250 Mio Euro pro Jahr. Der aktuelle Bau der Nord-Süd-Stadtbahn wird etwa 1,1 Mrd. Euro kosten. Hätte Köln auf diese Linie verzichtet, hätte es nicht nur weiterhin ein Stadtarchiv, sondern es hätte auch den Betrieb der KVB alleine aus diesem Geld für vier Jahre finanzieren können.
Am Geld und guten Gründen mangelt es also nicht. Muss wohl der Wille sein.
Vom Rang des FAS-Kommentars im zivilrechtlichen Instanzenweg
Wenn es um Basisdemokratie im Internet geht, dann kann die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung nicht aus ihrer konservativen Haut. Obwohl: Über den “einzigen Zeugen” Rolf Schälike, der auf seiner Website das berufliche Treiben des berüchtigten Hamburger Medienrechtrichters Andreas Buske begleitet, findet sich in der heutigen Ausgabe ein kritischer aber tendenziell wohlwollender Artikel.
Aber Schälike ist ja auch nicht anonym. Und es scheint, als solle die Anonymität das neue Killerargument der Konservativen gegen das Internet werden. Das konnte man nicht erst im Phoenix-Streitgespräch zwischen Piratenkapitän Hillbrecht und Internetausdrucker Scholz oder in der inzwischen notorischen Bloggerhetze von Richard Wagner bemerken. Nein, die Feinde der neuen Zeit bemühen sich seit längerem, den Begriff “Anonymität” von möglichen positiven Konnotationen wie “Freiheit”, “Zwanglosigkeit” oder “Antiautorität” zu befreien.
Wem auf Anhieb nicht einfällt, wofür Anonymität gut sein kann, der möge bei den Anonymen Alkoholikern nachfragen, bei Moritz Pfeil, Jens Daniel und Willy Brandt, oder vielleicht auch mal beim Bundeswahlleiter.
Die FAS die findet Anonymität jedenfalls nicht gut, anonyme Meinungsäußerung schon mal gar nicht, und schlagzeilt bereits auf Seite 1 ihrer heutigen Ausgabe: “Union gegen Denunziation im Netz“. Dabei wendet die Union sich keineswegs gegen Denunziation, sondern gegen anonyme Meinungsäußerungen wie auf spickmich.de, sie setzt beides nur gleich. Das hätte einem aufmerksamen Redakteur auffallen können.
Auf Seite 10 darf dann folgerichtig Volker Zastrow einen Kommentar zum BGH-Urteil in Sachen spickmich.de veröffentlichen, der von polemischen Unsauberkeiten nur so strotzt: “Der Aufstand der Massen“.
Zastrow beginnt sofort mit einer Nebelkerze:
Der Bundesgerichtshof hat … zu einem Teil der “Meinungsfreiheit” erklärt …, dass Schüler ihre Lehrer im Internet anonym “benoten”. Das ist … merkwürdig, denn natürlich sollen Schulnoten kein Ausdruck der Meinung eines Lehrers sein …
Äh, nein, natürlich nicht. Wer hätte das behauptet?
Zastrow weiter:
Der BGH unterscheidet fein zwischen der “beruflichen Tätigkeit” der klagenden Lehrerin und ihrer Privatsphäre – aber zu welcher dieser Sphären gehört ihr Name? Nicht zu beiden?
Das ist im besten Fall rabulistisch, im Wesentlichen aber irreführend. Denn wenn es das Gesetz erlaubt, eine Meinung über eine Person zu äußern, dann ist das natürlich überhaupt nur relevant, wenn diese Person identifizierbar ist,. Andernfalls wäre das erstrittene Recht wertlos.
Und es geht haarscharf neben der Sache weiter:
Was setzt Schüler in den Stand, die Leistungsfähigkeit eines Lehrers zu beurteilen?
Jetzt nehmen wir doch für einen Moment an, rein gar nichts versetze Schüler in den Stand, die Leistungsfähigkeit eines Lehrers zu beurteilen. Genau deswegen geht es hier um eine Meinungsäußerung, lieber Herr Zastrow. Meinungsäußerungen müssen eben gerade nicht begründet sein, sie dürfen nur nicht schmähend sein – was bei der Vergabe von Noten ohnehin kaum möglich ist, solange nicht die Benotungs-Kategorie an sich schmähend ist. (Aus genau diesem Grund hatte spickmich.de zum Beispiel die Kategorie “Sexy” bereits vor der erstinstanzlichen Verhandlung entfernt.)
Ist das, was sich da aus mehreren (im konkreten Fall: vier) “Meinungen” zusammensetzt, tatsächlich eine “Meinung”?
Moment, lassen Sie mich kurz nachdenken…. Ja, ist es. Irgendwie war das nämlich exakt die Frage, die das höchste deutsche Zivilgericht zu beurteilen hatte. Und es kam zu der Ansicht, dass es sich nicht nur tatsächlich um eine Meinung handele, sondern sogar um eine, die äußern zu können schwerer wiegt als das Persönlichkeitsrecht des bewerteten Lehrers.
Dann aber endlich kommt Volker Zastrow zum eigentlich Kern jedes FAS-Kommentars wider das Internet:
Aber auf [das Internet als neue Immanation des menschlichen Geistes] trifft nur umso mehr zu, was Ortega y Gasset vor achtzig Jahren schrieb. “Wenn die Masse selbstständig handelt, tut sie es nur auf eine Art: Sie lyncht.”
Da haben wir sie nämlich wieder: Die Verachtung für die “Masse”. Sie ist der zentrale Unterschied zwischen den Verächtern und den Propheten des Internets als buchstäblichen Massenmediums. Die einen verachten die Plebs – und die anderen sehen es als letzten Schritt der Emanzipation von den Mönchen an, wenn jetzt jeder Mensch seine Stimme hören lassen kann.
Und dass diese Stimmen keineswegs nur “Hängt ihn höher” rufen, das würde sofort bemerken, wer sich mit Bewertungsportalen im Allgemeinen oder spickmich.de im Konkreten auch nur kurz auseinandergesetzt hätte. Aber natürlich könnte eines das dabei stören, eine abfällige Meinung zu äußern. Und war es nicht genau die fachliche Kenntnis des Objekts der Bewertung, die Zastrow eben noch von den Spickmich-Schülern einforderte?
Wer sich die Bewertungen beispielsweise von Lokalitäten auf Qype oder von Produkten auf Amazon durchliest, der findet jedenfalls schnell, dass hier keineswegs nur verrissen wird, sondern genauso oft euphorisch gelobt wird.
Und wenn ich mir die Noten ansehe, die den Lehrern meiner alten Schule bei spickmich.de gegeben werden, dann finde ich, dass dort im Mittelwert von 25 Bewertungen eine 2,9 vergeben wird. 16 Lehrer werden mit einer Note oberhalb von 3,0 bewertet, neun mit einer schlechteren. Lediglich ein Lehrer erhält eine 5, drei dagegen eine 1 Komma irgendwas.
Auffällig ist auch, dass auf spickmich.de durchaus differenziert wird. Einige Lehrer werden als fachlich kompetent und als menschlich bewertet, aber auch als schlecht vorbereitet. Bei anderen ist es genau umgekehrt. Es entsteht keineswegs der Eindruck, dass hier “abgestraft” wird, was übrigens auch an der Moderation von spickmich.de liegt, die erkennbar undifferenzierte Bewertungen nach eigenen Angaben aussiebt.
Die Bewertungen eines Zastrowschen Lynchmobs stelle ich mir jedenfalls anders vor.
Wenn Volker Zastrow in der Folge dann darüber reflektiert, dass Informationen im Internet “durchweg Ewigkeitswert” erlangten, dann ist das zum ersten Mal ein bedenkenswerter Punkt. Man dürfte zwar auch mal kurz darüber nachdenken, ob ein Verbot von Meinungsäußerungen verhältnismäßig wäre, nur weil sie vermeintlich ewig festgehalten sind. Dann würde man schnell darauf kommen, dass verewigte Meinungsäußerungen nichts Neues sind und Zastrow sie nur dem einfach Volk nicht zugestehen möchte, weil er ihm nicht zutraut, mit dieser Verantwortung umgehen zu können. Und vielleicht würde man sogar darauf kommen, dass es neben den Eltern insbesondere die hier wehklagenden Lehrer sein sollten, die Kindern beibringen, die Verantwortung einer freien Meinungsäußerung tragen zu können.
Aber seinen einzig relevanten Punkt versaut sich Zastrow nur einen Absatz später, wenn er im Schlusssatz schreibt:
Es ist höchste Zeit, das Internet entschlossen zu zivilisieren, es Recht und Gesetz zu unterwerfen.
Genau das, lieber Herr Zastrow, ist als Anlass Ihres Kommentars gerade passiert. Der Bundes(!)gerichts(!!)hof(!!!) hat geurteilt, wie das Persönlichkeitsrecht und das Recht auf freie Meinungsäußerung im Fall eines konkreten Meinungsportals gegeneinander abzuwägen sind. Er hat die Inhalte von spickmich.de gegen Recht und Gesetz gehalten – und nicht beanstandet. Das Urteil mag Ihnen nicht schmecken. Aber es ist geradezu widerlich, wie Sie die ohnehin platte Parole, der Wald dürfe kein spechtfreier Raum sein, selbst im Angesicht eines höchstrichterlichen Urteils wiederholen. Es scheint, dass man nur zwei lange Spalten auf der Kommentarseite braucht, um sich aus der Wirklichkeit von Recht und Gesetz in eine Welt zu flüchten, wie sie sich der FAS-Redakteur wünscht: Eine Welt, in der das Volk schweigt, sich beherrschen und benoten lässt und in der die ehrwürdigen Redakteure die Hüter der Meinung, der Schrift und anscheinend sogar des Rechts sind.
Denn solange Herr Zastrow nicht meint, dass Recht und Gesetz Geltung verschafft sind, kann sich der BGH gerne wundurteilen.
Gegessen wird, was auf den Bildschirm kommt
Schon erstaunlich, wie Premiere/Sky die Tatsache begründet, dass man bei den neuen Sky-Abos immer auch Sky Welt abonnieren muss, eine willkürliche Zusammenstellung von Sendern, u.a. mit Krachern wie Focus Gesundheit, Passion, Heimatkanal, Goldstar TV, Playhouse Disney, Junior und Jetix. Aus den FAQs:
Warum muss man Sky Welt buchen, um andere Pakete abonnieren zu können?
Jedes Abonnement umfasst das hochwertige Sky Welt Paket. Dies stellt den Mittelpunkt des Sky Angebotes dar. Weitere Premium Pakete können nur zusätzlich zu Sky Welt hinzu gebucht werden. Damit garantieren wir jedem Kunden den Zugang zu unserer thematischen Vielfalt.
Ich übersetze mal: “Yadda yadda yadda weil wir die Kohle brauchen yadda yadda Schnauze.”
Aber wo ich gerade die kompletten Calvin & Hobbes-Comics lese, stelle ich mir das analog auch so vor:
Warum muss man sein Gemüse essen, um Nachtisch zu bekommen?
Jedes Abendessen umfasst das hochwertige Hauptgerichts-Paket. Dies stellt den Mittelpunkt des Abendessens dar. Weitere Premium-Gänge können nur zusätzlich zu Hauptgericht hinzu gebucht werden. Damit garantieren wir jedem Kunden den Zugang zu unserer oecotrophologischen Vielfalt.
Das Kind möchte ich treffen, das an dieser Stelle keinen Schreikrampf bekommt.
Piraten auf Phoenix: Versengt, doch nicht versenkt
Es war ein geradezu klassisches Schulhofszenario: Da kommen zwei große Jungs, sprechen den nerdigen Brillenträger freundlich an, verwickeln ihn in ein unverfängliches Gespräch. Dann legt einer der beiden dem Nerd einen Arm um die Schultern – und plötzlich hält er ihn fest, der Ton wird gehässiger, und schließlich drischt der eine der beiden Rüpel auf den Nerd ein, während der andere ihn festhält.
Genau so schon tausendmal im Fernsehen gesehen, und gestern auch wieder: Da hieß der Streifen “Unter Piraten – Wem gehört das geistige Eigentum?” und wurde auf Phoenix gesendet. Der brillentragende Nerd war Dirk Hillbrecht, Vorsitzender des Bundesvorstands der Piratenpartei. Und die beiden großen Jungs waren Dr. Rupert Scholz, ehemaliger Bundesverteidigungsminister, und Christoph Minhoff, im Nebenberuf Fernsehmoderator bei Phoenix.
In jeder solchen Schulhofszene, die in amerikanischen Filmen typischerweise vor den Schließfächern stattfindet, gibt es einen Moment, in dem die Stimmung bricht, in dem die lauernde Brutalität offenbar wird. Gestern kam dieser Moment nach einer knappen Viertelstunde, bei 3:15 dieses Mitschnitts der Sendung (leider mit zum Bild leicht asynchronem Ton). Bis dahin war alles friedlich verlaufen. Man hatte Hillbrecht gefragt, woher der Name seiner Partei kommt, ob er eigentlich “Piraten der Karibik” gut finde, und hatte eine kleine Straßenumfrage eingespielt. Dann brachte Rupert Scholz das Thema wie zufällig (ha!) auf die Kinderpornografie, die zu verhindern ja der vorgebliche Anlass für den Beschluss des Zugangserschwernisgesetzes gewesen war. Hillbrecht referiert pflichtschuldig, dass er und seine Partei trotz des Widerstandes gegen das Gesetz selbstverständlich nicht Kinderpornografie verharmlosen wollten, als “Moderator” Minhoff die Maske fallen lässt, einwirft, Kinderpornografie sei “schlicht strafbar” – und, noch eine kurze Sekunde lang vor dem Umschnitt des Bilds erkennbar, Hillbrecht mitleidig ansieht, die Augen schließt und mit dem Kopf schüttelt.
Ab diesem Moment war klar, dass es Senge für Hillbrecht geben sollte. Und tatsächlich ließ Minhoff alle Zurückhaltung fallen und gab Dr. Scholzens willigen Sekundanten. Pirat Hillbrecht wurde mit polemischen Fragen, mit suggestiven Unterstellungen nur so überhäuft. Und wenn er einmal ansetzen wollte, etwas zu erklären, wurde er rasch unterbrochen.
Es war ein widerwärtiges Schauspiel, wie zwei Vollprofis auf den medienunerfahrenen Neupolitiker, im Hauptberuf geschäftsführender Gesellschafter einer kleinen Softwarefirma, hemmungslos eindroschen. Keine Polemik war da zu billig, kein Schlag zu tief angesetzt, als dass Scholz oder Minhoff Skrupel bekommen hätten.
Besonders peinlich ist das natürlich für Christoph Minhoff, der sich nicht nur immer wieder in der Rolle des betont naiven Moderators versucht, sondern als Programm-Geschäftsführer des “Ereignis- und Dokumentationskanals” Phoenix eine Aushängeposition des öffentlich-rechtlichen Journalismus in Deutschland inne hat. Es gibt ja tatsächlich TV-Formate, in denen der Interviewer eine extreme und sogar polemische Gegenposition zu der des Befragten einnimmt. HARDtalk bei der BBC ist so ein Beispiel, wo später am selben Abend übrigens Wolfgang Schäuble fachgerecht gegrillt wurde. Aber legitim ist eine solche Taktik nur dann, wenn es sich um ein Interview handelt, nicht um ein vorgebliches Streitgespräch, bei dem sich der Moderator (kommt angeblich vom lateinischen Wort für “mäßigen, lenken”) unversehens auf eine Seite schlägt.
War es also eine “Hinrichtung” der Piratenpartei, wie F!XMBR sofort schrieb? Keineswegs!
Denn Dirk Hillbrecht nahm jeden Schlag aufrecht und versuchte seinerseits technisch sauber, wenn auch mit viel zu wenig Kraft, Konter zu setzen. Dass Minhoff und Scholz nur ein paar Kratzer abbekamen, das war in dieser Konstellation unvermeidlich. Aber wenn nach einer Schulhofschlägerei der Nerd immer noch steht, wenn auch leicht zitternd, mit zerbeulter Brille und Blut im Mundwinkel, dann haben die Bullies ihr Ziel nicht erreicht, Angst und Schrecken zu verbreiten. Und die umstehenden Mitschüler kratzen sich am Kopf und fragen sich, was sie gerade gesehen haben?
Mal im Ernst: Dirk Hillbrecht war ausnahmslos damit beschäftigt, sich gegen die suggestiven Polemiken seiner beiden Widersacher zu erwehren. Aber er tat das sachlich und ruhig. Und ich bin mir nicht sicher, ob das auf einem Kanal wie Phoenix, den man nun wirklich nicht dem Unterschichtenfernsehen zurechnen kann, am Ende nicht doch eine erfolgversprechende Taktik ist. Die Leute, die um 22:15 Uhr auf Phoenix einer Diskussion mit dem Vorsitzender einer 0,9%-Partei zuschauen, interessieren sich wirklich für das Thema. Und wenn sie nicht vorher schon für Differenzierungen verloren waren, dann haben sie in dieser Diskussion nur von Hillbrecht Denkstoff geliefert bekommen.
Mein einziger Kritikpunkt wäre, dass es Hillbrecht kaum einmal gelang, aus der Verteidigungsposition herauszukommen und konstruktiv darzustellen, warum das Internet viele geltende Paradigmen überdenkenswert macht, einschließlich dem Paradigma der Existenz geistigen Eigentums. Und zu welchem Schluss man bei der Frage auch immer kommt: Wenn man im Gegensatz dazu Rupert Scholz hört, der den feinen aber wichtigen Unterschied, den das deutsche Gesetz im Gegensatz zum amerikanischen Kopierrecht wenigstens zwischen Urheber- und Verwertungsrechten macht, mit einem Satz wegzuwischen versucht (”Das Urheberrecht erstreckt sich auch auf die Verwertung“), dann weiß man, mit wem man nicht mehr zu diskutieren braucht, weil für ihn noch nicht mal die gesetzliche Wirklichkeit zu gelten scheint, sofern es hilft, in einer Diskussion zu punkten.
Für zukünftige TV-Debatten, erst recht wenn es mal welche in größeren Sendern geben sollte, kann man der Piratenpartei aber trotzdem nur raten, denjenigen ihrer Spitzenfunktionäre zu schicken, der wenigstens laut Amt Diskussionshaien wie Scholz die Harpune in die weiche Flanke rammen können sollte: den Generalsekretär. Ich habe keine Ahnung, ob Hauke Kruppa, der dieses Amt bei den Piraten bekleidet, einer Diskussion mit Rupert Scholz gewachsen wäre. Aber in einem schnell recherchierten Interview im Hessischen Rundfunk macht er zumindestens schon mal einen angriffslustigen Eindruck.
Ich würde sagen, die Piratenpartei hat gestern Senge bekommen, aber ihre Kogge wurde keineswegs versenkt. Und beim nächsten Mal weiß man etwas genauer, wo der Feind steht und dass er sich nicht scheut, unfair zu kämpfen.
Piraten unter Copyright?
Irgendwie finde ich, kann man nicht Fotos von einer Demo unter der Flagge der Piratenpartei machen, und diese Fotos dann auf Flickr mit “All rights reserved” veröffentlichen. Insofern nehme ich mir also trotz widersprüchlicher Lizenz mal die Freiheit, eine Ausschnittvergrößerung eines Fotos von diesimpel hier zu posten. Und das eigentlich ja nur, um darauf hinzuweisen, dass der große Bill Watterson sowieso mal wieder alles vorher wusste.

Kurz reingeschaut: Neil Young im Tanzbrunnen in Köln
Meine kleine “Woche der Legenden” fand gestern ihr Ende, auch wenn Neil Young natürlich ein paar Jahrzehnte mehr Erfahrung vorzuweisen hat als De La Soul mit ihren vergleichsweise lächerlichen 20 Jahren. Der alte Mann trat gestern im Tanzbrunnen auf, der schönsten und angemessen traditionsreichen Kölner Open-Air-Location. Das Wetter spielte zum Glück auch mit und blieb trocken, denn bei Regen gibt es immer ein rechtes Gedränge unter den ja doch nicht flächendeckenden Schirmen.
Schon um Punkt 20 Uhr betrat Young die Bühne: Nach einigen Gerichtsterminen mit einem ruhebdürftigen Nachbarn müssen Tanzbrunnen-Konzerte spätestens um 23 Uhr beendet sein, was kurz vor dem längsten Tag des Jahres nicht viel Spielraum lässt, auf die stimmungsvollere Dunkelheit zu warten.
Das Konzert begann mit “Hey hey, my my”, und auch in der Folge spielte Young eine bunte Mischung seiner größten Hits: “Cinnamon Girl”. “Harvest Moon”, “Words”, “Are You Ready For The Country?” und als Abschluss des zweistündigen Sets natürlich “Keep On Rocking In The Free World”, bei dem erst nach dem dritten Feedbackfest und anschließender Wiederaufnahme des Refrains Schluss war. Besonders freute ich mich über zwei Songs von meinem Lieblingsalbum “Ragged Glory”: “Mansion on the Hill” und “Mother Earth”.
Wirklich vermissen konnte man vielleicht nur “Like A Hurricane” und “Heart of Gold” (jaja, liebe Leser, und natürlich ein Dutzend andere Klassiker).
Besonders angenehm an Neil Young ist, dass er sich mit Gequatsche zurückhält. Die erste Ansage gab es nach einer geschlagenen Stunde, insgesamt richtete er kaum mehr als 20 Worte an das Publikum. Schön, wenn einer lieber seine Musik sprechen lässt.
Was hätte man also mehr wollen können? Vielleicht einen besseren Sound. Kann sein, dass der nur ganz hinten so scheppernd bis mies war, wo er teilweise auch merklich vom Wind verweht wurde. Aber auch das habe ich im Tanzbrunnen schon deutlich besser erlebt. Und auch eine oder zwei Zugaben mehr hätte ich gerne genommen. Die einzige Zugabe war dafür eine schön zersägt Version von “A Day In The Life”.
Unterm Strich habe ich also ein weiteres Häkchen hinter eine Legende der Musikgeschichte gemacht. Vollständig vom Hocker reißen kann einen so Neil Young aber auch nicht mehr, dafür ist seine Musik einfach nicht mehr revolutionär genug. Aber für sehr unterhaltsame zwei Stunden reicht’s allemal.
Kurz reingeschaut: “Iphigenie” im Schauspielhaus Köln
Das vielleicht erstaunlichste an diesem Abend ist, dass er das Publikum schon für sich gewonnen hat, bevor er es gleichsam mit Zauberstaub bestreut. Es beginnt nämlich auf einer Bühne, die wie ein großer, viereckiger Schlauch gebaut ist. Vom anderen Ende werden die Zuschauer von einer Wand aus grellen Scheinwerfern geblendet. Ganz hinten weht Wind ein paar Sägespäne über den Boden. Dann kommt ein großes, weißes Papierzelt auf die Bühne, es bewegt sich gegen den Wind, wird dann scheinbar fast weggeblasen, irrt über die Bühne. Ein buchstäblich traumhaftes, ganz leises, aber doch sehr stimmungsvolles Bild. Und dann schlägt hinten eine riesige Wand zu, sie schließt den Schlauch zu einem unentrinnbaren Raum ab, und der Windhauch der Bewegung pustet über das Parkett kleinste Sägespänchen, die im Scheinwerferlicht mattgolden glitzern, bevor sie auf die Zuschauer rieseln.
Und das ist nur der Beginn des Zaubers.
Denn Iphigenie ist in dieser Kölner Aufführung von der ersten bis zur letzten Minute Theater, wie nur Theater sein kann: Konzentriert, emotional, lustig, übertragisch, körperlich – eben einfach nur dramatisch.
In der Inszenierung von Karin Henkel zeigt sich wieder einmal eine der größten Stärken der inzwischen zweijährigen Intendanz von Karin Beier: Schlichte, aber umso effektvollere Inszenierungen großer Klassiker. Iphigenie ist natürlich griechischer Mythenstoff: Dem Feldherrn Agamemnon wird weisgesagt, dass sein Krieg gegen Troja nur erfolgreich sein wird, wenn er seine eigene Tochter opfert: Iphigenie. Unter dem Vorwand, sie mit Achill verheiraten zu wollen, lockt er Iphigenie mir ihrer Mutter ins Heereslager. Agamemnons Bruder hat Skrupel und verrät der Mutter den Plan, die ihren Mann flehentlich von der Schandtat abzubringen versucht – als Iphigenie beschließt, sich freiwillig für ihr Land zu opfern.
Das ist natürlich starker Tobak, und es bietet sich die Versuchung an, den Stoff zu “modernisieren”. Karin Henkel widersteht der Versuch und weiß, dass ein dramatischer Stoff nur eines braucht: gute Schauspieler. Und die hat sie. Julia Wieninger ist eine wütend-emotionale Mutter Klytaimnestra. Felix Goeser zeigt Agamemnon so verzweifelt wie zum Tochtermord entschlossen. Lina Beckmann gibt als “Alter Mann” und als Chormitglied einen Pausenclown so gerade noch auf der hysterisch witzigen Seite des Chargierens. Und Angelika Richter lässt all die kindliche Naivität spüren, mit der sich eine verwirrte und ergebene Iphigenie schließlich opfert.
Die Inszenierung ist ganz nah bei den Figuren und drängt sich selbst nie in den Vordergrund, obwohl das herausragende Bühnenbild von Kathrin Frosch allen Anlass dazu geben würde.
Nur einen kleinen Hänger gibt es vor dem Epilog, in dem sich herausstellt, dass Iphigenies Tod nur vorgetäuscht war. Da sinkt die Spannungskurve so tief ab, da sind die Schmerzen der Charaktere so groß, dass es den Zuschauer echte Mühe kostet, sich auf eine weitere Wendung einzulassen. Aber auch diese Mühe soll sich lohnen, denn die Konfrontation mit der überlebenden Iphigenie, die, obwohl die Handlung Jahre später spielt, wie eine Untote noch mit ihrem Blut verschmiert ist und ihre Glieder kaum beherrscht, ist noch einmal erschütternd. Und wenn Iphigenie dann ganz am Ende unvermittelt ins Parkett flüchtet, wenn sie all der klaustrophobischen Unentrinnbarkeit der Bühne und ihrer Situation nur durch die Vierte Wand entkommen kann, dann bringt die Regisseurin das Stück ganz am Ende noch einmal auf den Punkt.
Zweieinviertel Stunden lang hält diese Aufführung die Zuschauer in ihrem Bann, schafft starke Bilder und wahrhaft emotionale Momente, und all das mit einer jahrtausendealten Geschichte um Tod, Verrat, Schicksal und Liebe. Mehr kann Theater nicht wollen.
Kurz reingeschaut: De La Soul im Gloria in Köln
20 Jahre nach “3 Feet High And Rising” und wohl auch 20 Jahre nach dem letzten Konzert in Köln waren De La Soul wieder in der Stadt. Anfang der 90er hatte ich meine große Hip-Hop-Zeit: De La Soul, House of Pain, LIfer’s Group und Arrested Development waren ein paar meiner Favoriten. Dennoch hatte ich vor dem gestrigen Abend noch nie ein Hip-Hop-Konzert besucht und war ein bisschen besorgt, ob ich ohne quer aufgesetztes Käppi wohl ins Gloria gelassen werden würde? Ich wurde. Und überhaupt war das Publikum erstaunlich gemischt. Von jung bis alt, von Normalo bis Szene, von Schlabbershirt bis Tanktop.
Eins muss ich dir aber erst mal vorweg sagen, liebes, schönes Gloria: Die immergleiche Scheiße mit der kilometerlangen Einlassschlange musst du echt mal in den Griff bekommen. So geht das nicht. Ich meine, es zwingt dich ja keiner “Doors: 20h” auf die Plakate zu drucken, wenn du doch erst gegen 20:45 die ersten Gäste einlassen willst, wenn die Schlange sich ungelogen schon 400 Meter lang bis um die Apostelnkirche herum windet. Nervig.
Es begann mit der sehr korrekten Vorband “Dickes B”. Live gespielter, deutscher Hip Hop aus Köln vom Allergepflegtesten, erinnerte mich an eine Mischung aus Fischmob und Eins, Zwo. Sehr angenehm, die Combo würde ich mir auch ohne De La Soul wieder ansehen! Besonders erwähnenswert, wie gut das Publikum mitging. Selbst eine Art H.U.M.B.A-Choreo funktionierte, als die Band das komplette Parkett sich auf den Hosenboden setzen und auf Kommando wieder aufspringen ließ. Beeindruckend!
Nach kurzer Umbaupause, die eigentlich mehr ein Abbau war, weil alle Instrumente von der Bühne geräumt wurden und nur noch das DJ-Pult stehen blieb, traten De La Soul vor das Gloria, und sofort merkt man, warum die Jungs so berühmt wurden: Sie bieten eine unglaublich energiegeladene Show, die das Publikum einbezieht und bei der echt was rüberkommt. Natürlich ist das bestes Showmanship, teilweise genauso schlicht wie wirkungsvoll, und es muss nicht von Herzen kommen, aber es ist einfach perfekt gemacht. Das Publikum tobt von der ersten Sekunde.
Die Show ist so perfekt, dass man sogar ins Grübeln kommt, als zum zweiten Mal in der Show der Backing Track unvermittelt abbricht, angeblich ein Fehler von DJ Maseo. Oder doch eine kalkulierte Menschlichkeit?
Denn dass die De Las nicht die größte Lust auf ein ausgedehntes Konzert hatten, wurde nach 40 Minuten klar – als sie tatsächlich die Bühne verließen. Zwar kamen sie noch einmal für eine rund 20-minütige Zugabe zurück, aber obwohl das Publikum, das schon das ganze Konzert über enthusiastisch mitgegangen war, auch anschließend noch ausdauernd “De La! De La!” forderte, kamen die Long Islander nicht mehr zurück. 60 Minuten Konzert für immerhin 25 Euro + VVK? Da hätte ich mir echt ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis erwartet.
Unterm Strich: Gemischte Gefühle. Drei verdiente Legenden gesehen, aber dennoch den Eindruck nicht abschütteln können, dass hier nicht mehr als die Pflicht erfüllt wurde. Ein Eindruck, den De La Soul mit nur 20, 30 Minuten mehr Konzert nie hätten aufkommen lassen können.
Jermaine Jones in der Außenwahrnehmung
Mal wieder, wie oft in den letzten Tagen, das Thema: Wahrnehmung von innen vs. Wahrnehmung von außen:
Jones, der ab sofort für die amerikanische Nationalmannschaft auflaufen will, deutete in einem Telefon-Interview an, dass er als Mensch in Deutschland nicht akzeptiert werde und begründete unter anderem damit den schweren Stand, den er angeblich unter Bundestrainer Joachim Löw in der Nationalmannschaft hatte.
“Wenn mich jemand ansieht, sieht er nicht den perfekten Deutschen in mir. Wenn ich die Leute in den Staaten anschaue, dann sehen die schon eher aus wie ich. In Deutschland sagen viele Menschen wegen meiner Tattoos: ‘Oh, das ist kein guter Mensch.’ Aber schauen Sie sich Beckham an – der hat auch Tattoos, nur über ihn sagt so etwas niemand. Vielleicht liegt es daran, dass ich keine blauen Augen und blonden Haare habe.”
Seine unbequeme Art sei beim DFB nicht gut angekommen, sagte der Schalker [Jermaine Jones] bereits letzte Woche in mehreren Interviews. Jetzt legte er in der “NYT” nach.
Was von innen wirkt, als sei man unbequem, kann von außen eben manchmal so wirken, als sei man einfach nur scheiße.
[Update] Jones bestreitet die Richtigkeit des ZItats: Jones rudert plötzlich zurück.
Kurz reingeschaut: “Slumdog Millionaire”
Wahrscheinlich bin ich der letzte, der “Slumdog Millionaire” im Kino gesehen haben wird. Aber welche wertvolle Zeit hätte ich meinen Lesern ersparen können, wenn ich früher über den Film geschrieben hätte?
Ich meine, wie viele Drehbuchzufälle und wie viel Sozialkitsch können toll gefilmte Bilder aus den Slums von Mumbai denn eigentlich entschuldigen? Wenn nach der ersten Viertelstunde Schluss gewesen wäre, hätte ich “Slumdog Millionaire” wirklich gemocht. Die Flucht der Kinder vor der Flughafen-Security und der Überfall im Slum waren toll gefilmt und ein beeindruckendes Zeugnis des Lebens in Mumbai. Vielleicht auch noch die Episode rund um den grausamen Herren der Bettelkinder.
Aber dann verließ mich der Film. Die Grundidee, dass das Ghettokind Jamal genau all die Fragen aufgrund persönlicher Erlebnisse beantworten kann, die ihm in einer Wer-wird-Millionär-Sendung gestellt werden, trägt eben nicht einen ganzen Film lang. Irgendwann wird das Motiv unglaubwürdig, vor allem wenn all die Ereignisse ignoriert werden, mit denen man überhaupt in den WWM-Stuhl kommt: nämlich (in Deutschland) ein Vorabquiz am Telefon und in der Sendung eine Frage, deren vier Antworten möglichst schnell sortiert werden müssen.
Doch selbst, wenn ich dem Film diese Massierung von Zufällen hätte verzeihen können – das oberkitschige Ende kann nicht übersehen. Zum Glück war die Schlange vor dem Popcorn-Stand zu lang gewesen, bevor ich in den Film ging. Wer weiß, was passiert wäre, hätte sich mir ein voller Magen umgedreht? Wen haben die denn in die Testscreenings gesetzt, bevor sie sich dieses Ende zurechtgeschnitten haben?
Ich konnte mit “Slumdog Millionaire” wenig anfangen. Der Film steuert viel zu vorhersehbar auf sein Ende hin, das das völlig ungebrochen daherkommt, obwohl der Tod einer Hauptfigur (ich will nicht spoilern) genug Gelegenheit gegeben hätte, dem Glück von Jamal etwas Tiefe zu verleihen.
Immerhin schnell geschnitten und unterhaltsam: 6 von 10.







