Kurz reingeschaut: “Kölner Affäre” in der Halle Kalk

Einen größeren und erfreulicheren Kontrast hätte es in meiner kleinen Theaterwoche (mit sagenhaften zwei Stücken in drei Tagen) wohl kaum geben können. Denn die “Kölner Affäre” hatte all das, was “Leonce und Lena” am Dienstag fehlte: Tiefe, wahre Menschlichkeit, anrührende Darsteller und einfach eine gute Geschichte, nein: sogar vier davon.

Für die “Kölner Affäre” hat Regisseur Alvis Hermanis drei Schauspieler auf die Straßen von Köln geschickt. Sie sollten Menschen finden, deren wahre Geschichten sie in der Inszenierung erzählen, darstellen würden. So stehen, nach dann, jeweils einer kurzen Einleitung durch den/die Darsteller/in, nebeneinander auf jeweils ihrem eigenen, offenen Abschnitt der Bühne:

  • Hannah (Julia Wieninger), eine etwa 50-jährige Frau, vom Leben und einer langen Beziehung enttäuscht, die sich mit der Organisation von Fremdenführungen durchschlägt, einen leicht esoterischen Touch hat und die gerne Klavier lernen möchte, sich aber nicht traut, beim Klavierlehrer in die Tasten zu hauen, weil sie die Nachbarn nicht stören möchte.
  • Nastassja (Ilknur Bahadir), eine geborene Ukrainerin, mit 19 nach Deutschland gekommen und sofort schwanger geworden, die sich als Köchin und Bäckerin in einem Cafe durchschlägt, auf der Suche nach dem perfekten Mohnkuchen und dem perfekten Mann.
  • Foxi (Markus John), ein früherer Lebemann und Zuhälter, der nach einem zweijährigen “Kuraufenthalt” im Ossendorfer Klingelpütz geläuert ist, zum Lebensunterhalt ein Mietwagen-Taxi fährt und sich nichts mehr wünscht, als seinen unehelichen, in Belgien lebenden Sohn kennenzulernen.
  • Und schließlich Juri, der sich selbst spielt: einen nur mit zwei Koffern voll Zigarren und Kaviar aus Moskau nach Deutschland emigrierten Letten, einen Künstler, der in zwei Amours Fous aufging, bevor er schließlich sich selbst im Buddhismus fand.

Die vier Figuren stehen und sitzen einfach nur auf der Bühne, jeweils in ihrer typischen Umgebung, und erzählen ihre wahren Geschichten. Das war’s. Und es zeigt sich wieder, was die Menschen seit Jahrhunderten wissen: Nichts ist spannender als eine gut erzählte Geschichte. Da braucht es keine Dramatisierung, keinen Bühnenzauber, nicht mal ein Lagerfeuer, sondern einfach nur einen guten Erzähler, der die Geschichte glaubwürdig macht.

Die drei Darsteller und Juri Baratinskis verwandeln sich dazu auf offener Bühne in ihre Figuren, was besonders bei Julia Wieningers Hannah eine beeindruckende, vollständige Verwandlung ist.

Der Star des Abends ist aber der wie immer perfekte Markus John. Wenn ich in früheren Stücken manchmal gar nicht genau wusste, ob John spielt oder einfach nur er selbst ist, zumal er immer für ähnliche Typen besetzt wird, dann zeigt sich in der “Kölner Affäre” zweifelsfrei, ein wie guter Darsteller John wirklich ist. Der von ihm dargestellte Foxi ist ein Kölner Original, natürlich Fortuna-Fan, den John einfach saukomisch zeigt, insbesondere mit allen sprachlichen Manierismen, die so ein ehemaliger Angeber mit wilder Zuhältergeschichte und Lebensschläue eben hat. Und doch verrät John seine Figur in keinem Moment, karikiert sie nie. Zu jedem Zeitpunkt, auch wenn das Publikum auf dem Boden liegt vor Lachen, behält Foxi seine Würde. (Sogar in dem Moment, als Foxi seine allerabstruseste Geschichte erzählt, wie er nämlich letztlich davor zurückscheute, mit einer 80-jährigen Altersheimbewohnerin zu schlafen, um eines ihrer Häuser zu erben – und John kurz aus der Rolle fällt und selbst vor Lachen bebt.)

So bleibt Markus John vorbehalten, was noch keinem gelang: Mich im Theater zum Weinen zu bringen. Wenn Foxi nach der Pause über seinen verlorenen Sohn spricht, den er noch nie gesehen hat außer auf Fotos, und wenn er sich vorstellt, wie er sein Kind umarmen würde, dann ist es gerade wegen der Unbeholfenheit, mit der Foxi noch im innigsten Moment überlegt, in welcher Höhe er die Arme schließen müsste, einer der schönsten Momente, die ich je im Theater erlebt habe.

Und wenn es also nur für Markus John wäre, kann ich nur jedem empfehlen, den Weg nach Kalk zu machen, und eines der besten Stücke dieser Theater-Saison zu sehen. (Einzige angekündigte weitere Vorstellung am Samstag, 30.05. und nächsten Dienstag, 02.06.!)

Kurz reingeschaut: Leonce und Lena im Kölner Schauspielhaus

Ich muss ja zugeben, dass ich, obwohl ich relativ oft ins Theater gehe, nur wenige Stücke bereits vorher kenne. Über die paar Dramen, die man in der Schule so behandelt, habe ich kein einziges Theaterstück daheim auf dem Sessel gelesen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich damit so ein isolierter Einzelfall bin. Ich gehe ins Theater, weil ich es einfach mag und weil ich mit Erfolg darauf hoffe, immer wieder mal von einer Szene, einem Darsteller, einem Motiv und vielleicht mal einem ganzen Stück gefangen zu werden. Aber ich habe den Anspruch, dass mir ein Stück auch ohne große Vorbildung mitteilt, was es von mir will. Ich kann deswegen recht wenig mit Inszenierungen anfangen, die darauf bauen, dass der Besucher das Stück kennt und dessen Dekonstruktion auf Basis seines Wissens schätzen kann.

“Leonce und Lena” in der Kölner Inszenierung ist so ein Fall. Glücklicherweise hatte ich mich vorab doch mal kurz in der Wikipedia informiert, um was es eigentlich geht, nämlich die beiden Königskinder Leonce und Lena, die verheiratet werden sollen, ohne sich zu kennen, vor dieser Zwangshochzeit flüchten, sich im Exil kennenlernen, ohne zu wissen, wer der andere ist, und natürlich doch verlieben.

Ich muss gestehen, dass ich in der bunten, unterhaltsamen Inszenierung von Jan Bosse von dieser Story wenig bis gar nichts mitbekommen hätte. Da laufen Schauspieler durchs Publikum, sowieso immer wieder ums Parkett herum, da werden poppige Kleider getragen, Plastikbecher zerstreten und da wird immer wieder bis zur Schmerzgrenze chargiert, bis der Klamauk den Darstellern aus den Poren spritzt. Vielleicht war ich gestern auch einfach nur ein bisschen abwesend drauf, aber schon sprachlich bekam ich kaum etwas mit, weil mir die meisten Texte zu schnell gesprochen wurden. Und der stete Wechsel von Mikrophonverstärkung zu normalem, in den Saal gesprochenen Text, trägt auch nicht dazu bei, dass man sich auf den Inhalt konzentrieren kann. Als Schwierigkeit hinzu kam, dass der Regisseur wohl den Original-Text deutlich umgestellt hatte, was mir die Handlung recht willkürlich erscheinen ließ.

Nach knapp zwei Stunden ohne Pause war ein immerhin nie langweiliger Theaterabend an mir aber doch vorbeigezogen wie eine Revue, von der man nichts mitnimmt außer der Frage, warum sich eigentlich auch Darstellerinnen mit allertiefsten Dekolletés zum Schlussapplaus verbeugen, anstatt mal den aus der Mode gekommenen und genau für solche Zwecke erfundenen Knicks zu versuchen? (Den pubertierenden Jungs eine Reihe hinter mir war’s jedenfalls sehr recht. Und das sei noch zugestanden: Wenn ich jemals froh war, dass die Mittelstufen Kölns geschlossen in eine Theater-Vorstellung stürmten, dann gestern, denn so kam bei den vielen Szenen, in denen die Figuren direkt mit dem Publikum interagierten, wenigstens so viel echte Reaktion zurück, dass die Schauspieler teilweise breit grinsen mussten.)

Eurovision 2009: Vergleich von Jury-Vote und Gesamt-Vote

Auf eurovision.tv wurde in dieser Woche die aggregierte Punktevergabe der professionellen Jurys veröffentlicht, die 50% der Stimmen jedes Landes ausmachten. Zwar wird aus guten Gründen nicht publiziert, welche Jury genau wie abstimmte, aber aus dem Abgleich von Jury-Vote und Gesamtvote kann man einen Rückschluss ziehen, welche Länder gegenüber dem bisherigen Stimmverfahren profitiert haben oder benachteiligt wurden.

Die Ergebnisse der professionellen Jurys:

Norway 312
Iceland 260
United Kingdom 223
France 164
Estonia 124
Denmark 120
Turkey 114
Azerbaijan 112
Israel 107
Moldova 93
Greece 93
Bosnia and Herzegovina 90
Malta 87
Germany 73
Armenia 71
Ukraine 68
Russia 67
Portugal 64
Croatia 58
Lithuania 31
Romania 31
Sweden 27
Albania 26
Finland 12
Spain 9

Norwegen hätte also auch so gewonnen, und Spanien wäre nicht nur fast, sondern wirklich Letzter geworden. In der Spitzengruppe kam dagegen England bei den Jurys deutlich besser und die Türkei deutlich schlechter an als beim abstimmenden Publikum. Ein detaillierter Vergleich sortiert nach Abweichung der Jury-Punkten von den Gesamt-Punkten:

Und derselbe Vergleich, sortiert nach prozentualer Abweichung von den  Gesamtpunkten:

(Hier die Daten zum Download: esc2009.pdf. Leider lässt Wordpress mich keine xls-, csv- oder zip-Files hochladen, weil das die Sicherheitsrichtlinien verletzt.)

Wir stellen fest:

  • Prozentual sind Malta, Deutschland und Israel von den Jurys am stärksten bevorteilt worden, hätten mehr als doppelt so viele Punkte bekommen, allerdings auf weiterhin niedrigem Niveau.
  • Von den Ländern der Top 10 hätte Frankreich bei einer reinen Publikumsabstimmung am deutlichsten schlechter abgeschnitten, gefolgt von UK und Island.
  • Griechenland dagegen hätte profitiert, wenn die Jurys nicht eingesetzt worden wären, und wer weiß, wo vor allem auch der Dritte gelandet wäre, Aserbaidschan, das von den Jurys fast 50% weniger Punkte erhielt als von Jurys und Publikum gemeinsam.
  • Zu einem Sieg hätte es allerdings für Aserbaidschan nicht gereicht, denn der Norweger hat offensichtlich beim Publikum noch viel deutlicher abgeräumt, als es im Gesamt-Ergebnis zum Ausdruck kam. Von den Jurys hätte er jedenfalls weniger Punkte bekommen.
  • Wenn man den Ost-West-Vergleich bewertet, dann erkennt man, dass die Jurys die Songs der “klassischen” Grand-Prix-Länder doch höher bewerten als das Gesamtpublikum. Von den 11 Ländern, die von einem reinen Jury-Voting profitiert hätten, sind nur 3 Länder aus Osteuropa: Moldau, Kroatien, Litauen. Dagegen liegen von den 14 Ländern, die von den Jurys schlechter beurteilt wurden als vom Publikum, 8 in Osteuropa.

Die Abweichungen, die sich in den Final-Platzierungen ergeben, wenn nur die Jurys abgestimmt hätten, sind nicht extrem dramatisch, wenn auch im einzelnen schon bemerkenswert:

Land Platz

gesamt

Platz

Jury

Abweichung

bei Jury-Vote

Norway 1 1 0
Iceland 2 2 0
Azerbaijan 3 8 -5
Turkey 4 7 -3
United Kingdom 5 3 2
Estonia 6 5 1
Greece 7 11 -4
France 8 4 4
Bosnia and Herzegovina 9 12 -3
Armenia 10 15 -5
Russia 11 17 -6
Ukraine 12 16 -4
Denmark 13 6 7
Moldova 14 10 4
Portugal 15 18 -3
Israel 16 9 7
Albania 17 23 -6
Croatia 18 19 -1
Romania 19 21 -2
Germany 20 14 6
Sweden 21 22 -1
Malta 22 13 9
Lithuania 23 20 3
Spain 24 25 -1
Finland 25 24 1

Vor allem die Mainstream-Popsongs aus Dänemark, Israel, Deutschland und Malta haben im Ergebnis ihrer Platzierung von der Einbeziehung der Jurys in diesem Jahr profitiert. Aserbaidschan, Russland, Albanien und mit Abstrichen Griechenland und die Ukraine hätten sich lieber eine reine Publikumsabstimmung gewünscht.

Unterm Strich bleibt die wenig überraschende Erkenntnis: Die professionellen Jurys bevorzugen klassische Popsongs, während das Publikum Disco-Tunes mit Showeffekten etwas mehr gustiert. Es ist aber nicht etwa so, dass ein breiter Graben zwischen beiden Lagern verläuft. Vielmehr sind die Unterschiede graduell.

Man kann also sagen, dass das Eurovision-Ergebnis in diesem Jahr nicht dramatisch anders ausgefallen wäre, wenn wie in den vergangenen Jahren nur das Publikum abgestimmt hätte.

Armut in Deutschland: Taschenspieler auf allen Seiten

Drüben im Bildblog will Stefan Niggemeier demonstrieren, dass die Kritik von Nikolaus Blome, dem Leiter des Hauptstadt-Korrespondentenbüros der Bild-Zeitung, an der Armutsdefinition des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes ungerecht ist. Blome kritisiert, dass die Armutsdefinition der EU und des Verbandes relativ ist: Als arm gilt, wer in einem Land weniger als 60% des dortigen mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Blome führt an, dass der Zuzug von Reichen in ein Land so die Armut steigern könne.

Niggemeier kontert, dass das mittlere Einkommen sich ja nicht als arithmetisches Mittel aller Einkommen berechne, sondern als Median all dieser Einkommen. Zur Demonstration konstruiert er im Bildblog ein Beispiel, bei dem sich der Median einer Einkommensverteilung überhaupt nicht ändert, obwohl zu elf Bürgern zwei Spitzenverdiener hinzukommen.

Nun ist es zwar richtig, dass der Median gegenüber Ausreißern in einer Verteilung deutlich unempfindlicher ist als der Mittelwert. Aber natürlich ist auch Niggemeiers Beispiel nur ein mathematischer Taschenspielertrick. Konstruiert man sein Beispiel nämlich nur leicht um, dann kann man auch das Gegenteil der von ihm gewünschten Aussage demonstrieren.

Denken wir uns mal, im Gegensatz zu Niggemeier, ein Land, in dem zwar auch elf Menschen leben, aber mit leicht anderer Einkommensverteilung: Zwei verdienen 1.000 €, vier 2.000 €, vier 3.000 € und einer 10.000 €. Dann hat die Einkommensverteilung dieses Landes ein arithmetisch mittleres Einkommen von 2.909 € und einen Median von 2.000 €.

Lassen wir in dieses Land nun zwei weitere Bürger ziehen. Anders als Stefan Niggemeier lassen wir aber keine Spitzenverdiener zuziehen, sondern Normalverdiener: Zwei neue Bürger mit 3.000 € Einkommen. Dann steigt das mittlere Einkommen gerade mal auf 2.923 €, also um läppsche 14 €. Der Median aber steigt von 2.000 € auf 3.000 €, und die Armutsgrenze steigt von 1.200€ auf 1.800 €.

Glaube eben keinem Beispiel , das du nicht selbst konstruiert hast. Letztlich arbeitet sich Stefan Niggemeier nämlich am falschen Thema ab. Es geht nicht darum, zu demonstrieren, dass die Armutsdefinition der EU deswegen doch tragfähig ist, weil sie den Median statt des Mittelwerts verwendet.

Die Armutsdefinition ist tatsächlich eine relative Größe, und sie nimmt sehenden Auges in Kauf, dass Menschen, die einem reichen Land als “arm” gelten, in einem weniger wohlhabenden Land vielleicht Normalverdiener wären. Und jetzt kommt’s: Genau so ist das auch sinnvoll!

Man kann sich zwar darüber streiten, ob der Begriff “arm” glücklich oder populistisch gewählt ist. Tatsächlich macht die EU-Armutsdefinition keine direkte Aussage darüber, ob ein “Armer” zum Beispiel Hunger leiden muss oder nicht. Stattdessen macht sie eine Aussage darüber, wie viele Menschen in einem Land “keine angemessene Teilhabe an der Gesellschaft” haben.

So ist die Armutsdefinition der EU also mehr eine soziale Größe. Sie sagt etwas aus über die Unterschiede in einer Gesellschaft – und diese Aussage ist extrem relevant. Zum Beispiel lässt sich die Gewalt in einer Gesellschaft mit den sozialen Unterschieden korrelieren, die sie zulässt: Gesellschaften mit großen sozialen Unterschieden leiden mehr unter Gewaltdelikten als vergleichsweise homogene Gesellschaften. (Hier mal ein Link zu einer entsprechenden Studie, die ich früher schon einmal zitiert habe: “Die Entwicklung der Gewaltkriminalität in der Bundesrepublik Deutschland, England/Wales und Schweden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts”, PDF).

Ich denke nicht, dass es der Sache hilft, wenn man politische Gegner, die qualitativ richtige Aussagen machen, mit offensichtlich konstruierten Beispielen auskontern will. Das ist zu leicht angreifbar und lenkt vom Kern der Sache ab.

Kurz reingeschaut: “Die Beteiligten” im Düsseldorfer Schauspielhaus

Endlich mal aktuelles Theater: “Die Beteiligten“, ein Stück der österreichischen Autorin Kathrin Röggla, versucht sich an einer dramaturgischen Verarbeitung des Falls von Natascha Kampusch. Die Düsseldorfer Uraufführung spielt mit allen Ebenen, die das Theater zur Verfügung hat: natürlich mit Schauspielern, mit der Bühne, mit dem Text, aber auch mit Medien und vor allem mit den Zuschauern selbst.

Sechs Schauspieler stellen Personen dar, die in einer Beziehung zu der nie direkt genannten Natascha Kampusch stehen. Da sind die Psychologin, die Nachbarin, der väterliche Freund, der Journalist, der Manager und der professionelle Fan. Der normale Zuschauerraum des Kleinen Hauses ist abgesperrt, jeder Charakter sitzt in einer Art Minitheater, einem schwarz ummantelten kleinen Raum. Die Zuschauer verteilen sich auf diese sechs Räume, sitzen einem Schauspieler direkt gegenüber, die anderen werden als “talking heads” über je einen TV-Monitor zu ihnen übertragen. Die fast klaustrophobische Enge und das direkte Ausgeliefertsein gegenüber einer Person übertragen sich sofort auf den Zuschauer. Fast schon zu offensichtlich wird hier die Kerkersituation dramaturgisch nachgestellt.

Sobal der erste Charakter den Mund öffnet, stellt sich dann erst einmal Verwirrung ein. Denn obwohl ich vorgewarnt war, brauchte ich rund eine Viertelstunde, um mich an die Sprache von Kathrin Röggla zu gewöhnen: Die Charaktere sprechen in indirekter Rede. Ihnen sind Texte in den Mund gelegt, in denen die nicht auftretende Entführte über sie spricht. So referiert also jeder Charakter über sich selbst in indirekter Rede, geschliffen und voller Konjunktive, aber mit aller Intonation und allem Nachdruck, als sage er das Gemeinte in diesem Moment selbst. Das schafft erst Irritation, dann aber eine wirklich wunderbare Brechung der dargestellten Wirklichkeit: Die Beobachtete, das Objekt der Aufmerksamkeit, beobachtet sozusagen indirekt zurück, ohne anwesend zu sein. Es ist, als sei eine von diesen Fensterscheiben über die Handlung gelegt, wie man sie in alten Toilettenfenstern findet, die aus lauter kleinen, halbkugeligen Glaselementen bestehen und durch die das dahinter stattfindenden zwar zu erahnen ist, aber so mehrfach gebrochen, das es verschwommen ist, auf eine Ahnung reduziert. Etwas verkünstelt, aber sehr wirkungsvoll.

<SPOILER voraus>

Gegen Ende der Aufführung werden dann die Wände um die Zuschauerboxen nach oben gezogen und geben den Blick in den ganzen Raum frei, auch auf die Zuschauer in anderen Boxen, die einem plötzlich gegenüber sitzen, manche werden sogar unscharf von den weiter laufenden Kameras eingefangen. Die Charaktere sind ebenfalls irritiert und beginnen, sich zunächst zögerlich, dann immer agiler in der neu gewonnenen Freiheit zu bewegen. Ein Moment von neuer Freiheit und gleichzeitiger Verwirrung über das Beobachtetsein, der ebenfalls wieder fast zu unmittelbar das Schicksal von Kampusch nach ihrer Befreiung nachempfinden will. Trotzdem ein toller Einfall, in dem das Theater Stärken ausspielt, die andere Medien gar nicht besitzen.

<SPOILER zu Ende>

Letztlich ist “Die Beteiligten” eine sehenswerte Aufführung, auch wenn ihre Effekte manchmal zu gewollt erscheinen. Aber die Sprache und die durchweg guten Darsteller lohnen einen Besuch. Lediglich der für einen Theaterbesuch ungewöhnlich hohe Preis von 25 € plus VVK. lässt einen bei einer Aufführungsdauer von knapp 90 Minuten ohne Pause doch noch kurz zögern.

Fortuna Köln – Rot-Weiss Essen II 1-1

Abgesehen davon, dass ich nach dem Spiel noch nicht viel Zeit hatte, wäre ich vielleicht doch früher zu einer kurzen Notiz an dieser Stelle gekommen, wenn das sonntägliche Ballgeschiebe zwischen der Fortuna und der zweiten Mannschaft von RWE irgendwie maßgeblich gewesen wäre.

Immerhin holte die Fortuna den letzten Punkt, den sie noch benötigte, um sich vor dem Abstieg zu retten: Drei Spieltage vor Schluss für einen Aufsteiger eigentlich eine ordentliche Leistung. Aber nach sechs Niederlagen in Folge, vor denen mit einem trüben Auge noch auf den Aufstieg geschielt worden war, war das Thema Abstieg de facto nur noch ein Märchen, das die ganz Alten und Pessimistischen sungen.

Tribüne

Mein persönlich letztes Fortuna-Spiel war die verlorene Partie in Bonn gewesen, die den Auftakt der Niederlagenserie gebildet hatte. Am Sonntag entschloss ich mich um kurz nach zwei, spontan ins Südstadion zu düsen und mir persönlich anzuschauen, was denn die Ursache des Elends sein könnte. Einen Grund hatte man schon der Berichterstattung entnehmen können: Die sagenhafte, geradezu epidemische Verletzungsserie der Fortuna, bei der schon seit Wochen gerade mal genug Spieler zusammen kamen, um auch mal jemanden einwechseln zu können. Zuletzt waren mit Cedric Mimbala und Daniel Blankenheim zwei weitere Stammspieler ausgefallen, so dass Trainer Mink sogar einen Spieler aus der zweiten Mannschaft in die Startformation stellen musste. Da diese Zweite in der Kreisliga A kickt, ist das kein selbstverständlicher B-Plan. Es liefen also für die Fortuna auf: Möllering – Maaßen, Schroden, Hoffmann, Gran – Glaser, Dahmani, Höffgen, Honka – Kruth, Stasiulewski. In der Not hatte Mink auf ein 4-4-2 umstellen müssen. Stefan Hoffmann war in die Innenverteidigung gerückt, Hamdi Dahmani hatte vom linken Flügel ins zentrale, defensive MIttelfeld weichen müssen, seine angestammte Position übernahm der aus der Zweiten aufgerückte Andre Honka.

Die Mannschaften laufen auf

In der Anfangsphase entwickelte sich ein schwungvolles Spielchen, insbesondere die Fortuna hatte einige gute Chancen, deren beste mal wieder Stasi vergab: Glaser hatte steil auf Kruth gespielt, der den Ball mit einem gekonnten Tackling und viel Übersicht noch quer legen konnte, wo Stasi aus 14 Metern, zentral vor dem Tor völlig frei zum Schuss kam – und links neben das Gehäuse zielte.,

Käptn Glaser feuert an

Vielleicht hätte ein früher Treffer das Spiel befreit? So aber verflachte die Partie etwas, nur die Essener spielten sich noch einige Chancen heraus und konnten in der 44. Minute dann tatsächlich einnetzen: Ein locker gespielter Angriff, ein Stürmer lässt den Ball geschickt durch, kein Fortune steht näher als 2 Meter am Mann und folgerichtig schlägt’s ein: 0-1.

Pause.

Pausenplausch in der Gästekurve

In der zweiten Halbzeit verflachte die Partie zusehends. Essen spielte einen ruhigen Ball, wollte nicht mit Risiko auf die Entscheidung gehen, musste vor der Fortuna aber auch keine Angst haben, bei der wirklich gar nichts mehr zusammen lief. Alle Versuche, mal steil zu spielen, endeten entweder mit Bällen, die unerreichbar im Toraus landeten, oder der etwas übereifrige Linienrichter hob sein Fähnchen.

Niemals war das Abseits, du Blinder!

So waren die nächsten Höhepunkte dann erst einmal unerfreuliche: Eine Viertelstunde vor Schluss checkte Frank Schroden einen durchgebrochenen Essener Stürmer von hinten noch um und sah die verdiente rote Karte. Besonders bitter, weil die ohnehin knapp besetzte Innenverteidigung, in der Schroden schon seit Wochen der Turm in der Schlacht war, nun noch weiter ausgedünnt ist. Bleibt nur zu hoffen, dass wenigstens Cedric Mimbala zum morgigen Spiel gegen den MSV II wieder fit wird.

Rot für Frank Schroden

Kurz nach der Karte dann tumultuöse Szenen: Kevin Kruth sollte einen Essener gefoult haben, war aber der Meinung, dass der Sportskamerad simulierte, was er ihm deutlich mitteilte. Das sich bildende Rudel umfasste so ziemlich alle Spieler beider Mannschaften, trug aber mehr zur Unterhaltung der Zuschauer bei als zur Klärung des Sachverhalts.

Kevin ist böse

Rudelbildung

Wie dem auch sei, das Spiel hielt ein kleines Happy End für die rund 500 Fans im Südstadion bereit. In der 89. Minute war Stefan Glaser auf rechts endlich mal wieder in den Strafraum eingedrungen, hatte zwei Gegner mit einem Haken ins Leere laufen lassen, der dritte ging vor ihm zu Boden, und auf einmal zeigte der Schiedsrichter Elfmeter an: Es kann nur ein Handspiel gewesen sein, das niemand auf der Tribüne gesehen hatte. Stefan Hoffmann schnappte sich den Ball und verwandelte supersicher zum letztlich verdienten Ausgleich. Es war übrigens der einzige Ball, den die Fortuna im gesamten Spiel auf das Tor das Gegners brachte.

Stefan Hoffmann übernimmt die Verantwortung

Große Fragen blieben nach dem Spiel nicht offen. Lediglich der EIndruck hatte sich verfestigt, dass aus dieser Mannschaft die Luft raus ist. Hoffentlich kommt bald das Saisonende.

Alle Bilder vom Spiel bei Flickr: von mir, von Sebastian Flügel, von palim.

I hope we have a little bit lucky

Dieses Mal hatte ich mich im Vorfeld überhaupt nicht mit dem Eurovision Song Contest beschäftigt. Hauptsächlich, weil meine letzten Wochenenden mit Fußball, Konzerten und Vorlesungen ausgebucht waren und ich nicht die 3-4 Stunden Zeit fand, mich mit allen Beiträgen wertend auseinanderzusetzen. So setzte ich mich gestern also einfach mit Snacks und Starkbier vor die Glotze und wartete auf das, was da kam.

Und ich muss sagen: Das war der ausgeglichenste Eurovisions-Jahrgang seit langem, wenn auch nicht unbedingt der stärkste. In den vergangenen Jahren hatte es für meinen Geschmack mehr große Einzelhits gegeben, außer im letzten Jahr, als im wesentlichen Grütze am Start war.

Dieses Jahr konnte man allerdings eindrucksvoll beobachten, wie alle deutschen Verschwörungstheorien ins Leere liefen, weil der Song Contest schlicht und einfach von der Qualität und vom Zufall regiert wird.

Die ohnehin unglaubwürdige Theorie von der nicht zu schlagenden Abstimmungsverschwörung der Ostblockländer ist mit einem haushohen Sieger Norwegen, einem zweiten Platz von Island und vor allem mit dem fünften Platz für eine Lloyd-Webber-Schnulze, die schon vor 25 Jahren als traditionell gegolten hätte, hoffentlich ein für allemal widerlegt. Auch ein anderes Big-4-Land hatte mit einer getragenen, schlichten Ballade relativen Erfolg: Frankreich kramte Patricia Kaas aus dem Archiv und ließ sie im schwarzen Kleid einen schlichten, schönen Chanson ins Mikro singen, der fast schon reaktionär war, so traditionell kam er daher. Immerhin Achter!

Im Gegensatz dazu landeten die von mir nach ihrem ultraenergetischen Auftritt sehr hoch eingeschätzten Ukrainer abgeschlagen auf dem 12. Rang. Auch die wie immer schöne bosnische Ballade konnte diese Mal nur noch die einstelligen Ränge sichern: Neunter. Ebenso unter Wert geschlagen: Die bunt-fröhlichen Portugiesen (15.) und die ewige Chiara für Malta (22.).

Richtige Grütze lieferten eigentlich nur Litauen (komplett belanglose Multi-Song-Kopie aus We Are The Champions und Fallin’), Finnland (WTF?) und Spanien (gähn) ab und landeten verdient auf den letzten Plätzen.

Das deutsche Liedchen ging da einfach nur unter, hätte ein paar Plätze höher und auch noch zwei Plätze tiefer als auf dem 20. Rang landen können, ohne dass sich jemand beschweren könnte. Da helfen eben auch keine amerikanischen Kauftitten, zumal dann, wenn sie von der russischen Regie weitgehend ausgeblendet und anschließend zu langsam geschüttelt werden.

Man muss immer wieder mal daran erinnern, was die letzten deutschen Grand-Prix-Erfolge waren: Max, Michelle, Stefan Raab, Sürpriz, Guildo Horn, MeKaDo sowie Chris Kempers und Daniel Kovac konnten in den letzten 20 Jahren einstellige Platzierungen für Deutschland holen. Und ich denke Sie sehen, dass sie nichts sehen: Kein Muster, kein Schema in diesen Songs. Es gehört einfach ein guter Song dazu, der in die Zeit passt und gut performt wird. Und dann auch ein bisschen Glück.

Kurz reingeschaut: “Duplicity”

Das kann ja wohl keiner ahnen, dass die Abendvorstellung von Roncalli sonntags schon um 18 Uhr beginnt? So standen wir um 19 Uhr 30 etwas bedröppelt am Düsseldorfer Rheinufer und beschlossen, nach dem Verarbeiten des ersten Ärgers einfach ins Kino zu gehen. Also ab zum UCI und spontan nach einem Film gesucht. “Wolverine” hatten 50% meiner Kinobesuchsgruppe schon gesehen, und “Slumdog Millionaire” fand mit exakt 50% auch nicht die erforderliche Mehrheit. Also wurde es, nach einem kurzen Check der IMDB: Duplicity, eine Doppelagentengroteske mit Julia Roberts und Clive Owen.

Roberts und Owen geben die beiden Wirtschaftsspione Claire Stenwick und Ray Koval, die sich außerdem persönlich recht anziehend finden, auch nachdem bei Stenwick ihrem ersten Aufeinandertreffen Koval verführt und anschließend um ein paar Dokumente erleichtert. Es beginnt ein munteres Treiben, bei dem alle Parteien ein mindestens doppeltes Spiel spielen, beruflich wie privat.

Die Story wird in zahlreichen Rückblenden erzählt, wirkt teilweise etwas überkonstruiert, hält den Zuschauer aber doch immer auf den Zehenspitzen. Wirklich witzig war, dass ich den Film schon kurz nach Beginn fast wieder verlassen hätte, weil ich die Dialoge fürchterlich prätenziös und einfach billig fand. Tatsächlich sollen sie aber genau so sein, wie sich später im Film erschließt, der so recht sympathsich zwischen verschiedenen Verständnis-Ebenen hin und her hüpft. Und natürlich gibt’s am Ende dann noch einmal einen Story-Twist, der einiges des zuvor Gesehenen in ein neues Licht stellt.

Unterm Strich ist Duplicity ein unterhaltsamer Film auf dem Stand der Mainstreamkunst, den man 2009 erwarten kann. Muss man nicht gesehen haben, langweilt aber über zwei Stunden hinweg nicht. Roncalli wär trotzdem schöner gewesen.

Mit großer Verantwortung kommt große Macht

Ich bin mir sicher, dass die bei der Aktion was vergessen:

Geht es nach Coca-Cola, sollen Werbeagenturen von ihren Auftraggebern künftig ausschließlich performance-orientiert bezahlt werden, berichtet AdAge. Im Klartext: Wenn die vorher definierten Ziele erreicht werden, ist die Zusammenarbeit mit dem Werbungtreibenden auch für Agenturen lukrativ (”bis zu 30 Prozent Profit”). Ansonsten aber heißt es: Außer Spesen nix gewesen.

Sie werden nämlich den Teil vergessen, der bei der Vereinbarung leistungsabhängiger Gehaltsbestandteile auch regelmäßig hinten runter fällt: Wenn meine Entlohnung empfindlich vom Erfolg meiner Arbeit abhängt, dann kann ich es schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht erlauben, dass mir in diese Arbeit reingequatscht wird. Ich muss in der Lage sein, meine Ziele aus eigener Kraft und ohne äußere Beeinflussung zu erreichen.

Konkret: Wird es Coca Cola akzeptieren, dass eine Bestands-Agentur darauf besteht, ihren Kampagnenvorschlag nicht z.B. vom Coca-Cola-Marketing-Vorstand abändern zu lassen, weil sie befürchtet, dass sich die gewünschte Änderung negativ auf die Performance der Kampagne auswirken wird?

Denn es ist zwar bekanntermaßen so, dass mit großer Macht große Verantwortung kommt – aber eben auch umgekehrt.

Fortuna-Update

Ein Trauerspiel. Nach dem Auswärts-Sieg in Delbrück am 19.04. war die Fortuna endgültig im Mittelfeld der NRW-Liga angekommen, nach der knappen Niederlage in Bonn ging endgültig nichts mehr nach oben – also wurden die folgenden vier Spiele auch gleich mal verloren: Bei Arminia II kann man ja noch unterliegen, aber in Gütersloh, in Schermbeck und gestern zuhause gegen Oestrich-Iserlohn? Das waren zwei Abstiegskandidaten und ein schon feststehender Absteiger: null Punkte.

Die Fortuna rangiert nach fünf Niederlagen in Folge dennoch auf dem 10. Tabellenplatz, 12 Punkte vor einem Abstiegsrang. Bei noch fünf ausstehenden Spielen wird das wohl locker reichen, könnte sogar schon rechnerisch durch sein, weil ich nicht weiß, wer da unten noch gegeneinander spielt. [Hier stand in einer früheren Version des Artikels was von sieben ausstehenden Spielen. Das war aber ein kleiner Rechenfehler von mir.]

Besonders irritiert aber, dass die Mannschaft nicht nur verliert, sondern dass sich Trainer Mink in Interviews von ihr distanziert. Das ist selten ein gutes Zeichen.

Nächsten Sonntag werde ich wohl mal wieder im Stadion sein und mir das Spiel gegen RWE II ansehen, um mir selbst ein Bild machen zu können.

[Update am 11.05.] Erfreulich: Nach der Heimniederlage gegen Oestrich-Iserlohn am Wochenende hat der Trainer die Mannschaft gelobt: Sie habe gut gespielt, so wie taktisch geplant, habe allerdings das Tor nicht erzielt. So stelle ich das vor: Ein Trainer, der schützend vor seiner Mannschaft steht, der die gemachten Fehler aber auch klar benennt.

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