LG Karlsruhe erfindet das lineare Netzwerk

Kaum hat das Landgericht Hamburg in Sachen Forenhaftung gepflegt eins vom OLG über’s Fell gebrannt bekommen, schon springt das nächste willige Landgericht in die Bresche, hier das aus Karlsruhe.

Ein Beschuldigter hatte auf ein dänisches Blog verlinkt, das sich mit Internetsperren rund um Kinderpornographie auseinandergesetzt hatte und einen Link auf Wikileaks enthielt. Dort, also bei Wikileaks, war eine ausländische Kinderpornographie-Sperrliste zitiert oder verlinkt worden. Die Beschwerde des Beschuldigten gegen die Ermittlungen gegen ihn wegen des Besitzes kinderpornografischer Schriften (!) wurde vom Landgericht Karlsruhe zurückgewiesen. Und jetzt bitte festhalten für die Begründung:

Aufgrund der netzartigen Struktur des WORLD WIDE WEB ist jeder einzelne Link im Sinne der conditio-sine-qua-non-Formel kausal für die Verbreitung krimineller Inhalte, auch wenn diese erst über eine Kette von Links anderer Anbieter erreichbar sind.

Selbst wenn wir jetz mal für eine Sekunde vernachlässigen, dass das ganze natürlich sowieso an den Haaren herbei gezogen ist, hinkt die Begründung auch noch in sich. Den Widerspruch zwischen “netzartig” und “Conditio-sine-qua-non-Formel“hätte man bei scharfem Hindenken nämlich auch selbst feststellen können. Denn in einem Netzwerk sind einzelne Elemente natürlich gerade nie eine “Conditio sine qua non” für das Bestehen des Netzwerks oder die Erreichbarkeit einzelner Knoten. Irgendwie knüpft man Netzwerke ja genau, damit das nicht so ist. Sonst wär’s nämlich kein Netzwerk, sondern eine Kette.

Schon beeindruckend, was hierzulande so alles richten darf.

via den bitte unbedingt immer und ausnahmslos zu lesenden Fefe

[UPDATE] Ui, der Beschuldigte macht ernst:

Der von der Hausdurchsuchung Betroffene kündigte inzwischen gegenüber heise online an, gegen den Beschluss Verfassungsbeschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht einzulegen. Zudem habe er gegen die an der Entscheidung beteiligten Richter und Staatsanwälte Strafanzeige wegen Rechtsbeugung nach § 339 StGB erstattet.

Das wird ein Spaß.

Kein Blog ohne Eintrag

Wer Sätze schreibt, wie:

“Seit meinem letzten Blog bin ich nicht zum Bloggen gekommen”,

der ist sich der Tautologie wahrscheinlich noch nicht mal bewusst. Oder kann man von jemandem, der noch nicht mal weiß, dass es “der Blog-Eintrag”, vielleicht “der Blog-Post” oder einfach nur “Post”/”Posting”, aber dass es jedenfalls “das Blog” heißt, wenn man denn das ganze meint – kann man also von so jemandem erwarten, dass er regelmäßig was ins Internet schreibt? Eben.

via die (der? den?) Linktipps von “Du gehst niemals allein”

Ein 6:0-Unentschieden

Natürlich, formal ist das ein Unentschieden zwischen Jens Weinreich und dem DFB:

In den laufenden Rechtsstreitigkeiten zwischen Herrn Dr. Theo Zwanziger und dem Deutschen Fußball-Bund e.V. (DFB) und Herrn Jens Weinreich haben sich die Parteien gütlich geeinigt. Damit wird ein Schlussstrich unter diese Angelegenheiten gezogen.

Aber ich sehe das Ergebnis nicht so pessimistisch wie Stefan Niggemeier:

Ich verstehe sehr gut, dass Jens sich auf diesen Vergleich eingelassen hat. Aber er bedeutet aus meiner Sicht, dass der DFB, der sowohl juristisch als auch publizistisch in dieser Auseinandersetzung bislang der klare Verlierer war, nun als Sieger vom Platz geht. Dass der Verband nicht einmal dazu gebracht werden konnte, eine Gegendarstellung gegen seine verleumderische Pressemitteilung über Weinreich abzudrucken, spricht Bände.

Natürlich kann man sich ärgern, dass einer (gerichtlich festgestellt) Unwahrheiten in die Welt setzt und die dann nicht einmal widerrufen muss, nur weil er Ausdauer und Geld hat. Aber ich denke, es findet sich außerhalb des DFBs kein einziger Beobachter der Angelegenheit, vielleicht nicht einmal innerhalb des DFBs, der nicht genau wüsste, wie es zu beurteilen ist, wenn jemand beim Stand von 0:6 Gerichtsbeschlüssen gegen ihn die Hand reicht und ein Remis anbietet.

Der DFB hat sich bis auf die Knochen blamiert, es gab keinen mir bekannten Zeitungsartikel, in dem für den DFB Partei ergriffen wurde, Theo Zwanziger eine Rücktrittsdrohung zurückziehen müssen, und der Name Jens Weinreich steht nun noch mehr als früher für integren, unkorrumpierbaren Journalismus. Dass Weinreich bei Sportverbänden nicht gut gelitten ist, liegt in der Natur seines Recherchegebiets, war vorher so und wird nachher so bleiben.

Ich finde, mit dem Ergebnis kann man gut leben, auch wenn der vollständige Triumph ausgeblieben ist.

Kurz reingeschaut: Lyle Lovett im Theater am Tanzbrunnen, Köln

Das erste Kölner Konzert von Lyle Lovett überhaupt war das also, wie der Künstler selbst mehrfach betonte. Um so erstaunlicher, dass das Theater am Tanzbrunnen nicht ausverkauft war. Nur zu rund zwei Dritteln waren die Plätze gefüllt. Ob sich der Veranstalter bei den Preisen verkalkuliert hatte? Ich bin mir relativ sicher, nach der ersten Sichtung einer Werbung für das Konzert zu meinem Rechner gestürzt zu sein, um ein Ticket zu bestellen, nur um mich enttäuscht abzuwenden: bis zu 80 €, je nach Kategorie, waren mir dann jedenfalls noch mal eine Überlegung wert. Als einige Zeit später wieder die Frage aufkam, ob man das Event besuchen solle, waren die Tickets auf 38-55 € gefallen. Für den niedrigsten Preis schlugen wir dann zu – und wurden nicht enttäuscht.

In den USA ist Lyle Lovett ein respektabler Star, der seine Alben regelmäßig in den Top 10 der Country Charts platziert. Country ist in den USA sowieso eine größere Bewegung als hierzulande, und deswegen ist Lovett wohl so ziemlich jedem Amerikaner bekannt. Hierzulande kennt man ihn aber einscheinend eher als den Typen mit der schiefen Fresse, der Anfang der 90er in der “Bunten” eine Weile neben Julia Roberts auf Roten Teppichen stand. Vielleicht noch aus seiner Nebenrolle in “Short Cuts”. Und warum sollte man für so einen 50 € ausgeben?

Weil er einfach ein unglaublicher Musiker ist. Es ist immer wieder frappierend, wenn man in ein Konzert geht und Jungs auf die Bühne kommen, denen man ihre Könnerschaft sofort anmerkt. Lovett trat mit seiner “Acoustic Group” auf, bestehend aus ihm selbst, Gitarre/Mandoline, Bass, Schlagzeug und Cello. Das Setting ist denkbar schlicht: Die Combo steht, edel in schwarzen Anzügen, weißen Hemden und Krawatten, relativ dicht gedrängt auf der großen Bühne, beleuchtet von einfachem, aber effektvollem Licht.

Und sobald Lovett das erste Wort spricht, den ersten Ton spielt, liegt ein Zauber über der Halle, den man zunächst gar nicht so recht bemerkt. Erst am Ende, wenn zweieinhalb Stunden vornehmlich ruhiger Songs vorbei sind, fragt man sich, wieso man sich eigentlich keine Sekunde gelangweilt hat? Weil Lyle Lovett jeden Zuschauer in seinen Bann zieht, ohne irgendwelche Verrenkungen machen zu müssen, einfach nur mit der Kraft seiner Stimme, der Schönheit seiner Songs und der Perfektion seiner Band.

Lovett spielt alle seine kleinen Hits, bis auf “Closing Time”, für das Akkustikset mehr oder weniger umarrangiert. Und zu was er fähig ist, spürt auch der letzte Zuschauer bei der Zugabe. Da lässt Lovett seinen einzigen richtigen Hit (”You Can’t Resist It”) von einem quasi Free-Jazz-Cello-Solo zersägen. Und am Ende singt er so leise, wie es die Anlage nur zulässt, North Dakota, dass die geschlossen nach vorne an die Bühne geströmten Zuschauer den Atem anhalten.

Ein großer Künstler, ein schönes Konzert, ein lohnenswerter Abend. Und ich kann sagen, ich sei beim ersten Kölnkonzert von Lyle Lovett dabei gewesen.

Lyle Lovett

Die zweifelhaften Methoden des Professor Pfeiffer

Der Herr Professor mal wieder. Dieses Mal muss ich ihn nicht mal selbst zerlegen, das übernehmen SZ und NZZ:

Dem methodischen Murks zum Trotz hat Pfeiffer den Rechtstrend der deutschen Jugendlichen richtig erkannt. Leider weiß er damit wenig anzufangen. In Berlin warb er für Ganztagsschulen – damit Jugendliche nachmittags nicht auf dumme Gedanken kommen.

Das ist übrigens die Standardforderung Pfeiffers: Kinder ihren Eltern wegnehmen.

Wofür sich weder Pfeiffer noch Schäuble ernsthaft interessieren, ist ihr Forschungsgegenstand. Sie fragen nicht, warum vor allem junge Männer nach rechts außen tendieren. Sie sitzen nur vor ihrer Studie und sagen: Geh weg!

Warum auch sollte man sich für Dinge interessieren, die einem selbst ohne dieses Interesse helfen, sich zu profilieren?

Das Internet macht es möglich, die Medienberichterstattung direkt mit dem Text der Studie zu vergleichen, die im Volltext im Netz steht (www.kfn.de/versions/kfn/assets/fb107.pdf). Wer das tut, wird Anlass zum Erschrecken finden, weil das Medienecho nicht nur den Schwerpunkt der Studie grob verzerrt wiedergibt, sondern auch eine völlige Kritiklosigkeit gegenüber den methodischen Fragwürdigkeiten des Unternehmens erkennen lässt. Schief sind fast alle Schlagzeilen über die Ergebnisse, misst man sie am Schwerpunkt der Untersuchung.

Kernbotschaft des Hauptteils ist die Aussage, dass die Jugendgewalt entgegen der öffentlichen Wahrnehmung weiter zurückgeht. Aber da bekanntlich «good news» keine ordentlichen Nachrichten abgeben, stürzt man sich auf den Schlussteil, der auf 15 Seiten von «Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechtsextremismus» handelt .

Liest man die Details, so gibt es gute Gründe für Zweifel an den volltönenden Behauptungen.

Tja, das ist eben der Unterschied zwischen Wissenschaftlern und Politikern (inkl. Ex-Politikern): Mit Zweifeln kommt man nicht auf ein Podium.

Köhler gegen Dauerkonsum

Endlich tut jemand was! Bundespräsident Horst Köhler will Schokolade, Zigaretten und Helium verbieten:”Sagt uns nicht der gesunde Menschenverstand, dass ein Dauerkonsum solcher Produkte schadet?”

Ach nee, war doch was anderes.

Die Unfreiheit der Anderen

Look who’s talking! Unfreiheit ist eben lieber nur die Unfreiheit der Anderen. Und Überwachung erst dann lästig, wenn man sich mal auf der falschen Seite der Linse wiederfindet.

Oder wie ist es zu erklären, dass sich ausgerechnet Familie Blair, unter deren Regentschaft Großbritannien zur vielleicht bestüberwachten Noch-Demokratie der Welt wurde, beschwert, dass ihre bescheidene Hütte und die Polizisten davor von Google fotografiert wurden?

“Street View” bietet eine einfache Möglichkeit, Fotos zu melden. Unter den möglichen Begründungen finden sich Bedenken wegen der Privatsphäre, aber auch die Meldung “unangemessener Inhalte”. Beschwerdeführer in Großbritannien ist auch Ex-Premier Tony Blair. Er und seine als resolut bekannte Ehefrau Cherie beklagten sich, dass ihr Heim am Connaught Square in Londons Stadtteil Westminster klar zu erkennen sei. Auf den Bildern sind sogar zwei Polizisten zu sehen (siehe Fotostrecke oben).

Oder sollte ich es noch schlimmer finden, dass ein ach so journalistisches Medium wie Spiegel Online dieses Musterbeispiel von Bigotterie nicht bemerkt? Ach nee, sorry, ist ja bekannt, dass die auf dem Bigotterie-Auge blind sind.

Germania Dattenfeld: Beschiss in Siegburg?

Was man über die neue Twitter-Suche nicht so alles findet: Zwei Fans der SF Siegen haben sich auf den Weg nach Siegburg (Achtung für Auswärtige: Siegen und Siegburg nicht durcheinanderwerfen, das sind unterschiedliche Städte) ins Walter-Mundorf-Stadion gemacht, wo das NRW-Liga-Spiel der Sportfreunde gegen Germania Dattenfeld hätte stattfinden sollen. Das Spiel wurde abgesagt, und den Jungs zeigen, dass nicht so ganz klar ist, warum eigentlich.

Auch in Kreisen der Fortuna-Fans war nach der sehr frühzeitige Spielabsagen des eigenen Spiels gegen Dattenfeld gemutmaßt worden, dass die seinerzeitige Verletztenmisere der Dattenfelder sich vielleicht tendenziell auf die Einschätzung der Platzbespielbarkeit ausgewirkt hatte… Auch die Tatsache, dass die Germania unmittelbar nach der Absage einen Testspielgegner für den darauffolgenden Tag an der Hand hatte, wirkte nicht direkt vertrauensbildend – und nach der Absage gegen Siegen scheint das ganz exakt genauso gelaufen zu sein…

Ist ein bisschen lang geraten, das Video, mit ein paar etwas gewollten Gags, aber für NRW-Liga-Beobachter doch sehr sehenswert. Und überhaupt: So geht echter Bürgerjournalismus!


Watch Exklusiv zur Spielabsage Dattenfeld-Siegen (Extended Edition)

Her Schlehmil, bitte ins Ruhrstadion, Herr Schlehmil bitte!

(Wir wollen in der Überschrift mal kurz vernachlässigen, das das Ruhrstadion jetzt offiziell “rewirpowerSTADION” heißt. (Und, nein: Die Großbuchstaben, Kleinbuchstaben und Leerzeichen in “rewirpowerSTADION” sind erstaunlicherweise richtig verteilt.))

Wenn Schlehmil das noch hätte erleben dürfen: Eine ganze Tribüne voll mit Kundeschaft! Bitte vergleichen Sie selbst:

Bochum-Fans halten 8en hoch

Bochum-Fans halten 8en hoch

Bitte einen Schuss vor den Google-Bug!

Ich glaube, bevor das einreißt, würde ich dem zuständigen Kartellamt raten, Google gleich mal so richtig auf’s Maul zu geben. Scheint so, als bräuchten die das gerade, um sich an ihr Don’t-be-evil-Mantra zu erinnern

Denn wenn ich das richtig verstehe, dann will Google unter Google News jetzt auch selbst Agenturmeldungen im Volltext anbieten, für die Bewertung der Wichtigkeit der Meldungen die Positionierung in den durchsuchten, redaktionell gepflegten Medien verwenden, diese selbst dann aber nur noch unter “Alle soundsoviel Artikel” verlinken.

Und was antwortet Google auf die Vorwürfe?

Niemand müsse bei Google News mitmachen, sagt [Googles deutscher Sprecher Stefan] Keuchel: “Wenn eine Zeitung uns morgen anruft und sagt, dass ihre Artikel nicht mehr bei uns verlinkt werden sollen, werden wir diesem Wunsch sofort entsprechen.”

Das ist die Sprache des Monopolisten, wie man sie seit immer kennt.

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