Bye bye Theo

Schlechte Nachrichten für Theo Zwanziger: Unter bestimmten Umständen ist die Beschimpfung eines Menschen als “Dummschwätzer” verfassungsrechtlich zulässig, in aller Kürze formuliert nämlich dann, wenn der andere sich gerade wie einer benommen hat.

Zwanziger Rücktritt wird also immer greifbarer, schließlich hatte der angekündigt, zurückzutreten, wenn seine Bezeichnung als “unglaublicher Demagoge” verfassungsrechtlich zulässig sei. Es scheint, als wäre das BVerfG noch viel weniger zimperlich, als sich Zwanziger das in seinen schlimmsten Träumen vorstellen kann.

Public Identification Number

Gestern abend in einem 25C3-Vortrag gehört, zunächst nicht glauben können, dann aber nachgeschlagen, und den Mund nicht mehr zubekommen: Die “hoheitlichen” Daten, die auf dem RFID-Chip des neuen, elektronischen Personalausweises gespeichert sind, also zum Beispiel die (freiwillig abzugebenden) Fingerabdrücke, sind mit einer PIN geschützt. Und diese PIN steht auf dem Dokument drauf. That’s right, kids: die PIN steht auf dem Dokument. Warum? Damit die Polizei bei einer Kontrolle die Daten auch lesen kann.

Dazu Dennis Kügler vom Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnik im Deutschlandfunk:

Ähm, ja, nun. Diese Software [zum Auslesen der hoheitlichen Daten] wird sicherlich nicht zur Verfügung gestellt. Nichts desto trotz ist das Verfahren offen gelegt. Also es spricht jetzt nichts dagegen, dass man eine Software realisiert, die dieses Verfahren implementiert. Das ist durchaus möglich. Das heißt aber noch lange nicht, dass Sie auch die Daten lesen können aus dem Ausweis. Das ist, zum Teil auf jeden Fall, dadurch noch mal zusätzlich für den hoheitlichen Bereich gesichert, dass Sie sich als berechtigtes Lesegerät ausweisen müssen.

Klar: Man kann die PIN ruhig auf das Dokument drucken, schließlich ist sie nicht der einzige Sicherungsmechanismus. Also, genau genommen ist eine öffentliche PIN ja kein Sicherungsmechanismus, zumindestens ist sie nicht mehr im Wortsinne eine Personal, sondern mehr eine Public Identification Number, aber jetzt wollen wir mal nicht päpstlicher sein wie das BSI selbst.

Ich bin mal gespannt, wann der erste Prozess geführt wird, in dem ein EC-Karten-Besitzer, der seine PIN auf der Karte notiert hatte, argumentiert, beim Personalausweis sei das doch auch so.

Kurz reingeschaut: “So finster die Nacht”

Ich mag Coming-of-Age-Filme, ich mag Vampirfilme. So gesehen konnte bei “So finster die Nacht” also gar nichts schief laufen. Ist auch nicht, im Gegenteil: “So finster die Nacht” ist wahrscheinlich einer der besten Filme des Jahres und mit Sicherheit einer der besten Vampirfilme überhaupt.

Die Story in Kurversion. Oskar ist ein 12-jähriger Schüler, der von seinen Klassenkameraden gepiesackt wird. Er lernt die gleichaltrige Eli kennen, die sich für den Zuschauer schnell als Vampir entpuppt, nachdem sie in die Wohnung neben Oskar und seine Mutter gezogen ist. Die beiden Außenseiter fühlen sich bald zueinander hingezogen, lernen einander kennen und, trotz der Fehler des anderen, lieben – soweit man das von 12-Jährigen sagen kann, wie lange auch immer die schon 12 sind…

Der Film erzählt seine Geschichte mit einer meisterhaften Balance zwischen Romantik auf der einen und Trostlosigkeit, sogar Gnadenlosigkeit auf der anderen Seite. Wenn Eli tötet, dann ist das nicht ästhetisch oder gar edel, wie in manch anderem Vampirstreifen, sondern es ist roh, kalt und gierig. Wenn seine Mitschüler Oskar ärgern, dann wird er nicht ein bisschen herumgeschubst, sondern tief gedemütigt. Das Setting des Films in einer grauen, verschneiten, trostlosen Vorstadt Stockholms zu Beginn der 80er trägt seinen Teil zu der Atmosphäre bei, die weniger furchteinflössend als vielmehr ausweglos depressiv ist, so dass die vorsichtige Zweisamkeit von Oskar und Eli als kleines Licht in der Finsternis leuchtet und vollkommen logisch erscheint.

Zu der Wirkung des Films trägt auch die tolle Kamerarbeit bei: Ruhige, fast grafische Totalen wechseln mit aus der Hand gefilmten Nahaufnahmen ab, deren Schärfentiefe sich im Millimeterbereich bewegt. So bleibt der Film gleichzeitig distanziert und doch ganz nah an seinen Charakteren. Bis zum Schluss verliert “So finster die Nacht” nicht seinen wunderbar ambivalenten Ton, nur die allerletzte Szene ist ein bisschen zu optimistisch geraten, so offen sie den weiteren Gang der Dinge auch lässt. (Einziger weiterer Haken des Films: Die extrem mittelmäßigen Synchronstimmen, insbesondere von Eli und Oskar.)

Unterm Strich ist “So finster die Nacht” ein Meisterwerk, dem das Kunststück gelingt, gesellschaftlichen und persönlichen Realismus auf der Unterlage eines fantastischen Motivs darzustellen, ganz nach der Methode von “Der Meister und Margarita” also. Sollte man gesehen haben.

Was West Ham mit Bielefeld zu tun hat

Nachdem ich die Details der Finanzierung des englischen Fußballs bei meinem kürzlichen Spanien-Ausflug auch persönlich in aller Ausführlichkeit mit Wilhelm Wagner, meinem Gegenüber im SAZ-Blog, diskutieren konnte, habe ich den Eindruck, dass ihm die Dringlichkeit der Lage so langsam bewusst wird. Inspiriert durch einen SZ-Artikel (gefunden auf allesaussersport), habe ich das Thema noch mal ein bisschen elaboriert: The end is nigh.

Ein über 100 Jahre alter Club aus dem Mutterland des Fußballs gerät in existenzielle Probleme, weil er sich indirekt von einem winzigen Inselstaat abhängig gemacht hat, der weniger Einwohner hat als Bielefeld…

Kurz reingeschaut: “30 Rock”

Wie ich schon twitterte: Wie viele unfassbare arschgute TV-Serien machen die in Amerika eigentlich? Auf der Suche nach einem bisschen Entertainment für das vergangene, erkältungskränkelnde Wochenende stieß ich über Amazons Empfehlungsmechanismus schnell auf “30 Rock“: 8,9 Durchschntitspunkte in der IMDB sprechen für sich, dachte ich mir, eine schnell geschnittene Comedy soll es auch sein, also flott die erste Season gezogen, gebrannt, in den Player geschoben – und erst nach allen 21 Folgen an einem Wochenende wieder aufgestanden. Unfassbar.

“30 Rock” ist die perfekte Mischung aus “Arrested Development” und “The Office”: Tina Fey, die Macherin von “30 Rock” (und übrigens die Sarah-Palin-Imitatorin aus dem US-Wahlkampf), war Chefautorin von Saturday Night Live. Und so spielt sie in der Serie Liz Lemon, die Macherin und Chefautorin einer Comedy-Sendung im Stile von Saturday Night Live – natürlich mit ein paar Problemen, die für die komödiantischen Verwicklungen zuständig sind: Sie bekommt mit Jack Donaghy (Alec Baldwin) einen neuen Chef, der von Fernsehen keine Ahnung hat, dafür aber von Mikrowellenöfen, und der in all seiner Hybris der Sendung von Lemon erst einmal einen neuen Star an die Spitze stellt, den komplett überdrehten Stand-Up-Comedian und Trash-Schauspieler Tracy Jordan (Tracy Morgan). Zu allem Überfluss benennt Donaghy auch noch die Sendung um: von “The Girlie Show” in “TGS with Tracy Jordan”.

Wie sich Lemon, Donaghy, Jordan und das Personal der Sendung (u.a.: Jane Krakowski, die Elaine aus Ally McBeal) zusammenraufen, streiten, in privaten Scharmützeln verstricken, das ist von unglaublicher Komik und oft auch Peinlichkeit. Die Grundsituation ist also eine von strombergschen Zügen, der Stil von “30 Rock” ist aber von “Arrested Development” inspiriert: sehr schnelle Schnitte, kurze Folgen (22 Minuten), alles passiert Schlag auf Schlag und ohne den Zuschauer zum Nachdenken kommen zu lassen. (Will Arnett, der Gob-Darsteller aus AD, hat auch einen Gastauftritt.) Nur manchmal, zwischendurch, wenn die menschlichen Hinter- und Abgründe der Figuren aufblitzen, nimmt sich “30 Rock” ein bisschen mehr Zeit. Wie sich beispielsweise Lemon und Donaghy über die erste Staffel doch näher kommen, weil sie hinter die Fassade des anderen zu sehen lernen, das gibt der Serie die menschliche Tiefe, die jede Komödie braucht, um die richtige Fallhöhe für ihre Gags zu haben.

Staffel 2 ist bereits runtergeladen. Staffel 3 läuft zurzeit in Amerika. Meine absolute Empfehlung, 8 von 10 Punkten! (9 Punkte nur deswegen nicht, weil The Office doch noch einen Tacken peinlicher und menschlich tragischer ist.)

IT Crowd, S03

Es könnte vorletzten Freitag die lustigste Folge der IT Crowd gewesen sein, die jemals gesendet wurde. Und nicht etwa nur jetzt irgendwie schon legendäre Handlung rund um “This, Jen, is the Internet”, die mit Sicherheit in wenigen Tagen in jedem Blog gepostet wurde – sondern auch die Amour-fous-Parallelhandlung, die im Video unten am Ende durchbricht. Buchstäblich.

Video zum letzten Fortuna-Spiel

Oh Mann, wenn ich mir die Konter noch mal anschaue, die Fortuna in Düsseldorf vergeigt hat, ärgere ich mich doch noch über den Punktverlust. Dabei haben die eine sehr gute Chance sogar weggelassen: http://multimediacenter.sport1.de/#/81,85,59110,23570/

Wider das Vergessen: “Connecting People” in Bochum

Regisseur Frank Abt inszeniert am Bochumer Schauspielhaus erlebtes Markendesaster – mit O-Tönen von Tätern und Opfern der Schließung des hoch subventionierten Nokia-Werks.

So tun als ob nichts wär: Ist das typisch deutsch? Der Spezialist für Dokumentartheater Frank Abt ist dieser Frage in zahlreichen Interviews nachgegangen und hat die Antworten zu einem Stück montiert: „Connecting People“. So lautet der Titel, gleich dem bekannten Werbeslogan des finnischen Handybauers, der mehr aus Glück als aus Verstand vom Gummistiefel zur Telekommunikation kam, wie die Jungfrau zum Kinde gewissermaßen. In den 90ern stand das Unternehmen kurz vor dem Bankrott, wäre das Werk Bochum nicht gewesen … Jetzt ist es nicht mehr. Und über 2.000 Ehemalige, die bis zum bitteren Ende glaubten, statt mit Streik, mit größerem Einsatz und noch mehr Kompromissen ihren Arbeitsplatz zu retten, fühlen sich verraten und verkauft.

Das Beispiel Nokia, eines unter vielen, zeigt wieder einmal, wie demütigend es ist, wenn Menschen ihre Arbeit verlieren. Von „suizidalen Symptomen“ spricht Schauspielerin Karin Moog in der Rolle der Arbeitspsychologin, von „Alkohol, Depression und vor allem Schlafstörungen“. Der Mensch Karin Moog wünscht sich, dass Arbeit nicht mehr so einen Stellenwert hat, dass es reicht, Mensch zu sein und dass man diesen Gedanken in die Gesellschaft bringt.

„Was mich fassungslos macht, ist, dass jeder sagt: ‚Ein Nokia-Handy kaufe ich mir nicht mehr.’ Das ist alles, was den Leuten einfällt.“ Am Ende der Aufführung im Bochumer Theater unter Tage sitzt Karin Moog mit ihren Kollegen Leopold Hornung und Marco Massafra im Zuschauerraum. Besucher und Darsteller reden miteinander. Ein Zuschauer weiß, dass die Bahnstation aus bürokratischen Gründen noch immer „Nokia“ heißt, auch wenn die Bahn selber in „Glückauf“ unbenannt wurde. Ein anderer ist Anlagenmechaniker und lobt seine guten Arbeitsbedingungen.

Das Publikum hat mitgeholfen, Bierbänke und Tische aufzustellen. Jetzt darf es sich an den Getränken gütlich tun, die im Kühlschrank der Bühnenküche bereitstehen. Auch die Brezeln, vorhin noch als Workflow-Symbol der Fabrik im Einsatz, sind fertig gebacken und zum Verzehr. Subtile und extra abgeschmackte Symbolik, Metaphern, Kitsch und Posen. Davon gab es eine Menge, vom Glamourgirl bis zum „Singing in the Rain“, nicht nur auf der Bühne, auch im realen, nachgestellten Leben.

Eben noch haben drei Schauspieler in einem fort die Rollen gewechselt. Frappierend echt zitierten sie den Gewerkschaftschef, den Leiharbeiter, Bauunternehmer, Konzernvorstand: Gegner und Befürworter der Werksschließung Nokia, die zum 30. Juni Schluss machte mit Bochum. Die Kulisse des Reenactments: eine ganz einfache Küche, deren schnöde Möbel und Geräte Werksmaschinen darstellen sollten, denn das alles, worum es ging, gibt es ja nicht mehr.

Nichts ist mehr da, nur noch die eigenen vier Wände, in denen manch Entlassener nun pro Woche mehr Zeit verbringt als vorher in zwei Monaten. Eine Stimme aus dem Off beschreibt Einzelschicksale. Moog lässt ihre Kamera über das Publikum schwenken, das sich dadurch selbst auf der Bühne im Fernsehen sieht. Als ob es auch um uns geht. In den ersten zwei Reihen sitzen Oberstufenschüler auf Kissen. Sie kichern.

Dies ist ein freundlicher Gastbeitrag von Isabelle Reiff. Der Artikel steht ausdrücklich nicht unter einer CC-Lizenz, alle Rechte liegen bei der Autorin.

Fotos: Birgit Hupfeld

Fortuna Düsseldorf II – Fortuna Köln 1-1

Das letzte Spiel vor der langen Winterpause also war gleichzeitig das erste Rückrundenspiel, bei den Amateuren von Fortuna Düsseldorf im Paul-Janes-Stadion am traditionsreichen Flinger Broich durfte die richtige Fortuna antreten.

Flinger Broich

Fortuna Düsseldorf II - Fortuna Köln

Rund 150 Kölner Fans waren mitgereist. Ich selbst traf mich mit einer Düsseldorfer Freundin und zog der Fankurve einen Tribünenplatz vor, der mich aber zu ungewollter Neutralität verpflichtete. (Im Vergleich zum Südstadion übrigens unmittelbar zu bemerken: Die deutlich höhere Püppi-Dichte auf der Tribüne. Düsseldorf halt.)

Kölner Auswärtsmob

Das Hinspiel zwischen beiden Teams war 1-1 ausgegangen, und auch im Rückspiel sollte man sich am Ende Unentschieden trennen. Fortuna Köln (im Folgenden einfach nur: Fortuna) trat wieder in 4-2-3-1-Formation an: Vor der Viererkette (wieder mit Cedric Mimbala) gaben Hofmann und Waraghai den Doppel-Sechser. Davor die gewohnte Offensivabteilung mit Glaser, Blankenheim und Dahmani, Kevin Kruth war einzige Spitze. Stasi ist offensichtlich noch nicht wieder fit für 90 Minuten. Man muss aber auch sagen, dass es schwer fiele, einen der vier Offensiven auf die Bank zu setzen: Ein Wechsel gegen Kruth wäre ein bisschen sehr defensiv, ein 4-4-2 könnte der Fortuna besser bekommen, deren Stärken ich eindeutig in der Offensive sehe. Aus dem Trio Glaser, Blankenheim, Dahmani würde man aber auch niemanden auf die Bank setzen wollen: Also einen Sechser raus und mit Raute spielen? Na, den Kopf soll sich der Trainer in der Winterpause zerbrechen und  anschließend mit seinen dann auch hochoffiziell installierten 11.000 Co-Trainern abstimmen.

Die Fortuna begann das Spiel überlegen. Düsseldorf wurde in die eigene Hälfte zurückgedrängt, und war, auch wenn es nicht unter unaushaltbaren Druck gesetzt wurde, etwas ratlos. Beispielhaft eine selten gesehene Szene: Der Ball wird zum Düsseldorfer Keeper gespielt, der ihn stoppt – aber keine Anstalten macht, ihn zu einem Mitspieler weiterzugeben. Es lag kein Spieler verletzt auf dem Platz, kein Grund für eine Unterbrechung erkennbar. Nach einer gefühlten Minute trabt Dahmani, irritiert, langsam auf den Keeper zu, der nimmt den Ball auf, lässt ihn nach fünf Sekunden wieder fallen und wartet noch einmal darauf, dass Dahmani ihn bedrängt, bevor er ihn lang nach vorne schlägt. Zeitspiel schon nach 15 Minuten? Sehr seltsam.

Nach 17 Minuten dann aber doch der verdiente Lohn für die Fortuna: Einen harten Schuss von der Strafraumgrenze kann F95 gerade noch abblocken, der Abpraller landet bei Stephan Glaser, fast am rechten Strafraumeck. Glaser steht fast mit dem Rücken zum Tor, dreht sich, schlägt einen hohen Ball und der fällt (nolens? volens?) auf der anderen Torseite genau in den Knick: 1-0!

Anschließend ließ Fortuna wieder nach, Düsseldorf kam stärker auf, konnte sich allerdings nur noch eine nennenswerte Chance herausspielen.

Pause. Und wenn man sich je gefragt hatte, wo die schnarchigen Getränkestandbedienungen aus dem RheinEnergie-Stadion in die Lehre gegangen sind: Es ist der Stand hinter der Haupttribüne am Flinger Broich. “Völlige Verpeilung” drückt das Chaos der drei Standbesetzungen noch freundlich aus, die über Preise berieten, unkoordiniert durcheinander liefen und den Zapfer zwischendurch auch bedienen ließen. Höhepunkt war, als der Dusseligste des Trios mitten im Trubel einen Anruf auf seinem Handy annahm… Wie dem auch sei, immerhin verpasste ich nur die erste Minute der zweiten Halbzeit, dafür mit einem leckeren Frankenheim Alt ausgerüstet. (Zu viel Durst für Bierkrieg.)

Flinger Broich

Das Spiel plätscherte weiter etwas vor sich hin, und der einzige Höhepunkt war zunächst der gleichzeitig scharfe und ermutigende Anpfiff, den Matthias Mink an Cedric Mimbala richtete: der Sportskamerad hatte eindeutig nicht seinen besten Tag erwischt, stand oft falsch, spielte zu viel Foul und brachte generell Unsicherheit in die Kölner Abwehr.

So gesehen konnte Mimbala in der 60. Minute später froh sein: Da wurde Mink nämlich gegen seinen heftig protestierenden Widerstand auf die Tribüne verbannt.

Schiri Sevinc schickt Mink auf die Tribüne

Mink steht auf der Tribüne

Schumi Schumacher übernahm dann kurz darauf zwar Botendienste zwischen Tribüne und Bank, aber natürlich war diese Herausstellung eine Schwächung für die Fortuna. Der Grund für die Maßnahme wurde nicht ersichtlich, jedenfalls hatte der Linienrichter Mink beim Hauptschiedsrichter verpetzt.

In der Folge baute Düsseldorf zunehmend Druck auf, allerdings hatte die Fortuna sehr gute Konterchancen, von denen sie wenigstens eine hätte verwerten müssen. Einmal spielt Kruth, mittig frei an der Strafraumgrenze, noch einen völlig unnötigen Pass nach außen, woraufhin der Ball prompt verloren ging. Dann, wenige Minuten vor dem Ausgleich, stolperte Stephan Glaser über die Füße eines Mitspielers, wäre ansonsten frei durchgewesen, wenn er auch noch einen langen Weg zum Tor gehabt hätte.

So kam es, wie es in dieser Saison so oft gekommen war: Durcheinander in der Kölner Abwehr, plötzlich steht ein Düsseldorfer nur zwei Meter vor dem Tor völlig frei, kann den Ball sogar noch kurz annehmen und über die Linie drücken: 1-1 in der 74. Minute.

Düsseldorfer Jubel nach dem Ausgleich

Die Schlussviertelstunde war ein munteres Auf und Ab, Fortuna spielte sogar ein bisschen mehr auf Sieg, angetrieben von den wirklich tollen Fans, große Chancen ergaben sich aber vor beiden Toren nicht mehr.

Am Ende war das Unentschieden gerecht, sowohl nach Spielanteilen als auch nach Chancen. Fortuna hatte bei den nun 13 Spiele lang ungeschlagenen Düsseldorfern gut dagegen gehalten, sogar die Möglichkeit zur Entscheidung verpasst, konnte am Ende aber mit einem Punkt zufrieden sein.

Ein versöhnlicher Ausklang des Jahres, auch wenn Matthias Mink nach dem Schlusspfiff noch ein paar Dinge mit dem Schiedsrichtergespann zu besprechen hatte.

Matthias Mink spricht sich aus

Fortuna steht in der Tabelle jetzt mit 28 Punkten nach 18 Spielen für einen Aufsteiger sehr ordentlich da: 7. Platz (nur SW Essen kann mit einem Sieg in Bielefeld heute noch vorbei ziehen).

Es war ein aufregendes Jahr mit der Fortuna: Die unfassbare Verbandsliga-Rückrunde, das mit einem Unentschieden doch verlorene Endspiel gegen Leverkusen vor 7.000 Zuschauern, der Aufstieg am grünen Tisch nach wochenlangen Verhandlungen, und schließlich eine stabilisierte Mannschaftsleistung nach wackeligem Saisonstart in die NRW-Liga.

Dafür an dieser Stelle einfach mal: Danke! Ich freue mich auf 2009.

Alle Fotos und Videos von gestern bei Flickr.

Die Spielzusammenfassung im Video bei Sport1: http://multimediacenter.sport1.de/#/81,85,59110,23570/

Kurz reingeschaut: “Wunschkonzert” von Franz Xaver Kroetz im Schauspielhaus Köln

Selten ist es mir im Kölner Theater so schwer gefallen, Applaus zu spenden, wie gestern nach der Aufführung von Franz Xaver Kroetz’ “Wunschkonzert”. Das spricht in diesem Fall aber keineswegs gegen die Inszenierung, sondern vielmehr für ihre Qualität: Nur Sekunden nach einem erschütternd dargestellten Selbstmord will man sich nicht so recht zu dem Jubel aufraffen, den Katie Mitchells Aufführung verdient hätte. Auf so vielen Ebenen trägt das Bühnengeschehen zum Verständnis und zur Wirkung des Stücks bei, dass man noch am Tag danach die Eindrücke sortiert. Und endlich einmal wird Multimedialität, sonst oft reines Gimmick, als sinnstiftendes Element eingesetzt

Aber der Reihe nach.

“Wunschkonzert”, von Kroetz 1973 veröffentlicht, ist ein Stück ohne Worte: Eine Frau beendet ihren Arbeitstag, kommt nach Hause, hängt ihren Mantel in den Schrank, macht sich Abendbrot, spült ab, schaut fern, schaltet das Radio mit dem Klassik-Wunschkonzert an, arbeitet an einer Stickerei, nimmt ein Bad, legt sich ins Bett, liest noch ein bisschen, steht mitten in der Nacht wieder auf und vergiftet sich mit Tabletten.

Die Kölner Inszenierung dieses Stücks zeigt das Geschehen als TV-Film, der vollständig live auf der Bühne entsteht: Kulissen, Kameraleute, Geräuschemacher, Beleuchter, ein Streichquartett (für das Radio-Wunschkonzert), Darsteller. Über der Bühne hängt eine große Leinwand, auf der man den erstaunlich perfekten und gut fotografierten Film betrachten kann. Auf der Bühne selbst kann man sehen, wie er entsteht.

Das alles ist aber kein pures Gimmick. Vielmehr trägt das wuselige, stumme Geschehen rund um die eigentliche Handlung sinnstiftend zum Gefühl erschütternder Entfremdung bei, das man mit Fräulein Rasch (Julia Wieninger), der Hauptfigur des Stücks, empfindet: Wenn sie ihre Wohnung betritt und ein schwarz gekleideter Kameramann mitten in der Küche steht, stumm ins Publikum schauend, nur um eine Sekunde später die Kamera zu schwenken… Wenn alle Großaufnahmen der Hände von Fräulein Rasch vor der Wohnungskulisse gefilmt werden, mit Händen einer anderen Schauspielerin, die nur Stulpen der Kleidung von Frl. Rasch trägt… Wenn die vor den Gardinen vorbeifahrenden Autos nur aus eingespieltem Geräusch und einer geschwenkten Lampe bestehen… Wenn die Darsteller in einer erinnernden Rückblende in dem Ausschnitt, der auf der Leinwand sichtbar ist, verliebt nacheinander greifende Hände darstellen, ihre Gesichter aber völlig unbeteiligt nicht einander zugewandt sind, sondern den Bildausschnitt auf der Leinwand kontrollieren…

…dann ergibt sich so das Bild einer Frau, die von ihrer Umwelt völlig isoliert ist, der alles unecht und von ihr entkoppelt erscheint. Sogar Teile ihrer selbst sind fremd, fremdgesteuert. Sie ist völlig auf sich selbst zurückgeworfen, um sie herum nur Kulisse, buchstäblich.

Wenn am Ende die Sonne erst wieder aufgeht, der Wecker ins Nichts klingelt, und dann das Licht auf der Bühne verlöscht, dann war der Selbstmord nicht mehr als die unausweichliche Konsequenz eines vereinsamten, sinnleeren und von aller Bedeutung losgelösten Lebens.

Herausragend.

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