Back to normal
2002, als wir das WM-Finale verloren, riss sich Oliver Kahn ein Band im Finger.
1992, als wir das EM-Finale verloren, bestimmten wir immerhin das Spiel, auch wenn wir nie eine Siegchance hatten.
1986, als wir das WM-Finale verloren, machten wir aus einem 0-2 erst noch mal ein 2-2.
1982, als wir das WM-Finale verloren, vermieden es die Italiener peinlich genau, sich von Toni Schumacher die Zähne auschlagen zu lassen.
1976, als wir das EM-Finale verloren, gelang dem Gegner der Sieg erst im Elfmeterschießen.
1966 wurden wir betrogen.
Gestern haben wir einfach nur verloren. Schlecht gespielt, keine Chance gehabt, kein Tor geschossen, und verloren. Wie sollen die anderen jemals wieder Angst vor uns haben, wenn wir jetzt einfach verlieren können? Und wie sollen wir jemals wieder siegen, wenn die anderen keine Angst vor uns haben?
Bei der nächsten WM spielen wir wahrscheinlich brillanten Fußball, scheiden im Viertelfinale unglücklich aus und die Spaß-Fans mit den Fähnchen auf der Wange tanzen lustig durch die Straßen.
Ich fürchte, aus diesem Alptraum werde ich frühestens 2010 aufwachen.
Falscher Maßstab
Joachim Löw gestern zur Frage, ob Michael Ballack spielen werde:
“Wir dürfen uns nicht erlauben, dass ein Spieler aufläuft, der unter seinen Möglichkeiten bleiben könnte.”
Das ist natürlich Unsinn. Wichtig ist, dass kein Spieler aufläuft, der unter den Möglichkeiten eines anderen Spielers bleiben könnte – insbesondere unter den Möglichkeiten seines Ersatzes. Und ein 95% fitter Ballack wäre wahrscheinlich wertvoller als ein 100% fitter Borowski, vor allem in einer Position hinter der Spitzen, wo Kondition nicht alles ist.
Deutschland, der mythische Gigant
Wer jemals geglaubt hatte, der Spanier amfürsich oder wenigstens die “Marca” möge Oliver Kahn nicht, der lese in deren Einschätzung der deutschen Mannschaft:
Jens Lehmann no es Kahn. También tiene mal carácter, pero es peor portero.
Mit dem ersten Satz könnte man es fast bewenden lassen. Aber die Marca wäre nicht die Marca, wenn sie nicht so lange nachtreten würde, bis es richtig weh tut: “Zwar hat auch Lehmann einen üblen Charakter, aber er ist der schlechtere Torwart.” Und ich habe den Eindruck, das schreiben die nicht nur, weil Lehmann mit dem Spanier Almunia konkurriert, sondern auch deswegen, weil sie Oliver Kahn im Grunde ihres Herzens immer als den prototypischen Deutschen bewundert haben, der er schließlich auch war.
Übrigens respektiert man, im Gegensatz zu den deutschen Zeitungen, auch die Leistung von Miroslav Klose, schließlich habe der 100% aller Flanken, die während der EM auf ihn geschlagen wurden, zu Toren verwertet: zwei von zwei. Auch wenn dabei gnädig der Querpass von Schweinsteiger unterschlagen wird, den Klose gegen Polen so irrational in den Himmel senste, dass Poldi anschließend nur noch draufhalten musste.
Aber vor allem weiß die Marca, was für Deutschland im Gegensatz zur WM dieses Mal endlich, endlich wieder gilt: “Los subcampeonatos no cuentan para la Mannschaft”, oder auf deutsch: der Zweite ist der erste Verlierer.
Unterm Strich kann man sagen: Die haben Angst vor uns. Wir sind für Spanien “ein Gigant von mythischen Dimensionen”. Ich würde glauben, das Endspiel müsste ein zähes Ringen werden – wenn ich nicht wüsste, dass diese deutsche Mannschaft das gar nicht kann.
Und wenn ihr euch ein bisschen auf’s Finale vorbereiten wollt, liebe Spanier, dann schaut euch doch einfach das hier an. Für den Sieg essen wir nämlich auch kleine Kinder.
Deutsche Tugenden
Ich bin im bisherigen Rückblick extrem froh über die Art und Weise, wie die Mannschaft während dieser EM aufgetreten ist – weil das endlich wieder der Stil ist, mit dem wir früher Titel errungen haben:
Als Mit-Favorit angetreten (90, 96), dann nach gutem Auftakt (90 gegen Jugoslawien, 96 gegen Tschechien) ein schlechtes Vorrundenspiel gemacht (90 gegen Kolumbien, 96 gegen Italien) und irgendwie durch die Vorrunde gekommen. Gegen den nächsten starken Gegner wurde dann ein gutes Spiel gemacht (90 gegen Holland, 96 gegen Kroatien), um anschließend irgendwie durch’s Halbfinale zu kommen (90 gegen England im Elfmeterschießen, 96 gegen England im Elfmeterschießen :-)).
Die logische Konsequenz des sehr vergleichbaren identischen Turnierverlaufs wäre der Titel, wenn ich auch nach der Vorstellung der Abwehr gestern große Angst gegen sowohl Spanien wie auch Russland hätte. Aber ein gutes Pferd springt eben nur so hoch, wie es muss. Sag ich mal… Jedenfalls mit dem Erzielen eigener Tore haben wir bei diesem Turnier ja keine Probleme, so dass wir auch siegen können, wenn wir zwei Buden kassieren. Das kann also klappen.
Ich bin nervös.
Strafverschärfung wg. Inkompetenz
Persönliche Daten von Bürgern aus rund 200 Städten waren im Internet frei verfügbar. Warum?
Die zuständige Soft- und Hardware Vertriebs GmbH hatte eingeräumt, auf ihrer Internetseite aus Demonstrationszwecken Zugangsdaten angegeben zu haben, über die dann die Melderegister einzelner Kommunen einsehbar waren.
Doch als wäre das nicht doof genug, wagen die auch noch folgenden Verteidigungs-Move:
Allerdings seien diese Gemeinden der Aufforderung nicht nachgekommen, nach der Installierung der Software den mitgelieferten Benutzernamen und das Passwort zu ändern.
Hallo? Eine Softwarefirma, die sich bei sensiblen Daten darauf verlässt, dass die Nutzer das Default-Passwort ändern, sollte Strafverschärfung wg. erwiesener Inkompetenz erhalten. Haben die mal Kuckucksei gelesen? Passwörter erraten: Der älteste Trick im Buch. Veröffentlichte Passwörter ausprobieren: Kindergarten.
Abbitte
Man muss auch gönnen können – sogar Bela Réthy die Genugtuung, dass er mal recht hatte. Ich glaube zwar nicht, dass er wusste, warum, aber es scheint so zu sein. Réthy hatte beim Spiel Russland – Niederlande, als der Schiedsrichter die gelbe Karte gegen den Russen Kolodin zuürckgenommen, weil der Ball zuvor im Aus gewesen war. Réthy rief, das habe doch nichts damit zu tun, wofür ich ihn gescholten hatte. Aber er scheint, entgegen meiner zuvor festen Überzeugung, Recht gehabt zu haben:
«Wenn der Schiedsrichter die Gelbe Karte gibt, kann er dies nicht mit der Begründung aufheben, der Ball sei vorher im Aus gewesen. Das Ganze war für mich ziemlich verworren und die Entscheidung schleierhaft. Denn jede Unsportlichkeit, die ein Spieler zwischen dem Betreten und Verlassen des Feldes begeht, kann geahndet werden. Er hätte den Feldverweis nur korrigieren dürfen, wenn ihm der Assistent bedeutet hätte, dass das Foul nicht gelb-würdig war», redete [DFB-Schiedsrichter-Lehrwart Eugen] Strigel Klartext
Klingt irgendwie auch schlüssig. Ich war davon ausgegangen, dass ein Foul nur passieren kann, wenn der Ball im Spiel ist (was definitiv auch so ist), also bei aussem Ball kein Foul gegeben werden kann. Es klingt aber sinnvoll, dass die Gesundheitsgefährdung des Gegenspielers trotzdem ahndbar ist, im Gegensatz zu beispielsweise einem Handspiel.
Die beste Begründung liefert nämlich die glatt gelogene Erklärung der UEFA:
«Lubos Michel nahm seine Entscheidung deshalb zurück, weil er nach Rücksprache mit seinem Assistenten zur Meinung kam, dass das Foul von Kolodin an Sneijder nicht gelb-würdig gewesen war», hieß es in einer Erklärung.
Michel hatte aber mit einer Geste eindeutig angezeigt, dass er den Ball im Aus gesehen und deswegen die Karte zurückgenommen hatte. Wer sich so um die Wahrheit herummogelt, der hat etwas zu verbergen.
Tut mir leid, Bela Réthy.
Twisted
Seit Jahren auf meiner Playlist. Ein schöner Start in die Woche.
(Der witzige Text brachte übrigens auch Woody Allen dazu gebracht, den Song als Titelmelodie von “Deconstructing Harry” zu verwenden.)
Zweierlei Maß
Was sagt das IOC eigentlich dazu?
Die Olympische Fackel hat tibetische Hauptstadt Lhasa erreicht – unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen wurde sie durch die Stadt getragen.
…
“Wir sind überzeugt, dass der Lauf der Fackel der Olympischen Spiele von Peking in Lhasa den patriotischen Geist des Volkes entflammen wird”, sagte der Chef der Kommunistischen Partei Chinas in der Stadt, Qin Yizhi. Er werde auch helfen, die Pläne der Dalai-Lama-Clique zu zerschlagen“.[Hervorhebung durch mich]
Are You The Favorite Person of Anybody?
Wird wohl ein melancholisches Wochenende. Zauberhaft.
Fortuna-Update
Die Sache mit dem Aufstieg zieht sich. in Kurzform sieht’s so aus:
Die Fortuna hat die Lizenz für die NRW-Liga offiziell und ohne Auflagen erhalten und ist als Nachrücker bestätigt worden für den Fall, dass der VfL Leverkusen die Lizenz verweigert bekommt.
Der Einspruch der Leverkusener in zweiter Instanz beim Präsidium des WFLV (Westdeutscher Fußball- und Leichtathletikverband) wurde vorgestern abgelehnt. Leverkusen hat nun 10 Tage Zeit, das Verbandsgericht anzurufen, um die Entscheidung anzufechten.
Zwei Dinge sind mir unverständlich:
Erstens das unausgesetzte Leverkusener Gequengele. Man hat die Unterlagen für die Lizenzerbringung zu spät eingereicht, hat außerdem keine adäquate Spielstätte vorzuweisen und beschwert sich jetzt “dass es für [den VfL Leverkusen] zukünftig nur um die Verhinderung des Abstiegs geht, denn aufsteigen können wir ja nicht.” Doch könnt ihr, wenn ihr euch einfach das nächste Mal so bemüht die Lizenz zu bekommen, wie es das professionelle Fortuna-Management vorgemacht hat.
Zweitens werden mit diesem langen Instanzenweg des VfL der Fortuna zahlreiche Möglichkeiten für die ohnehin zu knapp bemessene Zeit der Saisonvorbereitung genommen. Die Unsicherheit, in welcher Klasse man denn spielt, dauert jetzt schon seit drei Wochen an. Gute, wechselwillige Spieler werden sich da natürlich dreimal überlegen, ob sie zur Fortuna wechseln, oder zu einem sicheren NRW-Ligisten.
Sehr, sehr ärgerlich. Vor allem, weil ich persönlich gegen ein weitere Jahr Verbandsliga auch gar nicht sooo viel einzuwenden hätte. Immerhin sind die Auswärtsspiele dann selten weiter als 30 Autominuten entfernt.
