Tagessätze: Wer mehr verdient, kommt billiger weg

Ein sehr interessantes, quasi ein Peanuts-Detail am Rande der Einstellung des Mannesmann-Prozesses.

Auf meinen Ärger, dass die Angeklagten dem Verfahren gegen Zahlung von gerade mal 10% der möglicherweise (und laut BGH sogar wahrscheinlich) ergaunerten Summe entgehen, antwortete mdornseif:

Tatsächlich wird ja in der Regel nicht “zu Geldstrafe von X” sondern “zu Y Tagessätzen” verurteilt.[...] Danach wird dann berechnet, was ein Tagessatz in Euro bedeutet. Das hängt dann vom Jahresverdienst ab. [...] Wenn also gemeckert wird, dass die Strafen “für Großverdiener” nicht hoch genug gewesen waren, dann wären Sie auch für Normalverdiener zu gering gewesen.

Das ist in diesem Fall erstaunlicher- und spektakulärerweise anders, wenn auch nach den Buchstaben des Gesetzes: Josef Ackermann verdient nach eigenen Angaben zwischen 15 und 20 Mio. Euro pro Jahr, sagen wir einfach mal 17,5 Mio. Das macht einen Tagesverdienst (12 Monate à 30 Tagen) von 48.611 €.

SpOn berichtet nun, dass gegen Ackermann höchstens 720 Tagessätze hätten verhängt werden können: Das wären 36 Mio. Euro – wäre der Tagessatz nicht vom Gesetzgeber auf 5.000 € begrenzt!

Die 3,2 Mio., die Josef Ackermann nun zahlen muss, entsprechen also knapp 66 Ackermann-Tagessätzen, nicht mal 10% des in Tagessätzen vorgesehenen Maximums. Sprich: Wer mehr als 1,8 Mio. € pro Jahr verdient, der kommt vor Gericht billiger weg.

Ich find’s schlichtweg skandalös.

Dr. Christian Pfeiffer: Dissing aktualisiert

Ich darf noch mal auf ein paar substanzielle Updates im aktuellen Pfeiffer-Dissing im demagogen hinweisen.

Gepflegter Scherz

Noch so gepflegtes, schon von Anfang an als aufgesetzt erkennbares Gehabe eines Kellners ist wirkungslos, wenn er anschließend in unvermeidlicher Hörweite der Gäste über die vorhandenen oder nicht vorhandenen Brusthaare der Kollegin Köchin scherzt.

In weiter Ferne, so nah

Dass man Windows mit dem “Start”-Button beendet, das ist so alt, dass es schon nicht mehr witzig ist. Was übrigens wichtigtuerische Seminarteilnehmer nicht davon abhält, es mit großer Geste als tolles Usabilitybeispiel aufzutischen. Naja.

Jedenfalls könnte man meinen, dass man davon lernen konnte. Nicht so die gelben Seiten:

Es wurden keine Ergebnisse zu autoverwertung gefunden.

Empfehlung:
Über die Suche im Nahbereich können Sie alternativ nach autoverwertung in größerer Entfernung suchen.

Herr Bergführer, ich kann den Wilden Kaiser nicht sehen. – Dann schauen Sie doch einfach mal vor sich auf den Boden, und dann weiter weg.

Warum ich nach “autoverwertung” recherchiere, das ist eine Geschichte, die natürlich unmittelbar mit meiner kürzlich begonnenen CD-Slot-Planung zusammenhängt.

Eigentlich hatte ich ja gehofft, dass ich mich mit meiner alten Karre noch bis Ende Dezember ohne TÜV durchschummeln könnte. Nachdem der im Juli abgelaufen war, hatte ich seitdem ein paar preisgünstige Verwarnungen über 15 € erhalten. Immer noch lohnender als eine Hauptuntersuchung zzgl. Werkstattkosten.

Am Freitag hat dann aber, scheint’s, irgendein Ordnungshüter die Nerven verloren, und mich per schriftlicher Mitteilung aufgefordert, die Betriebssicherheit des Autos auch formal wieder sicherzustellen – und zwar bis zum 01.12. – diesen Freitag… (Immerhin bekommt man in so einem Fall endlich mal wieder eine Knolle, die in so eine nette Plastiktüte eingepackt ist und die sprechend ist. Sonst klemmen sie hier in Köln nur noch egalitäre Postkarten hinter den Wischer, die im wesentlichen sagen: Sie sind böse gewesen, und warum, das erfahren Sie noch früh genug.)

Jedenfalls werde ich die Karre jetzt einfach sofort verschrotten. Auch wenn das nicht ganz so einfach ist, wie zuerst gedacht hatte.

Killerspiele: Jetzt wird zurückkorrelliert

Führt das Spielen von “Killerspielen” tatsächlich zu einer Abnahme von Empathie? Warum bloß führt dann eine erhöhte Verbreitung von Pornographie zu einer Abnahme von Vergewaltigungen? Antworten im demagogen.

“Killerspiele”: Jetzt wird zurückkorrelliert

(Achtung: Langer Artikel!)

Gerade mal wieder, diesmal im ZDF, bei WISO, Thema eines Beitrags: “Gewaltspiele: Wie leicht kommen Jugendliche dran?”

Die Redaktion schickte einen 14-Jährigen in verschiedene Kaufhäuser, um ab 18 freigegebene Computerspiele zu kaufen, die er auch in den meisten Fällen bekam. So weit, so journalistisch ok. Dann aber meinte man, in Hintergrund machen zu müssen, behauptete, dass Gewaltspiele problematisch seien und erwähnte “Experten”, die das bestätigten. Ins Bild kam dann genau ein Experte. Wer? Natürlich: Dr. Christian Pfeiffer, Hobbykorrelateur und Stammtischpädagoge am Rande des Rassismus. Pfeiffer durfte mal wieder so unbelegt wie ungestraft behaupten, dass Gewaltspiele bei ihren Nutzern Empathie abbauten und so Gewalt fördern.

Ich hatte neulich schon erwähnt, dass Korrelation nicht Kausalität ist. Erstaunlicherweise lassen sich statistisch aber nicht einmal Korrelationen zwischen Gewaltkonsum und Gewaltausübung herstellen.

Wahrscheinlich würden Befürworter der These, nach der Gewaltkonsumption Gewaltausübung verursacht nicht bestreiten, dass die Zahl von gewalttätigen Computerspielen in den letzten Jahren zugenommen hat. Der gesamte Videospielmarkt wuchs z.B. von 1998 bis 2003 um rund 25%.

Schauen wir uns mal die Polizeiliche Kriminalstatistik 2005 an, die auch historische Zahlen bis 1993 angibt. Im Folgenden aufgeführt sind die Kriminalfälle auf 100.000 Einwohner von 1993 – 2005.

Sie sehen: Sie sehen nichts. Keine signifikante Erhöhung, keine Tendenz. Zwar sagt der Report auch, dass die Zahlen für gefährliche und schwere Körperverletzung seit 2003 gestiegen sind, führt dies aber zurück auf “eine erhöhte Anzeigebereitschaft und eine abnehmende Toleranz gegenüber Gewalt auch im unmittelbaren sozialen Umfeld sowie auf veränderte polizeigesetzliche Regelungen”.

Sprich: Die Polizeistatistik, von der Innenministerkonferenz gebilligt, widerspricht Dr. Christian Pfeiffer und seinen Spießgenossen explizit. Insgesamt konstatiert sie eine abnehmende Toleranz gegenüber Gewalt, keine Verrohung der Gesellschaft.

Schaut man sich dagegen die Entwicklung der Körperverletzungen von 1953 bis 1997 an ( aus: Die Entwicklung der Gewaltkriminalität in der Bundesrepublik Deutschland [..] in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (PDF-Dokument)), dann ist ein deutlicher Anstieg erkennbar.

Interessant ist aber, worauf die Autoren dieser Studie den Anstieg zurückführen:

Dies stützt zunächst einmal unsere [..] Basisannahme, dass die gesellschaftlichen Strukturveränderungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer Anhebung des Normalniveaus der Gewaltkriminalität geführt haben. Die Hypothese, dass die wohlfahrtsstaatlichen Sicherungssysteme [..] den gewaltdämpfenden kooperativen Individualismus gegenüber dem [..] egoistischen Individualismus stärken, wird durch den Befund gestützt, dass sowohl bei den Tötungsdelikten als auch bei Raub und Körperverletzungen England die stärksten Zuwachsraten aufweist.

Man nimmt also an, und begründet das auch in dem langen Artikel auch statistisch, dass es tiefgreifende Wandlungen in der Gesellschaftsstruktur gibt, die für den langfristigen Anstieg von Gewalttaten in Deutschland verantwortlich sind.

Zugegeben: “Killerspiele verderben die Jugend” klingt irgendwie schmissiger und sagt sich flotter in eine Fernsehkamera als “der tiefgreifende Strukturwandel unserer Gesellschaft führt zu einem langfristigen Anstieg der Kriminalität”. Wäre aber vielleicht mal ein Ansatz, das Problem zu lösen, statt Wahlen zu gewinnen.

Nur kurz bei dieser Gelegenheit erwähnt: Die Berkeley-Studie Does Movie Violence Increase Violent Crime? (PDF).

Overall, we find no evidence of a temporary surge in violent crime due to exposure to movie violence. Rather, our estimates suggest that in the short-run violent movies deter over 200 assaults daily.

Auch Nils Bokelberg hat drei Studien recherchiert, die den Zusammenhang von Gewalttätigkeit und dem Spielen von Videospielen untersuchen – und nicht finden.

Des weiteren durfte Pfeiffer in dem Interview behaupten, die Industrie visiere bei der Veröffentlichung von Spielen insbesondere die jugendliche Zielgruppe an, ohne die kein wirtschaftlicher Erfolg zu erwarten sei. Auch das ist grober und komplett unfundierter Quatsch: Gerade jetzt erschien eine Studie, gemeinsam von Electronic Arts, Jung von Matt und der GEE in Auftrag gegeben: “Spielplatz Deutschland”. Ergebnis: Über 50% der Gamer sind Freizeitspieler – und die sind im Schnitt 44 Jahre alt. Der typische Zocker, der in der Studie so genannte Intensivspieler, ist in der Tat jung, macht aber gerade mal 5% aller Gamer aus. Es wäre also entgegen der Meinung von Dr. Pfeiffer wirtschaftlicher Irrsinn, wenn die Spieleindustrie auf die Kids zielen würde. Erst die älteren und Freizeitspieler machen die Masse aus und sind entsprechend kaufkräftig. Dasss eine Industrie, die mehr Umsatz als die Filmbranche macht, von ein paar Zockerkiddies lebt, das hätte sich auch bei genauem Selbstdenken schon erschließen können.

Zu guter Letzt noch ein spannender und gut geschriebener Artikel, thematisch leicht abschweifend, der aber eine inhaltlich vermeintlich schlüssige und von Politikern verschiedener Couleur lange Zeit aus politischer Motiviation vertreten These widerlegt – mit Hilfe einer Korrelation: “Porn Up, Rape Down”:

The incidence of rape in the United States has declined 85% in the past 25 years while
access to pornography has become freely available to teenagers and adults. The Nixon and Reagan
Commissions tried to show that exposure to pornographic materials produced social violence. The
reverse may be true: that pornography has reduced social violence.

Die Beobachtung, dass Vergewaltigungsdelikte abnehmen, wird auch von der oben angeführten Studie zur Entwicklung der Gewaltkriminalität festgestellt. Nach der Denke der Killerspielpolemiker müsste die zunehmende Verbreitung von Filmen, die Frauen erniedrigend und objektifiziert darstellen, zu einer Zunahme von sexuellen Belästigungen und letztlich auch Vergewaltigungen führen.

Keineswegs, sagt die Statistik: Die (seit dem Aufkommen des Internets unbestreitbar) höhere Verfügbarkeit von Pornographie geht einher mit einer Abnahme der Vergewaltigungszahlen.

Frappierend? Vielleicht sind wir ja doch nicht nur kleine Äffchen, die nachmachen, was ihnen auf dem Bildschirm vorgeführt wird? In dieses Horn stößt auch ein Artikel der Berliner Zeitung von letzter Woche: Killerinstinkte – Wie gefährlich sind Computerspiele? Ein Selbstversuch (Danke für den Tipp, M.!):

Vom Spaß der guten Bürger bis zum rohen Ulk ist es nur ein kleiner Schritt. Von den düsteren, paranoiden Welten der Egoshooter bis zum Amoklauf ist es ein großer. Es muss eine Menge psychischer Desaster hinzukommen, um aus einem Spieler einen Mörder zu machen. Diese enorme Spanne kleinzureden, läuft auf ein Menschenbild hinaus, das noch viel gruseliger ist als “Counterstrike”.

In Großbritannien gibt es einen Chief Scientific Adviser, der mit am Kabinettstisch sitzt. Er sorgt dafür, dass die Beschlüsse der Regierung von wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht frei bleiben. Ein solcher Adviser würde auch der Bundesregierung in der aktuellen Debatte sehr gut tun. Dann müsste man nämlich nicht nur rechtliche Expertisen einholen, ob sich ein Verbot von “Killerspielen” mit dem Grundgesetz vereinbaren ließe (PDF-Link). Nein, man könnte den Kollegen Adviser auch einfach mal fragen, ob es einen Beleg für den vermuteten Zusammenhang gibt, udn ob Korrelation eigentlich identisch mit Kausalität ist.

Unterm Strich halte ich fest: Schleich dich, Dr. Pfeiffer!

(In den Kommentaren weist zdrozz auf den wichtigen und mir noch nicht bekannten Umstand hin, dass in dem Joseph-Fall in Sebnitz Pfeiffer dafür sorgte, dass aus dem, was sich nachher als Unfall herausstellte, wochenlang ein angeblicher Lynchfall wurde. Ich stimme zdrozz zu: Der Mann hat über seiner Mission den Sinn für die Wirklichkeit verloren.)

[UPDATE] Links zu den bei Nils Bokelberg gefundenen Studien ergänzt.

[UDPATE 2] Passage zu typischem Gameralter mit Link zu Spielplatz Deutschland ergänzt. Passage zu Chief Scientific Adviser ergänzt.

Erwischt

Noch mal Harald Schmidt im Zeit-Interview

Außerdem finde ich es auch uncool, keine [GEZ-]Gebühren zu zahlen. Ich finde es auch uncool, in der UBahn schwarzzufahren. Das sind die Leute, die sich aufregen, dass sich die Industriebosse die Taschen voll machen.

Erwischt.

“Das Zitat ersetzt den Gedanken”

Harald Schmidt im Zeit-Interview:

Schmidt: [...] Alles, was man philosophisch denken kann, wurde schon einmal gedacht. Die Aufgabe besteht also darin, zu wissen, wo das Ergebnis dieses Nachdenkens zu finden ist, in welchem Buch es steht. Was ich allerdings tue, ich versuche, mir gute Zitate zu merken.

ZEIT: Das Zitat ersetzt den Gedanken?

Schmidt: Auf diese Weise sparen Sie unglaublich viel Zeit.

Der Mann sollte Blogger werden.

Blut im Auge

Übrigens ist mir, während ich am Mittwoch “Hart aber Stammtisch” geguckt habe, ein Äderchen im Auge geplatzt. Wahrscheinlich vor Wut. Kann aber auch sein, dass das bei meinem anschließenden Nickerchen während der zweiten Halbzeit von Werder – Chelsea passiert ist. Vor lauter Tiefenentspannung. Wollte ich jedenfalls von berichten. Schon wegen des Schockeffekts.

Fußball, methodisch gesehen

dogfood hat auf allesaussersport meinen Kurzbeitrag über die wissenschaftliche Erforschung des Fußballs aufgegriffen und wie immer Lesenswertes dazu geschrieben.

Ich halte in einer kleinen Replik ebendort das Fähnchen der Wissenschaft hoch:

Welche psychologischen Effekte führen generell bei einer Spielsystemumstellung zu Verbesserung oder Verschlechterung der Leistung der Mannschaft? Eine fundierte Methodik der Raumaufteilung, mit Elementen aus der Graphentheorie (das Travelling-Salesman-Problem für Mittelfeldregisseure), könnte ich mir nur beispielsweise ebenfalls gut vorstellen.

Ich sehe da also auch im Fußball durchaus noch Raum für die Wissenschaft.

Next Page »