Game on, FAZ!

Wer hätte das gedacht: Die FAZ als Stimme der Vernunft gegen die billige, kulturpessimistische Verdammung von Computerspielen? Tatsächlich: In Alles Gute kommt von unten wird behauptet, dass Fernsehen und Computerspiele uns schlauer machen.

Ganz zauberhaft ist diese Passage:

In einem wunderbar ketzerischen Gedankenexperiment versucht Johnson, seinen Punkt zu illustrieren: Was würde passieren, wenn es Videospiele schon seit Jahrhunderten gäbe und plötzlich das Buch erfunden würde? Die Befürchtungen besorgter Lehrer und Eltern, so vermutet Johnson, wären enorm: Von einer “Unterstimulierung der Sinne” beim Lesen wäre die Rede, davon, daß Bücher Jugendliche von ihren Altersgenossen isolieren, erschreckend der Anblick “dieser neuen ,Bibliotheken’”, in denen “Dutzende junger Kinder, die sonst so lebhaft sind, alleine in ihren Arbeitskabinen sitzen”. Die gefährlichste Eigenschaft der Bücher aber wäre ihre Linearität: “Man kann ihre Handlung in keiner Weise kontrollieren. Man lehnt sich einfach zurück und läßt sich die Geschichte diktieren.”

Ich hatte den Eindruck schon länger, dass Menschen, die sich einem Medium komplett verweigern, letztlich intellektuelle Reize ausblenden. Wichtiger ist ja in der Regel der intelligente Umgang mit einem Medium, dem Kulturpessimisten oft nur ausgewählt schlechte Inhalte daraus entgegenhalten.

Oder wann hast du dich das letzte Mal über Klingeltöne aufgeregt?

Jeden Tag auf’s Neue doof

Oh Mann, es will auch wirklich jede Schlacht einzeln gewonnen sein: TiVo-like devices for radio raise piracy fears.

With products such as San Francisco-based Applian Technologies’ Replay Radio, users can split, chop, trim and edit their recorded MP3 files from streamed music services.

The company’s Web site says the product “works like a TiVo for Internet Radio” and can turn streaming music into perfectly tagged MP3 song files. “There’s certainly a lawsuit waiting to happen because they’re basically enabling consumers to record and the recordings are not authorized,” said Jonathan Potter, executive director of the Digital Media Association.

Als wenn ich nicht (wie jeder andere) vor 25 Jahren mit nervösem Zeige- und Mittelfinger über der Kassettenrekorder-Klaviatur gehangen hätte, um die Songs aus Mel Sondock’s Hitparade aufzunehmen und live zu Kassettensamplern zu schneiden. Was macht die oben beschriebene Software bitte anderes, das nicht schon seit 5 Jahren Stand der Technik ist?

So langsam muss sich die Musikindustrie vielleicht doch mal überlegen, wie sie mit den neuen Medien umgehen wollen. Man kann sich doch nicht jeden Tag auf’s Neue doof stellen: “Ach so, Videorekorder gibt’s, klar, aber das gleiche für Radio auf dem Computer? Nee, das überrascht aber echt, das das geht. Ist das nicht illegal?” Gähn…

WLAN ist die neue Straße

Dem Internetzugang in Hotels wird es natürlich gehen wie ehedem den Telefonzugängen: Sobald GSM verfügbar war, zahlte keiner mehr die Apothekenpreise. Selbst in Kiew wurden 50 Grivnas pro LAN-Stunde (ohne W!) verlangt, also rund 8 Euro. Und das, wo vom Roomservice für ein Hauptgericht ungefähr der gleiche Preis aufgerufen wurde.

UMTS wird diesem Spiel ein Ende bereiten. Doch es kann auch anders laufen: Teilweise werden schon heute ganze Städte kostenlos mit LAN versorgt (ärgerlicherweise fällt mir gerade nicht mehr ein, wo und über welche Stadt ich das gelesen habe). Pennsylvania wurde leider noch einmal daran gehindert, eben das zu tun. Das Hotel Consul in Bonn ist da schon einen Schritt weiter, wie Nico Lumma moblogt: WLAN kostenlos. Jaja, wir im Medienland Nordrhein-Westfalen: Immer ganz nah an der Grenze zur Zukunft :-)

Und wie ich neulich schon mal forderte: WLAN ist die neue Straße. Alle zahlen, alle nutzen.

Montag, 30. Mai 2005

Spontane Akklamation

SpOn berichtet:

Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, schlug Stoiber Merkel gleich zu Beginn als Kanzlerkanidatin vor, worauf die versammelte Runde mit Applaus reagierte.

Ich dachte, dass die Wahl durch spontane Akklamation 1996 abgeschafft wurde. Ach nee, das war ja in einem fortschrittlicheren Laden: im Vatikan.

Die Alte vom Arbeitsamt

Ich war über’s Wochenende in Leipzig, einen Freund zu seinem 30. Geburtstag besuchen. Am Freitag, spät abends angekommen, war ich bei diesem Freund untergebracht. Für die Nacht von Samstag auf Sonntag hatte er mir und ein paar anderen Ferngereisten Zimmer im Ökumenischen Gästehaus Leipzig reserviert. Das Gästehaus ist ein bisschen außerhalb Leipzigs gelegen, im Stadtteil Grünau, dem größten zusammenhängenden Neubaugebiet, das die DDR je gebaut hat. Platten neben Platten.

Nachdem wir am Samstag gegen 4 Uhr rechtschaffen müde waren, nahmen wir uns ein Taxi. Zunächst holten die mitfahrenden Freunde noch Klamotten aus ihrem Auto, und ich wollte dem Taxifahrer schon mal das Ziel ansagen. Es entspann sich sinngemäß dieser Dialog (bitte schweres Sächseln zu den Textteilen des Taxifahrers dazu denken):

Ich so: Wir wollen dann ins Ökumenische Gästehaus.
Er so: Wo soll das denn sein?
Ich so: Weißdornstraße oder Weißdornweg, weiß nicht so genau.
Er so:*drückt mir den Stadtplan in die Hand* Da schauen Sie doch mal nach.
Ich so: *irritiert und überrumpelt blätternd* Ich find hier keine Weißdornstraße.
Er so: Nee, da gucken Sie im falschen Index.
Ich so: Vielleicht gucken Sie doch besser selbst nach? Sie kennen sich ja besser aus.
Er so: *blätternd* Wir haben hier aber beides: Weißdornweg und -straße.
Ich so: Ich hab keine Ahnung, was es ist, können Sie dann nicht die Zentrale fragen?
**die letzten beiden Zeilen zweimal wiederholen**
Er so: Hallo Zentrale, wo ist denn das Ökonomische Gästehaus?
Zentrale: In der Weißdornstraße, da fährst du *so und so*
Er so: *Funk ausstellend* Das ist ja in der Grünau! Da kenn ich mich gar nicht aus! *blättert hektisch im Stadtplan* Wie sollen wir denn da fahren? Na, erst mal hier lang *drückt Hanno auf dem Beifahrersitz den Plan in die Hand*
Mitfahrende Freundin neben mir: Prruuuust!
Er so: Nu, was soll ich denn machen, ich kenn mich da halt nicht aus. Ich hab den Taxischein ja noch nicht so lang. *fährt los* Aber das ist ja auch für mich eine Chance, da lern ich mal wieder eine neue Straße kennnen.

**Im Folgenden weiter unzusammenhängendes gebrabbel und Ausgetausche über die möglichen Fahrstrecken, Hanno hatte seine Rolle als Wegweiser inzwischen akzeptiert. Der Taxifahrer beteuerte uns, er führe exakt wie vorgeschrieben**

Er so: Das hätten Sie mir gleich sagen müssen, dass Sie in die Grünau wollen, dann hätte ich die Fahrt gar nicht erst angenommen.
Wir so: Na, das schaffen wir schon gemeinsam.
Er so: Aber SOWAS hat mir die Alte vom Arbeitsamt natürlich nicht gesagt, als sie mir den Job als Taxifahrer angedreht hat. Und ich verzichte noch auf Unterstützung…
Wir so: *entgeistert anguck, fester anschnall*

**Nach einiger Zeit und 16,10 € auf der Uhr standen wir dann tatsächlich in der Weißdornstraße, die sich allerdings dreifach verzweigte.**

Er so: Nu, jetzt machen wir erst mal Kasse, sonst haben sie nachher 22 € auf der Uhr.
Ich so: OK, danke, machen Sie 17.
Er so: *kassier, weitergondel*
Wir so: Das da vorne mit dem Fisch drauf, das muss es sein.
Er so: Na dann mal gute Nacht. Und Entschuldigung noch mal.
Wir so: Na, hat ja alles geklappt. Danke, gute Nacht. *aussteig, weggeh*
Er so: *steigt auch aus und winkt uns nach* Und entschuldigen Sie noch mal, ich kenn mich halt nicht so gut aus in Grünau. Aber jetzt weiß ich ja Bescheid.

Dazu fällt mir nun wirklich keine krönender Abschlusskommentar mehr ein. Ich schließe die Passage einfach als weitere Kriegsgeschichte aus dem Osten in mein Herz :-)

Freitag, 27. Mai 2005

Vertrag wie Krieg und Frieden?

Also, ich habe ja nicht Arbeitsvertrag mit meiner Firma: Ich habe einen Arbeitsvertrag mit meiner Firma. Warum haben Fußballspieler dagegen immer “Vertrag” bei soundso. Beispielsweise heute Torsten Frings auf Sport1: Frings hat bei den Bayern zwar Vertrag bis 2007…

War das sprachlich schon immer so geregelt? Warum hat Frings nicht einen Vertrag bei Bayern? Ich habe den Eindruck, dass sich das in den letzten Jahren eingeschlichen hat.

Oder mit welchem Recht würde man auf einen Artikel verzichten dürfen? Ist Vertrag in der Fußballbranche schon sowas ähnliches wie Krieg oder Frieden oder Schuld – also ein Abstraktum, eine Zustandsbeschreibung, die man mit jemandem auch ohne Artikel haben oder schließen kann? Und selbst Schuld kann man zwar auf sich laden, aber auch eine große Schuld – je nachdem, ob man sie konkretisieren möchte oder nicht.

Ich vermute, dass diese Sprachweise einfach nur affektiert ist.

Mittwoch, 25. Mai 2005

Good cop, bad cop?

Man stelle sich diese Meldung bei heise mit vertauschten Firmennamen vor…

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