Warum IT-Großprojekte scheitern

Die neue c’t berichtet über IT-Großprojekte: Pleiten, Pech und Pannen.

Es ist richtig, dass ein relevanter Teil aller IT-Projekte scheitert: etwa ein Drittel. heise zitiert vorab als “Paradebeispiele” das E-Voting in den USA, die LKW-Maut und die Hartz-IV-Software der Arbeitsämter. Diese Projekte kranken allerdings alle an dem gleichen Problem: Politisch gesetzte Termine, die sich nicht an fachlichen Aufwandsschätzungen orientieren, sondern an politisch gesetzten Rahmenbedingungen.

Insofern hat die c’t nur teilweise Recht, wenn sie schreibt:

[Es] lassen sich gleich mehrere Ursachen für das Scheitern von IT-Großprojekten ablesen [...]. Zwei der Gründe: Die Komplexität der Projekte werde unterschätzt, von Ehrgeiz getriebene Überdimensionierung treffe auf ein Verantwortungsvakuum.

Grund zwei ist komplett richtig. Grund eins stimmt so nicht. Tatsächlich wird die Komplexität (lies: das Risiko) solcher Projekte nicht unterschätzt – sie wird ignoriert. Tim Lister, Anwalt des Einsatzes gesunden Menschverstandes selbst in IT-Projekten, vergleicht dieses Verhalten mit Menschen, die auf den Gleisen stehen, in der Ferne die Lichter des Zuges sehen, wegschauen und sich mit dem überraschten Ausruf “Oh, you mean that oncoming train….” überfahren lassen.

Paulus Neef gründet Unternehmen für… …tja.. …wichtigtuerische Homepages?

Paulus Zwielichtgestalt Neef hat einen neuen Laden: VIVAFutura. Und mit Verlaub, Paulus: Du hast ja noch nie eine Idee auf den Punkt bringen können. (Remember den am funkensprühendsten gescheiterten Versuch mit “15.100.100″ (dort nach “15-100-100” suchen, um die richtige Passage zu finden? Immerhin trage ich das T-Shirt immer noch gerne zum Schlafen. Ich schlaf eh auf dem Rücken.) Selten hat man so viel sinnfreies Geschwalle auf einer einzigen Homepage lesen können. Beispiel gefällig?

VIVAFutura leverages business potential for its clients – from government, business community, export/ import interested corporations to investment equity – by the identification and selection of opportunities and markets in Latin America (especially Mexico) as well as Europe (especially Germany), the development of sustainable business models and innovative problem solutions and the implementation in the respective regions of such.

Wenn ich das Wort “leverage” lese, den Blindgänger unter den Worthülsen, dann schalte ich schon ab. Und worauf bezieht sich das distinguiert klingende “of such” ganz am Ende des Satzes eigentlich (ist wirklich nur ein einziger Satz, klingt aber wie ne ganze Ansprache) ?

Kann ja sein, dass der Laden tatsächlich wertbringende Dinge macht. Aber erkennen tut man’s nicht, nachdem man die Homepage gelesen hat. Klingt irgendwie nach Venturepark Incubator meets Beratungsunternehmen. Und Berater fand Paulus überhaupt schon immer super. Die können nämlich die Tagessätze nehmen, die er für Pixelpark auch immer haben wollte.

Seine Partnerin im Vorstand der VIVAFutura ist Martina Mahlo. Über die steht bereits in der offiziellen Biografie auf der Homepage verdächtig wenig. Handelt es sich vielleicht um die Martina Mahlo, als deren größte Hinterlassenschaften Google die Geschäftsführung eines untergegangenen Einkaufsnetzwerks sowie eine Diplomarbeit von 1995 zum Thema “Funktionsweise der Theatertechnik am amerikanischen Nonprofit-Theater unter Berücksichtigung der Wirtschaftlichkeit” findet?

Im Aufsichtsrat immerhin: Hans-Dietrich Genscher und eine Psychoanalytikerin. Man weiß ja nie, wofür’s mal gut ist.
 

Freitag, 29. Oktober 2004

Mittelstürmen oder Eier le**en: Tun, was man am besten kann

Überschrift am 12.11. editiert, um nicht mehr so viele Googlesucher in die Irre zu führen… ;-)

Sergej Barbarez, Mittelstürmer des HSV, heute in der SZ zur Frage, was seit dem Trainerwechsel anders geworden sei:

Ich habe jetzt Kraft für die wichtigen Dinge.

Auch einige andere HSV-Spieler haben schon gesagt, dass sie jetzt eine klare Aufgabe hätten, die sie dann auch mit der entsprechenden Kraft ausfüllen können. Wenn das wirklich so ist, dann war Klaus Toppmöller ein noch schlecherer Trainer, als ich ohnehin dachte. Stärken zu stärken ist schließlich eine Grundkompetenz guten Managements: Teammitglieder da einzusetzen, wo sie das tun, was sie am besten können.

wirres.net beschrieb vorgestern etwas bildhafter in einem anderen Zusammenhang das gleiche Thema:

mir glaubt ja eh nie jemand, also glaubte [der internist] mir auch nicht als ich ihm versicherte nicht an inneren blutungen zu leiden. er wolle selbst gucken. warum? weil internisten nunmal gerne in menschen reingucken. genauso wie chirurgen gerne menschen aufschneiden und hunde gerne ihre eier lecken: es ist das was sie können, also machen sie es.

 

Donnerstag, 28. Oktober 2004

Some Girls Are Bigger Than Others

…gestern auf der Riot Fashion gesehen, der Eröffnungsparty zur Art Cologne
 

Mittwoch, 27. Oktober 2004

Risikomanagement: Keine Leiche, keine Strafe?

Experten haben den schiefen Turm von Köln untersucht und kommen zu den folgenden Ergebnissen:

Der schiefe Turm von Köln war nie einsturzgefährdet und könnte ohne Stützen so stehen bleiben. Zu diesem Ergebnis kommt das Experten-Gutachten. [...] Der Turm hat sich in der Nacht zum 29. September durch die Vorarbeiten im Rahmen des Baus der Nord-Süd-Stadtbahn lediglich um 77 Zentimeter geneigt. “Das liegt im Rahmen der üblichen Bautoleranz-Grenzen. Es hätten durchaus noch ein paar Zentimeter mehr sein können. Deshalb war er nie einsturzgefährdet und wird es auch künftig nicht sein”

Dazu muss man sagen: Prima Risikomanagement! Es wurden Maßnahmen ergriffen, um ein katastrophales Ereignis zu verhindern, ohne dass sicher war, ob es eintritt. Genau so funktioniert Risikomanagement.

Vorher scheint da aber ein bisschen was schiefgelaufen zu sein, obwohl es im Artikel des Stadtanzeigers anders dargestellt wird:

Für das Absacken des Kirchturms sind weder die Baufirmen noch die Bodenprüfer verantwortlich. Alle Spekulationen, nach denen der Kirchenuntergrund gar nicht untersucht, die beteiligten Firmen nachlässig gearbeitet oder die Tiefenbohrungen in einem zu groben Raster gesetzt worden sind, seien gegenstandslos. Das Entstehen von Hohlräumen sei bei der angewandten Technik des Schildvortriebs „systembedingt“ und lasse sich nie ganz ausschließen. „Man könnte davon sprechen, dass die Schieflage des Turms schicksalhaft, weil nicht vorhersehbar war“, so Raupach.

Mann darf da schon fragen: Kann man eine solche Technik unter einem dicht bebauten Gebiet anwenden? Ist da nicht im Risikomanagement etwas ziemlich schief gelaufen? Offensichtlich WAR ja vorhersehbar, dass Hohlräume entstehen würden können. Deswegen darf man nun nicht so tun, als sei “die Schieflage des Turms schicksalhaft” gewesen. Man ist ein bekanntes Risiko eingegangen, und es ist eingetreten. Schicksal ist anders. Oder um es mit dem Worten von Tim Lister zu sagen: “I’ve never met an unlucky project.”

Für die Staatsanwaltschaft stellt sich jetzt die Frage, ob sie das Ermittlungsverfahren wegen Baugefährdung gegen die beteiligten Bauunternehmen einstellen muss. „Wenn tatsächlich keine Menschen gefährdet wurden, müssen wir es nicht weiter verfolgen“, so Raupach.

Das setzt dem ganzen die Krone auf, ist auf der anderen Seite aber typisch Kölsch: Et hätt doch noch ens joot jejangen. Ist ja nix passiert, also warum der Aufstand. Vielsagend die sprachliche Unschärfe: Natürlich wurden Menschen “gefährdet”, die Gefahr ist lediglich nciht eingetreten.

Im Fußball ist auch der Versuch eines Fouls strafbar, was im übrigen ein paar Fernsehkommentatoren auch mal lernen könnten. Ich brauche auch keine Leiche, um wegen versuchten Mordes verurteilt zu werden. So kommt keine Kultur von Risikomanagement zu Stande. Ist aber sehr ein sehr typisches (lies: menschliches) Verhalten.

Der Büdchen-Index

Die dpa meldet gestern laut Tagesspiegel:

Die Krisen bei KarstadtQuelle und Opel haben die Konsumlaune der Bundesbürger im Oktober gebremst. Das ergibt sich [...] aus der monatlichen Konsumklima-Studie [...]. Demnach fürchten auf Grund der negativen Unternehmensmeldungen immer mehr Bürger um ihren Job. Entsprechend sanken die Erwartungen an die Entwicklung der Konjunktur und an das persönliche Einkommen. Auch die Neigung zum Kauf langlebiger Konsumgüter ging zurück.

Heute morgen, beim Weg zur Bahn, fiel mir hingegen auf, dass auf “meiner” Straßenecke endgültig das vierte Büdchen (für Immis: Kiosk) geöffnet hat, auf jeder Ecke sitzt jetzt eins.

Ist das jetzt der Gegenbeweis? Mehr Büdchen, bessere Konjunktur, weil offensichtlich Gründerlaune? Oder ist das gerade der Beleg für den letzten Satz: Wenn keine langlebigen Kunsumgüter mehr gekauft werden, hockt man lieber zu Hause, guckt Fernsehen und zieht sich Bier, Kippen und Chips vom Büdchen rein?

Sprich: Gibt es einen Büdchen-Index der Konjunktur? Und wenn (unbestreitbar) ja: Korrelliert er positiv oder negativ?

Toll Collect: Selbstverständlichkeit der Kleinen, Untersuchungsobjekt der Großen

Der Bundesrechnungshof scheint laut Reuters (in Spiegel online) einen klarsichtigen Bericht zum Mautprojekt verfasst zu haben:

Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters vertritt der Rechnungshof die Auffassung, dass die zentralen Termine der Maut-Einführung von vornherein nie hätten eingehalten werden können.

Ach was.

Sehr wichtig ist auch dieser, vermeintliche Nebenkriegsschauplatz:

Bemängelt wird vom Rechnungshof den Angaben zufolge auch die Einbindung der Ages-Gruppe in das Maut-System. Ages [..] hatte mit Toll Collect um den milliardenschweren Auftrag der Regierung gerungen. Nachdem die Gruppe von der Bundesregierung aus dem Bieterverfahren ausgeschlossen worden war, hatte sie sich auf dem Gerichtsweg wieder eingeklagt [...]. Kurz vor der Bundestagswahl 2002 wurde [...] Ages an dem Auftrag beteiligt. Nach Kalkulation der Rechnungsprüfer wurde dadurch die Vergütung um 700 Millionen Euro über die Vertragslaufzeit von zwölf Jahren nach oben getrieben.

Das überrascht nicht. Wenn ein so mächtiger Projekt-Player eingebunden werden muss, dann steigt der Projektaufwand durch die zusätzliche Koordination von Menschen und Arbeiten natürlich beträchtlich. Im übrigen kann man sich auch fragen, wie fertig das Mautsystem ohne die Beteiligung von Ages bereits zum ursprünglich gewünschten Starttermin im August 2003 gewesen wäre. Bestimmt nicht fertig, aber genauso bestimmt fertiger.

Es ist erschüttert schon, dass Sachverhalte, die für jeden kleinen Projektmanager Selbstverständlichkeiten sind, hier den Bundesrechnungshof beschäftigen.

Nachtrag am 27.10.:
Im Artikel des Tagesspiegels zu diesem Thema heißt es:

Nach Angaben Eichstädt-Bohligs weisen die Rechnungsprüfer dem Maut-Konsortium die Hauptschuld für das Desaster bei der Einführung zu. Die Unternehmen seien vertragliche Vereinbarungen eingegangen, die sie nicht hätten halten können.

Das kann man so nicht sagen. Das Konsortium hat alle Verinbarungen gehalten – insbesondere nämlich die Leistung von Schadenersatz bei Nichteinhaltung des Starttermins. Es ist gut möglich, dass sich das Projekt unter diesen Umständen sogar rechnet, da die Vertragsstrafen ja unstrittig viel zu niedrig waren, um die Ausfälle des Bundes zu ersetzen. Sie waren aber auch zu niedrig, um eine Überschreitung des Termins wirksam zu verhindern. Andererseits hätte bei hohen Vertragsstrafen auch niemand diesen Termin zugesagt. So bleibt aus meiner Sicht die Hauptschuld beim Auftraggeber.

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