Klinsmann: Der, wo’s selbst macht

Ach du Schande: Jürgen Klinsmann wird das Gegenteil von Manager – nämlich Trainer. Genau das, was er nicht kann, das macht er, weil er einfach will. Sehr unprofessionell. Oliver Bierhoff soll Bindeglied zur Bundesliga werden, was bisher aus gutem Grund immer eine der Hauptaufgaben eines Bundestrainers/Teamchefs war.

Ich klinke mich aus der Bundestrainerdiskussion an dieser Stelle wieder aus, weil sich der Aspekt Management ab diesem Moment erledigt und verweise für die weitere Berichterstattung auf Kai Pahls wunderbares Blog allesaussersport (eben nicht) und dort insbesondere auf den treffend betitelten Bericht Der Klinsherr.

DFB-Trainersuche entwickelt sich zum Management-Debakel

In der Trainersuche des DFB werden nach und nach immer mehr Fehler offensichtlich. Am Sonntag hatte ich noch gemeint, dass das Modell Klinsmann/Osieck/Bierhoff trotz großer Risiken eine Chance hat. Heute muss ich konstatieren, dass sich Managementfehler an Managementfehler reiht:

  • Holger Osieck hat heute das Angebot ausgeschlagen, Bundestrainer zu werden. Grund sind laut DFB-Mitteilung Differenzen über die sportliche Leitung. Sprich: Klinsmann will im sportlichen Bereich mitreden; der Bundestrainer wird nicht als verantwortlicher Fachmann eingesetzt werden, sondern als Erfüllungsgehilfe und Übungsleiter. Damit ist das gesamte Modell des Funktionsteams hinfällig, in dem Klinsmann unbedingt einen starken Trainer gebraucht hätte. Ein guter Manager weiß, dass er die besten Mitarbeiter braucht, um ihnen eben *nicht* drein reden zu können.
  • Der Spiegel stellt (ohne weitere Hintergründe) diese Kandidaten für das Bundestrainer-Amt zur Wahl: Dieter Eilts, Guido Buchwald, Jürgen Kohler, Michael Henke, Ralf Rangnick, Stefan Kuntz, Toni Schumacher, Uli Stielike. Keiner dieser Kandidaten hat die Persönlichkeit, einem Jürgen Klinsmann Kontra zu geben udn gleichzeitig mit ihm zu harmonieren. Am ehesten noch Michael Henke, den ich aber nach Hitzfelds Absage für sehr unwahrscheinlich halte. Insofern: siehe voriger Punkt.
  • Oliver Bierhoff fühlt sich laut SZ “unter Druck gesetzt, da er im Gegensatz zu den anderen Hauptdarstellern erst am Dienstag in die Verhandlungen miteinbezogen wurde und sich innerhalb von zwei Tagen entscheiden soll.” Ein Jobprofil ist immer noch nicht klar.
  • Jürgen Klinsmann will den Job offensichtlich nicht nur lediglich bis 2006 übernehmen, sondern auch nicht nach Deutschland ziehen. Das untergräbt natürlich seine Autorität massiv, weil er keine Hingabe zeigt, sondern lieber viele Eisen im Feuer hält. Warum soll sich ein Spieler aufopfern, wenn der Manager nach dem Spiel wieder in Florida die Beine in den Pool hält?

Druck, Job*empoorment*, keine Verantwortung übernehmen, ein schwaches Team einsetzen: Das klingt alles nicht so, als würden hier klassische Methoden zur Mitarbeitermotivation eingesetzt. Mein Urteil: Die Anfangsvoraussetzungen sind inzwischen so schlecht, wie sie nur sein können, und die Vorgehensweise aller Beteiligten zeigt Züge von Anfängerhaftigkeit. Es wird viel Glück brauchen, in dieser Konstellation erfolgreich zu sein.

Parodie? Satire? Rip-off?

Lawrence Lessig, verhältnismäßig berühmter, amerikanische Copyright-Anwalt, hat in seinem Blog eine interessante Diskussion angestoßen: Handelt es sich bei diesem bekannten Flash-Film um eine Parodie? Eine Satire? Oder einen schlichten Rip-off? Und ist die Frage überhaupt relevant in dem Sinne, ob sie Woodie Guthrie himself überhaupt interessiert hätte? (Insbesondere auch dem Link zu der Sammlung von Repliken auf Lessigs Artikel folgen.)

Keine Vorbereitung für wichtige Geschäftstermine bei Microsoft?

Wenn man in Microsoft Outlook einen neuen Termin anlegt, dann erhält man diese Optionen vorgeschlagen, den Termin zu “beschriften”:

Man beachte die subtile Differenzierung von “wichtig”, “geschäftlich” und “Vorbereitung notwendig” ;-)

Duffy goes Williams: If you can’t beat them…

Gestern im SZ-Magazin gelesen: Stephen Duffy, einer der erklärten Samstagmorgenlieblinge dieses Blogs, ist der neue Songschreiber von Robbie Williams. Das sind gute Nachrichten, denn schließlich ist Robbie Williams einer der größten Entertainer dieser Tage, aber nicht der größte Songschreiber. Das weiß er zum Glück auch selbst, weswegen er seine Songs schon immer gemeinsam mit einem Co-Autor schrieb. Der langjährigen Zusammenarbeit mit Guy Chambers widmete Williams im Booklet des Albums Sing When You’re Winning sogar die treffende Zeile: To Guy Chambers, who is as much Robbie as I am.

Der Neue ist also Stephen Duffy. Und das Frappierende ist: Hört man sich mit dem Wissen um diese neue Zusammenarbeit die letzte Duffy-Scheibe Keep Going (hier mit 30-Sekunden-Schnipseln jedes Songs) noch mal an – man meint, Robbie Williams zu hören. Insofern also eine sehr treffsichere Wahl, die Robbie nach dem Flop mit der letzten Platte Escapology retten kann, auf der sich die Zusammenarbeit mit Chambers nämlich hörbar erschöpft hatte.

Wer’s nicht glaubt, kann sich auch mit zwei längeren Hörbeispielen von Keep Going auf sz-magazin.de überzeugen, dass Duffy schon immer der bessere Robbie Williams war. Außerdem lohnt es sich, das Interview des SZ-Magazins mit Stephen Duffy zulesen. Ein kurzer Auszug im Folgenden, das ganze Interview gibt es für kurze Zeit hier auch online:

Duffy: [...] Wären Sie auch nur drei Tage später gekommen, raten Sie mal, wo Sie mich gefunden hätten!
SZ-Magazin: Ihre Managerin hat es mir gesagt.
Duffy: Welche Managerin?
SZ-Magazin: Die Dame dort drüben.
Duffy: Ach, das Mädchen dort! Ja, dann wissen Sie ja, dass Sie mich in Los Angeles gefunden hätten. Bei Rob.
[...]
SZ-Magazin: Sie hatten in den letzten 25 Jahren exakt zwei Hits. Jetzt schreiben Sie für einen der erfolgreichsten Sänger der Welt. Sie begegnen dieser Tatsache mit reichlich Understatement.
Duffy: Ich hatte mir eine relativ stressfreie musikalische Existenz erarbeitet. Ich hatte zwar keine Hits, doch ich war stolz auf meine Arbeit. Und jetzt habe ich auf einmal die Verantwortung für das Werk eines anderen, ein Werk, das für Rob sehr persönlich und wichtig ist: Das setzt mich einem Stress aus, der schlimmer ist als alles, was ich kannte.
SZ-Magazin: Sie meinen, für jemand anderen zu arbeiten ist schwieriger, als für sich selbst?
Duffy: Das Gute, wenn man für jemand anderen arbeitet: Immerhin steht dann nicht dein Name drauf, was? [...]

Superpunk: Einmal Superpunk, bitte!

“Was ich hasse, regiert mich. Was ich liebe, verlier ich. Was ich suche, find ich nicht.”
Nein, hier geht’s nicht um die neue Cure, sondern um fünf Hamburger, die unter dem Namen Superpunk Soulmusik mit Texten machen, in denen das Wort “Baby” nicht vorkommt, dafür aber Wörter wie “Fabrikant”, “raus kommen” oder “aufgeben”. Also alles ganz in der Soul-mit-Sozialkritik-Tradition von Marvin Gayes What’s Going On, wenn auch die Musik deutlicher an die Dexys Midnight Runners erinnert (scheint gerade Trend zu sein). Die Midnight Runners zitieren Superpunk in einem der Bonus-Live-Tracks auch selbst, wenn sie auf der Bühne “For God’s sake burn it down” shouten, den Anfang der legendären Searching For The Young Soul Rebels.

Nenn es also Northern Soul. Macht aber auch ohne Namen einfach Spaß und animiert zu fröhlichem Mitklatschen und Zeigefinger-in-die-Luft recken. Und dabei merkt man zunächst gar nicht, welche Texte man mitgrölt: “Ganz traurig und allein schneidest du dir in deine Arme rein. Und das Badezimmer ist voll Blut”, und weiter: “Um die Selbsttötung zu vermeiden muss ich bei bir bleiben.” Dabei wird nie mit dem Entsetzen Scherz getrieben, nie ist die Attitüde von Superpunk ironisch oder gar zynisch. Die meinen sehr ernst, was sie tun, und so eine Band verdient es einfach, gekauft zu werden! Wer also Dexys Midnight Runners und die Regierung mag, für den heißt es hier: Zugreifen!

Urheberrecht: Der schmale Grat zwischen Recht und Unrecht

Bereits vor über einem halben Jahr kommentierte ich an diese Stelle die Filesharing-Diskussion dahin gehend, dass das Bereitstellen von Dateien in einem Filesharing-Netzwerk den Tatbestand der “Anleitung zum Kameradendiebstahl” erfüllt. In diesem Zusammenhang kamen mir nun kürzlich zwei verschiedene neue Dokumente unter den Browser.

Professor Lee A. Hollaar betrachtet ausführlich die Frage, ob sich eine alte Entscheidung des US Supreme Courts auf Hersteller von Filesharing-Systemen übertragen lässt: Sony Revisited: A new look at contributory copyright infringement (PDF-Dokument). Der Supreme Court hatte seinerzeit geurteilt, dass Sony mit seinen Betamax-Videorekordern keine Beihilfe zur Urheberrechtsverletzung (”contributory copyright infringement”) begeht, weil die Rekorder einen wesentlichen (”substantial”) Nutzen haben, nämlich das Ermöglichen zeitversetzten Fernsehens, der das Urheberrecht nicht verletzt. Die Frage, ob der Aufbau einer Filmbibliothek das Urheberrecht verletzt und Sony zu dieser Verletzung beiträgt, war in dieser Entscheidung dann belanglos. Folglich müssten auch Filesharing-Produkte erlaubt sein, die einen wesentlichen anderen Nutzen haben, als das “tauschen” urheberrechtlich geschützter Werke.

Prof. Hollaar schlussfolgert, dass jedes Kopiersystem notwendig auch einen solchen, wesentlichen Nutzen habe und folglich der Gesetzgeber eingreifen müsse, um Urheberrechtsverletzung zu vermeiden.

Meiner bescheidenen Einschätzung nach gilt Prof. Hollaars Schlussfolgerung zwar sehr wohl für Torrent-Clients, die eine verteilte Distribution nahelegen, weil es eine Quelle (Website) gibt, die für die Distribution als autorisiert erkannt werden kann. Bei Kazaa sieht die Sache aber schon ganz anders aus, und niemand käme mit gesundem Menschenverstand auf die Idee, dass Kazaa einen wesentlichen (!) legalen Nutzen hat.

Eine kleine Randbetrachtung: Sowohl der amerikanische Begriff “file sharing” als auch der deutsche Begriff “Tauschbörse” suggerieren, dass in solchen Systemen eine Person etwas abgibt und eine andere etwas bekommt. Tatsächlich aber gibt ja kein Nutzer etwas ab, weil die Inhalte immer mehr vervielfältigt werden. Dass die Begriffe die Funktion verbrämen deutet schon etwas auf das schlechte Gewissen hin, das die Erfinder von Filesharing unnötiger Weise hatten oder mehr in Richtung von share the love dachten.

In einem anderen Fall einigten sich kürzlich AOL und der Autor Harlan Ellison in einem Fall, der zum einen stark an den deutschen Compuserve-Prozess erinnert und der zum anderen fast ein Schauprozess zu sein schien:

In early spring of 2000, famous author Harlan Ellison became aware that his works were being (sloppily) pirated in certain Usenet newsgroups. [...] America Online, Inc., continues to assert that the Digital Millennium Copyright Act (see Legal Authority on Copyright) prevents Mr. Ellison from obtaining any effective relief for any liability it might otherwise have.

On 10 February 2004, the US Court of Appeals for the Ninth Circuit reversed in part and remanded the case. It will now go back for trial on contributory infringement and the reasonability of AOL’s DMCA policies [...].

On 08 June 2004, Mr. Ellison and AOL announced a settlement of this dispute.
Quelle: AuthorsLawyer.com

Die WIRED befragte Ellison selbst, ob er denn der Meinung sei, dass AOL die Inhalte aller Newsgroups kontrollieren solle: I don’t expect anybody to control the content of a newsgroup. But AOL talks about newsgroups as though they’re a service, like the roads. Well, roads have a yellow stripe down the middle so that you don’t cross over and run into your neighbor and kill him. Roads are patrolled by police so that you don’t speed and crush other people’s skulls. AOL has a responsibility to protect copyrighted material.

Mir scheinen in dieser Diskussion zwei Punkte wichtig zu sein:

  1. Es ist doch normalen Menschen offensichtlich, wer zu Urheberrechtsverletzungen beiträgt und wer nicht. Das bestätigt auch die von Microsoft in Auftrag gegebene Studie “Digitale Mentalität” der Universität Witten/Herdeke. Die Studie sagt aber
  2. auch, dass sich diese normalen Menschen bei digitalen Produkten oft nicht an ihr eigene Erkenntnis der Rechtslage halten, weil ihr Unrechtsempfinden anders liegt.

Und das schreit nun wirklich danach, dass das Urheberrecht/Copyright neu gefasst werden muss, und zwar unter fairer Ausbalancierung der Interessen aller drei interessierten Gruppen (Autoren, Nutzer, Öffentlichkeit), wie Michael Geist in einer lesenswerten Kolumne im Toronto Star fordert. Die Sache ist gesellschaftlich wirklich zu knifflig und zu wichtig, als dass man sie alleine den Herstellern von Digital-Rights-Management-Produkten einerseits und den MP3-Eichhörnchen andererseits überlassen sollte.

Nutzer verarschen bringt eben doch nix

Die WIRED News berichten heute:

Microsoft and Ask Jeeves have thrown paid inclusion links out of their search engines [...]. Microsoft on Thursday said its redesigned MSN Search site would no longer display links obtained through paid inclusion, a controversial arrangement in which Web publishers pay to have their sites indexed and frequently refreshed.

Ich versuche ja schon seit Monaten einem privaten Fernsehsender, für dessen Website wir gelegentlich arbeiten, klar zu machen, dass Nutzerverarschung langfristig nichts bringt. Dort ist man zum Beispiel immer noch der Meinung, dass Nutzer mehr Klicks erzeugen, wenn man sie von der Homepage über drei Zwischenseiten zwingt, bevor sie einen Artikel bekommen. Dass diese Praxis den Nutzer letztlich bei drei von vier Klicks enttäuscht, weil er nicht das bekommt, was er gewählt hat – darüber macht man sich dort keine Gedanken.

Das Marketingmagazin iMedia Connection kommentiert Microsofts Bewegung weg von Paid Content als eine Mischung aus Einsicht und Zwang:

Many searchers and search marketers began to feel paid inclusion listings misled users by not being labeled as such. The Sword of Damocles (sword of Nadercles?) is currently dangling above the head of all forms of paid inclusion. It’s waiting for the next Nader-instigated FTC letter to providers demanding their listings be labeled “advertising” in the same way pay-per-click listings were forced to be labeled “sponsored.”

The future of paid inclusion is uncertain, but it is clear that MSN has chosen to opt- out of having to deal with the paid inclusion debate.

Wilco: A Ghost Is Born

Selten war ich mir so unsicher bei einer Platte: Meisterwerk oder Mittelmaß? Der Grund dafür ist, dass die Songs auf A Ghost Is Born äußerst unaufdringlich sind, nie stören, sich sogar langsam ins Kleinhirn schleichen – dass ich aber auch nach dutzendmaligem Hören keinen einzigen aus dem Gedächtnis nachsummen könnte. Gleichzeitig kann ich nicht aufhören, die Platte wieder und wieder aufzulegen.

Da sind sanfte Grooves, zarte Pianomelodien (At Least That’s What You Said), gezupfte Saiten (Muzzle of Bees), Momente völliger Ruhe. Und dann wieder brennende Gitarrenstürme (die zweite Hälfte von At Least That’s What You Said), stampfende Rhythmen (Spiders (Kidsmoke)), sanft wiegende Stücke wie von Abbey Road(Hummingbird). Und schließlich sogar Minimal-Techno (Less Than You Think).

Das alles greift wunderbar ineinander und erschrickt dich nie. Immer fühlst du dich gut aufgehoben und unaufdringlich umhüllt. Nur einmal hat man das Gefühl, mitsingen zu dürfen, bei Wishful Thinking. In dessen wunderbarem Text verrät Tweedy vielleicht auch das Geheimnis der Platte: Fill up your mind with all it can know / Don’t forget that your body will let it all go.

Vielleicht ist es Jeff Tweedy ja gelungen, die sanfte Droge zu komponieren? Macht abhängig, führt aber zu keinem Rausch sondern lässt dich dich einfach nur ein bisschen besser fühlen? Das Johanniskraut unter den Rockplatten!