Kann Fußball komisch sein?

Sagt der von mir ansonsten hoch verehrte Hugo Egon Balder (alles Wissenswerte über ihn: hier) gestern in der ARD im Euro-Talk, dass man derzeit im Fernsehen ja sehen könne, dass Fußball nicht zur Comedy tauge. Nun hat er zweifelsohne recht, dass das, was derzeit als Fußball-Comedy auf SAT 1 oder auf dem ZDF läuft, nicht lustig ist. Aber das liegt eben daran, dass sich hier Leute über den Fußball lustig machen, die ihn nicht wirklich verstehen und die ihn nicht wirklich lieben. Und das merkt man.

Richtig lustig über Fußball schreiben kann zum Beispiel Martin Blumenau auf der Website des ORF. Er versteht Fußball, er liebt Fußball, er analysiert Fußball fachgerecht – und er macht sich gnadenlos über die Dinge lustig, über die sich lustig zu machen lohnt. Auszug gefällig?

In der zweiten Halbzeit probierte der konservative Völler eine Variante mit Flügel-Pärchen (links Lahm und der völlig irrsinnige Schweinsteiger, ein Bub, der noch so richtig schön dumm im Kopf ist, noch nicht denken kann, aber viel instinktiv richtig macht und deshalb von Völler gerade jetzt als Joker eingesetzt wird; rechts Friedrich und Frings) und einem verteilenden Ballack, aber da fehlte Witz und auch Genauigkeit.

Und Stürmer hat dieses Team auch keine mit.

Es gibt noch Hoffnung.

Records from the Crypt: Cowboy Junkies – The Trinity Session

Der große Klassiker der Cowboy Junkies, aufgenommen in der Church of the Holy Trinity irgendwo in Kanada. Vier Menschen sitzen Ende 1987 bei Kerzenschein beieinander (hier ein ausführlicher (!) Bericht von der Entstehung und den Aufnahmen der Platte) und spielen Songs, die schon fast totgedudelt waren: I’m So Lonesome I Could Cry von Hank Williams, Sweet Jane von Velvet Underground oder das Traditional Working On A Building. Und rund um diese Meilensteine schreiben sie eigene, neue Songs, die Country oder Folk zu nennen ungerecht wäre. Denn nie waren Country und Folk stimmungsvoller – und vor allem weniger klischeehaft.

Die Musik ist hingehaucht, dennoch beseelt; nie kitschig, immer anrührend; zart, und gleichzeitig kraftvoll. Die Trinity Session ist eine der wenigen Platten, die ich über die letzten 15 Jahre immer wieder gehört habe und die sich nie abgenutzt hat. Ein absolutes Muss!

Köln und Berlin: Ein echter Culture Clash

Gerade aus Köln in unserer Berliner Dependance angerufen. Es ging um Reisekostenabrechnungen, bei denen mir die Berliner Kollegen deutlich zu kleinlich formale Fehler mit gelben Post-Its bemängeln, die man mit ein bisschen gutem Willen auch gerade mit einem Telefonanruf erledigen könnte. Tenor meines Anrufs war: “Wenn Ihr ab und an mal was für uns tut, über die reine Pflichterfüllung hinaus, dann geben wir uns vielleicht auch von Anfang an mehr Mühe und tun damit was für Euch.” Das hat die Berliner Gegenseite so gar nicht verstanden (Zitat: “Ach Gottchen”).

Und da fiel mir auf, dass es sich einfach um einen echten Culture Clash handelt. Man stelle sich nämlich mal vor, ein Berliner Tourist geht in Köln in eine Bäckerei. Was passiert?

Berliner: Zwee Schrippen, wa?
Kölner Bäckersfrau: Wat ess dann en Schripp? Isch könnt Enne Röggelschen ahnbidde. Do maache Sie lecker Käs drup, hee vum Metzjer Mayer nevvedraan, und dann hänn se dä beste Halve Hahn vun janz Kölle. Minge Tochter hätt neulisch uch ens op Ihre Huhzick Halve Hahn parat jehat, vüür alle Jäste noh dä Kirschlischen. in verschwörerischem Ton weiter: Isch saare Ihnen, die Predischt vun däm Pastor – UN-MÖÖÖÖSCHLISCH! undsoweiterundsofortetceterapepe………

Und was passiert, wenn ein Kölner in eine Berliner Bäckerei kommt?

Kölner: Tach zesamme, isch hätt jään zwei Brötschen, bitte!
Berliner Bäckersfrau: Ham wer nich.
Kölner: Un wat ess datt do? Do sinn ich doch ühre Brötschen!
Berliner Bäckersfrau: Dett sind keene Brötchen, dett sind Schrippen.
Kölner: Jut, dann nemm isch zwei “Schrippen” un jut ess.
Berliner Bäckersfrau: Dett hätten se ja wohl och gleech sagen können, wa?

Genau so läuft’s. Ich schwör!

Formel zur Berechnung des Projektaufwands?

Da flattert mir über Wer Weiss Was (ja, die schreiben sich tatsächlich falsch weiss statt weiß) gestern diese Mail ins Haus:

Liebe/-r wer-weiss-was Experte/-in,

ich würde gern wissen, wie man für ein IT-Projekt Manntage (Mann/Tage) berechnen kann. Gibt es da eine Formel, die man pauschal anwenden kann? Wenn nicht, wie kann man vorgehen, um solches berechnen zu können? Ich habe leider diesbezüglich nirgendwo eine Formel gefunden…

Ich brauche die Manntage Berechnung für einen Jobinterview. Daher kann ich kein konkretes Beispiel geben. Es wird aber für einen Job in der IT-Branche sein.

Ich hoffe sie können mir behilflich sein, vielen Dank für Ihre Antwort.

Sharon

Tja… Wenn man so was liest, dann wundert man sich nicht mehr, warum so viele IT-Projekte scheitern. Projektmanagement wird halt immer noch für eine exakte Wissenschaft gehalten. Dabei sollte nach 2 Minuten Überlegen klar sein: Welche Eingangsgrößen sollte denn bitte eine solche Formel zur Aufwandsberechnung haben, die man ihrerseits nicht selbst wieder schätzen müsste? Was ist (grundsätzlich) gewonnen, wenn ich z.B. aus Lines of Code die Zahl der notwendigen Tage “berechnen” kann? Wer schätzt mir denn dann die Lines of Code ab? Im übrigen ist auch mathematisch bewiesen, dass die algorithmische Komplexität eines Problems nicht berechnet werden kann. Und um nichts anderes geht es bei der Aufwandssschätzung von Software-Projekten.

In meiner Antwort an Sharon bin ich etwas didaktischer geblieben und habe zur Einführung auf diesen Artikel verwiesen: https://www.gantthead.com/article.cfm?ID=197458.

P.S.: Sehr schön in Sharons Mail ist aber die subtile Unterscheidung Manntage (Mann/Tage). Ich bin mir nicht sicher, dass sie das genau so gemeint hat, aber es ist wichtig zu wissen, dass auch im Projektmanagement die Unterscheidung von Personentagen und Personen/Tag zentral ist! Mit der letzten Größe kann man nämlich operativ arbeiten und steuern, mit der ersten nur einen Gesamtpreis aus den Aufwänden berechnen.

[EDIT] Ich verweise an dieser Stelle auch mal auf mein Blog “der puffer”, das sich ausschließlich Projektmanagement-Themen widmet.

OpenOffice Project Management

Im Rahmen des OpenOffice-Projekts wird seit kurzem ein Projektmanagement-Tool entwickelt. Status derzeit: Inception in einem sehr frühen Stadium.

Da es bislang noch kein befriedigendes Projektmanagement-Tool gibt, bin ich sehr gespannt, was die doch recht große OO-Community so auf die Beine stellt. Auf der anderen Seite bin ich skeptisch, ob sich die Kerntätigkeiten von Projektmanagement jemals befriedigend in einem Tool fassen lassen, also in einem Stück Software? Ich befürchte, dazu sind die täglichen Entscheidungen eines Projektmanagers viel zu komplex und der notwendige Spielraum für unpräzise Entscheidungen viel zu groß. Wir werden sehen.

Kleine Ergänzung am Abend:
Wenn ich mir die ansonsten frei verfügbaren Projektmanagement-Tools ansehe, die zufällig in der aktuellen WIRED aufgelistet sind, dann habe ich noch weniger Hoffnung als heute Nachmittag, dass oopm was wird…:

  • Horde Project: Die halten ihr Ticket Management System WHUPS für ein Projektmanagement-Tool… Ja, bin ich denn Schaffner oder Projektmanager?
  • NetOffice Project: Sieht aus wie E-Mail plus Gantt-Charts. Naja: Nett, aber nicht entscheidend.
  • MrProject: Diese Kameraden sind wenigstens selbstironisch (s. die erste Frage – und vor allem die Antwort!). Aber im User Guide zeigt sich dann das klassische Missverständnis: Since a long time ago, managing software projects has been said to be a very unpredictible process because it was very difficult to calculate the cost, time and resources that a project requires… (Und will mir jetzt irgendjemand ernsthaft einreden, dass diese Software die Zukunft besser vorhersagen kann als ein Projektmanager mit jahrelanger Erfahrung?) Also, it is a great tool for communication with your customer… (Also, ich nehm weiterhin Mail, Telefon und das persönliche Gespräch, um mit meinen Kunden zu kommunizieren!)
  • Toutdoux: Oh mein Gott, in den Screenshots kann ich noch nicht mal erkennen, warum das jetzt eine PM-Software sein soll. Aber immerhin ist die “Database Structure user-defined”. Na Respekt, wenigstens kann ich machen, was ich will…

Electrelane und Seachange live im Gebäude 9, Köln, 01.06.2004

Gestern im Konzert gewesen und in einen Roboter verliebt. Der Roboter war Mia Clarke, die Gitarristin von Electrelane. Mia steht am rechten Rand der Bühne, 1,60 groß und schmal, unbewegte Miene, Blick starr über das Publikum hinweg, die blonden, schulterlangen Haare immer wenigstens über dem halben Gesicht. Sie steht ganz ruhig da, während ihre rechte Hand in einer unglaublichen Geschwindigkeit über die Saiten fegt, teilweise buchstäblich zu schnell für das menschliche Auge, und die Electroclash-Speed-Riffs in die Pick-Ups hackt. Nur am Ende jedes Songs, kurz und abgehackt, reißt sie einmal kurz den Gitarrenhals rauf und runter. Wie man das halt so macht als Punk.

Electrelane sind vier junge Frauen aus Brighton, und wenn sie Electroclash sind, dann sind sie ganz klar mehr Clash als Electro. Dafür spricht nicht nur das Springsteen-Cover als Zugabe, eine Noisepunk-Version von I’m On Fire. Dafür spricht auch die unglaubliche Geschwindigkeit, in der Gitarristin und Drummerin die Songs nach vorne treiben. Wenn die Keyboards bei der Hälfte der Songs einer zweiten Gitarre weichen, erinnern die vier an japanische Girl-Punk-Bands. Wahrscheinlich muss man von einer Insel kommen, um so distinguiert-durchgeknallt zu werden.

Leider schwächelt die Sängerin, dem Eindruck nach aber nicht nur an diesem Abend im Gebäude 9, sondern weil sie es nicht besser kann. Der Gesang liegt teilweise so schlecht neben dem Ton, dass man es selbst einer Punkband nicht durchgehen lassen kann, nicht mal als Absicht. Ansonsten aber sind Electrelane eine Band, die man im Auge behalten muss: Sie haben die Energie und die Attitüde, die es braucht, um weiter zu kommen.

Seachange waren die Vorband – trotzdem ihre Platte sogar schon bei Spiegel online besprochen wurde. Dafür gab es aber auch einen Grund: Die fünf Emo-Rocker plus Geigerin sind einfach ein bisschen beliebig in Sound und im Auftreten, auch wenn sie den ein oder anderen guten Song im Programm haben. Solide, sympathisch, aber durchschnittlich.