Suchmaschinen-Spam: Metaplastische Ossifikation gibt es nur bei…
Gerade in der Sonntagsmorgenwiederholung meiner Lieblingssendung Genial daneben wurde gefragt: Was ist Ossifikation?. Ich eile in der schweren Vermutung, dass es was mit Knochenwerdung (richtig ist: Knochenbildung) zu tun hat zum Rechner, google Ossifikation, und erhalte unter den Top-10-Ergebnissen folgendes Ergebnis:

Jetzt machen die Suchmaschinen-Spammer schon mit völlig fachfremden Dingen Werbung, die nun wirklich niemand haben möchte, der nur den Namen kennt. Man beachte insbesondere auch den Exklusivitätsanspruch: …gibt es nur (sic!) bei…. Und so ne stinknormale Ossifikation, kann ich die wenigstens noch woanders kriegen?
Spammer mit schwerer Kindheit?
Ich bin ja normalerweise niemand, der für harte Strafen ist, aber das hier rockt einfach nur:
Notorious junk e-mailer Harold Carmack will spend at least three-and-a-half years behind bars for violating New York’s forgery and identity-theft laws.
Quelle: WIRED News: ‘Buffalo Spammer’ Sent to Slammer
Ehrlich gesagt glaube ich im Fall von Spam-Tätern nämlich auch mal, dass eine schwere Kindheit keine Entschuldigung für ihre Taten ist.
Akamai: Ausfall eines 100% verfügbaren Systems
Am Montag ist das Akamai-Netzwerk weltweit für ca. 90 Minuten vollständig ausgefallen, dessen Verfügbarkeit Akamai vertraglich mit 100% (sic!) zusichert. In diesem Netzwerk verteilt Akamai die Inhalte seiner Kunden, um sie weltweit sicher und performant verfügbar zu machen.
In einer Meldung zur Erklärung dieses Ausfalls schreibt Akamai nun:
Despite [...] numerous safety checks designed to engage before commands are sent to Akamai’s servers, an invalid command sent out by one of the content control management tools bypassed two key safety checks. The first safety check, a production system check, was bypassed because the command triggered a specialized, rarely-used configuration for managing content. The second safety check, an invalid input rejection check, had a defect introduced into it during the release of EdgeSuite 5.0 in April 2004 that effectively had disabled this check.
Zu deutsch: Wir haben bei unseren Tests einen Anwendungsfall übersehen, den noch nie jemand gebraucht hatte. Außerdem haben wir bei der Programmierung unserer Testroutine einen Fehler gemacht.
All das bestätigt nur wieder einmal: Software ist zu kompliziert, um sie vollständig zu beherrschen. Denn selbst wenn beliebig viele Sicherheitsmechanismen eingebaut werden, dann sind auch diese Sicherheitsmechanismen nur von Menschen gemacht und können ihrerseits Fehler enthalten.
Nichtsdestotrotz bleibt das Akamai-Netzwerk mit derzeit 90 Minuten Ausfallzeit in fünf Jahren und einer daraus folgenden Verfügbarkeit von 99,9966% immer noch ZIEMLICH gut.
Anke Engelke: Der “Mehmet Scholl der Fernsehunterhaltung”?
Ich will nicht in das allgemeine Engelke-Bashing einsteigen, nur so viel am Rande: Rudi Carell wird wahrscheinlich Recht behalten. Und das konnte auch schon vor ein paar Wochen jeder sehen, der Anke Engelke bei Charlotte Roche verfolgte: Da merkte man, dass Anke Engelke alles andere als herzlich und menschenfreundlich ist. Ganz im Gegensatz zu Harald Schmidt, dem man ja immer Zynismus unterstellt, wo einfach nur distanzierte Freundlichkeit war. Aber lieber distanzierte Freundlichkeit als innerliche Reserviertheit, die sich mit komischen Stimmen und Dialekten als Freundlichkeit maskiert.
Und so trifft die ZEIT den Nagel auf den Kopf, wenn sie heute Anke Engelke als ewiges Talent bezeichnet, als Mehmet Scholl der Fernsehunterhaltung. Aber es bleibt auch richtig, was Harald Schmidt sagt, dessen erste Shows im Rückblick auch mehr als grottig waren: Eigentlich sollte die Fernsehkritik in den ersten vier Jahren der Show verboten werden. Danach ist es OK. Insofern: Der nächste Engelke-Beitrag (wenigstens der nächste negative) erst in vier Jahren :-)
Barbara Clear vs. Steffen Irlinger: Vom reaktionären Mythos der “handgemachten” Musik
Zwei Tage, ein Thema, zwei Sichten: Gestern in der Bremer Talkshow 3 nach 9 trat Barbara Clear auf; heute in der taz hat Steffen Irlinger einen Kommentar platziert. Gemeinsames Thema beider Protagonisten: Die so genante Handgemachte Musik und ihr Revival.
Barbara Clear ist eine Country-Klampfistin, die am 24.04.04 das Kunststück vollbrachte, die Münchener Olympiahalle mit 8.000 Menschen zu füllen. Sonst tritt sie vor 50 bis 200 Zuschauern auf, einen Plattenvertag hat sie nicht. Die Karten hatte sie über zweieinhalb hinweg Jahre bei ihren Konzerten verkauft. Das ist eine wirklich bewunderswerte Leistung – von Barbara Clear und von ihren Fans.
Ärgerlich ist nicht nur, dass Barbara Clear diese Leistung als Revival des Schönen und Guten, als Revival des Echten und Handgemachten, als Revival des Songs feiert. Das hat einen schlechten Beigeschmack nicht erst, seit sie die Karten zur Wiederholung des Olympiahallen-Konzerts mit 15 um 50% teurer als bei der Erstauflage verkauft. Wer Geld machen will, darf gerne dazu stehen, sollte sich aber nicht als Idealist in Pose werfen.
Nein, das alles ist vor allem aus zwei Gründen ärgerlich:
- Es gab die ach-so-gering geschätzte handgemachte Musik immer, und sie hat auch während der 90er große Erfolge gefeiert, selbst wenn man nur die prominentesten Vertreter nennt: U2, Rolling Stones, Pink Floyd – oder auch die ganze Grunge-Bewegung. Dass die Menschheit mal 10 Jahre lang die Schnauze voll hatte von all den Tracy Chapmans, muss man nicht gleich als Untergang des Abendlandes hinstellen wollen.
- Was Techno für die westliche Musikgeschichte geleistet hat, lässt sich eben nicht mit einer Gitarre bewerkstelligen: nämlich die Integration der afrikanischen und südamerikanischen, körperlichen Rhythmik in den Pop.
Genau dahin gehend äußert sich nämlich auch Steffen Irlinger, aus Funk und Fernsehen bekannter House-DJ in der taz, wenn er gezielt das SZ-Feuilleton angreift:
Ausgehend von der Wiederkehr des gediegenen Songwriting englischer Schule, wird hier der in der europäischen Geistesgeschichte verwurzelte und kultivierte “Song” gegen die tribalistische, triebgesteuerte “Maschinenmusik” afrikanischer Provenienz und das empfindsame Subjekt gegen die dumpfe Masse in Stellung gebracht. [...] Der Text kulminiert in einer Passage, in der Nickel feststellt, dass eine ganze Generation von aufrechten Denkern Techno mit “Musik verwechselt” habe, eine Zwangsvorstellung, die ihn schließlich ausrufen lässt: “Ja, man sah die größten Geister einer Generation willentlich zerstört vom Irrsinn.”
Und diese ganze Diskussion in einer Zeit, in der völlig selbstverständlich Künstler vom Range eines Ron Sexsmith, eines Stephen Duffy oder von Granada “handgemachte” Platten veröffentlichen, die sich ganz selbstverständlich und ohne revanchistische Kulturkriegsattitüde neben (as opposed to: gegen) DJ Koze stellt.
Dies ist das 21. Jahrhundert, und jetzt darf jeder die Musik machen, die er will. Selbst Barbara Clear.
Der Projektmanager und das Raubtier
Die Süddeutsche schreibt heute in einem Artikel der Samstagsbeilage, die anlässlich des neuesten Emmerich-Films The Day After Tomorrow (zu deutsch übrigens: Übermorgen) Katastrophen und dem Umgang des Menschen mit ihnen gewidmet ist:
Der Mensch tut sich offenbar schwer, komplexe Zusammenhänge [...] in sinnvolle Handlungen zu überführen. Wahrscheinlich ist das menschliche Gehirn dafür nicht geeignet. Dessen heutige Gestalt wurde vor 50.000 Jahren geprägt. Unvergleichlich gut ist der Mensch, wenn es darum geht, bedrohliche Signale zu erfassen, Geräusche zum Beispiel oder Bitterstoffe im Essen. Ein Denkorgan jedoch, das die Evolution vor zigtausend Jahren [...] entwarf, ist wenig geeignet, komplexe theoretische Zusammenhänge in konkrete Gefühle [Anm. d. A.: sic!] und Aktionen zu übersetzen. Wir sind als Individuen nicht ausreichend verdrahtet, um langfristige Gefahren und mittelbare Zusammenhänge emotional zu bewerten.
Anders gesagt: Der Mensch reagiert erst, wenn das Raubtier schon die Zähne fletscht.
Schöner könnte man nicht beschreiben, warum die Welt Projektmanager braucht.
Eurovision Song Contest Istanbul 2004: Doch noch ein Bild
Die Kollegin hat freundlicherweise im Bild festgehalten, wie Gokhan von Athena gerade “meine” CD signiert:

Eurovision Song Contest Istanbul 2004: Letzte Bilder
Und zum letzten Mal ein kleiner Schwung von Bildern, die ich in Istanbul geschossen habe.
Das Catering im Pressebereich war schlicht, aber effektiv – leider war es nicht umsonst. Der ESC hat ein großes Problem mit Fans, die es jedes Jahr schaffen sich zu akkreditieren. Von den ca. 2.000 akkreditierten Personen sind ca. 1.000 Fans. Das wirkt sich zum Beispiel auch so aus, dass die Pressekonferenzen zu Jubelveranstaltungen verkommen, bei denen jede Antwort beklatscht wird. Auf Pressekonferenzen nur mit professionellen Journalisten undenkbar.

Das Catering im Hotel war auch schlicht und lag vertrocknet unter meinem Schreibtisch. Und das sollen fünf Sterne sein? Da erwartete ich, wenn schon Früchtchten auf dem Hotelzimmer, dass sie nicht unter sondern auf anderen Möbelstücken platziert auf mich warten.

Das Publikum in der Abdi İpekçi Arena war bunt gemischt.

Am nächsten Morgen: Trauer zweier gebrochener Herzen um die Reste der Flagge Zyperns am Zaun um die Abdi İpekçi Arena.

Eurovision Song Contest Istanbul 2004: Mehr Bilder
Das deutsche Herz am Zaun um die Abdi İpekçi Arena:

Die Kollegin von der eurovision.tv-Redaktion – vor sich die Halbfinalergebnisse, am Ohr die EBU und immer im Blick: der geile Sakis aus Griechenland. Traum aller Frauen, leider schwul:

Die detaillierten Ergebnisse des Halbfinales waren bis zum Abschluss des Finales geheim, um das Finale nicht zu beeinflussen. Wir hatten sie natürlich vorab, schließlich waren wir die offizielle Website :-)

Svante Stockselius, EBU Executive Supervisor (im Volksmund: oberster Grand-Prix-Obermotz), und Sietse Bakker, Initiator und 19-jähriger Chef von esctoday.com, dem größten unabhängigen Grand-Prix-Fanportal im Web. Sietse ist immer perfekt informiert, ihm gibt selbst Svante gerne Auskunft:

Schlechte Verlierer, Teil 2
Wir berichteten bereits über die schlechten Verlierer aus der Schweiz. Wie allerdings gestern abend Stefan Raab in TV Total gegen die Gewinnerin Ruslana polemisierte und polemisieren ließ, das hatte annähernd genauso wenig Stil.
Besonders die eingeladene Joy Fleming, anerkannt gute deutsche Grand-Prix-Teilnehmerin von 1975, polemisierte sich in einen rechten Wahn: Ruslana sei ja schließlich nur eine Tanztruppe, es heiße ja nicht Eurovision Dance Contest… Nein, heißt es nicht, und zwar weil es diesen Wettbewerb als Eurovision Young Dancers tatsächlich schon gibt! Allerdings geht Joy wohl weder als “Young” noch als “Dancer” durch, weswegen sie seit 1975 hofft, dass sich ihre ach-so-unglaubliche Sangeskunst endlich mal durchsetzen möge. 1975 hat es nicht geklappt – sie wurde drittletzte, obwohl “Ein Lied kann eine Brücke sein” ein guter Titel war. Das scheint sie verbittert zu haben.
Im Jahr 2004 pocht Joy nun unnachgiebig darauf, dass es ja schließlich Eurovision Song Contest hieße und Max den besten Song gehabt habe. Nicht mal das stimmt, den besten Song hatte nach Meinung aller Komponisten dieses Eurovisions-Jahrgangs natürlich Lisa Andreas aus Zypern! Gegen Ruslana polemisierte sie dann weiter am Rande des West-Ost-Rassismus (”hopsende Bergbauern”), während sich Stefan Raab in Lippenbekenntnissen erging (”Wenn’s den Leuten gefällt, dann ist sie auch eine verdiente Siegerin”) und auf dem besten Weg ist, der Ralph Siegel unserer Zeit zu werden.
Ruslana hat einfach erkannt, was ein Eurovision Song Contest des 21. Jahrhunderts für Songs verlangt und sie hat es am Samstag Abend perfekt und mit Schmackes auf den Punkt gebracht. Und wer ihren Song für musikalisch schlecht hält, der möge ihn sich einfach noch mal anhören: So was findet sich hier nicht in den Hitparaden, dazu ist es viel zu wenig Catterfeld-süßlich produziert, hat einen viel zu komplizierten Grundrhythmus und eine viel zu interessante, orientalisch-asiatische Melodie.
