Wahrscheinlichkeitsrechnung

Wie wir heute bereits an anderer Stelle erwähnten, ist Wahrscheinlichkeitsrechnung eher schwierig. Die folgende Umfrage entnehmen wir dem Focus der letzten Woche:

Flamewar bei telepolis

Yeah! Endlich mal wieder einen zünftigen Flamewar gestartet, und das auch noch bei telepolis und mit indignierter (Achtung: Fremdwort steht hier für Süffisanz) Antwort des Autors :-)

Muss es eigentlich immer innovativ sein?

Durch Zufall bin ich gerade auf eine Demo des “Looking Glass”-Projekts von Sun gestoßen: Eine dreidimensionale Benutzeroberfläche, noch in einem sehr frühen Stadium. Und so witzig es natürlich ist <SPOILER>, wenn man eine Webseite umdrehen kann, um auf ihre Rückseite zu schreiben</SPOILER>, so sehr frage ich mich auch, ob eine neue Art und Weise, mit dem Desktop umzugehen, wirklich benötigt wird?

Da denke ich nämlich einfach mal an Ostern und meine Mutter zurück, die nach acht Jahren Umgang mit Computern (ein Mac, ein PC) die zweidimensionale Desktop-Metapher immer noch nicht richtig begriffen hat – und zwar auf grundlegendster Ebene: Letztlich ist ihr nämlich immer noch nicht klar, was ein Fenster ist und was man damit tun und lassen kann. Und flüssig mit den Standard-Windows-Elementen umgehen, kann sie auch nicht. Zum Beispiel ist sie immer wieder überrascht, wenn ich ein Fenster mit dem Klick auf’s Kreuzchen rechts oben schließe. Sie hat noch gelernt, mühsam einen Doppelklick auf das Programmicon zu vollführen – und Doppelklicks sind für viele Menschen (zu Recht) schwierig.

Und ich will mich hier keineswegs über meine Mutter lustig machen, sondern sie vielmehr als Beispiel für einen normalen Menschen nehmen, der mit den vermeintlich normalen Dingen des täglichen Computerlebens Probleme hat. Was dafür spricht, dass die nicht so einfach sind, wie wir Nerds gerne denken. So lange also, bis meine 59-jährige Mutter den zweidimensionalen Desktop noch nicht beherrscht, bitte ich hiermit die Computerkonzerne dieser Welt recht lieb, um Gottes Willen keine neue Metapher einzuführen. Meine Osterruhe hängt davon ab!

Moneybrother: Blood Panic

Es ist ja so eine Sache mit den Hypes von Fast Forward, dem einzig legitimen Nachfolgeformat der Harald-Schmidt-Show. Da waren zum Beispiel die routinierten Langweiler von den Yeah Yeah Yeahs. Da war außerdem der Liebeskreis (sic!) für Rocco Clein. Allein der Name, der schon an die schlimmen Herzkreise erinnert! Und dann der Grundgedanke: Da stirbt einer tragisch mit 35 an einer Hirnblutung. Und weil er zufällig Musikjournalist war, werden zwei Riesen-Konzerte veranstaltet, deren Einnahmen seinen beiden Kindern zugute kommen. Also nicht etwa der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe oder einer ähnlichen Gruppierung, sondern ganz privat seinen beiden Kindern. Da kann man nur sagen: Kinder, lasst Eure Väter was vernüftiges lernen: Musikjournalist.

Aber ich lasse mich forttragen. Der aktuelle Fast-Forward-Hype nämlich kann alles! Moneybrother kommt aus Schweden – und wohl seit über 20 Jahren ist niemand dem idealen Mix aus Soul, Soul, erwähnte ich schon Soul?, Punk und Rock so nahe gekommen. Als nämlich in den frühen 80ern Dexys Midnight Runners ihre ersten beiden Alben veröffentlichten, da konnte noch niemand ahnen, dass mit Come On Eileen ein einziger Superhit eine revolutionäre Stilrichtung töten würde. Über der 100sten Heavy Rotation dieses Stücks und seiner unvermeidlichen Wiederholung auf allen Schmockrock- und 80er-Parties ging nämlich völlig unter, dass die Runners revolutionär und unglaublich gut waren.

Und so ist auch Blood Panic von Moneybrother: dieser Soul, dieser Punk, diese Streicher, diese Bläser, diese Chöre – DIESE EUPHORIE! Da definiert jemand das UP in uplifting völlig neu! Und wenn ich kürzlich noch gedacht haben sollte, dass ich mit der neuen Phoenix-Scheibe für den Rest des Jahres zufrieden sein könnte, so muss ich heute feststellen: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?

Kauft Moneybrother, und werdet glücklich!

Lambchop live in der Kantine, Köln, 15.04.2004

Stell dir vor, Lamchop betreten die Bühne – und keiner klatscht. Fast so war es, als sich vor Beginn des Konzerts Kurt Wagner und seine Band nicht zu schade sind, Handtücher und Wasserflaschen selbst auf der offenen Bühne zu verteilen. Ein paar Erstreihensteher klatschen nur kurz; dann merken auch sie, dass das Konzert noch nicht beginnt. Kurz darauf kommt das Dafo-Quartett aus Krakau auf die Bühne: Vier junge Streicherinnen, die erst mal ein atonales Stück von Penderecki zum Besten geben. Das Publikum ist verblüfft, holt sich noch ein neues Bier und wartet auf Lambchop.

Kurt Wagner hat eine elfköpfige Band auf dieses erste Konzert des zweiten Durchgangs seiner Europatour mitgebracht: außer ihm noch vier Streicher, ein Pianist, ein Effektmixer, ein Drummer, ein Bassist und drei Gitarristen. Und trotz der großen Besetzung beginnt das Konzert so unspektakulär, wie das es das Vorspiel versprochen hat. Kurt Wagner sitzt auf seinem Stuhl, brummelt seinen Bassgesang ins Mikrophon, die Band begleitet präzise und seelenvoll.

Und so bemerkt man gar nicht, wie sehr diese Musik fesselt. Eigentlich fällt es erst so richtig auf, als während eines besonders leisen Stücks hinter der letzten Reihe zwei Leute reden und sich ganze Publikum gestört fühlt. Lambchop verlangen Aufmerksamkeit, und sie bekommen sie auch – weil sie sie verdienen. Nach zwei Zugaben und zwei Stunden Konzert ist die Zeit wie im Flug vergangen. Daran konnten selbst die betont (und wohl auch absichtlich) schlechten Witze nichts ändern, die Pianist Tony erzählt, während der Meister seine Gitarre neu stimmt: “Dieser Song lässt mich ans Leben und ans Sterben denken. Ich möchte so sterben wie mein Großvater: Ruhig im Schlaf. Und nicht weinend und schreiend wie seine Passagiere.”

Lambchop haben eines der besten Konzerte der letzten Jahre abgeliefert. Am 24.04. in Schorndorf und am 25.04. in Duisburg können Kurzentschlossene sie in diesem Jahr noch in Deutschland erleben.

Unsere Kritik der aktuellen Lambchop-CD Aw C’mon / No You C’mon

Filesharing hat keinen statistisch nachweisbaren Effekt auf CD-Verkäufe, erhöht aber das Gemeinwohl

Wegen der außergewöhnlichen Wichtigkeit und der erstaunlichen Tatsache, dass die Nachrichten über die folgende Studie ziemlich klein bis nicht vorhanden waren, heute mal ein paar lange Zitate aus einer Studie von Felix Oberholzer-Gee und Koleman Strumpf (”The Effect of File Sharing on Record Sales – An Empirical Analysis”, PDF). Ohne weitere Vorrede:

We consider the specific case of file sharing and its effect on the legal sales of music. A dataset containing 0.01% of the world’s downloads is matched to U.S. sales data for a large number of albums. [...] Downloads have an effect on sales which is statistically indistinguishable from zero, despite rather precise estimates. Moreover, these estimates are of moderate economic significance and are inconsistent with claims that file sharing is the primary reason for the recent decline in music sales. [...]

Conclusion
We find that file sharing has no statistically significant effect on purchases of the average album in our sample. Moreover, the estimates are of rather modest size when compared to the drastic reduction in sales in the music industry. At most, file sharing can explain a tiny fraction of this decline. This result is plausible given that movies, software, and
video games are actively downloaded, and yet these industries have continued to grow since the advent of file sharing. While a full explanation for the recent decline in record sales are beyond the scope of this analysis, several plausible candidates exist. These
alternative factors include poor macroeconomic conditions, a reduction in the number of
album releases, growing competition from other forms of entertainment such as video games and DVDs (video game graphics have improved and the price of DVD players or movies have sharply fallen), a reduction in music variety stemming from the large
consolidation in radio along with the rise of independent promoter fees to gain airplay,
and possibly a consumer backlash against record industry tactics. It is also important to note that a similar drop in record sales occurred in the late 1970s and early 1980s, and that record sales in the 1990s may have been abnormally high as individuals replaced
older formats with CDs.

Our results can be considered in a broader context. A key question is the impact of file sharing (and weaker property rights for information goods) on societal welfare. To make such a calculation, we would need to know how the production of music responds to the presence of file sharing. Based on our results, we do not believe file sharing will have a significant effect on the supply of recorded music. Our argument is twofold. The business model of major labels relies heavily on a limited number of superstar albums.
For these albums, we find that the impact of file sharing on sales is likely to be positive,
leaving the ability of major labels to promote and develop talent intact. Our estimates
indicate that less popular artists who sell few albums are most likely to be negatively affected by file sharing. (Note, however, that even for this group the estimated effect is statistically insignificant.) Even if this leads record labels to reduce compensation for
less popular artists, it is not obvious this will influence music production. This is because
the financial incentives for creating recorded music are quite weak. Few of the artists who create one of the roughly 30,000 albums released each year in the U.S. will make a living from their sales because only a few albums are ever profitable. In fact, only a
small number of established acts receive contracts with royalty rates ensuring financial
sufficiency while the remaining artists must rely on other sources of income like touring or other jobs (Albini, 1994; Passman, 2000). Because the economic rewards are concentrated at the top and probably fewer than one percent of acts ever reach this level
(Ian, 2000), altering the payment rate should have very little influence on entry into popular music.

Und jetzt kommt der Oberknüller:

If we are correct in arguing that downloading has little effect on the production of music, then file sharing probably increases aggregate welfare. Shifts from sales to downloads are simply transfers between firms and consumers. And while we have argued that file sharing imposes little dynamic cost in terms of future production, it has considerably
increased the consumption of recorded music. File sharing lowers the price and allows an apparently large pool of individuals to enjoy music. The sheer magnitude of this activity, the billions of tracks which are downloaded each year, suggests the added social
welfare from file sharing is likely to be quite high.

Google goes Netscape: History repeating?

Warum eigentlich hat Netscape den Browser-Krieg verloren (obwohl es selbst im Jahr 2000 noch mutig widersprechende Stimmen gab…)?Angeblich hat ja Microsoft durch die Integration des Browsers mit Windows Netscape das Wasser abgegraben.

Meine Version der Wahrheit sieht anders aus. Denn schon zu Zeiten, als der Navigator noch der deutlich dominierende Browser war, machte Netscape drei Kardinalsfehler:

  1. Den Navigator zum Communicator aufzublasen und für ihn Geld zu verlangen – immerhin bis zu 79 Dollar.
  2. Die Strategie zu wechseln und vom Browserhersteller zum Portalbetreiber werden zu wollen.
  3. Zu unterschätzen, wie paranoid ernst Microsoft den Browser-Krieg nahm.

Nun gab es nach dem Ende dieses Browser-Kriegs Befürchtungen, die im Jahr 2004 (noch?) nicht wahr geworden sind. Schließlich ging es Microsoft um die Abwehr des Angriffs auf Windows, und glücklicherweise nicht um mehr.

Aber das heißt ja nicht, dass Google den Angriff von Microsoft auf sein Suchmonopol ähnlich wie Netscape auf die leichte Schulter nehmen sollte, wie sie das anscheinend tun. Schließlich will sieht Microsoft Suchfunktionalitäten als eine der wichtigsten zukünftigen Erweiterungen von Windows.

Außerdem ist Gmail ein Angriff auf bestehende Portale – wenigstens sieht Yahoo! das so, und demnächst wahrscheinlich auch MSN/Hotmail.

Bliebe nur noch der Fehler zu wiederholen, für Google Geld zu nehmen, damit sich die Geschichte wiederholen kann und Google zum zweiten Netscape wird. Immerhin (und zum Glück), ist Google wirtschaftlich mittlerweile schon deutlich größer als es Netscape jemals war, und zwar eben nicht in Form von Aktien-Kurs-Spielgeld, sondern mit wirklichen Einnahmen von ca. 750 Mio Dollar im Jahr 2003.

Phoenix: Alphabetical

Phoenix sind zurück! Natürlich gebe ich die neue Scheibe pflichtgemäß erst mal meinen musikalisch interessierten und bewanderten Kollegen zum Reinhören. Und als ich vorgestern bei einem nachfrage, wie er die Platte denn gefunden hat, meint der trocken: “Da kann ich ja gleich Jamiroquai hören.”

Für Leute, die alles für Jamiroquai halten, was den Groove hat, ist Alphabetical also schon mal nix. Aber für die anderen ist sie alles! Als Phoenix vor 4 Jahren mit United ihren Debüt-Coup landeten, der selbst im Untergrund vielen unbekannt blieb, da war einiges noch unausgewogen. Dennoch war klar, dass es diese Band drauf hat. Und wie!

Jetzt haben sie mit Alphabetical einen Nachfolger vorgelegt, der so gar keine typische zweite Platte ist: Die werden ja häufig geprägt von musikalischer Unsicherheit und dem Wunsch, es allen recht machen zu wollen. Phoenix aber haben die Chance genutzt, mit dem Debüt zu erproben, was sie am besten können – und sich dieses Mal in reinster und perfektester Form nur darauf zu konzentrieren.

Und was Phoenix können, das ist eine Menge, und vor allem dies: Phoenix können große Popsongs schreiben. Und sie haben dabei einen unvergleichlichen Groove, der aber immer Mittel zum Zweck bleibt, und der sich eben nicht in den Vordergrund drängt wie bei Jamiroquai. Da ist das funkige, aber doch sanft-flächige Schlagzeug (”If It’s Not With You”); da sind die für Phoenix typischen Stakkato-Gitarren, die auch schon mal einem ganzen Song mit langsamen Triolen beschwingen (”Holdin’ Together”); da sind punktgenaue Handclaps (”Run Run Run”).

Aber vor allem sind da immer diese grandiosen Refrains, mit denen du abends ins Bett gehst und morgens aufwachst (”Everything Is Everything”, “(You Can’t Blame It On) Anybody”). Und wenn diese Platte alles wäre, was das laufende Jahr an Höhepunkten bereithält, niemand dürfte sich beschweren – nicht mal Jamiroquai-Hasser!

Zappa’s (the) shit

Ich wusste schon immer, warum ich Zappa-Platten nicht mag:

Frank Zappa Fan Thinks You Just Haven’t Heard The Right Album
NEDERLAND, CO—In spite of your insistence that you are not into Frank Zappa, avid fan Roger Von Lee believes that you would change your mind if you heard the right album. “You’re prejudiced, because the only Zappa you know is ‘Valley Girl’ and ‘Don’t Eat The Yellow Snow,’” Von Lee told you Tuesday. “Seriously, you need to check out Hot Rats or Absolutely Free. Zappa and the Mothers were at their peak, and Zappa’s jazz-rock fusion experiments predate Bitches Brew. That’ll totally convince you that Zappa’s the shit.” Von Lee added that if those two don’t get under your skin, he can recommend another 15 to 20 albums that will for sure.
Quelle: The Onion

Manager sind keine Künstler

Gestern um 23 Uhr lief in der ARD eine Reportage zru Diskussion um Managergehälter. Darin meinte sinngemäß Hans-Olaf Henkel, ehemaliger IBM-Manager und BDI-Chef, es sei verwunderlich, dass Manager für ihre hohen Gehälter am Pranger stünden – Künstler oder Sportler aber nicht. Natürlich ist das aber ganz und gar nicht verwunderlich, sondern beschreibt genau den Kern der Kritik.

Denn Künstler oder Sportler, bekommen viel Geld, weil sie eine herausragende Leistung erbringen, bei der sie von anderen (wie Trainern, Galeristen oder Mikrofonständern) lediglich unterstützt werden. Manager dagegen erbringen ihre (gerne auch: herausragenden) Leistungen immer nur im Team mit anderen – nämlich ihren Angestellten. Ohne die Kompetenz dieser Angestellten ist ein Manager rein gar nichts (wir polemisierten bereits in einem früheren Beitrag). Ein Künstler ist aber ohne sein Team immer noch ein Künstler, wenn auch vielleicht ein nicht ganz so guter.

Ein weiterer, zentraler Grund ist, dass Künstler und Sportler ihr Geld mehr oder weniger direkt vom Zuschauer erhalten. (Von den “Scheiß-Millionären” singt der Fan ja nur, wenn gerade einer zweimal in Folge hinter’s Tor geflankt hat.) Wer als Künstler oder Sportler nicht gut und populär ist, verdient auch nicht viel Geld. Manager dagegen bekommen ihre hohen Gehälter von sich selbst bewilligt, oder bestenfalls von anderen Managern, die im Aufsichtsrat sitzen. Und selbst bei schlechten Leistungen bekommen sie zum Abgang wenigstens den Golden Handshake.

Wie es zu Recht im Sonderheft des letzten Harvard Business Managers heißt, bestimmt kein Hauptorgan des Klassenkampfes: Führungspersonen führen selbst fast keine der Aufgaben aus, für die ihr Unternehmen steht. Sie delegieren sie nicht einmal. Sie tragen vielmehr dazu bei, Strukturen, Bedingungen und Einstellungen zu schaffen, damit die Aufgaben erledigt werden können. Das erfordert einen kooperativen Mind-Set. Es ist beruhigend zu wissen, dass die Öffentlichkeit immer genauer spürt, wer diesen kooperativen Mind-Set hat – und wer sich einfach auf Kosten seiner Angestellten die Taschen voll stopft.

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