Wenn der Kanzler dreimal weint
Im Kino gewesen, Das Wunder von Bern gesehen. Ich muss schon sagen: Selten habe ich einen Film gesehen, der gleichzeitig kitschig und berührend ist – wenn das überhaupt geht.
Wie Die Zeit in ihrer gehässigen Kritik richtig feststellt, benutzt der Film in Machart, Erzählweise und Charakteren so ziemlich alle Klischees, die jeder Aushilfsregisseur auch verwenden würde und ist insofern sehr kitschig. Allerdings jongliert Sönke Wortmann alle diese Klischees mit einer solchen Kunstfertigkeit und Geschwindigkeit, dass aus dem Ganzen ein neues Kunstwerk wird, das nicht nur den Kanzler zu Tränen rühren kann. Ein Trick, den er übrigens schon beim Bewegten Mann mit Erfolg abgezogen hat.
Besonders beeindruckend und jenseits von allem Kitsch übrigens Peter Lohmeyers Darstellung des Spätheimkehrers: Selten habe ich jemanden so gut weinen sehen. Nicht mal den Kanzler.
MTV Mash: Wer hätte das gedacht…
…dass nach 20 Jahren Hip Hop und 15 Jahren House ein scheinbar simpler Mix noch so aufregend sein kann? In der neuen Show MTV Mash wächst zusammen, was scheinbar nicht zusammen gehört: Madonna mit den Hives, The Cure mit Busta Rhymes oder, besonders überzeugend, Queens of the Stone Age mit Tweet (klingt schon so).
Dabei legen die jeweils verantwortlichen Mixmeister, nicht einfach die Songs übereinander, sondern einzelne Spuren: Die QotSA rocken, drummen und halten ansonsten die Klappe, während Tweet über die Gitarrenbretter zwitschert. Last not least werden auch die Videos tonsynchron vermischt. Das ganze ist, wie soll ich sagen – gut! Überragend! Das innovativste Format seit Viva hab’s-selig Zwei in 2step im deutschen Kabelfernsehen DJ’s mit Videokünstlern paarte. Unbedingt ansehen!
Und hier gibt’s jede Menge der Mixes aus MTV Mash zum Download als MP3:
http://mashmix.com/xoops/modules/mydownloads/
Gator ist Spyware!
Oh Mann, ich wollte schon immer mal eine Gelegenheit für zivilen Ungehorsam haben!
Die von Gator gewünschte, sophistische Unterscheidung zwischen Ad- und Spyware ist besonders lächerlich in einem Land, in dem Kaffeebecher darauf hinweisen müssen, dass ihr Inhalt heiß sein könnte (Alas, wäre er es nur immer!). In diesem Land also sollen Kunden plötzlich so erwachsen sein, bei ungefragt hochpoppenden Gator-Zertifikaten “Nein” wählen zu können? Andernfalls wäre anzunehmen, dass sie den “Wert” der Gator-Software erkannt und bewusst gewählt haben? Ein Witz.
capk: “Sophistisch” ist übrigens ein prima Kandidat für ein kontrolliertes Freisetzungs-Experiment!
Gib mir ein D! Gib mir ein T! Gib mir ein GP! What’s that spell? ABMAHNUNG!
Seit einigen Tagen läuft bekanntermaßen eine neue, absurde Abmahnwelle: Eine Anwaltskanzlei mahnt Betreiber von Websites ab, in deren Domainnamen Kürzel von Kfz-Kennzeichen verwendet werden, also zum Beispiel www.awo-gp.de. Sie beruft sich auf ein europäisches Patent.
Nach kurzer Internetrecherche habe ich die Patentschrift gefunden – und frage mich, ob es sich nicht um einen groben Scherz handelt. Man surfe diesem Link zur Patentschrift DE10017052 nach, lese sorgfältig die Beschreibung (Navigation am oberen Rand des Screens) – und sehe sich dann die dazu gehörige Zeichnung an. Hammer, oder?
Kleine Anmerkung am Rande:
Leider gibt es keine deutsche Stadt, die als Kennzeichen das “T” hat. Sonst wäre ich auf die Reaktion jenes großen deutschen Unternehmens mit dem eigenen Buchstaben gespannt :-)
Und was sagt überhaupt der Kollege Steinhövel (of D-Info-Abmahnungs-Fame) dazu?
Die RIAA: Überraschend konsequent inkonsequent
Jetzt wird’s irrational. Der 3rd U.S. Circuit Court of Appeals hat auf Antrag der RIAA für Recht befunden, dass amerikanische Internetradios Tantiemen an die Künstler der gestreamten Titel zahlen müssen. Das scheint nur recht und billig – bis man folgendes weiß:
Traditional radio broadcasts haven’t been subject to royalties to recording companies and performers because they have served to promote sales of recordings.
[...der ganze Artikel bei wired.com...]
Heißt das im Rückschluss, dass die RIAA der Meinung ist, dass Internetradios ihre Umsätze nicht fördern? Das würde zu anderen, aktuellen Meldungen passen, nach denen weiterhin jeder Nutzer digitaler Medien erst mal als Dieb betrachtet wird – und nicht als potenzieller Konvertit. An sich nichts neues, aber in der konsequenten Inkonsequenz doch überraschend.
Industrie hier, Steuerzahler da
Die Toll Collect-Posse (wir berichteten) bringt interessante Einsichten auch auf anderen Kriegsschauplätzen ans Licht. So zitiert die Süddeutsche in einem auch sonst lesenswerten Artikel:
Die Steuerzahler dürfen nicht für das Versagen der Industrie blechen, sagt der verkehrspolitische Sprecher der Grünen, Albert Schmidt.
Das ist fein beobachtet: Industrie hier, Steuerzahler da. Wenn selbst die Grünen inzwischen der Meinung sind, dass die Industrie kein Steuerzahler sein muss, dann melde ich doch bald meine Ich-AG an.
