Mann beißt Hund

Freitag, 12.09.03, nachmittags:
Meine Mailbox beginnt sich zu füllen. Erst eine Rückläufer-Mail. Dann zwei. Dann drei. Dann 10 in jeder Stunde. Allesamt Replys auf Mails, die ich nie geschrieben habe. Ich vertreibe nämlich kein Viagra, ein unbekannter Anderer aber schon – und der täuscht verschiedene E-Mail-Adressen meiner Domain als Absender vor.

Diese Spam-Welle einer neuen Generation ging durch die Presse, und Heise schrieb: “Die Opfer dieses perfiden Vorgehens sind machtlos, der Spam-Angriff erfolgt aus dem Schutz der Anonymität.”

Nicht ganz, wie jetzt ein ungewollter aber unerschrockener Aktivist bewies: Andy Markley recherchierte den Ursprung der Mails, deren Replys seine Mailbox verstopften; er kam auf den berüchtigten Ober-Spammer Eddy Marin, kontaktierte dessen Provider – und der stellte kurzerhand Marins Account ab!

Leider ist das nicht mehr als eine amüsante Geschichte, die die Kräfteverhältnisse a la “Mann beißt Hund” umkehrt. Um Spammern wirklich das Handwerk zu legen, wird es wahrscheinlich dann doch noch ein paar Gesetze brauchen.

Lachhaft und reaktionär

Es ist schon ein Kreuz mit Alice Schwarzer. So oft, wie sie vehement auf der Seite der gerechten Sache steht, so oft tut sie das mit zweifelhaften Argumenten. Dass diese Argumente teils lachhaft und teils reaktionär sind, wird im gerade laufenden “Presseclub” zum Thema Kopftuch-Verbot offenbar.

Lachhaft: Das Kopftuch schränke die freie Sicht ein.
Mein Gott, Plateauschuhe schränken seit den 70ern die orthopädische Volksgesundheit ein und dürfen trotzdem freiwillig getragen werden.

Reaktionär: Dass Fereshta Ludin fünf Jahre bis zu einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts gekämpft habe, beweise, dass sie nicht im persönlichen Interesse unterwegs sei, sondern missionarisch.
Wenn der Rechtsstaat einen langwierigen Weg durch die Instanzen zulässt, dann darf es niemandem zum Nachteil ausgelegt werden, wenn er diesen Weg geht – erst recht nicht einer Einzelperson. Es ist schließlich eine der größten Errungenschaften des Rechtsstaat, jedem Bürger zu gestatten, in begründeten Fällen auch das höchste Gericht anzurufen. Im übrigen hat Schwarzer den Weg durch die Instanzen bestimmt nicht dem Elternpaar vorgeworfen, das seinerzeit das Kruzifix-Urteil erstritt…

…mehr von Alice Schwarzer zum Kopftuch-Urteil

Jetzt musste ich ja doch

Tränen der Sonne gucken. Hat mich ja sehr gerührt, gebe ich auch offen zu.

Der Amerikaner an sich kann ja Filme machen.

Leider dennoch oder grade drum eine Mischung aus Saving Private Ryan und Black Hawk Down im ‘Patriot Act’ Style. Eine absolute Topbesetzung ist die gute Akosua Busia, die schon als kleines Kind in Ashanti und natürlich Color Purple gleichzeitig unglaublich gut weinen kann, und dann auch noch nach x Meilen Fußmarsch gut aussieht. Nicht so gut weg kommt Bruce ‘wenn-ich-nicht-so-alt-wäre-würde-ich-saddam-selbst-in-den-arsch-treten’ Willis, der mal wieder sich selbst spielt, mit einem Schuß Rocky zum Schluß.

In eben diesem Schluß hilft der Vorgesetzte, der es ja eigentlich in ‘Alien’ schon mit dem selbstgebauten Flammenwerfer vergeigt hat, dem Fußvolk über die Grenze, obwohl die Jungs wegen Befehlsverweigerung gerade seine Politikerkaufbahn beendet haben – höchst unrealistisch.

Kulturpessimisus, revisited

Der Mutter einer Freundin diese Woche passiert:
(Klingt schon so nach urbaner Legende. Doch ist’s nicht wahr, so ist’s doch gut erfunden.)

Mutter einer Freundin:Magst du Märchen?
Mädchen, ca. 6 Jahre:Ja.
Mutter einer Freundin:Was ist denn dein Lieblingsmärchen?
Mädchen, ohne Zögern:RTL 2.

Nach erster Empörung der Gedanke: Wer von uns Netizens, die wir viel unserer moralischen Fortbildung von der ein oder anderen Site im Internet ziehen, will da der Richter sein?

Wie stirbt DotComTod?

Daß es stirbt, ist wohl klar und verdient. Mit dem Abgang des Neuen Marktes gehen natürlich irgendwie die Ziele aus. Daß die Helden von DCT (wie es denn abgekürzt gerne heißt, man ist ja auch aus der Branche, nicht wahr?) sich zunehmend selbst feiern ist neu und irgendwie unappetitlich.
Vielleicht ist es ja nur die Freude, daß Heise nach einer peinlichen Pause von fast einem Jahr wieder von ihnen berichtet?

Man weiß es nicht – aber ein kleiner Tipp an die nächste Generation:
DotComTodTod ist noch frei.

Dumm und dümmer

Im Manager-Magazin vom Freitag:

Fast wäre es eine Milliarden-Maut geworden: 990,5 Millionen Euro wollte Verkehrsminister Manfred Stolpe bis Jahresende einnehmen. Doch die so dringend benötigten Einnahmen haben sich mittlerweile in Schall und Schmach aufgelöst. Dennoch taucht die volle Summe im aktuellen Haushaltsplan auf.

Da fragt man sich schon, wer der größere Luftikus ist:
_ Ein Software-Hersteller, der verspricht, ein komplexes Softwareprojekt mit 2.000 beteiligten Fachleuten (zzgl. Verwaltungspersonal) in einem Jahr auf die Beine zu stellen, oder
_ ein Auftraggeber, der solchen Versprechungen glaubt und die Einnahmen aus dem Produkt fest in den Haushalt einplant – bei gleichzeitigem Verzicht auf eine Haftung des Dienstleisters.

Man muss nur das kleine Einmaleins des Projektmanagements bemühen: Eine Person benötigt nach einer erprobten Faustregel ca. eine halbe Woche, um eine (Teil-)Version von etwas herzustellen, das eine anspruchsvolle Geistesleistung verlangt. Zwei Personen benötigen dazu gemeinsam ca. eine Woche – schließlich müssen sie sich zusätzlich zur eigenen Arbeit noch koordinieren. Drei Personen benötigen ca. 1,5 Wochen, vier Personen 2 Wochen, und so weiter.

Jetzt die Masterfrage: Wie viele Wochen benötigen nach dieser Faustregel 2.000 Personen, um gemeinsam eine anspruchsvolle Geistesleistung zu erbringen? Bund der Steuerzahler, übernehmen Sie!

Chatter: Hippies des 21. Jahrhunderts?

Microsoft schließt seine MSN-Chats im wesentlichen in allen Ländern der Welt, außer in denen Nord-Amerikas – weil sie sich von Spammern und Pädophilen überrannt fühlen. Der europäische MSN-Manager Geoff Sutton kommentiert:

“It’s a signal that some of the joyful early days of the Internet have moved on a bit. Chat was one of those things that was a bit hippyish. It was free and open. But a small minority have changed that for everyone. It’s very sad.”

Wenn also die Chatter die Hippies des 21. Jahrhunderts gewesen sein sollen, was war dann eigentlich ihr Altamont?