Das Kreuz mit der Korrelation: Machen Atomkraftwerke Krebs?

Proclaimer: Der Autor ist Diplom-Physiker, hat während des Studiums auch ein Kernphysik-Praktikum bestanden und schätzt die konkreten Gefahren keineswegs gering, die von nuklearer Strahlung ausgehen.

Gestern war es der Aufmacher von Tagesschau und Tagesthemen, Süddeutscher Zeitung und wahrscheinlich noch weiterer Publikationen. Eine Studie im Auftrag des Bundesamts für Strahlenschutz hat einen statistisch signifikanten Zusammenhang ergeben: Kinder unter fünf Jahren, die innerhalb eines 5-km-Radius eines Kernkraftwerks leben, erkranken häufiger an Leukämie als der Rest der Unter-5-Jährigen in Deutschland.

Das ist eine wirklich wichtige Studie. Jetzt geht es an die Inerpretation und an die Darstellung.

Der Bericht der Tagesthemen lässt es sich nicht nehmen, zu betonen, das Risiko für Kinder innerhalb des Radius sei doppelt so hoch wie außerhalb. Das ist richtig. Die absoluten Zahlen werden lieber mal verschwiegen, klingen sie doch schon viel weniger spektakulär (wenn sie auch weiter statistisch signifikant sind): Innerhalb von fast einem Vierteljahrhundert, von 1980 bis 2003, sind in den untersuchten Regionen 20 Kinder mehr an Leukämie (zzgl. 9 mehr an anderen Krebsarten) erkrankt, als die 17 (48), die im Mittel zu erwarten gewesen wären. Insgesamt erkankten in dem Zeitraum in ganz Deutschland 13.373 Kinder unter fünf Jahren an verschiedenen Krebsarten.

Viel entscheidender ist aber die Frage nach der Ursächlichkeit. Und hier wird’s holprig. Die Redakteure von Spiegel Online zum Beispiel lesen anscheinend ihre eigenen Artikel nicht. In dem einen zitieren sie nämlich, genauso wie die SZ, die Autoren der Studie mit folgender Schlussfolgerung: “Ob Confounder (Störfaktoren, d. Red.), Selektion oder Zufall bei dem beobachteten Abstandstrend eine Rolle spielen, kann mit dieser Studie nicht abschließend geklärt werden.” Im nächsten Artikel behauptet SpOn dann schlankweg: Etwa 20 Neuerkrankungen seien also allein auf das Wohnen in diesem Umkreis zurückzuführen. Das aber ist so einfach falsch. Das alte Kreuz mit der Korrelation, die nicht notwendigerweise Kausalität ist. Es wurden schon überhaupt keine anderen Faktoren untersucht als die Nähe zu einem Atomkraftwerk, so dass von einer “alleinigen” Rückführbarkeit schon mal keine Rede sein kann.

Die Untersuchung hat ergeben, dass die Nähe zu einem Atomkraftwerk (Nähe=5km) und die Wahrscheinlichkeit für Kleinkinder, an Leukämie zu erkranken, miteinander korreliert sind. So eine Korrelation kann nun immer drei mögliche Ursachen haben:

  1. A ist die Ursache von B.
    Das wird hier impliziert: Atomkraftwerke verursachen Leukämie.
  2. B ist die Ursache von A.
    In diesem Fall: Eltern von Kindern, die an Leukämie erkranken, ziehen besonders oft in die Nähe von Atomkraftwerken. Klingt vielleicht erst mal blöd, gehen wir aber gleich noch mal drauf ein.
  3. A und B haben eine gemeinsame Ursache C, die aber nicht untersucht wurde.
    Gibt es Faktoren, die die Ansiedlung eines Kernkraftwerks und die Entstehung von Leukämie gleichzeitig begünstigen?

Gehen wir die Punkte mal durch.

Option 1 ist wohl offensichtlich diejenige, die favorisiert wird und nahezuliegen scheint. Das Problem ist nur, dass es keine medizinische Erklärung für diese Ursache gibt. Das kann auch gegen die Medizin sprechen, die vielleicht noch nicht alle Auswirkungen von Radioaktivität erkannt hat. Andererseits gibt es leider einige Erfahrung mit den Auswirkungen von Radioaktivität auf den menschlichen Körper. Die Erhöhung der Strahlendosis im Umfeld von Atomkraftwerken liegt im Bereich von 0,0000019-0,0003200 mSv pro Jahr. Die Strahlenbelastung durch natürliche Quellen und durch medizinische Untersuchungen liegt zusammengenommen bei durchschnittlich 3,2 mSv/Jahr. Wir liegen hier also im Zehntelpromillebereich. Noch mal: Es kann sein, dass der Strahlenmedizin hier noch Wissen fehlt, und sie sollte sich bemühen, weiter und verstärkt zu forschen. Aber eine medizinische Erklärung für die gefundene Korrelation gibt es bislang nicht, auch wenn sie möglicherweise existiert.

Interpretationsmöglichkeit 2 ist nicht so doof, wie sie sich zunächst anhört. Könnte es z.B. soziologische Faktoren geben, die dafür sorgen, dass in der Nähe von Kernkraftwerken vor allem Krebs-Risikogruppen wohnen? Wohnen hier beispielsweise besonders oft Menschen, denen die Risiken des Lebens generell ein bisschen egaler sind, die deshalb keine erfolgreichen Bürgerinitiativen gegen den Kraftwerksbau gründen und die auch ansonsten mit Krebsrisikofaktoren sorgloser umgehen? Dann würden Atomkraftwerke regelmäßig in Gegenden gebaut, in denen die Leukämierate leicht höher ist als anderswo. Das Problem auch bei so einer wilden Vermutung ist, dass die Ursachen von Krebs vielfach unbekannt sind. Vor allem aber wurden solche Zusammenhänge bislang einfach nicht erforscht.

Option 3 finde ich die interessanteste. Ist es denkbar, dass die Ortswahl für ein Kernkraftwerk und die Wahrscheinlichkeit, an Leukämie zu erkranken, gemeinsame Ursachen haben? Werden Kernkraftwerke beispielsweise an Orten gebaut, die bestimmte geologische Eigenschaften haben, die wiederum eine noch unerkannte Ursache von Leukämie sind? Auch soziologische Optionen kommen hier wieder ins Spiel: Ernähren sich Menschen, die in der Nähe von Atomkraftwerken wohnen, vielleicht anders als der Rest?

Ein großer Mangel der Studie ist, dass sie nur einen Parameter untersucht hat: Die Nähe zu Kernkraftwerken im Vergleich zum Durchschnitt des Rest. Sind die Häufungen rund um Atomkraftwerke also die einzigen Häufungen? Die Studie macht dazu keine Aussage. Sehr interessant ist deshalb das Wissen um englische Untersuchungen, die in der SZ immerhin aufgeführt werden, wenn sie auch im Kleingdruckten versteckt werden. In England wurde im Zusammenhang mit den Störfällen von Sellafield etwas ausführlicher strahlenepidemologisch geforscht. Und man fand: An mehreren Orten, und keinesfalls nur in der Nähe von Nuklearanlagen, treten Häufungen der Leukämie-Krankeit auf. Und nirgends gibt es klar ersichtliche Ursachen dafür.

Das gibt den Interpretationsoptionen 2 und 3 Aufschub: Kann es sein, dass es einen dritten Parameter gibt? Eventuell ist die Strahlenabgabe von Kernkraftwerken eine Ursache, und es gibt noch weitere Faktoren, die ebenfalls zu gehäuftem Auftreten von Krebs führen. Möglicherweise gibt es aber auch nur einen, anderen Faktor, der in der Nähe von Kernkraftweren genauso auftritt wie an weiteren Orten.

Insbesondere machen die englischen Untersuchungen eine Hoffnung zunichte, die man haben könnte: Wenn wir nämlich einfach Bannmeilen um die Kernkraftwerke einrichten, die wir komplett entvölkern, quasi lauter Pripyats, werden wir dann die 20 zusätzlichen Leukämiefälle vermeiden? Die Antwort ist: Keiner weiß es.

Ich komme auf meinen Proclaimer zurück. Ich bin kein Freund von Kernkraft. Ich bin auch kein Gegner von Kernkraft. Atomare Strahlung ist Schweinszeug, Atomkraft ist halbwegs beherrschbar, die Endlagerung der Abfälle ist schlimmerweise ungelöst, und jedenfalls ist Kernkraft keine dauerhafte Lösung unserer Energieprobleme. (Ich persönlich favorisiere übrigens die Kernfusion als Königsweg der Energiegewinnung: Von der Sonne lernen, heißt siegen lernen.)

Ich bin einfach nur für eine sachliche Diskussion und für eine Forschung, die den Ursachen der gefundenen Leukämiehäufungen auf den Grund geht. Es wäre schlicht fahrlässig, den Zusammenhang mit Kernkraftwerken als einen unbedingt ursächlichen zu betrachten, weil damit der Blick auf möglicherweise vorhandene andere Ursachen der Krebsentstehung verloren geht.

Jedenfalls geht mir als Ex-Wissenschaftler die öffentliche Diskussion und Darstellung der Studienergebnisse schon jetzt auf den Zeiger.

[UPDATE] Hier gibt’s einen Nachtrag zum Thema, der erklärt, dass epidemologisch-soziologische Erklärungen tatsächlich naheliegend zur Erklärung der Studienergebnisse sind: http://blogs.23.nu/bubbleboy/stories/16870/

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