Jugendsünde Plagiat?

Ich bin ja, wie regelmäßige Leser wissen, tendenziell dafür, Copyright und Patentrecht stark zu lockern. Ich bin aber im übrigen auch für Fairness. Ich finde, wenn man abschreibt, sollte man das grundsätzlich dürfen, man sollte aber auch sagen, dass und von wem man abgeschrieben hat.

Helene Hegemann, der schwer geyhpten Autorin von “Axolotl Roadkill”, wird jetzt vorgeworfen, ganze Textpassagen ihres Buchs fast wortwörtlich kopiert zu haben. Sehr interessiert lese ich nun , dass die FAZ meint, das sei ja jetzt nicht soooo schlimm, jedenfalls solle man das Thema “auch mit Blick auf die Jugend dieses aufstrebenden Talents” diskutieren. (Gregor fragt auf “Begleitschreiben” zu Recht, ob der Vorgang nicht gerade die Bezeichnung als “Talent” in Frage stellt?)

Ich bin mir sicher, diese Worte wird man beim Perlentaucher mit großem Interesse vernehmen. Hätte man damals einfach nur mehr Teenager in der Redaktion beschäftigen müssen, um der Unterlassungsklage der FAZ zu entgehen?

(alles via umblaetterer)

Kurz reingeschaut: “A Serious Man”

Ich würd mal sagen: Bogen überspannt, liebe Coens. Einfach nur skurill und unwahrscheinlich reicht eben auch nicht, etwas Story darf schon sein. “A Serious Man” beginnt, nach einem etwas unzusammenhängenden Vorspann, indem Larry Gopnik in gefühlter Zeitlupe irgendeine große Scheiße passiert, so geht es dann in einer Tour weiter, und am Ende ist es immer noch so, nach einem minimalen Zwischenhoch. Währenddessen lassen die Coens skurrille Rabbis auftreten, skurrille Nachbarn und -innen, skurille Dentalpatienten, und der Sohn von Gopnik darf wegen der Fehljustierung der häuslichen TV-Antenne nerven.

Wirklich bewegen aber tut sich in “A Serious Man” nichts. Fragen werden nicht gestellt, Antworten nicht gegeben. Das scheint Absicht zu sein, wie die unterhaltsamste, weil zur Abwechslung immerhin mal schnell erzählte Geschichte in der Mitte des Films illustriert, in der es um geheime Botschaften auf der Innenseite eines Gebisses geht und die ebenso pointenlos endet wie der ganze Film. Und nicht mal die Qualität eines Roadmovies hat A Serious Man, aus dem Held und Zuschauer durch zahlreiche Erlebnisse gestärkt irgendwie als bessere oder wenigstens klügere Menschen hervorgehen würden. Nichts davon.

Dass die Coens ihr Handwerk wie immer meisterlich beherrschen, hebt diesen Film aus dem Mittelmaß natürlich doch noch heraus. Die Skurrillität und die rein filmische Brillanz ringen einem immer wieder mal ein Schmunzeln ab. Aber am Ende wartet man doch darauf, dass die ganze Sache ans Fliegen käme.

Mehr als eine stilistische Fingerübung, offenbar verbunden mit der Verarbeitung von Jugendeindrücken, ist A Serious Man leider nicht geworden. Doch zum Glück sind die Brüder produktiv genug, so dass man wahrscheinlich nicht lange auf ein neues Meisterwerk warten muss.

Ich bin SurfGuard! (Zur Verteidigung der Anonymität gegen Jaron Lanier)

Netzpessimismus scheint gerade einen Aufschwung zu erleben: Schirrmacher, Gaschke, Lanier. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass sich der Aufschrei in den Blogs in Grenzen hielt. Auf Susanne Gaschkes Buch schrieb Felix eine schöne, fundierte Kritik, auf Jaron Laniers FAZ-Artikel antwortete Marcel Weiss auf netzwertig.com. Darin legte Marcel schon völlig richtig dar, dass der zentrale Anwurf Laniers, die „Digitalisten“ (Gaschke) hätten eine Agenda, unbegründet ist, jedenfalls von Lanier mehr als rhetorischer Trick verwendet wird, als dass er zur Klärung der Sache beitrüge.

Auf ein nachfolgendes Interview, das Lanier dem Spiegel gab, gibt es bislang erst eine Antwort – dabei finde ich dieses Interview viel interessanter als Laniers FAZ-Essay. Denn hier offenbart sich, wer in dem Streit zwischen Internetoptimisten und –pessimisten denn derjenige mit der Agenda ist.

Wer schließlich die schon seit vielen Jahren erkennbare Richtung positiv bewertet, in die sich das Web und ein paar angeschlossene Branchen entwickeln, der braucht nicht wirklich eine Agenda: Er kann sich stattdessen einfach zurücklehnen und den Dingen ihren Lauf lassen. Natürlich gibt es Menschen, die sich trotzdem bemühen, einen theoretischen Überbau zu schaffen, und zu denen würde ich mich auch zählen. Aber man darf hier Ursache und Wirkung nicht verwechseln: Die Ursache ist eine tatsächlich stattfindende Entwicklung, die Wirkung sind die nachträglichen Versuche ihrer Rechtfertigung. Diejenigen hingegen, die Gefahren oder auch nur Probleme beispielsweise im Social Web und in P2P-Technologien sehen, müssen eine gut begründete Agenda haben, weil sie den absehbaren Lauf der Welt ändern wollen.

Daran ist erst mal nichts Schlechtes, aber es gehört zur Redlichkeit dazu, zu dieser Wahrheit auch zu stehen. In dem Interview mit Jaron Lanier, der mir zuvor übrigens kein Begriff war, werden die Punkte seiner eigenen Agenda nun aber deutlich klarer als in seinem Essay, der sich noch zu sehr damit beschäftigt, die vermeintlichen Ziele seiner Gegner erst zu konstruieren und dann zu zerlegen.

Es beginnt mit einem Punkt, zu dem zu äußern mich schon lange drängte. Denn der Vorwurf ist immer derselbe, und er wird mit großer moralischer Pose vorgetragen, dabei ist er doch so einfach zu entkräften. Es geht um „Anonymität“. Man beachte die Anführungszeichen, denn tatsächlich ist das, was von Webpessimisten als „Anonymität“ bezeichnet wird, gar keine. Es gibt im Web echte Anonymität, beispielsweise auf 4chan, über deren Berechtigung man noch tatsächlich streiten kann. Diese Form von echter Anonymität ist aber in der Regel gar nicht gemeint, wenn Lanier sagt:

Die Anonymität spielt eine große Rolle. Wer anonym ist, muss keine Konsequenzen fürchten und erhält dennoch unmittelbare Genugtuung. Da wird ein biologischer Schalter umgelegt, und es entsteht eine richtige Meute. Das lässt sich auch in anderen Lebensbereichen beobachten. Wann immer sich Menschen mit einem starken gemeinsamen Glaubenssystem zusammenschließen, tritt meistens das Schlechteste zutage.

Mal abgesehen davon, dass hier mal wieder auf so perfide wie unbelegte Art und Weise eine phänomenologische Beobachtung (Menschen wollen im Internet „anonym“ sein) als Wirkung einer Absicht, sogar eines „Glaubens“ diskreditiert werden soll, vernachlässigt Lanier völlig die hinter der Anonymität stehende gesellschaftliche Notwendigkeit und das persönliche Bedürfnis.

Warum schreibe zum Beispiel ich in diesem Blog als SurfGuard und nicht unter meinem bürgerlichen Namen? Ganz einfach: Weil dieses Blog meine Ansichten als Privatperson wiedergibt. Das Pseudonym ermöglicht es mir, mit einer persönlichen Meinung öffentlich aufzutreten, diese Meinung aber von der anderen wichtigen Sphäre meines Lebens getrennt zu halten: dem Arbeitsleben.

Wenn ich zu einem Kunden fahre und mit ihm vor einem Termin noch etwas Smalltalk mache, dann werde ich  ihm nicht meine Ansichten über Privacy oder die Piratenpartei oder die Auswirkungen von Testosteron auf das Sozialverhalten von Menschen ausbreiten. Überhaupt werde ich mich mit Kunden oder auch anderen Menschen, zu denen ich keine persönliche Beziehung habe oder aufbauen will, nicht über politische, religiöse oder gesellschaftliche Themen unterhalten. Das lehrt schon der kleine Knigge. Mit meinen Freunden dagegen tue ich das natürlich sehr wohl.

Das Pseudonym „SurfGuard“ ermöglicht es mir, meine private und meine berufliche Sphäre auch im Web getrennt zu halten. Ich halte es für eine gesellschaftliche Notwendigkeit, dieses Bedürfnis, das Menschen immer schon hatten, auch im Web abzubilden. Wenn es zukünftig ein besseres Konzept geben sollte als die Wahl eines Pseudonyms, dann bin ich möglicherweise dabei. Um das aber vorwegzunehmen: Auch eine strukturell offene, technologische Etablierung des „Freundschafts“-Konzepts, wie man es aus sozialen Netzwerken kennt, kann nur dann eine Lösung dieses Problems sein, wenn sie beispielsweise dem Bloggen oder Mikrobloggen nicht eine wichtige Qualität nimmt: nämlich die Offenheit, neue „Freunde“ zu finden, die einfach das lesen wollen, was dieser SurfGuard schreibt. Geschlossene Freundschaftsgruppen a la Facebook haben eine andere Qualität als offene Systeme wie Twitter. (Nicht besser, nicht schlechter, aber anders.)

Für einen Menschen wie Jaron Lanier ist das Problem wahrscheinlich gar nicht existent: Wer damit sein Geld verdient, über das Web zu schreiben und Beratungsleistungen anzubieten, für den sind die beiden Sphären so weit überschnitten, dass sie zu trennen weniger notwendig erscheint.

Erst die Wahl eines Pseudonyms ermöglicht es aber potenziell allen Menschen, zur Wunderwelt des Internets beizutragen. Nur, wenn ich mir sicher sein kann, dass der nächste Kunde, den ich zum Beispiel am Bankschalter berate, mich nicht für einen durchgeknallten Nerd hält, kann ich es mir leisten, etwa zur Katalogisierung der Ü-Ei-Welt beizutragen, zur Eignung verschiedener Teleobjektive beim Trainspotting-Einsatz oder von mir aus zur Publikation von Forschungsergebnissen der Ehrenfelder Ortsgruppe der Deutschen Chichliden-Züchter.

Solange also Jaron Lanier statt Lösungen zum Problem der Trennung von Lebens-, Privatheits- und Intimitätssphären im Web nur Diffamierungen anzubieten hat, empfehle ich: Fresse halten.

Und ganz schlussendlich wird von den „Anonymitäts“-Gegnern ja auch ein wesentlicher Punkt vernachlässigt: „SurfGuard“ ist keine wertlose Ansammlung von Buchstaben, „SurfGuard“ ist eben nicht ein 4chan-„Anonymous“. SurfGuard enthält sehr viele, wenn auch nicht alle Aspekte meiner Persönlichkeit, die sich mit geschriebenen Texten überhaupt vermitteln lassen. SurfGuard ist eine seit inzwischen 14 Jahren existierende Marke, die ich nicht leichten Herzens aufgeben würde. SurfGuard hat eine Reputation. SurfGuard ist nicht anonym. Übrigens ist die Übersetzung von anonym: namenlos.

Wie Lanier sich die Kommunikation im Internet jedenfalls nicht vorstellt, kann man kurz später lesen:

Soziale Netzwerke wie Facebook versuchen, diesen Erfolg nachzuahmen [den Google mit Werbung hat]. Das Problem ist nur, dass sie dabei soziale Strukturen im Netz zerstören, die anfangs ziemlich gut funktionierten. Die Leute haben ja auch schon vor Facebook über das Internet miteinander kommuniziert.

An dieser Stelle kann ich, wenn auch vielleicht aus anderen Gründen, mit Lanier sogar noch übereinstimmen. Etwas verwunderlich wirkt dieser Absatz allerdings dann, wenn man etwas später von ihm lesen muss, dass „die Regeln des Netzes von Technikfreaks geschrieben [wurden], die nicht viel mit menschlicher Ausdrucksweise am Hut hatten.“ Ja was denn jetzt? Gab es anfangs gut funktionierende Kommunikationsstrukturen im Netz, die jetzt von Facebook zerstört werden, oder waren das anfangs nur autistische Freaks vor ihren Akustikkopplern? Oder kann ich mir das aussuchen, je nachdem, welchen Punkt ich gerade machen möchte, den gegen Werbung oder den gegen Crowd Wisdom?

Doch als wenn es nicht schon albern genug wäre, sich selbst so offen zu widersprechen, belegt das weitere Gerede von Lanier, dass er sich im Internet einfach nicht auskennt.

Ältere Leute nutzen Facebook tatsächlich, um wieder Kontakt zu alten Freunden aufzunehmen. Diese Beziehungen sind zuvor in der realen Welt entstanden. Ihnen ist bewusst, was echt ist und was nicht. Das Problem haben eher die Jungen. Auf sie kann das Facebook-Modell, was ein Freund ist und worum es im Leben geht, einen großen Einfluss haben.

Ja, es ist so, dass Facebook einen Einfluss auf die Freundschaften Jugendlicher hat – allerdings, wie die neuere psychologisch-soziologische Forschung meint, einen positiven.

Vollends inkompetent wird es, wenn Lanier meint:

Das Netz lässt nur Konformismus zu. Es belohnt Leute, die in soziale Normen passen.

Das ist einfach grob falsch. Oder kennt irgendwer auch nur ein populäres Blog, dessen Autor/in konformistisch ist? Abweichende, interessante, sogar polarisierende Meinungen und Personen werden im Web belohnt, nicht bestraft. Problematisch wird es nur dort, wo die wirkliche Welt sich mit der virtuellen überschneidet. Denn hier werden alle Vorurteile ausgelebt, die Menschen im echten Leben gegen Homosexuelle, gegen Frauen, gegen BWLer oder gegen wen auch immer haben. Es ist aber nicht so, dass das Netz hier Konformismus fördert. Im Gegenteil ermöglicht einem das Netz, auch Aspekte seiner Persönlichkeit auszuleben, die man im wahren Leben eben nicht zeigen darf, weil das Risiko entdeckt und diskriminiert zu werden viel zu hoch ist.

Perverse Randnote: Gerade Laniers Versuch, Menschen im Web aus der „Anonymität“ zu treiben, würde im Erfolgsfall den von ihm selbst beklagten Konformismus fördern. Denn wie Lanier sagt:

Hinzu kommt, dass es das Netz nicht erlaubt, sich selbst neu zu erfinden. Es vergisst nichts.

Doch, das Netz erlaubt es sehr wohl, sich neu zu erfinden (oder unbekannte Aspekte seiner selbst zu zeigen). Man muss nur ein Pseudonym benutzen.

Es geht konfus weiter, wenn es um geistiges Eigentum geht:

Wenn man aber eine dynamische Welt will, in der jeder noch selbst erfinden, denken und seinen eigenen Weg suchen darf, brauchen wir Kapitalismus – gerade auch für den Geist. Intellektuelle Leistung muss wieder belohnt werden, und zwar individuell.

Aha. Es geht also darum, den das Individuum betonenden Kapitalismus hochzuhalten. Könnte man ja noch okay finden. Aber was Lanier unter Kapitalismus versteht, sagt er einige Sätze später sehr explizit:

Die erste Idee war die beste, wurde aber leider nicht umgesetzt. Ted Nelson […] schlug vor, ein universelles Mikrobezahlsystem zu schaffen und gleichzeitig jede Datei nur einmal im Netz bereitzustellen. Das hätte viele Vorteile. Der Markt würde Angebot und Nachfrage regeln, und Musik, Bücher oder Zeitungsartikel würden sehr schnell einen vernünftigen, angemessenen Preis bekommen.

Was für ein „Markt“ wäre das bitte, in dem es ausschließlich Monopole gäbe? Wie würde dieser Markt „Angebot und Nachfrage regeln“, wenn jedes Angebot nach den Regeln dieses Marktes nur einmal existieren darf? Was solche „Märkte“ schaffen, kann man bei jeder Fußball-Weltmeisterschaft beobachten: einen blühenden Schwarzmarkt mit völlig überhöhten Preisen.

Es ist das Konzept Kunstauktion gegen das Konzept Lumas. Während die monopolisierten, zertifizierten, selten vervielfältigten Kunstwerke, die in Auktionshäusern verkauft werden, hohe Preise erzielen und normalverdienenden Menschen eher unzugänglich sind, sorgt eine Firma wie Lumas dafür, dass normale Menschen sich Kunst ins Wohnzimmer hängen, auch wenn man darüber streiten kann, ob die eine Kunst besser als die andere ist. Das Lanier-Konzept führt zu reichen Künstlern, deren Kunst aber wenig verbreitet ist. Das Lumas-Konzept dagegen verlangt implizit von Künstlern eine gewisse, zeitlich andauernde Produktivität, führt aber tendenziell zu einer höheren kulturellen Bildung aller Menschen, weil sie überhaupt die Möglichkeit bekommen, sich mit Kunst auseinanderzusetzen.

Jaron Lanier würde Lumas schließen.

Witzigerweise würde er im Gegenzug aber Google sozialisieren. Lanier sagt:

Vielleicht müssen wir Monopole zerschlagen, so dass wir beispielsweise nicht mehr nur ein Google haben, sondern mehrere. […] Wenn wir Internetsuche und Werbung entkoppeln würden, bekämen wir eine ehrlichere und wahrhaftigere Welt.

Aha? Privatisierte und gleichzeitig monopolisierte Kunst führt zu einer besseren Welt, eine marktwirtschaftlich entstandene Suchmaschine aber zu einer schlechteren? Ich verkenne keineswegs die Gefahren, die gewachsene Monopole wie die von Google oder Microsoft für die Welt haben. Aber mir will und will nicht klar werden, warum Lanier seine Freunde, die schaffenden Künstler, nach anderen Prinzipien behandeln möchte als seine Gegner, Facebook und Google.

Was Lanier so vor sich hin redet, wirkt einfach nicht durchdacht. Es entspringt keinem in sich schlüssigen Konstrukt der Welt, sondern es sind Sound Bites, die von seinen Mitapologeten  verwendet werden sollen, um einfache Punkte zu machen. Aber gerade wegen dieser mangelnden Schlüssigkeit in Kombination mit Laniers großem, missionarischem Mitteilungsbedürfnis erwacht in mir der Verdacht, dass es gerade Lanier ist, der eine Agenda hat, während die von ihm angefeindeten Internetnutzer einfach fröhlich Musik verbreiten. (An dieser Stelle bitte ein paar Blümchen werfen.)

Testosteron ist das AntiZick™

Gemeinhin gilt Testosteron ja als agressivitätssteigerndes Hormon. Eine wirklich interessante Untersuchung (kostenlos downloadbarer Artikel im Spektrum der Wissenschaft, Original-Artikel in der Nature) lässt jetzt vermuten, dass das eine zu oberflächliche Betrachtung ist.

Das Experiment: 121 Frauen bekamen Tabletten, von denen ihnen gesagt wurde, dass sie Testosteron enthielten. In der Hälfte der Tabletten war auch tatsächlich Testosteron, die andere Hälfte waren Placebos. Anschließend nahmen die Frauen an einem ökonomischen Spiel teil: Sie mussten von einem Geldbetrag an eine andere Person einen beliebigen Betrag abgeben. Nur wenn die andere Person das Geld annahm, behielten beide das Geld.

Jetzt die Frage: Welche der beiden Gruppen, die Testosteron- oder die Placebo-Nehmerinnen, bot dem Versuchspartner im Schnitt mehr Geld an? Nein, falsch! Es waren nämlich diejenigen, die das Testosteron bekommen hatten!

Noch mal langsam: Die Frauen, die glaubten, Testosteron bekommen zu haben, wirklich aber nur Zucker geschluckt hatten, verhielten sich egoistischer als diejenigen, die glaubten, Testosteron bekommen zu haben, und bei denen das auch tatsächlich so war! Testosteron mindert in diesem Experiment also den Egoismus der Frauen! (Leider gibt es keine Zahlen über die Stärke oder gar statistische Signifikanz des Ergebnisses. Werde ich mir anhand des frisch eingegangenen Original-Artikels mal zu Gemüte führen.)

Dieses Experiment, wenn es sich tatsächlich bestätigt, könnte vielleicht tausende täglicher Zickenkriege erklären. Die (allerdings nicht komplett wasserdicht belegte) Schlussfolgerung der Experimentatoren ist nämlich die, dass Frauen sich agressiv und egoistisch gegenüber anderen verhalten, wenn sie glauben, dass es von ihnen erwartet wird – im Experiment, indem sie die Vorurteile gegenüber der Wirkung von Testosteron nur dann ausleben, wenn sie die Substanz gar nicht bekommen hatten. Männer hingegen (und die mit Testosteron temporär “vermännlichten” Frauen), verhalten sich nicht von vornherein agressiv, sondern sie verhalten sich so, dass ihr sozialer Status gesteigert wird. Wenn das durch Agressivität geht, dann sind sie eben agressiv. Wenn allerdings, wie im Experiment, Großzügigkeit einen höheren Status verspricht als Agressivität, dann verhalten sie sich eben großzügig.

Wenn die Ergebnisse nicht in einer unseligen Tradition von Experimenten stünden, mit denen geschlechter- oder auch rassenbezogene Vorurteile biologisch-medizinisch gerechtfertigt werden sollten, könnte man einfach schicksalsergeben nickend zur Tagesordnung übergehen.

P.S.: Tatsächlich bestätigt eine andere Beobachtung, die ich neulich machte, diese Ergebnisse: Ich weiß leider nicht mehr, wo ich’s gelesen habe, aber es gibt (mindestens in der New-Media-Branche) ungefähr gleich viele Frauen wie Männer als Projektmanager/innen. Das überrascht zunächst, weil Projektmanager mit Betriebsmanagern (Geschäftsführern, Abteilungsleitern, Vorständen) gerne in einen Topf geworfen werden und Frauen dort deutlich unterrepräsentiert sind. Tatsächlich aber predige nicht nur ich schon länger, dass sich Projektmanager im Gegensatz zu Vorgesetzten als gleichrangige Mitglieder ihrer Projektteams verstehen sollten. Sie sind nicht mehr oder weniger wichtig als ein Art Director oder IT-Developer, sie haben einfach nur andere Aufgaben im Team. Wenn dieses Credo falsch wäre und Projektmanager doch einen höheren Status haben müssten als die übrigen Teammitglieder, dann würde man Frauen (auch unabhängig von der oben dargestellten Untersuchung, sondern einfach phänomenologisch betrachtet) in PM-Jobs genauso selten erwarten wie in Geschäftsführungs- oder anderen Managementpositionen. Tatsächlich sind sie aber ungefähr gleich oft vertreten. Projektmanagement ist nämlich eine Kompetenz, kein Status.

[Update: Danke an molly für den Link zum Originalartikel, oben eingefügt!]

Warum Bloggen glücklich macht

Die Lied ist bekannt aus uralten Zeiten, und es wurde schon immer von Leuten gesungen, die sich mit dem Internet nicht auskennen: Surfen macht einsam, heißt es darin vereinfacht. Wer sich vor die Kiste hänge, könne nicht am echten Leben teilnehmen, also ab auf den Spielplatz, in die Großraumdisko oder zu Speed-Dating-Events! Jedenfalls raus in die wahre Welt!

Das war zum einen immer schon falsch, ich bin ein lebendes Gegenbeispiel: Ich bin Patenonkel eines Kindes, dessen Eltern ich ohne das Internet nicht kennen würde. Die Silvesterfeste der letzten Jahre habe ich mit Freunden aus Ostdeutschland verbracht, die ich ohne Amazon (!) nicht hätte.  Und ich habe schon von Menschen mit Gläsern nach mir werfen lassen, die besser Buchstaben in einem Chatraum geblieben wären.

Gestern nun stolperte ich in meiner Gelegenheitslektüre “Psychologie Heute” über einen Artikel, der konstatiert, dass inzwischen auch die psychologische (oder ist es soziologische?) Forschung anerkennt, dass das Internet keine negativen Auswirkungen auf die Sozialbeziehungen von Jugendlichen hat – sondern positive! (Der Originalartikel von Patti Valkenburg und Jochen Peter: “Social Consequences of the Internet for Adolescents” (PDF))

Konkret postuliert der Artikel diese Kausalkette: Online Communication –> Online Self-Disclosure –> Quality Relationships –> Well-being. Man könnte verkürzt auch sagen: Bloggen (oder facebooken) macht glücklich, weil es nämlich dafür sorgt, dass andere mehr von einem erfahren.

Eine Kritik muss ich an dem Text aber trotzdem üben, denn ich vermute einen gerne genommenen Anfängerfehler. Zitat:

However, these positive results are only found for adolescents who use the Internet predominantly to maintain existing friendships. When they use it primarily to form new contacts and talk with strangers, the positive effects do not hold.

Letztlich steht da: Nur, wer schon Freunde hat, wenn er das Internet betritt, wird vom Internet in der Pflege dieser Freundschaften unterstützt. Wer dagegen arm an Freundschaften ist und sich im Internet plötzlich auf Kontaktjagd begibt, der wird auch dort nicht erfolgreich sein.

Für mich ist offensichtlich, dass die Untersuchungen, früher wie heute, die herausfinden wollten, ob das Internet einsam macht oder nicht, nie eine Kausalität beobachtet haben – sondern nur eine Korrelation. Nicht das Internet hat früher dafür gesorgt, dass Menschen vor dem Bildschirm vereinsamen, wenn man diese Pauschalisierung überhaupt als gegeben akzeptiert. Nein, vielmehr hat das früher weniger als heute soziale Internet Menschen angezogen, die an Sozialkontakten nicht so interessiert waren wie andere. Jetzt dagegen, wo das Internet auch sozial hoch aktiven Menschen konkrete Plattformen bietet, ihr Wesen auszuleben, strömen auch sie ins Internet.

Jetzt ist eigentlich nur noch die Frage offen, wer den Herren Schünemann und Pfeiffer diese Studie zumailt?

Kurz reingeschaut: “Der große Ausverkauf”

Der große Ausverkauf” ist ein zurückhaltender und doch eindringlicher Dokumentarfilm über die Folgen der neoliberalen Globalisierung. Konkret zeigt der Film vier Menschen, die aktiv versuchen, mit den Auswirkungen unkontrollierter Privatisierungen auf ihr Leben umzugehen: Da ist ein englischer Lokomotivführer, der in der Gewerkschaft engagiert ist. Da ist ein Mann in Soweto, der Häuser im Ghetto illegal wieder an den Strom anschließt. Eine Frau auf den Philippinen muss jeden Tag das Geld für die nächste Dialyse ihres Sohns beschaffen, die sie privat tragen muss. Und der Film schildert die Historie und den Verlauf der “Wasserkriege” in einer bolivianischen Stadt, als die Einwohner gegen den Staat und einen amerikanischen Investor freien Zugang zu Trinkwasser erzwangen.

Der Film enthält sich jedes expliziten Kommentars, aber natürlich hat ein Filmemacher nicht nur das gesprochene Wort zur Verfügung: Durch die Montage, die Auswahl der Szenen und die generell spürbare Empathie mit seinen vier Hauptfiguren bezieht “Der große Ausverkauf” sehr deutlich Stellung gegen den Neoliberalismus. Er zeigt eigentlich nur das Offensichtliche: Dass Privatisierungen dann negative Auswirkungen haben, wenn der neue, private Betreiber ein Monopol übernimmt, sich jedenfalls nicht in einem Markt behaupten muss. Und wirklich tragisch und menschenunwürdig werden die Folgen dann, wenn ein solcher, mit einem Monopol ausgestatteter Privatbetrieb über lebenswichtige Ressourcen von Menschen verfügt, die nicht einmal auf die Unterstützung des Staates zählen können.

Letztlich ist es das Offensichtliche, das selbst einem ökonomischen Laien wie mir der gesunde Menschenverstand rät, das der neoliberale Staat aber immer wieder mal vergisst: Marktwirtschaft braucht Markt. Memento Bahnprivatisierung! Memento die Bremsen monopol-privatisierter BVG-Züge!

Neben seiner gesellschaftlichen Aussage ist der Film aber auch einfach gut gemacht, er langweilt nie, belehrt nur selten. Hier wird nicht der Moore’sche, wenn auch oft witzige Holzhammer geschwungen, sondern hier wird eindringlich suggeriert und mitfühlend gezeigt. Lohnend!

Kurz reingeschaut: OK Go in der Werkstatt, Köln

Die wollen doch nur spielen! OK Go kennt jeder aufrechte Internetznutzer: Das sind die mit dem Laufbandvideo. Wer so ein Video macht, der hat mit Sicherheit keine Hemmungen, seine Kunden unterhalten zu wollen, dachte ich mir, als ich die Tickets für die Kölner Show besorgte. Nett anzuhörenden Powerpop machen die vier auch noch, kann also nicht viel schief gehen. Ging auch nicht. Und wenn das Konzert auch kein besonderes Highlight meines Lebens war, so war es doch guter, sauberer Spaß.

Viele Besucher hatten sich in der Werkstatt nicht eingefunden, der Laden war rund zu einem Drittel, maximal zur Hälfte gefüllt. Die, die gekommen waren, gehörten zu unterschiedlichen Stämmen: Da waren zum einen (für mich) überraschend viele Teenie-Mädchen mit ihren Slacker-Begleitern, und zum anderen standen ältere Rockgucker wie ich im Saal rum, allerdings deutlich in der Minderzahl. Der schwache Besuch mag auch daran gelegen haben, dass die neue Platte von OK Go in Deutschland noch gar nicht erschienen ist. Alleine das kann’s aber auch nicht erklären. Sind ja auch einfach nicht solche Giganten.

Die vier aus Chicago eröffneten jedenfalls mit “White Knuckles”, einem Song von der neuen Platte (Bittorrent-Nutzer wissen mehr), danach ging es in einem kleinen Galopp durch verschiedene Stücke bis hin zu “Here it goes”, dem großen Laufbandhit. Anschließend begann die Show aber erst so richtig, sie drohte auch gerade etwas langweilig, wenigstens sehr nullachtfuffzehn zu werden. Doch dann legten die Kameraden alle Instrumente ab, trugen einen Tisch mit Handglocken auf die Bühne und spielten das ohnehin sehr schöne “What To Do” tatsächlich in einer akustischen Handglocken-Version. Die Nummer haben sie zwar wohl schon länger drauf, aber sie war deswegen kein bisschen mindergeil. (Video von einem anderen Konzert)

Direkt anschließend ließ Frontmann Damian Kulash die Hauslichter anschalten, checkte die Lage im Saal und freute sich, dass nur wenige Besucher da waren – denn das gab ihm den Raum, mit Mikro und Gitarre in den Saal hinabzusteigen, die Zuschauer in einem großen Kreis um sich zu versammeln und akustisch (wenn auch verstärkt) “Last Leaf” zum besten zu geben. Ein schönes Bild, ein schöner Moment!

Anschließend gab’s noch ein paar Songs, die Band verließ die Bühne und kam zurück, um sich (nach der Zurschaustellung ihrer recht coolen LED-Jacketts) für die Zugabe mit weißemm langhaarigem Plüsch bemäntelte Gitarren umzuhängen, an deren Hälsen noch je drei Laserpointer montiert waren, die durch den sanft vernebelten Saal leuchteten.

Die allergrößte Band der Welt sind OK Go nicht. Aber sie wissen, dass ein Livekonzert keine CD-Reproduktion ist. Und das ist mehr, als manch andere Band von sich sagen kann. Ein unterhaltsamer Abend!

OK Go

Kurz reingeschaut: Das Kabinett des Dr. Parnassus

Man weiß, auf was man sich einlässt, wenn man einen Terry-Gilliam-Film sieht: Absurditäten, Bildgewalt, überbordende Fantasie. Was man mit dem Kabinett des Dr. Parnassus aber auch kauft, ist eine zwar irre, aber letztlich zu dünne Story.

Dr. Parnassus hat vom Teufel vor tausenden von Jahren in einer Wette gegen den Teufel das ewige Leben gewonnen. Viele Jahre später macht er noch einmal einen Deal mit dem Gefallenen: Er gewinnt seine Jugend zurück, um die Liebe seines Lebens zu erobern, verspricht dem Teufel im Gegenzug aber die Seelen seiner Kinder, sobald die 16 Jahre alt werden. Nun erreicht seine Tochter Valentina diese Grenze, und der Teufel will sein Recht. Als alter Zocker bietet er Parnassus aber einen letzten Deal an: Wer als erster fünf Seelen verführt, dem soll die Tochter gehören.

Und um diesen Seelen-Wettstreit geht es im Kern des Films. Die Verführung geschieht im “Imaginarium” des Doktors, der nämlich die Gedanken anderer Menschen lenken kann. Das klingt erst mal gut, aber letztlich läuft es darauf hinaus, dass Gilliam in der Gedankenwelt des Dr. Parnassus eine seiner bunten Fantasiewelten nach der anderen ausbreiten kann. Das erschöpft sowieso bald, tut es aber noch mal extra, weil die Welten viel zu glatt computeranimiert sind: Da fehlt jeglicher Charme, den Gilliams Papier-Animation zu seligen Python-Zeiten hatten, da fehlt jeder staubige Schmutz, den die Brazil-Szenarien hatten.

Am Ende ist der Film zwar schnell genug erzählt und geschnitten, um nicht zu langweilen. Aber echte Begeisterung wollte sich bei mir nicht einstellen. Zu viel Eye Candy, zu wenig Herz.

Auswärtsfans pfeifen auf Kalles Almosen

Es ist immer wieder traurig zu lesen, wie der große FC Bayern mit seinen und gegnerischen Fans umgeht. Ich muss die Schikane ja nicht persönlich erleiden, bin ohnehin ein Tribünensitzer, aber es deprimiert mich trotzdem, wie die Vereinsführung die Stimmung in der Arena verschenkt, indem sie eigene und generische Fangruppen vergrätzt.

Jetzt berichtet das Mingablog vom vielleicht deutlichsten Zeichen, wie weit sich der Vorstand des FCB von den Fans entfernt hat. Denn einige Auswärtsfans (!) haben sich zusammengeschlossen und einen Brief an Killerkalle geschrieben, in dem sie ihm zu verstehen geben, dass sie auf seine Almosen pfeifen, die er auch noch als großartiges Zeichen für Fantoleranz verstanden wissen will. Auswärtsmannschaften dürfen jetzt vor Spielen in München nämlich  ihre Fahne auf dem Rasen schwenken. Ein Zusammenschluss von Fans verschiedener Erst- und Zweitligaclubs dazu:

Sie offenbaren, keinerlei Ahnung zu haben, was Fans eigentlich wollen.Auswärtige Fans wollen nicht pauschal von der Münchner Polizei und dem dazugehörigen USK wie Schwerverbrecher behandelt werden. Sie wollen ihre Fahnen in uneingeschränkter Größe IN ihrem Block schwenken und nicht auf dem Spielfeld. Sie wollen Choreographien mit Materialien ihrer Wahl durchführen, ihr Bier und ihre Stadionwurst mit Bargeld kaufen und diese IM Block anstatt davor verzehren, um auch etwas vom Spiel mit zu bekommen. Sie wollen ein Megaphon zur Koordination ihrer Unterstützung erlaubt bekommen anstatt sich von der Münchner Polizei anhören zu müssen, dass der Einsatz eines Megaphons sicherheitsgefährdend sei.

Anders ausgedrückt: auswärtige Fans möchten die Mindeststandards, die in fast allen Bundesligastadien herrschen, auch in München, dem selbst ernannten Vorreiter in Sachen Respekt und Toleranz, vorfinden.

Es ist doch offensichtlich: Fans wollen kreativ sein und eben gerade nicht in einen offiziellen Ablauf eingebunden werden.

Dabei wäre es so einfach. Wenn der Vorstand des FCB Respekt vor dem Gegner zeigen wollte, dann sollte er einfach bei sich selbst anfangen. Ich empfehle das spanische Beispiel, das mir wirklich gelungen vorkommt, ob es jetzt perfekt nach Deutschland passt oder nicht: Bei spanischen Ligaspielen sitzen die Präsidenten der beider Clubs nebeneinander auf der Tribüne, sie jubeln nicht demonstrativ über die Tore ihrer Mannschaft und geben sich nach dem Spiel die Hand. Der Mannschaft hat man das schon verordnet, die verabschieden sich jetzt mit Handschlag vom Gegner, was ich sehr positiv finde. Doch warum fasst sich der Vorstand nicht an die eigene Nase?

Es wäre ein klares Zeichen – für das man nicht die Kreativität der Fans beschneiden muss.

Kurz reingeschaut: “Dantons Tod” im Schauspielhaus Köln

Wenn das so weitergeht, werde ich werde noch ein echter Chétouane-Fan werden. Schon vorletzte Saison war ich von der formalen, asketischen Strenge seiner Kölner Inszenierung von “Empedokles // Fatzer” fasziniert, weil dieser Regisseur seinen Zuschauern viel zumutet, aber dafür auch viel zurückgibt. Eine Warnung dennoch gleich vorneweg: Das muss nicht bei jedem Zuschauer funktionieren. Meine Mitabonnentin, die wirklich nicht auf seichtes Theater aus ist, war von diesem “Dantons Tod” schlicht gelangweilt. Ich dagegen merke, wie die Inszenierung mit jeder Stunde, die seit ihrem Ende verstreicht, stärker nachzuwirken beginnt.

Die Idee, “Dantons Tod” zu inszenieren, Büchners dramatische Bearbeitung der Nachwehen der französischen Revolution,  wurde vom Kölner Schauspielhaus an Laurent Chétouane herangetragen. Und wenn Chétouane zwei Lieblingstheaterautoren haben müsste, dann sollten das Brecht und Büchner sein, die sich beide vom einfach darstellenden Theater distanzierten, das den Zuschauer mitfühlen lässt.

Auch Chétouane will es dem Zuschauer nicht leicht machen, er will allzu schlichte Identifikation mit den Figuren verhindern. Also lässt er in der Kölner Aufführung die Schauspieler wieder willkürliche Bewegungen vollführen, die nicht zu den Worten passen, mit denen er den Text von den Körpern trennen möchte. Dazu trägt auch bei, dass der Text nicht immer von der Figur gesprochen wird, der Büchner ihn in den Mund gelegt hatte. Manchmal springen die Worte sogar in einem Satz, in einer Passage von Mund zu Mund. Und schließlich noch sprechen die Darsteller den Text bewusst leise, wenn auch deutlich, und zwingen den Zuschauer zu höchster Konzentration.

Am Ende entsteht ein manchmal fast wirbeliges, jedenfalls ständig in willkürlicher Bewegung befindliches Bühnenbild, vor dem Büchners Text in einer Intensität und einer fast ätherischen Abstraktion schwebt, körperlos, wie es selbst mit einer Lesung kaum zu erreichen wäre.

Die Frauenfiguren des stark zusammengestrichenen Stücks, dem sogar der Robespierre ganz abhanden gekommen ist, lässt der Regisseur von britischen Tänzerinnen spielen. Sie haben wenig Text, und wenn sie ihn sprechen, dann eben mit ihrem deutlich zu hörenden Akzent. Chétouane erklärte im Publikumsgespräch nach der Aufführung, dass ihm die Texte von Büchners Frauenfiguren viel schwächer zu sein schienen als die der Männer, und dass er diesem Mangel einen deutlichen Ausdruck geben wollte. Wenn sie aber meistens nicht sprechen, dann bewegen sich die drei Frauen in zurückhaltendem Ausdruckstanz über die Bühne.

Und wie schon bei “Empedokles // Fatzer” gelingt Chétouane sein Techno-Effekt: Die anhaltende Monotonie, die formale Strenge und als Drohung im Raum stehende Langeweile sorgen dafür, dass die Augenblicke, in denen diese Monotonie bricht, plötzlich viel klarer, sogar erleuchtender erlebt werden können.

Von diesen Momenten gibt es ein paar. Die zwei vielleicht schönsten sind diese: Wenn Julie, Dantons Frau, sich am Ende umbringt, dann wird sie von der Tänzerin mit dem stärksten britischen Akzent gespielt. Sie war schon bei ihren kurzen Textpassagen vorher auf einer Leinwand übertitelt worden. Doch nun steht sie einfach nur am Bühnenrand, spricht nicht, und über ihr leuchten die Worte “Das Volk lief in den Gassen, jetzt ist alles still”. Auch ihr folgender, kurzer Monolog, an dessen Ende sie sich umbringt, wird in völligem Schweigen gezeigt. Einen eindringlicheren Moment habe ich im Theater selten erlebt.

Und der Kerkermonolog Dantons, wenn er nun doch voller Angst dem Tod entgegensieht, den er sich vorher gewünscht hat, sticht heraus. Denn bis dahin wurden die Texte durchaus klar und keineswegs so gegen den Strich gesprochen, wie noch bei “Empedokles // Fatzer”. Doch nun beginnt Devid Striesow plötzlich heftig zu stottern, er spuckt die Worte und Sätze quälend langsam aber doch mit großer Wucht. Eine beeindruckende Szene, die obendrein toll gespielt ist, wie überhaupt der ganze Abend.

Der Applaus des Publikums war sehr zurückhaltend. Ein einzelner Buh-Rufer wurde aber immerhin sofort von einem Bravo gekontert. Ich selbst war begeistert, stand die zwei pausenlosen Stunden der Aufführung innerlich quasi auf Zehenspitzen, lauschte gespannt der tollen Sprache und sah ein Theaterstück, das keiner der Besucher vergessen wird, egal ob er es gut oder schlecht fand.

Von solchem Mut braucht es mehr im Theater. Hier regiert nicht die Beliebigkeit, sondern hier wagt ein Regisseur den Tanz auf dem schmalen Grat, und ihm ist wohl bewusst, dass jede einzelne Aufführung abrutschen kann. Das will ich sehen! Weiter so, Laurent!

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